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Der grosse Plan der Anonymen
ZWEITES BUCH Feuer 1940-1945
III. Gespaltene Gesellschaft Während der Zweite Weltkrieg - das heißt: die zweite Rate des Krieges des 20. Jahrhunderts - andauerte, wurden auf dem grossen Schachbrett jene meisterlichen Züge gezogen, die - wie ich hoffe, gezeigt zu haben - die Fortdauer der Feindseligkeiten nach Kriegsende sicherstellten: Die kommunistische Herrschaft fasste, dank den gewaltigen Zuschüssen von Gold aus England und Amerika, in halb Europa Fuß. Ein anderer Meisterzug bestimmte, welche Gestalt die fortdauernden Feindseligkeiten annehmen sollten. Eine neue und furchbare Waffe wurde zur Hauptsache auf dieser Insel entwickelt. Ihr Urheberrecht und das Monopol für ihre Herstellung ging, ohne daß die britische Oeffentlichkeit auch ein Wort darüber zu hören bekam, an Amerika über. Das ist meiner Ansicht nach eine in der Geschichte einzigartige Transaktion. Bisher haben alle Völker die Ueberlegenheit der Waffen, die sie ihrem nationalen Genius zu verdanken hatten, eifersüchtig gewahrt. Solche Dinge können nur im geheimen geschehen, wenn die Parlamente de facto durch «Notvollmachten» ihrer Tätigkeit enthoben worden sind. In diesem Falle kam die Transaktion erst viele Jahre später an den Tag und wurde dann, falls sie überhaupt erwähnt wurde, der Oeffentlichkeit als etwas ganz Normales und Natürliches hingestellt. So schrieb die «Times» am 24·. Septemher 1947 von «dieser einzigartigen Waffe, welche, soweit bekannt ist, nur die Vereinigten Staaten besitzen». «Dieses Land”, so fügte sie 121 hinzu, «kann nicht ohne Einschränkung zu den ,Habenden' gezählt werden, weil es - obschon es eine führende Rolle, ja vielleicht die führende Rolle in den grundlegenden physikalischen Forschungen gespielt hat - die Konstruktion der Atomwaffenbestände absichtlich (von mir ausgezeichnet) dem anderen Partner im anglo-amerikanischen Bündnis überlassen hat. Aber das Wesen der anglo-amerikanischen Beziehungen befreit dieses Land völlig von den Befürchtungen der ,Habenichtse'.» Das Wesen der Beziehungen zwischen Staaten im 20. Jahrhundert aber, so muß ich hier bemerken, ist so unbeständig wie Wasser und steht in höchstem Maße unter dem Einfluß mächtiger Gruppen, die mit der Handhabung dieser Beziehungen ganz andere Interessen verfolgen. Außerdem drängt sich die auf der Hand liegende Frage auf, was für Männer es in den Vereinigten Staaten sind, welche tatsächlich die Kontrolle über "diese einzigartige Waffe» erlangen werden. Wie dem auch sein mag - «das Geheimnis der Atomkern-Spaltung» wurde «absichtlich» abgetreten, und seine Erstgeburt war «die Atombombe». Zwei Exemplare von ihr beendeten den Zweiten Weltkrieg. Der Grund, weshalb sie auf japanische Städte abgeworfen wurden, wird niemals öffentlich bekannt werden. Zwei gute und wahrscheinlich sogar die besten Autoritäten bestritten jede militärische Notwendigkeit. Der britische Oberkommandierende, Lord Mountbatten, sagte in einer Rundfunkansprache, daß der Krieg im Pazifik nicht durch sie gewonnen wurde, da der Sieg schon sicher war, ehe sie zur Anwendung kamen. Der Stabschef des amerikanischen Oberkommandierenden, General MacArthur, sagte dasselbe. Die Entscheidung wurde alsdann, wie es im Tagesjargon hieß, "an höchster Stelle» unter den Großen getroffen, von denen einer - durch den Tod seines Vorgängers und die Nachfolge im Amt - ein gewisser Herr Truman war, während ein anderer im Begriff stand, durch einen gewissen Herrn Attlee ersetzt zu werden. Die eigentliche Entscheidung jedoch trafen vermutlich "die Ratgeber». 122 Die formell wichtigste Zustimmung war vermutlich die von Truman. Die Phantasie schreckt zurück vor dem Gedanken an den einstigen Tuchhändler von Kansas City, der plötzlich mitten im Strudel aufgefordert wird, auf der punktierten Linie zu unterschreiben. Die Wirkung der Bomben wirkte auf die Gemüter der Masse einfach betäubend, weil man sie unter Bedingungen abgeworfen hatte, die für ihren Einsatz die allergünstigsten waren: gegen eine dichtgedrängte Zivilbevölkerung in leicht gebauten Häusern, gegen Menschen, die wehrlos gegen das Unbekannte waren. Die Ueberlebenden mögen festhalten, daß sie zu jenen «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» und «unmenschlichen Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung" gehören, für die in der Folge die Führer des deutschen Volkes angeklagt wurden (außer Hitler). In England gab es nur einen einzigen denkwürdigen Mann, der es ablehnte, seine Kirche mit den öffentlichen Danksagungen in solch einem Augenblick zu verquicken. Dieser Geistliche der St. Albans-Kathedrale war weiser als der gewöhnliche Sterbliche, der nicht erkannte, daß die Atombombe für seine eigene Einschüchterung - und nicht die der Japaner - abgeworfen wurde. Der Abwurf dieser beiden Bomben war keine militärische Massnahme, sondern eine politische, für künftige Bezugnahme berechnet. Kaum waren sie explodiert (und der Krieg zu Ende), als unter den Wortführern des Weltstaates allüberall eine heftige Einschüchterungskampagne einsetzte, die immer noch andauert. Die Redensarten und Argumente waren überall die gleichen und wurden von Politikern und Zeitungen aller Parteien benutzt 1).
123 «Da seht ihr's», hieß es, «die Waffe, auf die es keine Antwort mehr gibt, ist erfunden; es gibt keine Verteidigung gegen sie; die Menschheit muß sich einem Weltparlament unterwerfen - oder zugrunde gehen.» England also «muß» sich einer Waffe ergeben, die es selber verschenkt hat! Wären die beiden Bomben nicht abgeworfen worden, und wäre das Monopol für ihre Herstellung nicht im geheimen einem einzigen Lande überlassen worden, dann hätte man diese beiden Argumente nicht benutzen können. Aus diesem Grunde hat man sie wohl abgeworfen. Diejenigen, die jetzt die bedingungslose Kapitulation der gesamten Menschheit, als Folge der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands oder Japans, fordern, haben die Atomwaffe im Stadium unbewaffneter Feindseligkeiten, das dem offenen Waffengang des Krieges folgte, für eine politische Erpressung ausgenutzt. Die Argumente sind sichtlich falsch, aber bei der super-nationalen Politik handelt es sich nicht um Wahrheit, sondern um Massen-Psychologie. «Giftgas», das nie angewandt wurde, hieß das Schreckgespenst, mit dem die Welt-Staatsmänner die Menschheit vor dem Zweiten Weltkrieg ins Bockshorn jagten; jetzt hat das Ding nur einen anderen Namen bekommen. Offenbar blieb «der Menschheit» ohnehin keine andere Wahl. Die ersten, auf welche diese Bomben abgeworfen wurden, hatten keine Wahl, genau so wenig wie ihre Nachfolger, falls irgend ein Komitee den Beschluß fassen sollte, solche gegen sie anzuwenden. Die Unterwerfung unter einen Weltstaat aber wird nicht mehr Frieden oder Sicherheit bringen, als sie die Kapitulation vor der Ogpu oder der Gestapo den Russen und den Deutschen gebracht hat. Die «soziale Sicherheit», die man auf diese Art und Weise erreicht, gleicht der eines Belsen, und der Weltstaat wird seinen Willen durch eine Weltgestapo durchsetzen. Im 20. Jahrhundert, das den Anfang einer solchen Entwicklung erlebt hat, erscheint jenes «Parlament der Menschheit» und jene «Föderation der Welt», von 124 denen die Dichter des 19. Jahrhunderts schwärmten, als die blutigste aller Tyrraneien. Die Gestalt dieses Planes wurde mir in den Jahren 1942/43 klar, als alle jene anderen unerklärlichen Dinge geschahen. Damals startete die große Kampagne für die «Abschaffung der nationalen Souveränität», eine Parole, die papageienhaft von allen jenen Laute aufgegriffen wurde, die seinerzeit die Friedensliebe in Hitler und die Freiheit in Rußland verkörpert sahen. Die Weltstaatsmänner traten ans Licht. Sie lagen den Völkern in den Ohren, ihre “Freiheit” (was gleichbedeutend mit der «nationalen Souveränität“ ist) gegen den Faschismus zu verteidigen - und sie hinterher irgend einer anonymen, super-nationalen Gesellschaft auszuliefern. Solche Leute saßen überall in den Regierungen, Ministerien und Parteien, und ich glaube, daß es ihnen in vielen Ländern gelungen ist, entscheidenden Einfluß auf wichtige politische Beschlüsse auszuüben. Ich habe auf ihre Existenz und ihre Pläne in meinem letzten Buch «Falls wir es bereuen sollten» hingewiesen. Ihr Trumpf ist die internationale Polizeitruppe und ihr Aß, das mit einem heftigen Schlag auf dem Tisch ausgespielt wurde, die Atombombe. «Jetzt müßt ihr euch alle unterordnen», hieß es, „alle, wo ihr auch seid!» Die Weltstaatsmänner kamen auf diese Weise, durch «Not-Vollmachten» und die Notstands-Potentaten der beiden Kriege, dem Gipfel ihres Strebens sehr nahe. Nur wenn freie und durch Wahlen bestellte Parlamente in den verschiedenen Ländern beseitigt sind, die öffentliche Meinungsbildung durch die Kriegs-Propaganda erstickt und die öffentliche Kritik ausgeschaltet worden sind, können solche Ziele verfolgt werden. Lloyd George und Präsident Wilson waren die ersten Männer, die man für diesen Zweck ausnutzte, aber Präsident Roosevelt war weit gefährlicher. Er starb, bevor der Zweite Weltkrieg endete, aber er hatte bereits das Gerüst des Weltstaates errichtet und an die Spitze seiner zahlreichen Departemente Männer gesetzt, die in der Umgebung der 125 schattenhaften «Ratgeber“ Präsident Wilsons aufgewachsen und geschult worden waren. Die Organisation der «Vereinigten Nationen» bietet ein fesselndes Studium. Sie zählt Dutzende von Komitees und Ausschüssen, die alle in Nordamerika tagen und der Welt nur durch ihre Abkürzungen: UNRRA, COBSRA, UNESCO und unzählige andere bekannt sind. In der Theorie, die noch nicht zur unwiderruflichen Tatsache geworden ist, bergen sich hinter diesen Abkürzungen die künftigen Welt-Kommissare, die mit einer unwiderstehlichen Macht im Rücken der gesamten Menschheit Vorschriften über das Essen, die Erziehung, das Wohnen und andere Dinge erlassen würden 2). Ein solches Regime kann, wie jede andere Diktatur, nur mit Gewalt aufrechterhalten werden. Die Zustimmung der Welt zu solch einer Gewaltanwendung wurde in nützlicher Frist gefordert. Die Welt-Staatsmänner beanspruchten das Recht für sich, ihren Erlassen genau so Nachachtung zu verschaffen, wie Hitler die Tschechoslowakei und Stalin Polen zur Unterwerfung gezwungen hatte. Die Ereignisse vom Juni 1946, die von den davon betroffenen Massen noch immer nicht erfaßt werden, scheinen mir die bemerkenswertesten unserer zwanzig Jahrhunderte zu sein: Bei einer Tagung der «Vereinigten Nationen» in New York machte der Delegierte der Vereinigten Staaten für Atom-Angelegenheiten, Bernard Baruch, einer von Präsident Roosevelts Ratgebern, den Antrag, eine Körperschaft zu ernennen, die den Namen „Atomic Development Authority" führen sollte. Mit anderen Worten: man wollte eine neue Reihenfolge von Abkürzungsbuchstaben aufstellen, die ADA. Die Ziele dieser Kommission sollten sein: 1. Ein Weltmonopol für die Atombombe; 2. eine sich über die
126 ganze Welt ertreckende Aufsichtsgewalt, um die Herstellung von Atombomben seitens jeder anderen Macht zu verhindern; 3. die Befugnis, die „Zähne» (lies: Atombomben) gebrauchen zu dürfen zur sofortigen, raschen und nachhaltigen Bestrafung aller, welche die zwischen den Völkern abgeschlossenen Uebereinkommen verletzen.“ Dies war der herrlich verwegene, offene Plan für eine Weltdiktatur, welche diesen Planeten durch Atomterror beherrschen sollte. Wenn niemand anderes als diese maskierte Dame ADA über Atombomben verfügen durfte (und nur in diesem Falle), würde die Atombombe in der Tat eine unwiderstehliche Macht werden. Wenn man allen anderen verbot, sich dagegen zu verteidigen (und einzig und allein in diesem Falle), würde es gegen sie wirklich „keine Verteidigungsmöglichkeit» geben. Der Sinn der Drohung: Die Menschheit muß wählen!» wurde deutlich. Der zukünftige Forscher mag an Hand der Spalten britischer Zeitungen feststellen, daß dieser ungeheuerliche Vorschlag der britischen Oeffentlichkeit als ein Akt der Selbstlosigkeit zur Zerstörung aller Atombomben hingestellt wurde, so daß also niemand mehr über sie verfügte. Tatsächlich bezweckte er das genaue Gegenteil. Wir näherten uns dem Welt-Terroristen-Staat. Der “Sicherheitsrat» (der künftige Forscher möge beachten, dass im 20. Jahrhundert das Wort «Sicherheit» immer "Gefahr» bedeutet) der Vereinigten Nationen hat fünf Mitglieder: Amerika, Grossbritannien, China, Frankreich und die Sowjetunion. Hätten fünf Männer Ja gesagt, dann hätte «die Menschheit» angesichts der Atom-Drohung «die nationale Souveränität preisgegeben». Der Vorschlag kam von Seiten der Vereinigten Staaten; der Vertreter Grossbritanniens «gab seiner uneingeschränkten Zustimmung» Ausdruck; Frankreich und China waren außerstande, sich aufzulehnen. Es blieb die Sowjetunion. Nun aber enthielt dieser Antrag, die Welt durch ein Monopol für die Atombombe in Sklaverei zu halten, noch eine weitere Klausel. Diese sah vor, daß auch die fünf Sicherheits-Räte, nach- 127 dem sie ADA inthronisiert hatten, künftig nicht mehr das Recht haben sollten, irgend welche Bedenken gegen eine Atom-Aktion, welche ADA in Vorschlag brachte, zu erheben. Sehe einer also ADA, Königin des Erdballs, und ihre Kammerzofe, die monopolisierte Atombombe! Hier war die erste unverhüllte Forderung auf uneingeschränkte, unangefochtene Macht über die Menschheit. An diesem Punkt erlitt der große Plan jedoch für diesmal einen Rückschlag. Die “Organisation der Vereinigten Nationen» war von Anfang an ein großer Schwindel, weil jeder der fünf im Sicherheitsrat vertretenen Staaten (und nur diese) das Recht besaß, sein Veto gegen eine Strafmaßnahme einzulegen, die sich gegen ihn selber richten sollte, sofern er als «Angreifer» bezeichnet werden sollte. Das bedeutete nicht mehr und nicht weniger, als daß jede dieser Großmächte einen kleineren Staat, nach dem Beispiel Hitlers oder Stalins, angreifen durfte und zugleich jede Maßnahme gegen sich selber verhindern konnte. Dieses «Vetorecht» war in die «Satzungen der Vereinigten Nationen» auf Betreiben der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion aufgenommen worden. Nun forderte Amerika im Interesse von Königin ADA, daß auf dieses Recht verzichtet werde, und die Sowjetunion erhob Einwände. Aus diesem Grunde war der kommunistische Daily Worker 3) die einzige Londoner Zeitung, welche den Antrag ganz korrekt als einen Vorschlag bezeichnete, «unbegrenzte Macht in die Hände einer neuen, internationalen Organisation zu legen». Auf diese Weise und aus eigenen Motiven, auf deren Hilfe wir in Zukunft nicht bauen können, widersetzte sich die Sowjet-
128 union einen tödlichen Anschlag gegen England. Der Antrag lief darauf hinaus, daß ein Irgendetwas, ADA genannt (und wer wußte schon, welche Männer dahinterstanden), die souveräne Macht besitzen sollte, Atombomben gegen „jeden anzuwenden, welcher die Atomkontrolle verletzt». Die Methode ist so alt wie das politische Streben und war schon Shakespeare bekannt, der schrieb: «Schrei ! „Verwüstung!“ und laß die Kriegsmeute los!» - -Schrei „Vertragsbruch!“ und laß die Atombombe starten!» Auf diese Weise war dem großen Plan vorübergehend Einhalt geboten, aber auch heute, fünfzehn Monate später, da ich dieses schreibe, wird er nachdrücklich betrieben und wird auch die wahre Absicht hinter allem Tumult sein, falls und wenn die Kampfhandlungen wieder aufgenommen werden. Die Absicht ist, die Menschen durch die Angst vor einem Kriege solange zu zermürben, bis sie sich einer Diktatur beugen. Sie merken nicht, bevor sie es erfahren haben, daß eine Diktatur verderblicher ist als jeder Krieg, und daß eine Weltdiktatur die verderblichste von allen sein würde. Konzentrationslager, Sklavenarbeitslager und Hunger als Werkzeuge der Diktatur gegen die Bevölkerung haben in Rußland und in Deutschland mehr Menschen ums Leben gebracht als beide Weltkriege und alle Waffen zusammen. Das ist der Grund, weshalb die Menschen "Not-Vollmachten”, «gelenkten Arbeitseinsatz» und die «Brotrationierung“ mehr als Sprengstoffe und den Welt-Staat mehr als die Atombombe fürchten sollten. Die Menschen sind rasch bereit, vor eingebildeten Gefahren zu zittern, und langsam im Erkennen der wahren Gefahren. In Amerika brach im Jahre 1938 eine Massen-Panik aus, als der Rundfunk eine Landung von Marsbewohnern meldete (obschon es sich nur um ein Hörspiel handelte), und im Jahre 1947 zeigten sich ganz ähnliche Herdeninstinkte bei Himmelserscheinungen, die „fliegende Teller» genannt wurden. Es wäre leicht festzustellen, was sie in Wirklichkeit zu fürchten haben, wenn sie staatlich gelenkte Hungersnöte gegen die Bevölkerung im kommunistischen 129 Rußland studieren wollten. W. H. Chamberlins «Das Eiserne Zeitalter in Rußland» beschrieb diese grauenhaften Dinge in den dreißiger Jahren. Und Victor Kravchenko, ein hoher Sowjetbeamter, der den Absprung wagte, berichtet darüber in «Ich wählte die Freiheit» folgendes: «Die Regierung hortete ungeheure Reserven, während die Bauern Hungers starben. Warum das geschah, konnte nur Stalins Polithüro erzählen - und das schwieg ... Der grausame Prozeß der Kollektivierung, die von Menschenhand verhängte Hungersnot der Jahre 1931-33, die gargantualischen Grausamkeiten in den Jahren der «Säuberungen» - alles das ließ tiefe Wunden zurück. Es gab kaum eine Familie, die nicht Opfer bei der Offensive des Regimes gegen die Massen der Bevölkerung zu beklagen hatte. Stalin und seine Genossen waren nicht von unserer Loyalität gegenüber Rußland beunruhigt; sie waren mit vollem Recht beunruhigt durch unsere Loyalität ihnen selbst gegenüber. In ihren nächtlichen Alpträumen sahen sie vielleicht zwanzig Millionen Sklaven zwischen Gefängnismauern und Stacheldrahtverhauen durchbrechen und sich zu einem gigantischen Aufruhr des Hasses und der Rache einigen ... » David Dallin, früher Mitglied des Moskauer Sowjets, schätzt in seinem Buche «Das wahre Gesicht der Sowjetunion» die Zahl der Arbeiter in Konzentrationslagern (oder der «Personen, welche zu Zwangsarbeit verurteilt sind») auf nicht weniger und wahrscheinlich sogar höher als die Gesamtzahl der in Freiheit befindlichen Industriearbeiter, die sich in den Jahren 1938/39 auf ungefähr acht Millionen belief 4). «Die Hungersnöte in den Jahren 1921/22 und 1932/33», sagt er, «hatten eher politische Gründe, als daß sie auf Naturkatastrophen beruhten.» Hinsichtlich der zweiten Hungersnot fügt er hinzu: «Nur weil der Staat auf der Ablieferung seines eigenen Anteils» (an der Weizenernte) «bestanden hatte, kam es in vielen landwirtschaftlich er-
130 giebigen Gebieten zu einer furchtbaren Hungersnot mit Millionen von Toten.“ Er gibt an, daß die Bevölkerung Rußlands im Jahre 1914 170 Millionen, und im Jahre 1939 (innerhalb der Grenzen Russlands) wie 1946 schätzungsweise ebensoviel Einwohner zählte, während es bei Beibehaltung der Bevölkerungszunahme nach 1914 rund 290 Millionen hätten sein müssen. Für diesen Ausfall von 95 Millionen Russen macht er in erster Linie die beiden «von Menschen organisierten» Hungersnöte und die Todesfälle in den Zwangsarbeitslagern verantwortlich. Ich habe diese Feststellungen hier nicht gemacht, um den Kommunismus in Rußland anzuklagen, sondern um die tödliche Gefahr der Diktatur zu zeigen und die relative Bedeutungslosigkeit irgendwelcher Atom- oder anderer Waffen bei der Zerstörung menschlichen Lebens zu illustrieren. Tausend Atombomben, auf die ungeheure Leere Rußlands abgeworfen, würden nach meinem Dafürhalten nicht so viele Menschen töten, wie durch die Terror- und Hunger-Herrschaft umgekommen sind. Die Atombombe wird in unserer Zeit dazu benutzt, den Plan einer Welt-Diktatur zu fördern. Der Weg zur Welt-Diktatur führt über die «Preisgabe der nationalen Souveränität». Nach zwanzig Jahrhunderten der Geschichte besteht der Plan, die Menschheit nicht durch die christliche Frohbotschaft, sondern durch die Spaltung von Atomkernen oder deren Androhung zu bekehren. Und das ist des Teufels. |