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S. 131

 

 

Douglas Reed

Der grosse Plan der Anonymen

 

ZWEITES BUCH

Feuer

1940-1945

 

IV.

Ein Dieb oder Zwei ...

Shakespeare berichtet getreulich beinahe alles, was sich drei Jahrhunderte nach seiner Lebenszeit ereignen sollte, und unter vielem anderem sagte er auch: «Der Gerichtshof, der des Gefangenen Leben durchgeht, mag unter den zwölf Geschworenen einen Dieb oder deren zwei haben, die schuldiger sind als der, über den sie zu Gericht sitzen. „Hätte er in den Vierziger Jahren unseres Jahrhunderts gelebt und etwas derartiges über den Nürnberger Gerichtshof geschrieben, dann hätte man ihn zweifellos einen Faschisten genannt. Aber er wurde ihnen ja auch posthum zugezählt; sein «Kaufmann von Venedig» kam bei gewissen Aufführungen in New York und in der amerikanischen Okkupationszone Deutschlands in den Bann.

In früheren Büchern, die ich noch vor dem heimlichen Wechsel in den Kriegszielen schrieb, trat ich mit Nachdruck für die Bestrafung der «Kriegsverbrechen" ein. Bei Rückblick auf die zwanziger und dreißiger Jahre in Deutschland hatte ich den Eindruck, daß ihre Nichtbestrafung nach dem Ersten Weltkrieg mit einer der Hauptgründe für Deutschlands rasches Wiederauftreten als kriegführende Macht war. Ich dachte dabei an Verbrechen gegen die Regeln der Kriegführung, die in weitem Ausmaß, wenn auch nicht allgemein, zur Gewohnheit geworden waren, wie die Erschießung von Zivilisten und Kriegsgefangenen und das Versenken unbewaffneter Handelsschiffe. So etwas wie den Nürnberger Gerichtshof sah ich damals natürlich nicht voraus, obschon ich mich damals schon in «Falls wir es bereuen sollten!» vor einer Verhöhnung der gerechten Sache fürchtete.

In unserem Jahrhundert wiederholt sich die Erscheinung, daß leitende Politiker (ich glaube, das Wort Staatsmänner wäre

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nicht angemessen) der angeblichen Notwendigkeit des Augenhlicks ihre Grundsätze opfern. Auf diese Weise zeugt das Schlechte beständig das Schlimmere. Diejenigen, die wenigstens dem Namen nach die Veranwortung für den Nürnberger-Prozeß auf sich nahmen, damit einen Präzedenzfall von übler Vorbedeutung für die Zukungt. Mir scheint, daß er das internationale Recht außer Kraft gesetzt und die Herrschaft eines blindwütigen Siegers legalisiert hat, seinen gefangenen Feind in den Tod zu schicken.

Von den vier Hauptanklagen standen «Kriegsverbrechen» und „Verbrechen gegen die Menschlichkeit» an letzter Stelle. Die ersten beiden waren für jedes Gesetzbuch des internationalen Rechts neu. Sie lauteten: «Verschwörung und gemeinsame Planung“ und „Verbrechen gegen den Frieden». Darin enthalten waren «Planung und Durchführung von Angriffskriegen».

Wenn es einen «gemeinsamen Plan» gab, dann trat er mit dem Bundnis zwischen Stalin und Hitler im Jahre 1939 ans Licht, und einer der Richter, die Sowjetunion, war ein Komplize bei diesem Plan und bei dem ersten «Angriffskrieg». Dieser Richter hatte damals dem Verbrecher-Bruder zu einem «mit Blut besiegelten" Vertrag gratuliert und die Beute mit ihm geteilt. Und einer der Männer auf der Anklagebank, Ribbentrop, war Träger der höchsten Ehrung, die sein Richter-Kumpan zu vergeben hatte, des Lenins-Ordens, welcher ihm anläßlich der Unterzeichnung des Angreifer- Bündnisses verliehen worden war.

Das ist für mich ein ekelhafter Widerspruch, der sich durch keine Rhetorik und keine Sophistik rechtfertigen läßt, und er macht das große Gerichtsverfahren zu einer Farce, auf jeden Fall soweit es diese beiden betrifft. Es kleidete den Angreifer in die Robe des Richters. Große Advokaten können beredt jeden Fall führen, und einer der britischen Ankläger (Sir David Maxwell-Fyfe) hat in seiner Einführung zu R. W. Coopers "Der Nürnberger Prozess“ als einen Grund für den Prozeß festgestellt: "Nach Jahren des Kampfes muß man immer mit einer gewissen Müdigkeit des Geistes wie des Körpers rechnen. Eine Art, wie sich diese geistige

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Ermattung kundgibt, ist die Flucht vor unangenehmen Tatsachen. Es wäre meiner Ansicht nach eine der größten Tragödien der Weltgeschichte, wenn die Taten der Nazis auf diese Art und Weise im Gedächtnis der Menschheit gelöscht würden.»

Die «unangenehmste aller Tatsachen» jedoch war die Anwesenheit des Komplizen hinter dem Richtertisch, und das beunruhigte nicht die Müden und Schlaffen, sondern die Wachsamen. Von zwei Dieben wurde der eine beehrt, über den anderen zu Gericht zu sitzen. Falls dies das Verfahren für die Zukunft sein soll, dann kann der Nürnberger Prozeß selbst als «eine der tiefsten Tragödien in der Weltgeschichte» angesehen werden.

Wem gehörte nun eigentlich die Rache in Nürnberg? Etwas anderes geschah dort, worüber die Welt völlig in Unkenntis gelassen wurde. Der Meineidige unter den Eidgeschworenen war deutlich sichtbar, wenn man auch nur das geringste Gedächtnis für geschehene Verbrechen besaß. Das andere aber blieb verborgen.

Ich hatte es in meinem Buche «Falls wir es bereuen sollten!» vorausgesehen. Am 17. Dezember 1942 machte Anthony Eden vor dem Unterhaus im Namen der Vereinigten Nationen eine Erklärung über das Judenproblem. Soweit mir bekannt ist, geschah es damals erst zum zweiten Male, daß ein britischer Politiker das Wort «Erklärung» gebrauchte. Die erste «Erklärung» war das Versprechen, «die Gründung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina zu unterstützen», die Lord Balfour am 2. November 1917 während des Ersten Weltkrieges abgegeben hatte.

Edens Erklärung beschäftigte sich im besonderen und ausschließlich mit den Juden , und er sagte: «Diejenigen, die für diese Verbrechen verantwortlich sind, werden ihrer Strafe nicht entrinnen.» Mir schienen das damals die bedeutungsvollsten Worte des ganzen Krieges zu sein, denn sie bekundeten, daß Strafe nur für die Vergehen gegen eine Gruppe von den vielen, die Hitler verfolgt hatte, zu erwarten war. Damals schrieb ich: «Kein Sterbenswörtchen verlautet über alle die Verbrechen, die gegen Tschechen,

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Serben, Polen, Franzosen, Holländer, Norweger, Griechen, Belgier und andere begangen worden sind ... Wir teilen den Deutschen formell aus unserem Unterhaus mit, daß alles, was sie von uns zu erleiden habe werden, einzig und allein um der Juden willen geschehen wird. Die Folgerung daraus ist, daß sie Tschechen, Polen, Serben und alle anderen ungestraft unterdrücken, deportieren und morden können. Wir haben unseren Namen für die Androhung einer jüdischen Rache hergegeben.»

Mir scheint, daß diese Drohung durch die Art der Urteile und durch das Erhängen der Verurteilten wahrgemacht worden ist. Aber das bedeutungsvollste Ereignis in Nürnberg, wo die ganze Weltpresse versammelt war, zu sein schien - das fand keine Erwähnung in der Massen-Weltpresse. Die Tage der Verurteilung und der Hinrichtung waren jüdische Feiertage!

Rosch Hoschanni, das jüdische Neujahr und der Tag der Buße, fiel auf den 26. September 1946; Yom Kippur, der Tag der Sühne, auf den 5. Oktober; Hoschanna Rabba (da der jüdische Gott nach einer Pause, während der er seinen Urteilsspruch über jedes einzelne menschliche Wesen erwogen hat und Sünder immer noch begnädigen konnte, sein endgültiges Urteil bekannt gibt) auf den 16. Oktober.

Die Urteile in Nürnberg wurden am 30. September und 1. Oktober verkündet (zwischen dem jüdischen Neujahr und dem Tag der Sühne. Die Hinrichtungen wurden gleich nach Mitternacht in den Morgenstunden des 16. Oktobers, am Tage Hoschanna Rabba, vollzogen. Für das Judentum in der ganzen Welt lag eine unmissverständliche Bedeutung in der Wahl dieser Tage. Den Nicht-Juden in der ganzen Welt bedeuteten sie nicht mehr als andere Tage.

Der Prozeß und die Hinrichtungen fanden in der amerikanischen Zone statt. Mir will scheinen, daß diese symbolischen Daten mit Absicht gewählt worden sind, und daß diejenigen, die sie auswählten, Stellungen bekleideten, die ihnen erlaubten, die amerikanischen Behörden ihren Wünschen willfährig zu machen.

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Die britischen Zeitungen vermieden es, zu diesen Dingen irgendwelche Kommentare zu bringen; ich weiß aus eigener Erfahrung, daß das immer so ist. Eine Zeitung jedoch, der «Manchester Guardian», druckte den Brief eines Lesers ab, der sich über den Nürnberger Prozeß folgendermassen aussprach: «Die vier Nationen ... haben jetzt durch ihre Führer das Christentum ganz offen verleugnet ... Es ging darum, die Wahl zu treffen zwischen dem «Auge um Auge, Zahn um Zahn» und «Schlagt Agag in Stücke!» und «Die Rache ist mein!» Großbritannien, Amerika, Frankreich und Rußland haben die Wahl zugunsten blutrünstiger vorchristlicher Riten getroffen.»

Dies scheint mir die genaue Wahrheit zu sein. Die Wahl dieser Tage kann schwerlich zufällig erfolgt sein, und auf diese Weise erhielten die Hinrichtungen den Charakter einer Stammesrache nach dem Gesetz des Alten Testamentes. Die politischen Vertreter Großbritanniens und der Vereinigten Staaten, deren Namen mit diesen Geschehnissen verknüpft sind, haben entweder bewußt oder unbewußt der Auffassung zugestimmt, daß das europäische Christentum bei allen diesen Dingen von zweitrangiger oder gar keiner Bedeutung war. Wenn man diese Todesurteile nicht im Namen aller Opfer vollstreckte, sondern nur im Namen der einen Gruppe, dann wurden alle anderen Opfer ganz offensichtlich außerhalb des angewandten Rechtes gestellt, und das war weder gerecht noch christlich . Sie wurden nach ihrem Tode ebenso effektiv durch diese Symbolik entrechtet wie durch Hitlers Erlasse zu Lebzeiten.

In der Folge machte sich dann in der Gegend von Nürnberg derselbe geheime Einfluß bemerkbar. Viele nazistische Organisationen wurden in Nürnberg en bloc für verbrecherisch erklärt, und das bedeutete, daß Tausende von Deutschen in Haft gesetzt und monatelang oder gar jahrelang ohne Untersuchung und Urteil nicht wegen besonderen Verbrechen gefangen gehalten wurden, sondern einzig und allein weil sie Organisationen angehört hatten, in die sie unter Zwang eingetreten waren. Ein Abgeordneter des

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britischen Unterhauses, Nigel Birch, stellte bei einem Besuch im August 1947 fest, daß sich allein in einem Konzentrationslager annähernd viertausend solcher Männer befanden. Er berichtete, dass die erste Frage, die man ihnen vorlegte, wenn sie endlich vor ein Gericht kamen, immer dieselbe war: «Haben Sie etwas von den Judenverfolgen gewußt?» Die Strafe, welche diese Menschen für gewöhnlich trifft, ist die Streichung von den Wahllisten und der Zwang, sich bei der Polizei registrieren zu lassen, die Beschlagnahme ihres Eigentums und das Verbot, andere als die niedrigsten Arbeiten anzunehmen. Wieder einmal wurde die Unterstützung amerikanischer und britischer politiker für ein mit den vorgegebenen Kriegszwecken völlig unvereinbares Ziel deutlich. Der lange Schatten von Nürnberg und von den Mächten, die hinter dem Prozeß standen, reicht bis weit in die Zukunft. Wer so mächtig ist, derartige Dinge zustande zu bringen, wie es ihm gerade passt, wird seine Anstrengungen natürlich nicht auf Deutschland beschränken.

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