t C

 

Douglas Reed

Der grosse Plan der Anonymen

 

ZWEITES BUCH

Feuer

1940-1945


II

Der heimliche Krieg

Vor knapp sechs Jahren marschierten die Millionen, sie hatten keine Ahnung, wohin, und die Massen brachen auf zur Flucht, sie wussten nicht, wovor und welchem Schicksal entgegen. Dann war der Krieg mit den Waffen zu Ende. Die Feindseligheiten aber nahmen ihren Fortgang. Der Zweite Weltkrieg, das Pendant des Ersten, ging weiter; genau gesagt: der eine große Krieg des zwanzigsten Jahrhunderts dauerte weiter, und sein Ausgang ist immer noch ungewiß. Immer noch hängt von seinem Ausgang die Zerstörung oder der Fortbestand Europas ab. Die Schwätzer, die davon anfingen, daß «ein zweiter Weltkrieg» oder gar «ein dritter Weltkrieg» das Ende bedeuten würde, hätten ebensogut sagen können, das Haus, in dem sie lebten, wäre «das Ende».

Vermutlich war dies der größte Betrug, den man je an der Menschheit verübt hat. Die Beendigung des Krieges mit den Waffen führte für Europa nur einen Zustand des getarnten Krieges herbei, der schon seit 1936 gedauert hatte, als Hitler das Rheinland besetzte, bis zum Jahre 1939, als er zur offenen Auseinandersetzung mit den Waffen geworden war. Aus dem Rauch gingen wir nur durch das Feuer - in den Qualm. Die Besetzung der Länder fremder Völker mit Waffengewalt und die Einsetzung von Marionettenregierungen in ihnen wurde entgolten; die Zahl der Ver-

105

sklavten wurde nur noch größer und ihre Lage nur noch hoffnungsloser als früher. Die großen Befreiernationen: Großbritannien und die Vereinigten Staaten (oder die Männer, die während des Krieges über sie herrschten) benutzten ihre Macht, um das zustande zu bringen. Bevor der Kriegszustand im Jahre 1939 zum bewaffneten Konflikt wurde, hatte Deutschland Oesterreich und die Tschechoslowakei, und Italien Albanien annektiert. Und als der bewaffnete Konflikt 1945 wieder zum getarnten Kriege wurde, hatte das kommunistische Rußland de facto Polen, Litauen, Lettland, Estland, Bulgarien, Jugoslawien, Albanien, Ungarn, Rumänien, einen Teil von Finnland und der Tschechoslowakei annektiert und beherrschte durch seine Armeen die übrige Tschechoslowakei und die Hälfte von Deutschland.

Als der «Ende-Feuer!»-Befehl gegeben wurde, war das Ziel: die Zerstörung Europas und des Christentums, mit britischer und amerikanischer Hilfe beträchtlich näher gerückt, und das Schicksal des übrigen Europas beruhte auf dem weiteren Verlauf der Feindseligkeiten. Der heimliche Krieg, der politische Krieg, war dem sichtbaren Krieg entgegengelaufen wie eine Lokomotive auf einem anderen Geleise.

Dieser Richtungswechsel der wahren Ziele des Krieges erfolgte, nachdem das kommunistische Rußland und die Vereinigten Staaten durch den deutsch-japanischen Angriff im Jahre 1941 in den Krieg eingetreten waren. Mir ging das im Jahre 1942 auf, und von diesem Augenblicke an verfolgte ich den Weg unserer Armeen in dem großen Waffengang mit einem Gefühl von Mitleid und Sinnlosigkeit. Aber das war falsch, denn sie errangen doch jenes Unbezahlbare, daß wir überlebten, was uns auch jetzt noch immer die Gelegenheit gibt, den Krieg des zwanzigsten Jahrhunderts zu gewinnen. Verlieren wir ihn, dann liegt die Schuld bei uns, den Ueberlebenden!

Seit damals jedoch hatte ich, was die Zukunft betrifft, genau die gleichen Gefühle wie zehn Jahre früher, als ich «Der Jahrmarkt des Wahnsinns» schrieb. Wir waren genau dorthin zurück-

106

geworfen worden, wo wir begonnen hatten, und der unvergängliche Sieg vom September 1940 war auf den Kopf gestellt worden.

Zwischen 1938 und 1943 schrieb ich jährlich ein Buch. Bis zu „Alle unsere Morgen“ (verlegt 1942) fürchtete ich nur eins: dass der Sieg von 1940 dadurch zunichte gemacht würde, daß man Deutschland gestattete, einen dritten Krieg anzuzetteln. In «Falls wir er bedauern sollten» (geschrieben im Frühjahr 1943) hatte ich den grossen Schachzüge hinter dem Krieg der Waffen entdeckt: ein Riese wurde da mit Waffen unterstützt und mit territorialen Abtretungen ermutigt, doch diesmal war es ein anderer: das kommunistische Rußland. Damals schrieb ich: «Unsere Ehre steht und fällt mit Polen. Wir können unmöglich in seine Teilung einwilligen. Wir können nicht Europa ausliefern, weder an Deutschland noch an Rußland, ohne uns damit selber auszuliefern. Kämpfen wir denn diesen Krieg nur für ein zweites München?»

Nach 1943 schrieb ich kein neues Buch mehr. Es wäre nutzlos gewesen, ja vielleicht unmöglich, die riesige Maschinerie der Kriegspropaganda herauszufordern. Die niederschmetternde und einschüchternde Macht der Massenpropaganda auf die Gemüter der Masse ist bedenklich; die Macht des Denkens scheint zuweilen beinahe ausgestorben bei den Menschen. Aber trotz allem war den wenigen Wissenden und Erfahrenen klar, daß die Schachzüge von 1942 und der folgenden Jahre Europa nach dem errungenen „Siege“ in einem Zustand des getarnten Krieges, der Feindseligkeiten ohne Austragung mit den Waffen, belassen würden, der auch jetzt, da ich dieses schreibe, andauert.

In einem vorausgegangenen Kapitel, «Geräuschvoller Vorbote“, habe ich aus einem besonderen Grunde einige Auszüge aus meinen Berichten in den dreißiger Jahren gegeben. Jeder Mann mit einigen Informationen, sei es ein Beamter oder ein Schriftsteller mit meinen Möglichkeiten, gab in den Jahren 1942 und 1943 ähnlich genaue Voraussagen von den zu erwartenden Resultaten dieser Schachzüge jener Jahre. Und auch ihnen verweigerte man auf die gleiche Art das Gehör. Im Jahre 1947 beklagte sich

107

Winston Churchill, als er England vor der neuen Gefahr warnte, man habe seine früheren Warnungen in den Wind geschlagen. Die neue Gefahr jedoch entstammte aus eben den Maßnahmen, für die er selber im weitesten Maße verantwortlich war. Er selber hatte auf keine einzige Warnung gehört, falls sie ihn erreicht hatte, und während seiner Amtszeit im Kriege konnten diese Warnungen nicht bis zum breiten Publikum vordringen.

Die großen Schachzüge hinter dem Krieg mit den Waffen waren vor allem zwei: das britisch-amerikanische Uebereinkommen, dem kommunistischen Rußland die Hälfte von Polen abzutreten (also genau das, was Hitler getan hatte), und die britisch-amerikanische Aufrichtung einer kommunistischen Diktatur in Jugoslawien. Das bedeutete, daß damals - 1942/43 - jener «Eiserne Vorhang» vorbereitet wurde, der sich heute quer durch Mitteleuropa zieht und über den man sich in Amerika so stürmisch und in diesem Lande weniger laut beklagt.

Ein Blick auf die Karte zeigt, was das bedeutet. Das bedeutete, wie auch ein jeder, der in diesen Teilen der Welt und in diesen Angelegenheiten bewandert ist, genau wußte, daß das ganze Gebiet hinter dieser Linie lediglich aus der Hand Nazideutschlands in die Hand des kommunistischen Rußlands wandern würde. Wie groß dieses Gebiet werden sollte, hing einzig und allein davon ab, wie weit man den kommunistischen Armeen gestatten würde, in Europa vorzudringen. Zu erwarten - oder vorzugehen, man erwartete das -, daß sie auf einer papierenen Linie quer durch halb Polen halt machen würden, hieß ganz einfach die Oeffentlichkeit betrügen. Sie würden nur stehen bleiben, wo ihnen die britischen und amerikanischen Armeen entgegentraten. Die britischen und amerikanischen Streitkräfte aber machten durch ganz offensichtlich im voraus getroffene Vereinbarungen auf einer Linie Halt, die von der Adria über Berlin bis zur Ostsee verlief und Europa ganz sauber in zwei Teile zerschnitt.

Die Geschichte dieser beiden Meister-Schachzüge, die da hinter dem Nebel der Kriegsereignisse gemacht wurden, ist aufschluß-

108

reich. Sie begannen mit der schrittweisen Verleugnung der polnischen Exilregierung in London, die eine so tapfere Armee zur Teilnahme an der Schlacht um England aufgestellt hatte. Mit welchem Recht Grossbritannien und die Vereinigten Staaten diese rechtmässige und loyale Regierung einer verbündeten Nation stürzten, wird die Geschichte sich vergeblich fragen. Im März 1943 aber erklärte die „Times» unter der amüsanten Ueberschrift «Die Sicherheit Europas“: «Rußland hat einzig und allein ein Interesse daran, sich zu versichern, daß seine äußere Verteidigungslinie in sicheren·Händen liegt. Diesem Interesse wird am besten damit gedient, wenn die Gebiete zwischen seinen Grenzen und denen Deutschlands von Regierungen und Völkern beherrscht werden, welche ihm gegenüber freundschaftlich eingestellt sind.»

Dies war auch Hitlers Argument gewesen, und mir wurde sofort klar, daß der Krieg mit dem Siege nicht zu Ende sein würde. Im Jahre 1938 hatte die «Times», im Hinblick auf Oesterreich und die Tschechoslowakei, zugunsten Deutschlands ganz ähnliche Empfehlungen gebracht. In beiden Fällen wurden sie von der damaligen britischen Regierung abgelehnt - die danach sogleich das tat, was sie desavouiert und was die «Tirnes» empfohlen hatte. Im Falle Polens wiederholten sich jetzt wiederum die Desavouirung und die nachfolgende Handlungsweise. Ich habe stets allen, die zu wissen wünschen, was ihnen in kommenden Jahren·bevorsteht, empfohlen, die «Times» zu studieren.

Der nächste unmißverständliche Schachzug erfolgte in Jugoslavien. Die Serben hatten sich, um ihren König geschart, gegen Hitler erhoben. Der König stand auf unserer Seite; die Reste seiner Armee, unter seinem Oberbefehlshaber, kämpften in den Bergen. Plötzlich führte die Propaganda-Maschinerie das Wort «Partisanen» in den amtlich-kontrollierten Nachrichten ein. Wer waren diese Neukömmlinge? Nun, die Kommunisten mobilisierten ihren „unzerstörbaren Kern», erklärte Winston Churchill. Dann mit einemmal tauchte «Marschall» Tito auf - ein Mann, bei dem weder der Rang noch der Name echt ist. Man beachte die Hand

109

hinter den Kulissen! Dieser Mann, der wie Hitler von irgend woher, wie der «Knüppel aus dem Sack“ auftauchte, stand ungefähr in dessen Jahren und war irgendwo in derselben alten österreichisch-ungarischen Monarchie geboren worden, für die Welt ein Unbekannter - nicht aber für Moskau, wo er jahrelang geschult worden war.

Waren seine Beglaubigungsschreiben wohl dermaßen gut, daß man ihn mit solchem Respekt behandeln mußte? Will man ihm ebenfalls gutschreiben, wie es die Dummköpfe bei Hitler getan haben, daß er, einzig und allein von seiner Persönlichkeit getragen, so kometenhaft an die Macht gelangte? Moskau hatte ihn geschult, aber London und Washington verhalfen ihm auf den Thron. Dem rechtmäßigen verbündeten König (den man in London und Washington sogar entthronte) und seinem Oberbefehlshaber verweigerten Großbritannien und die Vereinigten Staaten sehr bald jegliche Waffen- und Geld-Hilfe. Alles ging an «Tito». Aus von Fallschirmen getragenen Kanistern regnete es britische Gold-Sovereigns auf ihn hinab. Was bewog wohl einen Präsidenten Roosevelt, der «Nieder mit der Diktatur!» schrie, selbst eine zu gründen, oder einen Winston Churehill, der über das Chaos als Folge des Krieges klagte, es selbst ausbreiten zu helfen?

Der Eiserne Vorhang wurde gezogen, der getarnte Krieg der Jahre nach 1945 begann. All dies ereignete sich unter der Herrschaft der «Drei Großen» in den Jahren 1942-1945. Der Erste Weltkrieg hatte dafür keine Parallele, und das Sich-Fügen der Oeffentlichkeit wäre undenkbar gewesen, bevor es sich ereignet hatte. So scheint die tödliche Gefahr des Krieges im 20. Jahrhundert darin zu liegen, daß sich freie Völker ganz mechanisch mit dem neuen Dogma abfinden: Wenn ein offener Kampf beginnt, müssen die amtierenden Politiker uneingeschränkte, diktatorische Macht besitzen. Es ist aber im Kriege noch gefährlicher als im Frieden, wenn ein einziger Mensch sich das göttliche Recht anmaßt, über weit entlegene Völker und Länder nach eigenem Ermessen zu verfügen.

110

Die Höhepunkte dieser Zeit waren die Konferenzen von Moskau, Teheran und Yalta (auf der letzten war der Präsident der Vereinigten Staaten ganz offensichtlich ein sterbender Mann). Wo alles im geheimen getan wird, bleiben der Oeffentlichkeit nur Vermutungen. Wir können deshalb nur betrachten, was diese drei Männer, die in Kontinenten und Millionen sprachen, getan haben. Stalin ist schon seit langem der unangefochtene Beherrscher der versklavten Rußland, nur ein Gefangener seiner eigenen Befürchtungen, die ihn davon abhalten, jemals den Bereich seiner eigenen Armeen zu verlassen oder seinen Russen mehr als nur seinen Kopf auf dem Roten Platz zu zeigen.

Die Vorsichtigen und weitschauenden Schöpfer der Verfassung der Vereinigten Staaten sahen nicht so weit voraus wie ein wiederholt neugewählter Präsident mit einer autokratischen Macht bis weit über die westliche Hemisphäre.

Winston Churchill war während des Krieges mit allen Machtmitteln ausgestattet. Nach meinem Urteil ist er der einzige von den dreien, dessen Herz wirklich und wahrhaftig für eine freie Gesellschaftsstruktur und freie Menschen schlug. Und doch geriet er weitab von diesen Idealen, als er in seinem Eifer, «den Krieg zu gewinnen“, jene Notstandsmaßnahmen ergriff, welche die Natter am Busen der Freiheit sind. Er sagte einmal im Parlament etwas, was darauf schließen läßt, er habe sich - so allmächtig er in England zu sein schien - als Gefangener zwischen zwei größeren Mächten gefühlt, und wer kann wissen, welche Mächte sich hinter jenen verbargen? Hat er unter dem Druck, der ihm überwältigend schien, einer Verstümmelung Europas zugestimmt, die er selber dann später heftig anprangern sollte?

Ueber allem dem liegt ein Geheimnis, es sei denn, seine Memoiren lüften einmal, wenn sie erscheinen, den Schleier. Das Ergebnis aber liegt offen zu Tage, und wenn hinter irgend einem der anderen Männer Mächte standen, welche die Zerstörung Europas wünschen, dann waren sie ihrem Ziel beträchtlich näher gekom-

111

men. Bestimmt hat Stalin vorausgesehen, daß es ein zweigeteiltes Europa geben würde, eine kommunistische Hälfte, die an britischer und amerikanischer Materialhilfe und Gold erstickte, und die Fortsetzung der Feindseligkeiten. Ist es möglich, daß Präsident Roosevelt und Winston ChurchiII das nicht vorausgesehen haben? Mir scheint, dieser Präsident sei das Opfer scharfsinnigerer Geister und ein Werkzeug zu Zwecken gewesen, die er gar nicht verstand 1). Wollte man ihn politisch klassifizieren, so gehört er zu jener Schule des Liberalismus, die ungezählte Millionen in Trauer gestürzt hat. Winston Churchill aber, der Zoll um Zoll für sein Vaterland kämpfte, fühlte sich zu schwach, um einem übermächtigen Druck standzuhalten - viellcicht war er auch schlecht beraten.

Bisweilen schien er auch zu sehen, was da gebraut wurde. Nach den Meister-Schachzügen in Polen und Jugoslawien stand noch ein Zug offen, mit dem der Krieg immer noch zu "gewinnen» war. Das war eine frühe Invasion, welche die britisch-amerikanische Armeen in die auf Befreiung hoffenden Länder führte, ehe die bolschewistischen Armeen sie besetzten. Es gab einen Augenblick, da ich hoffte, daß er das sähe, denn er sagte den Amerikanern (im Mai 1943, in Washington): "Wir haben viele schwere

1) Präsident Roosevelts Politik gipfelte in einem Projekt für die Nachkriegszeit, das die Teilung Deutschlands und die Zerstörung des deutschen Volkes vorsah: dem Morgenthau-Plan. Dieses phantastische Projekt, das in der Geschichte der zivilisierten Menschheit einzig dasteht, nahm in dem Abkommen von Potsdam Gestalt an, das nach Präsident Roosevelts Tod von Präsident Truman unterzeichnet wurde.

James Byrnes, Außenminister der Vereinigten Staaten unter Präsident Roosevelt, berichtet in seinem Buche „Speaking Frankly“, daß Präsident Roosevelt bei Stimsons Vorwürfen, daß er den Morgenthau-Plan unterstützt habe, „zustimmte“ und sagte, „er wüßte nicht, wie es dabei zugegangen wäre, es müßte geschehen sein, ohne daß er sich dabei viel gedacht hätte“. William Henry Chamberlin sagte von dem Potsdamer Abkommen (das von Truman, Attlee und Stalin unterzeichnet wurde): „Die mildeste Erklärung für die Handlungsweise einiger seiner Unterzeichner ist ihre abgrundtiefe Unkenntnis dessen, was sie taten.“

112

Gefahren überwunden, aber es gibt eine schwere Gefahr, die uns bis ans Ende begleiten wird. Diese Gefahr ist eine unnötige Verlängerung des Krieges.“ Ich hatte den Eindruck, daß er mit diesen Worten irgendjemanden in Washington ermahnte.

Wenn es einen Weg gab, den Krieg abzukürzen und zu gewinnen, dann nur eine zeitige Invasion; und wenn es mit Sicherheit einen gab, um ihn zu verlängern und das Andauern der Feindselichkeiten in Europa zu gewährleisten, dann ein Aufschieben der Invasion. Die Invasion wurde aufgeschoben.

In dieser Beziehung zeigte sich wieder einmal die Verwirrung in der öffentlichen Meinung Englands, auf die ich in den dreißiger Jahren im «Jahrmarkt des Wahnsinns» hinwies. Damals schrieb ich, der einzige Weg, den Krieg zu verhindern und die Ausbreitung des Kommunismus abzuwenden, sei ein Bündnis mit Rußland. Falls wir nicht eine solches eingingen, dann würde Hitler es tun. Die Leute in England begriffen das nicht, so wenig wie sie in den Jahren 1942/43 einsahen, daß der einzige Weg zur Eindämmung des kommunnismus die von Stalin geforderte frühe Invasion war. Sie glaubten, das würde dem «Kommunismus helfen». Ich hoffe (aber ich bezweifle es), daß die guten Leute heute diese beiden Irrtümer eingesehen haben.

Die Invasion wurde aufgeschohen, oder besser: sie wurde sinnlos auf Afrika und Italien abgelenkt. Auf Europa angesetzt, während riesige deutsche Armeen in Rußland festgehalten waren, hätte sie den wahren und nicht den falschen Sieg gebracht, den Winston Churchill später betrauerte.

Wer bekehrte wen, wer gab wessen Druck nach? Die Schachzüge in Polen und Jugoslawien und der einjährige Aufschub der Invasion zimmerten die Bühne für das Melodrama der fünfziger Jahre: ein zwiegeteiltes Europa, oder Ost gegen West, Kommunismus gegen Kapitalismus, Asien gegen Amerika - oder welchen irreführenden Namen man auch immer für die Massen wählen mag.

113

War das ganze wiederum eine einzige Kette von Irrtümern? Diese Erklärung will einem schwer in den Kopf. Was aber klar ist, das ist der unleugbare Anteil der über-nationalen Kräfte während dieses ganzen Krieges des 20. Jahrhunderts, um jene Popanze zur Macht zu bringen, die niederzuringen die Völker dann später berufen wurden, nur um sie hinterher merken zu lassen, daß - während sie das besorgt hatten - andere an ihre Stelle gesetzt worden waren. Immer und überall erscheint die Finanzmacht als der Gegner von Frieden und Freiheit der Völker, und während ein Tyrann niedergerungen wird, hat sie ihre Hilfe schon einem anderen geschenkt. Britisches und amerikanisches Kapital finanzierte die deutsche Wiederaufrüstung, und Hitler wurde mit Gebietsabtretungen ermutigt, diesen Krieg zu beginnen. Als er dann Rußland angriff, wurde die ganze Unterstützung auf den neuen, kommenden Angreifer übertragen. Betrachtet man die Zukunft, dann ist es zwecklos zu übersehen, welchen Anteil britisches und amerikanisches Geld gespielt hat, um das kommunistische Weltreich bis ins Herz Europas vordringen zu lassen.

Der Umfang der britischen und amerikanischen Hilfe, die das kommunistische Rußland erhielt, als seine Absichten bereits sehr wohl bekannt waren, war ungeheuerlich, und das waren keine papierenen Anleihen oder buchhalterische Transaktionen, sondern Materiallieferungen und Gold. Sie wurden ohne jede öffentliche Kontrolle gespendet und konnten nur gerechtfertigt werden, wenn sie einen «gemeinsamen Sieg» zustande brachten. Aber wie man voraussehen konnte, geschah das nicht.

Es ist bemerkenswert, wie gut die Handlungsweise Hitlers in diesen Rahmen paßt. Wenn er nicht fähig war, die Invasion in England zu bewerkstelligen, dann hatte es sich überhaupt nicht gelohnt, diesen Krieg anzufangen, es sei denn, er habe Deutschland zerstören wollen. Dasselbe geschah nochmals vor Moskau 2). Ich glaube, daß Hitler selbst den Befehl zum Rückzug gegeben hat, und weise abermals auf das Geheimnis seiner Herkunft und seiner Beweggrunde hin. Und dann haben wir noch die unerklär-

114

lichen Ereignisse von Pearl Harbour, das trotz vielen Warnungen einem japanischen Angriff wehrlos ausgesetzt blieb 3).

Es gibt noch einen andern Schachzug, der den Krieg entweder abwenden oder, wenn schon begonnen, abkürzen konnte. Das war die Beseitigung Hitlers. Es erscheint jetzt überzeugend belegt, daß jeder derartige deutsche Versuch von Moskau (wo man den deutschem Kommunismus verbot, sich an solchen Unternehmen zu beteiligen), aber auch von London und Washington durchkreuzt wurde. Wenn es verborgene Hände gab, die den Verlauf und die Ergebnisse dieses Krieges verkehren oder ihn verlängern wollten, dann muss dies ihr Triumph gewesen sein.

Diese Geschichte zieht sich durch wenigstens sechs Jahre hin, von 1938 bis 1944. Im Jahre 1938 erkannten führende deutsche Generäle und Politiker, an ihrer Spitze der Chef des Generalstabes, Beck, und der Oberbürgermeister von Leipzig, Karl Goerdeler, dass Hitler im Begriffe war, einen europäischen Krieg zu beginnen. General Beck besprach sich mit dem ganzen deutschen Generalstab machte ihm klar, daß Deutschland nicht imstande sei, einen europäischen Krieg zu gewinnen, und daß ein Weltkrieg

2) Victor Kravchenko, damals Hauptmann der Roten Armee, beschreibt in seinem Buch „Ich wählte die Freiheit“ die Verwirrung und Panik in Moskau zwischen dem 13. und 18. Oktober und sagte: .Die Deutschen hätten Moskau während dieser Tage ohne Kampf einnehmen können ... Warum sie sich zurückzogen ist ein Geheimnis, das nur die Deutschen selber vor der Geschickte aufdecken können.“

3) Der amerikanische Schriftsteller George Morgenstern schrieb ein Buch, „Pearl Harbour, The Story of the Secret War“, das von den meisten Kritikern entweder übergangen oder lächerlich gemacht worden ist, aber das großes Interesse bei der Oeffentlichkeit und steigenden Absatz gefunden hat. Das „American Journal of International Law“ schreibt sehr ernst über dieses Buch: „Entweder geht Morgenstern einer falschen Fährte nach, oder dieser Krieg war von amtlichen Personen Amerikas geplant, die ihre Landsleute betrogen haben. Solange der Gegenbeweis nicht geliefert wird, bleibt die Beschuldigung aufrecht ... Der Autor, der sich des sensationellen Charakters seiner Behauptungen bewußt war, hat sich durch Auszüge aus Originalakten gesichert. Es bleibt nun den Verteidigern der amtlichen Lesart über Pearl Harbour überlassen, diese zu entkräften.“

115

Deutschland zugrunderichten werde. Beck und Goerdeler informierten die britische Regierung über Hitlers Pläne und empfahlen eine eindeutige britische Erklärung, daß jede gegen die Tschechoslowakei gerichtete Aktion den Krieg bedeutete. Beck forderte auch die kommandierenden Generäle der deutschen Armee auf, sich im Kriegsfalle gegen Hitler zu erheben.

London gab keine Antwort. Statt dessen machte Chamberlain drei Flüge zu Hitler, und Großbritannien und Frankreich forderten die Tschechoslowakei auf, vor Deutschland zu kapitulieren.

Mit der Zurückweisung dieses Angebots und dem Pakt von München wurde der Krieg zur Gewißheit, falls Hitler und Stalin sich die Hände reichten, wie sie es im September 1939 dann auch wirklich taten. Von da an machte die Propaganda-Maschinerie den Massen während sechs Jahren (beziehungsweise vier, was Rußland betrifft) weis, daß der für den Krieg verantwortliche Mann einzig und allein Hitler sei und daß dessen Sturz ihn beenden werde. Und doch wurde dabei jeder Versuch seitens derer, die ihn allein umbringen konnten, der Deutschen nämlich, zurückgewiesen und verheimlicht.

Im Jahre 1940 traf ein englischer Besucher, J. Lonsdale-Bryans, in Rom den künftigen Schwiegersohn Ullrich von Hassels und hörte von ihm, daß Hitlers Gegner in Deutschland immer noch gewillt waren, loszuschlagen, falls sie auf die Hilfe Großbritanniens rechnen konnten. Lonsdale-Bryans informierte das Foreign Office, erhielt die Möglichkeit zurückzukehren und hatte im Februar 1940 eine Begegnung mit von Hassel in der Schweiz, wo Hassel ihm ein Memorandum mit dem Entwurf einer Verfassung für ein reformiertes Deutschland mit demokratischer Staatsordnung übergab, die nach Hitlers Beseitigung eingeführt werden sollte. Als Lonsdale-Bryans damit nach London kam, konnte er jedoch für seine zweite Begegnung mit von Hassel nur einen Brief erwirken, in dem «die britische Regierung ihre Anerkennung für das beträchtliche Risiko» aussprach, das dieser dem Verhängnis geweihte Deutsche damit eingegangen war, seine Vorschläge

116

schriftlich zu fassen und zu unterzeichnen. Von Hassel gab weitere Proben für seine gute Gesinnung, indem er Lonsdale-Bryans warnte, daß Deutschland die Niederlande angreifen und Italien in den Krieg eintreten werde. (Ich glaube, daß Lonsdale-Bryans, von dem ich diese authentischen Angaben habe, ein Buch über diese Verhandlungen geschrieben hat, und hoffe, daß es auch erscheint.)

Ach! Wenn nur Hitler tot wäre! jammerten die Politiker, die Leitartikler und die Schlagerdichter im Chor. Aber Hitler hatte mehr Freunde als diejenigen, die ihn zu beseitigen trachteten. Um 1941 herum gehörten zu ihnen Männer aus allen sozialen, politischen und religiösen Lagern in Deutschland 4). Im Jahre 1942 übergab Dietrich Bonhoeffer dem Bischof von Chichester in Schweden ein Memorandum an die britische Regierung. «Sagen Sie uns nur, daß Sie mit einem von Hitler befreiten Deutschland verständig umgehen wollen», heißt es da flehentlich, «und wir werden handeln.» Der Bischof informierte die britische Regierung, auch die amerikanische wurde auf dem laufenden gehalten. «Aber zur bitteren Enttäuschung der Verschwörer» wurde nichts unternommen.

Statt dessen kam es zu einer Begegnung von zweien der Kriegsführer in Casablanca, im Januar 1943, und zur Forderung (die vermutlich den abwesenden Dritten besänftigen sollte, der schon eine deutsche Armee schulte) nach «bedingungsloser Kapitulation". W. A. Dulles sagt darüber: «Bisweilen schien es, als ob diejenigen, welche für die Politik in Amerika und England verantwortlich waren, die militärischen Aufgaben so schwierig wie nur möglich gestalteten, indem sie alle Deutschen zum Widerstand bis zum bittern Ende einigten.»

Ja, es hat den Anschein, als ob der Krieg mit allen Mitteln

4) Erbeutete deutsche Dokumente lassen erkennen, daß mehr als 4980 Deutsche nach dem letzten Attentat gegen Hitler am 20. Juli 1944 hingerichtet worden sind.

116

verlängert wurde, damit der Zustand andauernder Feindseligkeiten daraus hervorginge. Aber wer «war für die Politik in Amerika und in England verantwortlich»?

Die amerikanischen und britischen Führer im Kriege schienen allmächtig zu sein, aber waren sie es wirklich? Meiner Ansicht nach waren Winston Churchills Macht Grenzen gesetzt durch die Notwendigkeit (wie er sie sah), den Krösus, den mächtigen, unerschöpften Verbündeten günstig zu stimmen. Präsident Roosevelt war also der stärkere - aber war seine Macht absolut? Wenn sie es war, dann war das gefährlich, denn das Buch seines Sohnes zeigt uns einen Mann, der von Europa nichts verstand und dessen Gedankengang sehr jugendlich-unreif und befangen war.

Seine Macht scheint von seinen «Ratgebern» eingeschränkt gewesen zu sein. Während seiner langen Präsidentschaft ließ er jenes geheimnisvolle und gefährliche Amt wieder aufleben, das zum ersten Male in den Jahren 1914-1918 neben Woodrow Wilson sichtbar geworden war: den «Ratgeber des Präsidenten». Ein solches Amt ist in der amerikanische Verfassung gar nicht vorgesehen, und diese «Ratgeber» scheinen mir große Machtvollkommenheiten entwickelt zu haben, ohne mit der geringsten Verantwortung belastet worden zu sein. Präsident Roosevelt war umgeben von Männern - häufig von osteuropäischer Herkunft -, denen er kraft seiner oft erneuerten, außerordentlichen Vollmachten ungeheure Machtvollkommenheiten über die Menschheit weitab der Vereinigten Staaten übertrug. Als er starb, wurden solche, niemals durch eine Wahl bestätigte Männer als die Häupter der verschiedensten Körperschaften sichtbar, welche sich zum Ziel gesetzt haben, das Wohl und Wehe von Millionen in Europa im Namen der «Vereinigten Nationen» diktatorisch zu entscheiden. Wenn es einen geheimen Plan der großen Drahtzieher gab, dann wurde er damals sichtbar. Durch die Zeiten der Kriegsverwirrung und durch die Potentaten des Notstandes war die Macht in der Welt von den gewählten Regierungen in den verschiedenen Ländern an die - alle in Amerika beheimateten - Departemente einer Welt·Re-

118

gierung übergangen. Und die Welt-Beherrscher, scheint mir, tragen damals aus dem Dunkeln hervor.

Der Plan lief augenscheinlich darauf hinaus, durch «Not-Vollmachten“ eine Weltdiktatur auf den Ruinen der verschwundenen Diktaturen zu errichten. Ihm war kein voller Erfolg beschieden, aber er hat beträchtliche Fortschritte gemacht. Er kann nur völlig verwirklicht werden, wenn der Krieg des 20. Jahrhunderts weiter andauert, und das ist meiner Ansicht nach der Grund, warum dessen Fortsetzung vorbereitet wurde.

Nehmen wir einmal - um der Diskussion willen - an, es gäbe keinen geheimen Krieg, es hätte keine - obschon ich das behaupte - Schachzüge gegeben, die man einem unverständigen Präsidenten der Vereinigten Staaten und einem hart bedrängten britischen Premierminister aufgezwungen hat, um die Kriegsziele zu verkehren und die Fortsetzung der Feindseligkeiten bei Kriegsende zu erreichen. In diesem Falle blieb bei Beendigung der Kampfhandlungen ein Schachzug offen, durch den der gutgläubige Krieg noch immer hätte gewonnen und sein ursprüngliches Ziel hätte erreicht werden können. Dieser Schachzug war, die britischen und amerikanischen Streitkräfte solange unvermindert in Europa zu belassen, bis daß das kommunistische Weltreich einen Friedensvertrag unterzeichnet und dessen Verpflichtungen damit eingelöst haben würde, sich bis wenigstens zur Mitte von Polen zurückzuziehen und der britischen und amerikanischen Oeffentlichkeit alles das bekanntzugeben.

Das Gegenteil jedoch trat ein, und dies war der erste Schachzug in dem heimlichen Kriege hinter der Fassade des Friedens. Die britischen und amerikanischen Streitkräfte wurden übereilt zurückgezogen (die Aufmerksamkeit der Massen wurde derweilen mit den Nürnberger Gerichtsverhandlungen beschäftigt), bis nur noch kleine Garnisonen übrig blieben, die gar nicht mehr imstande waren, den Dieb mit seiner Beute zu behelligen.

Gleich danach aber wiederholte sich die Situation der drei-

119

ßigcr Jahre im Faksimile, als Hitler gleichzeitig getadelt und ermutigt wurde. Ein lautes Jammern über die Unvernunft und den schlechten Willen der Sowjets begann. Am 1. Juli 1947 erklärte General Marshall mit vorwurfsvollen Blicken nach dem sowjetischen Delegierten: «Die Vereinigten Staaten haben die größte Militärmacht, welche die Welt je gesehen, demobilisiert.» Es seien nur kleine Garnisonen als Besatzungsmacht zurückgeblieben, und «an diesen Abzug seien keinerlei Bedingungen geknüpft worden».

«Keine Bedingungen» im Jahre 1945! Warum dann aber die Klagen im Jahre 1947? Das Geheimnis liegt nicht in dem Verhalten der Sowjets, das alle erfahrenen Kenner hätten voraussagen können, sondern einmal in diesen bedingungslosen Geldgeschenken und zum anderen in diesem bedingungslosen Abzug der Truppen, der ganz eindeutig zu einer neuen Kriegslage führen mußte. Die Herren Politiker aber können doch nach diesen dreißig Jahren nicht so einfältig sein! Von wessen Hand stammen diese Schachzüge? Wenn Amerika wirklich das kommunistische Weltreich dazu bewegen wollte, den Frieden zu wahren, dann wäre das in China bestimmt leichter gewesen als in Europa. Aber das ganze Jahr 1946 diente nur dazu, daß man Marschall Chiang-Kai-Schek Unterstützung versagte, der damals versuchte, die sowjetische Aggression abzuwehren, und daß man die amerikanischen Streitkräfte bedingungslos aus China zurückzog!

Sollten das alles nur Irrtümer gewesen sein, dann ist das eine phantastische Geschichte. Die Wahrheit könnten wir nur aus den Dokumenten aus der Zeit der Herrschaft der «großen Drei» erfahren; aus allen jenen Abkommen, Protokollen, Memoranden und Noten, die jetzt im Weißen Haus 5) und in Whitehall verborgen sind und welche die Transaktionen von Teheran, Yalta, Potsdam, Kairo und Moskau enthalten.

Wir werden diese Dinge nie erfahren, aber meiner Ansicht

5) Präsident Roosevelts Nachfolger im Amt hat sich geweigert, einem „Kriegs-Untersuchungsausschuß“ des amerikanischen Senats Einsicht in die Akten der Roosevelt'schen Diktatur zu gewähren.

120

nach kann man jetzt das wahre Gesicht dieses Krieges des 20. Jahrhunderts, der immer noch andauert, schon klar genug erkennen.

Inhalt
Vorseite