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Douglas Reed Der grosse Plan der Anonymen
ZWEITES BUCH Feuer 1940-1945
V. Im unbekannten England Als der Waffenlärm verstummte, bereiste ich ein Land, in dem ich geboren war, das ich aber dennoch kaum kannte: jenen Teil der britischen Inseln, der England benannt wird. Auf dieser Reise entdeckte ich, wie manches fremde Land ich besser kannte als mein eigenes. Ich sann über die Gründe nach. Die Sache war ganz einfach. Vor dem Ersten Weltkrieg fesselten mich mittellosen Londoner sechs Arbeitstage und ein magerer Lohn am Wochenede an die Stadt. Dann folgten vier Jahre in Frankreich und nachher wieder 137 ein schwerer Kampf um das tägliche Brot, wobei weder Zeit noch Geld für Reisen in England übrigblieb. So verstrichen die zwanziger Jahre. In den dreißiger Jahren führte mich mein Beruf ins Ausland. Der Zweite Weltkrieg brachte mich heim, aber jetzt verhinderten die Einschränkungen und Verpflichtungen aller Art das Herumreisen. So war ich mit fünfzig Jahren in England kaum weiter nordwärts als nach St. Albans, etwa fünfundsechzig Meilen von der Südküste entfernt, vorgedrungen - trotzdem ich mit dem europäischen Kontinent bestens vertraut war. Während sechs Jahren trauerte ich dem anregenden Reiseleben nach, dem der Krieg ein Ende gesetzt hatte, und wußte nicht, daß unter meinen Füßen, völlig unbekannt und unerforscht, das fesselndste aller Länder lag. Als der Waffenlärm verstummte, blieb das Ausland dem Reisenden verschlossen. Seine Wege waren beschnitten, es sei denn, daß er keinerlei Bindungen besaß. Was blieb mir also anderes übrig, als die große Nordstraße und andere alte Routen zu befahren? Plötzlich öffnete sich England vor meinen Augen wie ein fesselndes, bisher verschlossenes Buch. Wie froh war ich, erst im jetzigen Alter diese Reisen zu unternehmen, verfügte ich doch über einen unschätzbaren Reisebegleiter: die Möglichkeit des Vergleichs. Ganz instinktiv verglich ich alles Gechaute mit Erinnerungen an andere Länder, Völker, Städte und Zeiten. Das Bild nahm plastische Gestalt an, im Gegensatz zu jenen Reisenden, die noch nie einen Fuß über die Grenzen ihrer Heimat gesetzt haben. In den Kohlenminen von Durham sah ich die jetzt zerstörte Ruhr. Wenn ich von der großen Hängebrücke auf die mit Schiffen belebte Tyne hinabschaute, mußte ich an den Trümmerhaufen von Hamburg denken. Die Bergleute und Dockers glichen jenen, die ich in den umdüsterten dreißiger Jahren in Deutsehland getroffen hatte. Aber damals hatte ihnen das zwanzigste Jahrhundert seinen Teufelswillen noch nicht aufgezwungen (ich denke dabei nicht in erster Linie an die Verwüstungen dieses Krieges). Wenn ich zuschaute, wie eifrig an diesem oder jenem anspruchsvollen 138 Ministerium gebaut wurde, erinnerte ich mich an das sozialistische Gauchemar, das in den zwanziger Jahren solchen Bauten in Deutschland oder Oesterreich anhaftete; was ist davon heute übrig geblieben? Beim Anblick eines alten Bauernhauses aus Schindeln und von Kühen, die knietief auf der Weide grasten, dachte ich an Holstein oder Oldenburg; ein plötzlich auftauchender, mit Föhren bewachsener Hügelzug erinnerte an Thüringen; eine verschlafene Residenzstadt an das frühere Oesterreich, als es für dieses Land noch eine Zukunft gab, ein Stück flaches Weidland an die Strasse zwischen Budapest und Belgrad. Al1 diese Bilder verdichteten sich auf dem Hintergrund des geistigen Ruins., der sich tief in mein Herz eingeprägt hatte, zu einem zwingenden Gedanken: daß unser Land das einzige mächtige ist, das in der zweitausendjährigen Aera christlicher Kultur fast unzerstört überlebt, das noch immer die Freiheit besitzt, seine Zukunft zu gestalten oder zu zerstören, und das noch heute die Möglichkeit hat, auf seinen guten Fundamenten noch Besseres zu bauen. Alle anderen Länder gleichen zerstörten Häusern oder solchen, die halbzerstört am Rande eines Erdrutsches stehen. Rußland, das vor dreißig Jahren zum Licht der Freiheit strebte, ist in einen finstern, asiatischen Despotismus zurückgetrieben worden. In Deutschland liegen die Errungenschaften von Jahrhunderten unter Trümmern, bewacht von streitenden Siegern, die jeden Neuaufbau und jede Reparatur untersagen. Oesterreich ist nur noch ein winziger Name auf der Landkarte. Frankreich gleicht schon seit anderthalh Jahrhunderten einer Seele im Fegfeuer. Nichts bleibt übrig als die britische Insel und die letzte Entscheidung, nach ihrem Beispiel, zum Guten oder zum Schlechten. In England fand ich nicht eingeborene Schwäche, sondern unter einer oberflächlichen Unordnung starke, geballte Kraft. Ich traf Menschen, die alles verloren hatten. Wenn ihr Blick über den Kanal ging, beklagten sie die Sinnlosigkeit des Krieges. Das schien mir falsch zu sein. Solange England frei blieb, konnten selbst noch ihre geheimsten Wünsche in Erfüllung gehen - und noch war 139 England nicht ganz versklavt. Sein Zustand entsprach dem Ausruf Emerson's vor hundert Jahren: «Ich sehe England trotz seines hohen Alters noch nicht gebrechlich, sondern noch immer jung und wagemutig, fest vertrauend auf seine Kraft und Beharrlichkeit ..." Bei diesem Anblick sage ich: ,Allheil! Mutter der Nationen, Mutter der Helden, in unzerstörter Kraft. Möge es immer so bleiben.' Wenn es nicht so bleibt, wenn der Mut Englands an den Folgen einer wirtschaftlichen Krise erlahmt, dann kehre ich zum Kap von Massachusetts, an meinen heimatlichen indianischen Strom zurück und sage zu meinen Landsleuten: ,Die alte Rasse ist gänzlich erloschen. Fortan liegt die ganze Geschmeidigkeit und Hoffnung der Menschheit in den Bergen von Alleghany, oder nirgends mehr.'“ Oder nirgends mehr . Was in Europa im Laufe von 1900 Jahren aufgebaut und seit 1914 fast gänzlich zerstört worden ist, kann nicht in die Berge von Alleghany verpflanzt werden. Sollte England jetzt versagen, dann glaube ich, wird mächtiger Schrecken und gewaltige Finsternis für viele Jahrhunderte über die christliche Welt hereinbrechen. Hätte mich ein Marsbewohner begleitet, er würde über meine trüben Ahnungen gelacht haben. Denn das äußere Bild, das England bot, war lieblich und vertrauenerweckend. Das Beglückendste waren die neubestellten Felder. In meinen früheren Büchern beklagte ich wiederholt den Niedergang der Landwirtschaft. Wer vom enropäischen Festland kam, wo unbebaute Felder zu den Seltenheiten gehörten, auf den wirkten die mit Disteln und Unkraut bewachsenen Felder, die verlotterten Bauernhäuser und die zerfallenen Scheunen geradezu alarmierend. Teils waren sie der Preis, den wir für die Flucht des Bauern in die Fahrik bezahlten; teils waren sie eine Folge unserer großen Handelsflotte, die ein Inselvolk besitzen muß, wenn es überleben will - die aber aus fremden Häfen Lebensmittel einbringt, welche billiger sind, als sie der einheimische Bauer auf den Markt bringen kann. Dieses Problem harrt noch immer der Lösung. 140 Für mich, den in den dreißiger Jahren aus Deutschland Zurückkehrenden, bedeuteten diese unbebauten Flächen die Drohung einer Hunngersnot in Kriegszeiten. Sie verschwanden in den Jahren der Belagerung, und in den vierziger Jahren glich die Landschaft vor meinen Augen wieder den alten kolorierten Stichen - grün, braun und golden, aber nirgends mehr grau. Aus dem Uebel war hier etwas Gutes geworden. Das liebliche Land war wieder da. Trotzdem ich in allen Ländern auf viel Schönes gestossen bin, glaube ich doch, daß nichts an England herankommt, wenn Felder und Aecker grünen und reifen. Das verbesserte Aussehen des Volkes, was das Herz eines jeden erfreuen mußte, der England früher gekannt hat, war die zweite der drei zauberhaften Verwandlungen, die ich entdeckte. Als ich in den dreißiger Jahren von einem Festland zurückkehrte, wo bereits Krieg lauerte, wirkte im Vergleich zum Deutschen das physische Aeußere unseres Volkes in seiner Minderwertigkeit geradezu alarmierend. In meinen vor dem Krieg erschienenen Büchern zitierte ich eine Stelle aus C. E. Montague's Buch «Entzauberung“: „ ... Bataillone von farblosen, betäubten, fast zahnlosen Burschen aus den heißen, feuchten Mühlen von Lancashire; Bataillone von glotzenden Gesichtern, Fratzen aus dem tragikomischen-historisch-pastoralen Bau des modernen englischen Landlebens; Bataillone aus den Dominions mit Männern, die geradezu auffallend grösser, stärker, geschmeidiger, stolzer, härter, besser geschult waren - Männer, die sich kühner für das Leben einsetzten, entschlussfähiger und bereit, widrige Schicksalschläge rasch zu parieren - Männer, die sich bereits angewöhnt hatten, unsere Leute niedere Kaste mit halbneugierigem, halbmitleidigem Blick zu betrachten. Vielleicht würde es auch den untersetzten Jungens aus unsern Slums und den minderbegabten Jungens aus den «landwirtschaftlichen, bürgerlichen und sportlichen Lagern», wie sie auf den Plakaten unserer Auktionäre genannt wurden, gelingen, ihr Ziel zu erreichen, aber nur, wenn der Geist aus ihrem ge- 141 quälten Fleisch wahre Wunder an tapferen Leistungen hervorpreßte ... » Das stimmte, als Montague es im Jahre 1915 niederschrieb und als ich es in den dreißiger Jahren zitierte. Wie herrlich, wenn man zehn Jahre später schreiben darf, daß es nicht wahr ist. Es war eine überwältigende Freude, die Nordstraße, dieses englische Rückgrat, zu befahren und zu sehen, daß sich bei der jungen Generation eine Wandlung zum Guten vollzogen hatte. Die Glotzenden, Schwachbegabten, im Wuchs Verkümmerten, Drüsenkranken, Zahnlosen und Rachitischen sind selten geworden. Es ist heute direkt ein Vergnügen, die Jungens und Mädchen aus den Fabriken, Geschäften und Büros durch England radeln und wandern zu sehen. Jetzt können sie den Vergleich mit den Bataillonen aus den Dominions gut aushalten (übrigens gewann ich im Zweiten Weltkrieg bei den Australiern und Neuseeländern den Eindruck, als ob ihr körperlicher Standard etwas gesunken wäre). Ich suchte nach den Gründen für diesen auffallenden Fortschritt und kam zum Schluß, daß sie bei den bessern Wohnverhältnissen liegen müssen. Das war die dritte der drei zauberhaften Wandlungen. Ich erinnere mich noch gut an die ungesunden und überfüllten Wohnungen meiner Jugend zu Beginn dieses Jahrhunderts. In einem Londoner Vorort, wo ich aufwuchs, waren es nur einige hundert Meter bis zu den ersten Feldern. Heute muß jemand, der im gleichen Hause lebt, zwei Stunden spazieren, bis er ins Freie gelangt; ein derart umfangreicher Gürtel hat sich direkt um London gelegt, angefüllt mit neuen Häusern. Das gleiche hat in kleinerem Umfang auch in andern Städten stattgefunden. Heute lebt vielleicht ein Drittel oder ein Viertel der Bevölkerung in diesen Häusern. Das bedeutet, daß heute zwischen zehn und fünfzehn Millionen über luftige Schlafzimmer, Gärten, Badezimmer und eine gesunde Umgebung verfügen - die gleichen Menschen, die diese Dinge vor 1914 entbehren mußten. In diesen Häu- 142 sern wurden zwischen 1925 und 1935 die kleinen Kinder geboren, die ich in den vierziger Jahren als junge Menschen sah. Das ist, glaube ich, die wichtigste Hauptursachc für einen solchen Fortschritt. Der Häuserspekulant hat vielleicht sogar mehr für die Gesundheit Englands beigetragen als die Aerzteschaft (trotzdem die Fortschritte in der Medizin viel geholfen haben) und jetzt, wo eine neue Regierung ihn auszurotten versucht, entsteht vielleicht eine neue Bedrohung der englischen Gesundheit. Die vierziger Jahre bewiesen mir, daß ich mich in den sorgenvollen Dreißigern geirrt hatte, als ich gegen die Häuserspekulanten und ihre Dutzendhäuser vom Leder zog. Als ich damals von den "Neuen Slums» schrieb, die in aller Eile fabriziert werden, rechnete ich nicht mit dem baulichcn Genius des Engländers. Es gehört zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, städtische Vororte zu studieren. So habe ich alle Außenquartiere von Wien, Dresden, Prag, Budapest und Warschau gründlich angesehen. In den vierziger Jahren stellte ich in England fest, daß die Fließbandproduktion der dreißiger Jahre die reizendsten Vororte, die ich je gesehen, geschaffen hatte. Nirgendswo anders sah ich sauberere, geräumigere und gemütlichere Heime. Selbstverständlich waren auch andere Umstände am verbesserten Aussehen und der besseren Gesundheit beteiligt. Das Volk versteht heute mehr von Hygiene. Wenn ein Bad vorhanden ist, dann dient es nicht mehr als Aufbewahrungsort für die Kohle. Die meisten Mütter haben es sich abgewöhnt, ihre Säuglinge mit einem honigbestrichenen Gummischnuller zu beruhigen, der im Kinderwagen den Fliegen zur Nahrung dient. Vielleicht haben auch die Filme dazu beigetragen, erschien doch immer auf der Leinwand ein schöngewachsener Menschentyp mit elastischem Gang, trotzdem dies keineswegs etwa dem Durchschnittsamerikaner entspricht. Dazu kam, daß diese jungen Menschen der vierziger Jahre die Babies der zynischen Zwanziger und der furchterfüllten Dreißiger waren; wenigstens in physischer Hinsicht hat- 143 ten sie von diesen Einflüssen vor der Geburt und in ihrer Kindheit keinen Schaden davon getragen. So war die Wahrheit der dreißiger Jahre in den Vierzigern nicht länger gültig. Die Folge der beiden Kriege waren neuaufblühende Felder, eine verbesserte Gesundheit und Wohnverhältnisse, die, falls keine willkürlichen Eingriffe erfolgten, bald alle andern Länder übertreffen sollten. Leider kommt es jedoch auf den Geist an. Es war eine Freude, diese drei Fortschritte feststellen zu dürfen, aber es war schwer, ihre wirkliche Tragweite zu bemessen. Ich erinnerte mich an ähnliche Fortschritte in Deutschland zwischen den beiden Kriegen. Damals gaben die Leute, die hinter dem Krieg steckten, ein vollkommen falsches Bild: Sie behaupteten, die junge Generation der Deutschen sei von den Entbehrungen des Ersten Weltkrieges gesundheitlich geschädigt. Diese Behauptung war falsch, wie die britischen Soldaten in der Begegnung mit diesen Deutschen auf den Schlachtfeldern und auch britische Mädchen, die den deutschen Gefangenen bewundernde Blicke zuwarfen, selber festgestellt haben. Die Deutschen waren in einer ausgezeichneten körperlichen Verfassung; als sie eine schlechte Regierung bekamen, nützte ihnen dies gar nichts. Unter einer guten Führung besteht auch für eine gesundheitlich schwache Nation die Möglichkeit zu überleben. So sagte Lord Montgomery 1946 in der Guildhall: «Die industrielle Revolution tat ihr möglichstes, um unsern Geist zu zerstören. Aber es scheint, als hätte der verzweifelte Existenzkampf in den Slums von Großbritannien die geistigen Widerstandskräfte im gleichen Maße gestählt, als er die körperliche Gesundheit des Volkes schädigte. Die wirtschaftliche Not vermochte den Geist des Engländers nicht zu brechen. Aus ihr sind der Schotte von Glasgow, der Bursche von Lancashire, der Mann aus den Midlands, der Londoner Cockney hervorgegangen - und mit solchen Männern ist alles möglich. Sind sie erst einmal in Marsch gesetzt, dann sind sie unschlagbar." 144 In dem Land, das ich jetzt entdeckte, hatte sich das gepeinigte Fleisch erholt; es entledigte sich der Hinterlassenschaft der Slums, der Fabriken und des Zerfalls der Landwirtschaft. Zähne, Lungen und Glieder wurden wieder heil. Aber eben, als diese körperliche Prüfung Ende nahm, da begann eine neue Regierung durch „Wirtschaftliche Einschränkungen» einen neuen Angriff auf den Geist. England ging neuen Prüfungen entgegen. Dem gestählten Geist war es einmal gelungen, die körperlichen Gebrechen zu meistern; vielleicht würde jetzt der gestählte Körper mithelfen, den Ueberfall auf den Geist abzuwehren. England, wie ich es jetzt erblickte, hatte nicht nur zwei Kriege, sondern eine weit tödlichere Gefahr überlebt: denn die industrielle Revolution hatte mehr Opfer gefordert als alle Kriege zusammen. Beim Anblick Englands in den vierziger Jahren konnte ich voraussehen, daß jetzt, falls England frei bleiben wird, eine Kultur der Fabriken im Anbruch war, ebenso bewundernswert und großartig wie die Kulturen der bäuerlichen Aera und der grossen Kathedralen. In meiner Jugend war der Begriff Fabrik gleichbedeutend mit Schmutz und Düsternis und den damit verbundenen Uebeln. Als ich aber jetzt die neuen Industrieviertel der grossen Städte mit ihren stolzen und geräumigen Hallen, den Rasenflächen und Sportplätzen, den breiten Straßen und einer gesunde Einwohnerschaft bereiste, da hoffte ich auf eine glückliche Spätlese dieser entsetzlichen industriellen Revolution - einst das Hauptübel unserer Geschichte -, vorausgesetzt, daß es England glücken würde, frei zu bleiben. Es war eine Reise durch ein wiederauferstandenes Land. Während sechs Jahren lag England unter dem Schutt des Krieges. Jede Ecke war mit Maschinen und Armeen vollgestopft. In Millionen strömten die Männer aus andern Staaten in unser Land, drückten ihm ihr Siegel auf, so daß der Engländer fast zum Fremden wurde. Jetzt zerrann alles wie bei der Schneeschmelze, und wieder trat das alte England ans Licht, befrachtet mit seiner ehr- 145 würdigen Geschichte wie ein beladenes Schiff im Sturm, in der gleichen, alten Anmut, wie die «Cutty Sark» ihre Segel trug. Zufällig kam ich nach Deal und sah, wie man hier ein Denkmal zum Andenken an eine Invasion errichtete: nicht etwa diejenige, deren Scheitern die Städter 1940 erlebten, sondern die erfolgreiche von Julius Caesar vor 2000 Jahren! Römer, Normannen, Spanier, Franzosen, Deutsche: England hatte alle überlebt und ich fühlte seine tiefverwurzelte, unerschütterliche Kraft, wenn ich an das unglückliche Europa von heute dachte. Ich zog weiter auf der großen Nordstraße, welche die Römer erbaut oder wiederaufgebaut haben. An beiden Seiten waren noch die Spuren der Armeen, die sich hier für die Invasion des Jahres 1944 sammelten; aber schon war Gras darüber gewachsen, der Landmann ging bedächtig seiner Arbeit nach. Ich kam in eine Stadt, die mir bloß aus einer Zeile von Shakespeare bekannt war: «Ein gutes Ochsenjoch auf dem Markt zu Stamford?» Ganz verborgen im Herzen Englands, war dies eine reizende Stadt; wäre sie in Frankreich oder Italien gelegen, würden die Neugierigen in Scharen zuströmen. Von einer Höhenstraße erblickte ich in der Ferne die Kathedrale von Durham; sie liegt zwischen Hügeln in einer tiefen Mulde und scheint sie dennoch, durch einen Kunstgriff ihrer Erbauer, zu beherrschen. Sie verkündete den stetigen menschlichen Fortschritt in den letzten tausend Jahren. Ich dachte an Dresden und Köln. Als ich auf diese Art mein Heimatland entdeckte, verlor ich etwas die Sehnsucht nach den Auslandsreisen, nicht nur darum, weil es hier so schön war, sondern weil es sich eben um das Land handelte, das jetzt zur Frage des zwanzigsten Jahrhunderts: Christentum oder Sklaverei, Freiheit oder Tod, mit Ja oder mit Nein antworten mußte. Sollte es unter der Anstrengung, die bis zum Siege oder bis zur Kapitulation andauert, zusammenbrechen, dann würde ein fast zwei Jahrtausende altes Buch geschlossen. Europa aber müßte in langer Fronarbeit durch ein düsteres Tal einem 146 neuen Morgen in fernabgelegenem Jahrhunderten entgegenschreiten. Nationen sind sich nur selten als Ganzes der Höhepunkte ihres Daseins bewußt. Nur wenige Menschen wissen um diese Dinge. Das England, das ich entdeckte, fürchtete sich nicht vor der kommenden Bedrohung, kannte aber auch den Weg der Befreiung nicht. Beides war ihm unerschlossen. Stets wird in mir ein Stück heiteres und sonnenbeschienenes Vergessen aus Sussex weiterleben: Im England des zwanzigsten Jahrhunderts haben wir nur feine Sommer, wenn zwischen uns und der Sonne eine schwarze Wolke hängt. Der herrliche Sommer des Jahres 1940 konnte kein Herz erwärmen, das um die Bedrohung wußte. Der noch schönere des Jahren 1947 wurde von den Handlungen einer Regierung umdüstert, die wohl die Götter mit Verrücktheit gestraft haben. Eines Tages in jener Zeit fand ich in Sussex einen mit Bäumen und Büschen umstandenen Teich, von der Welt so abgetrennt wie irgend ein Kloster in Tibet. Ich war begeistert von den Schwimmern, ihrer Lust, ihren Blicken, die von der dunkeln Wolke absolut nichts bemerkten. Ich traf hier jene Menschen, welche die Einzigartigkeit Englands ausmachen. Da war ein alter Herr oder ein Jüngling, wie man es nimmt, von zweiundsechzig Jahren, der 1907 in Toronto den Aufruf Lord Roberts gehört hatte, daß jeder junge Mann, der sich auf den großen Tag vorbereiten wolle, in der britischen Armee willkommen sei. Dieser vom Alter unbeschwerte Jüngling fuhr sofort über den Atlantik und diente nachher bis 1945. Im zweiten Weltkrieg umsegelte er die Erde zweimal als Sergeant Major eines Schiffs und war bereit, sein Alter für jede neue Eventualität im Krieg oder im Frieden um weitere zwanzig Jahre zurückzustellen. Klagen, Befürchtungen oder Bedauern irgendwelcher Art hatte er keine. Dann war da ein junger Mann, eben aus der Armee entlassen, der nicht schwimmen konnte, aber fähig war, sich auf dem Rücken liegend drei Züge über Wasser zu halten. Er 146 blickte voller Neid auf die Badenden, die sich die Stromschnelle hinab in das drei Meter tiefe Wasser stürzen ließen, und berechnete in aller Ruhe, daß seine drei Züge, falls er nicht ertrank, gerade genügen würden, um ihn seitwärts aus der Tiefe zu treiben. So versuchte er sein Glück und entging mit knapper Not dem Ertrinken. Das war ein wirklich mutiger Sieg des Geistes über das Fleisch. Ich kletterte auf den Badeturm. Er war nur einige Meter hoch. Aber da oben öffnete sich die Welt und die Schwimmer, der Teich und die umgebenden Büsche traten zurück. Ich hätte mich ebenso gut auf dem Eiffelturm befinden können, so fern fühlte ich mich vom Getümmel unter mir. England dehnte sich nach jeder Richtung, sonnentrunken, in goldreifen Kornfeldern. Wieder schaute ich auf die Badenden hinab, auf den alten Herrn und den Jungen, dann hinaus über die endlose Weite bis zum Horizont. 0, du herrliches Volk und du herrliches Land, dachte ich. Noch hängt die schwarze Wolke seit dem Jahre 1914 über dir, noch bist du ihr nicht entronnen. Noch mußt du das zwanzigste Jahrhundert und deine Feinde schlagen. Du bist der letzte Verteidiger und hier ist die letzte Zitadelle. Mögest du nochmals den Sieg davon tragen, ebenso unbegreiflich wie bisher. Dann tauchte ich wieder zu ihnen hinab. |