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Douglas Reed

Der grosse Plan der Anonymen

 

ZWEITES BUCH

Feuer

1940-1945

 

I.

Ein warmer Septemberabend

Die finstere Wolke, die über unserem Jahrhundert lagert, verflog plötzlich für mich (traurige Illusion!) an einem Herbstabend des Jahres 1940, als ich auf der Straße von Bedford nach London kam. Die ersten neun Monate der vierziger Jahre waren von unerträglicher Ungewißheit. An jenem Abend füllte sich der schweigende, unheilschwangere Himmel mit einemmal mit dahingleitenden Lichtstreifen wie Sonnenlicht auf Libellenflügeln, mit weissen Lichtkegeln und dem Lärm des Kampfes. Flugzeugc stürzten ab, eins von ihnen so nahe, daß ich schwarze Kreuze sah. Die Schlacht war endlich im Gange, und mit einemmal wußte ich, daß wir sie gewinnen würden. Die vierziger Jahre, das ganze zwanzigste Jahrhundert lichtete sich.

Einige Tage stehen mir leuchtend in der Erinnerung wie Miniaturen in einer alten Handschrift. Ich begann einen von ihnen in Bedford und dachte da an John Bunyans lange Gefängnishaft bei der Brücke. In Gefängnissen schrieb er «Die Pilgerreise" (durch den «Jahrmarkt der Eitelkeit») und "Fülle der Gnade". In dem Gefängnis der Seele, das die dreißiger Jahre für mich waren, schrieb ich Bücher, die ich «Der Jahrmarkt des Wahnsinns» und «Schande im Ueberfluß» nannte. Ich betrachtete seinen Kerker und versuchte, alle die englischen Schriftsteller zu zählen, deren Los es von seiner Zeit bis zur Gegenwart gewesen war, Verfolgung zu leiden. Ich empfand einen krankhaften Haß gegen meine eigene Zeit. Dann fielen mir seine Worte ein: «Eine Burg, genannt die Zweifelsburg, deren Herr der Riese Verzweiflung war» ... Ich entbot ihm meinen Gruß, schüttelte meine finstere Laune ab und stieg wieder in meinen Wagen. Gott segne dich, alter John, dachte ich, als ich londonwärts fuhr. Ich bedachte meine

 

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eigenen Segnungen. Ich war nicht im Gefängnis, obschon es Leute gab, die mich gerne da gesehen hätten. Meine Begleiterin war das entzückendste Wesen, das ich je gekannt habe. Mein Wagen war einzigartig in seiner schlanken Anmut und Kraft. (Ich fürchte, ich werde nie wieder seinesgleichen zu sehen bekommen.) Ich hatte ihn mir - pervers genug - nach Dünkirchen gekauft und mir dabei gedacht: Wenigstens werde ich dieses schöne Wesen ein paar Meilen steuern, bevor die Nacht hereinbricht. Er war lang und niedrig und von einem Blau, das mit dem Schal um die Haare meiner Begleiterin, ihren Augen und dem Himmel über uns harmonierte. Sie hatte nie in ihrem Leben Bunyan gelesen, und doch war sie in ihren eigenen Worten sein Echo, als sie den Mann tadelte, «der mit einer Mistforke in den Händen immer nur zu Boden blickt». Es hielt damals schwer, das nicht zu tun.

So hatte ich Bedford kaum hinter mir gelassen, als ich mich als der Glücklichste unter den Lebenden fühlte. Wahrhaftig, ich gelangte auf eine köstliche Ebene, Wohlbefinden genannt, und erging mich darin mit Zufriedenheit - aber diese Ebene war sehr schmal. Plötzlich standen wir vor einer Szenerie, die sich meiner Erinnerung scharf eingeprägt hat.

Neben der Landstraße lag ein großer Flugplatz mit einer Menge Maschinen darauf und großen Gebäuden, die sich schwarz gegen den grünen Rasen abhoben. Es war Alarm gegeben worden, und in Gruppen zu dritt oder zu viert standen Soldaten über das sonnige Feld verstreut und blickten in angespannter Wachsamkeit zum Himmel und gen Süden. Weshalb Alarm gegeben worden war, weiß ich nicht, vielleicht erwartete man einen Bomberangriff oder eine Fallschirmjäger-Landung. In dieser Frühzeit der Flugplatzverteidigung waren Unteroffiziere und Sergeanten die einzigen, glaube ich, die Munition für ihre Gewehre besaßen. Noch nie hatte ich ein so ansteckendes Empfinden von Gefahr verspürt und auch noch niemals soviele Männer in erstarrter Stellung dastehen sehen. Kein Glied regte sich und kein Kopf wandte sich um, als unser blauer Wagen vorbeisauste, und bald fuhren wir

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abermals zwischen leeren, friedlichen Feldern dahin. Aber das wenige, das wir gesehen hatten, sagte mir, was vor uns lag: der Kampf über London.

London! Diese Stadt ist allen Menschen alles oder sie trägt für jeden je nach seiner Stimmung ein anderes Gesicht. Ein großes Krebsgeschwür, wie Cobbett dachte, als er aus der Stadt ritt und zurückschaute - aber er sah dabei nicht London, sondern eher das Böse, das sich in dem kommenden Jahrhundert zusammenbraute. «Die Hölle ist eine ganz ähnliche Stadt wie London», lautete Shelleys Verdammungsurteil. «Ein Mann, der London satt hat, hat das Leben satt», predigte Johnson. «London ist ein modernes Babylon», stellte Disraeli verbindlich fest, weil sein östliches Denken in falschen orientalischen Bildern schwelgte. «London ist das Rom von Heute», entschied Ralph Waldo Emerson.

Rom - das kommt der Sache näher, aber doch nicht genau, denn es gibt nichts wie London. Paulus war der Gefangene Roms; aber die St. Pauls-Kathedrale krönt die Londoner City, und noch stolzer, seitdem die Flammen ihre Kuppel verschonten. Mir bietet auch Rom keinen schöneren Anblick als den, den ein Mensch genießt, der heute von Waterloo-Bridge über die Themse auf St. PauI blickt. Die Vorsehung ist der Meisterlichste Städteplaner und bedient sich geschickt der Heimsuchungen und Häßlichkeiten, um solch ein Stadtbild zu schaffen. Jahrhunderte lang plackten Menschen sich damit ab, London zu erbauen, und doch bedurfte es einer Seuche, zweier großer Feuersbrünste, einer Riesen-Handvoll Bomben und zahlloser anderer von Menschenhand oder von Naturkräften gewirkter Unglücke, um diese vollkommene Symphonie der Umrisse und lichten Zwischenräume, der Kuppeln und Spitzen, der Dächer und Fußwasser, des Himmels, der Bäume, der Brükken und Barken zustandezubringen. Mögen Turner und Canaletto einem jungen Maler, der jetzt seine Palette mischt, ihr Auge vererben, um die Schönheit dieses Augenblicks in Londons Geschichte einzufangen.

Ein gebürtiger Londoner, der in solch einer Nacht nach Lon-

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don kam, tut gut daran, sich die Worte eines anderen gebürtigen Londoners zu borgen, der vor vierhundert Jahren schrieb: «Zu guter Letzt sie alle doch zum fröhlichen London kamen, zum fröhlichen London, meiner zärtlichsten Beschützerin, die mir dieses Lebens erste heimatliche Gaben bot.» Wenn Fröhlichkeit ein stiller Mut auch unter tödlichen Bedrohungen ist, dann war London an jenem Abend so fröhlich wie zu den Zeiten, da Edmund Spenser schrieb.

Ich kenne einige von den jungen Männern, die in jener Nacht über London mit dem Drachen kämpften. Es ist ein Jammer, daß solch leuchtende Augenblicke wie die im September 1940 nicht auf die unverrückbare Mauer der Zeiten festgeheftet werden können, sondern mit dem dahinfliegenden Leben davongetragen werden. Aber ihre Farben stehen mir doch immer leuchtend vor Augen, und nicht weil ich die Sonne auf dem Goldenen Vließ oder auf spanischen Schiffsleibern blinken oder Nelsons Signal flattern sehe, oder Ney's prachtvolle Kavallerie-Attacken oder Spitfires über London, sondern aus einem ganz anderen Grunde. In jedem dieser Augenblicke sehe ich, wie sich die Augen und Herzen von Männern in weiter Ferne England zuwenden. Jedesmal, wenn wir solch einen Kampf gewinnen, wird die Hoffnung in ihnen wiedergeboren.

Ich kenne diese Männer, für die das Wort England bedeutet, daß es da irgend wo in der Ferne ein kleines Land gibt, dem es gelungen ist, seine Freiheiten von Jahrhundert zu Jahrhundert zu gewinnen, zu erweitern und zu vertiefen. Ihre Hoffnung stirbt nur, wenn wir kapitulieren. Pitt erfaßte diese Wurzel der Wahrheit, als er nach Trafalgar sagte: «England hat sich durch seine Anstrengungen gerettet und wird Europa durch sein Beispiel retten.» Ich kenne einen Mann, der in einer Stadt auf dem Balkan, in Novi Sad, war, kurz bevor die Deutschen dort einmarschierten. Er sah dort Bauern, die keine Ahnung davon hatten, daß ein Engländer unter ihnen weilte, auf England und dann auf Churchill trinken. Diese Menschen wurden später grausam in ihren Hoff-

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nungen getäuscht und konnten uns dafür anklagen, und doch, wette ich, richten sich ihre Blicke auch heute, wie immer, auf England. Sie wissen, daß Staatsmänner Fehler begehen, aber daß wir bis jetzt noch niemals den Fehler der Kapitulation begangen haben; daß, wenn wir überleben, auch die Hoffnung überlebt, und sei es auch nur für die Enkel ihrer Enkel.

Alles das sah ich hinter der Schlacht über London. Wir kennen heute die Worte, die Churchill gebrauchte, als er zum ersten Male seine Tory-, Sozialisten- und Liberalen-Minister um sich versammelte. Zu unserem Gewinn hat ein sozialistischer Gegner sie nach seinem Sturz enthüllt. «Wir müssen weiterkämpfen, und wenn die lange Geschichte unserer Insel einmal enden muß, dann - sage ich - darf sie nur zu Ende sein, wenn jeder von uns in seinem eigenen Blut am Boden liegt.» Ein sozialistischer Geistlicher hat uns die Worte überliefert, die Churchill nach seiner Radio-Botschaft über den «Kampf auf den Klippen» an das englische Volk privatim äußerte: «Wir werden sie mit Bierflaschen auf den Kopf schlagen, das einzige, was uns noch übrig geblieben ist!" Dieser seltene und nicht zu porträtierende Mann sollte sieben Jahren nach jenem Sommer seine Geschichte des Zweiten Weltkrieges in klassischem Englisch schreiben und unter einem nom de pinceau Bilder malen, würdig, die Wände der Royal Academy zu schmücken. Erstaunliches Leben, das wie gemalte Scheiben mit den Jahren an Farbigkeit gewinnt.

An jenem Abend verfolgte er, die Zigarre im Mund, den Ablauf der Schlacht, die sich über seinem Haupte abspielte. Es war keine entscheidende Schlacht, denn solche gibt es nicht, aber es war eine von den größten, die sich je abgespielt haben. Es war nicht wie Waterloo eine, die Europa ein Jahrhundert eines gesicherten, voraussehbaren Fortschritts beschied. Ich glaube, die Fehler, die er später beging, waren mit ein Grund dafür, aber wir müssen noch seine Darstellung des Ganzen abwarten. Nicht einmal die düsteren Folgen können die Farben jenes leuchtenden Augenblicks verdunkeln, dessen heroischer Genius er war. Die

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vierziger Jahre nahmen einen guten Anfang mit ihm, und wenn alles gut ist, was gut anfängt, und wir die in der Folge begangenen Fehler noch gut zu machen vermögen, dann könnte dieser Augenblick das Gesicht unserer Weh für das nächste Jahrhundert bestimmen.

Doch wie auch immer es sich mit der Zukunft verhalten mag - ein Mensch, der in diesem Augenblick nach London kam, konnte nie und nimmer wünschen, an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit zu leben. Es gibt viele große Städte, aber nur wenige Weltstädte. London war damals die größte und welthafteste. Es lag völlig allein unter dem weitoffenen Himmel, ohne zu bangen und, glaube ich, nicht sonderlich erregt. Seine Millionen gingen ruhig ihren Beschäftigungen nach. Disraeli nannte London fälschlich: «Ein Volk - abcr nicht eine Stadt»; in jener Nacht jedoch war es das einzig wahrhafte Volk in der Welt: ein Volk freier Menschen allüberall.

Unter all dem Getöse lag eine erfrischende geistige Ruhe und ein aufrechter Stolz. Zum ersten Male seit vielen Jahren wurde mir das Herz weit, als wir bei Regent's Park anhielten und zuschauten. «Der Stolz von London ist in unsere Hände gelegt worden», lauteten die angemessenen Worte eines anderen Londoners, Noel Cowards, für diesen Augenblick.

Als der Himmel dunkelte und der Kampf abebbte, fuhren wir glücklich erregt weiter über den Portland Place. «Ich glauhe, die sind daran, ihnen die Zähne auszubrechen», sagte ich. «Natürlich", sagte sie. Vor meinem Hotel öffnete ein unerschütterlicher Portier den Wagen. "Guten Abend, Sir», sagte er nur, wie an jedem anderen Abend. Er ist heute noch dort, in derselben Uniform mit den Auszeichnungen des ersten Krieges, obschon ihm jetzt ein Auge fehlt, das später eine Bombe von ihm auf diesem Posten forderte. Sieben Jahre später mag er sich gefragt haben: «Ging dieser Kampf um die Freiheit?» und darauf geantwortet haben: «Mein Auge ging dabei drauf ... "

An jenem Abend jedoch war es noch weit, bis die dunklen

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Wolken wieder heraufzogen. Das zwanzigste Jahrhundert schien sich endlich aufgehellt zu haben. «Ja, wirklich ein guter Abend" sagte ich und half meiner Begleiterin hinaus. Wir waren dabei, die Schlacht zu gewinnen; sie war entzückend; es war September; ein wolkenloser Abend; es war warm.

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