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Douglas Reed Der grosse Plan der Anonymen
VIERTES BUCH Die blitzenden fünfziger Jahre 1950-
III. Der uralte Fels In diesem großen Chaos der Jahrhundertmitte, das entweder in Ordnung gebracht wird oder uns alle zerstört, gibt es für mich eine klare und starke Hoffnung, an die wir uns klammern können: England. England ist noch immer unverletzt, noch immer unbesiegbar, noch immer frei, falls es frei zu bleiben wünscht. Von seinen Handlungen und seinem Beispiel wird das Endergebnis abhängen. England hat die Möglichkeit, das Chaos in Ordnung umzuwandeln und den Weg in die Zukunft freizulegen, der seit 1914 versperrt gewesen ist. Dazu ist es nötig zu verhindern, daß die beiden Kriegslagen, die ich geschildert habe, in Flammen auflodern, hinter denen dann der größere, weltumspannende Vernichtungsplan verfolgt werden könnte. Bei der ersten Kriegslage haben wir die richtigen Schritte gewählt, falls wir sie konsequent durchführen. Wir sollten den Fehlgriff von 1917 ungeschehen machen, indem wir uns aus Palästina zurückziehen oder mindestens an der Förderung eines neuen Ausbruchs durch Anwendung von Waffengewalt gegen die Araber keinen Anteil nehmen. Sollte doch jemand solche Schritte unternehmen, dann sollte es jemand anders sein, der auch die volle Verantwortung dafür trägt. Wenn wir eine solche Handlung eindeutig verurteilen, werden sie ebenfalls davor zurückschrecken. Der britische Beschluß vom September 1945 (sich aus Palästina zurückzuziehen und sich an keinen weiteren nicht «völlig gerechtfertigten» und von den Arabern anerkannten Interventionen zu b eteiligen) ist bis jetzt der eine gute und richtige Beschluß in dieser Angelegenheit, vorausgesetzt, daß er im gleichen Geist seiner Ankündigung durchgeführt wird. Durch diese Maßnahme kann der erste Ausbruch verschoben 341 und endlich sogar vermieden werden. Die zweite Kriegslage ist diejenige in Europa. Das kommunistische Reich kann an der Trennungslinie nicht Halt machen und sich, da es schon so weit vorgedrungen ist, nur durch Krieg noch weiter ausdehnen. Wenn zum Beispiel beim Erscheinen dieses Buches die Sowjetregierung unter irgend einem Vorwand Griechenland überrannt oder eine Scheinregierung in Prag eingesetzt hat, dann sind das Kriegshandlungen wie Hitlers Annexion der Tschechoslowakei. Ein offener Kampf könnte nur durch offenen Verzicht auf jeden Widerstand vermieden werden. Wenn einmal Griechenland und die Tschechoslowakei auf solche Art gefallen sind, dann wird sich das kommunistische Reich mit oder ohne kriegerische Handlungen weiter ausdehnen, bis diese Insel entweder zum Kampf oder zur kampflosen Kapitulation gezwungen wird. Es ist sehr wichtig, daß das kommunistische Reich seine finstern Schatten nicht weiter verbreiten kann, da uns jede neue Ausdehnung dem Krieg näher bringt. Zu diesem Zweck sollten Griechenland und die Trennungslinie gehalten werden. Wenn das mit Energie geschieht, dann wird der Griff des kommunistischen Reiches auf die nichtrussischen Staaten nachlassen, denn die Völker dort hassen den Kommunismus. Nach dem, was ich vom Kommunismus gesehen habe und von ihm weiß, ist er ein Riese auf tönernen Füßen und wenn man ihn an einer weiteren gefahrlosen Ausdehnung hindert, dann ist es sehr wohl möglich, daß er sich zunächst zu einem gutmütigeren Partner und später sogar zu einem relativ freien Regime umwandelt. Die Völker, die inner- und außerhalb Rußlands unterdrückt werden, könnten mit der Zeit wieder die Freiheit und anständige Lebensbedingungen erlangen. Wenn diese beiden Ausbrüche vermieden werden, dann wird sich das äußerst wichtige Beispiel Englands wieder einmal als entscheidend erweisen. Nur wenige verstehen die Macht und die Ausstrahlung dieser unsichtbaren, geistigen Kraft, die viel mächtiger ist als jede geheime Verschwörung. Die Wiederherstellung 342 der Freiheit in England und ein klarer Verzicht auf den eingeschlagenen Weg zur Knechtschaft wird Europa nochmals retten. Es war schwer, während diesen beiden Jahren auf solche Wendungen in England zu hoffen. Noch immer erhebt sich diese Insel wie ein von den Fluten unspülter Fels. Aber seit dem Zweiten Weltkrieg sieht sie sich mit Bestürzung einer erlaubten Verräterei und einer getarnten Betrügerei ausgesetzt und wird gleichzeitig von jenen, die ihren Untergang herbeisehnen, unterminiert und untergraben. Es mutet ganz phantastisch an, daß die meisten Leute noch heute glauben, es handle sich bloß um einen Kampf zwischen «Labour» und «Tories“. Vielleicht liegt in diesem massiven Unverstehen eine gewisse Größe: vielleicht ist es die bewußte Weigerung, und nicht die Unfähigkeit, die größeren Umrisse der Gefahr zu erkennen. Das weiß ich nicht. Wie oft schon ist in England der Höhepunkt einer Bewegung mit dem Höhepunkt ihrer Gegenbewegung zusammengefallen. Schon so oft sahen die Leute das Herannahen einer tödlichen Gefahr, vom Meer her kommend oder in den eigenen Straßen, und haben sie mit einem kaum merklichen Zucken ihrer Gesichtsmuskeln abgewandt, so daß ihnen verbissene Gleichgültigkeit geradezu zu einer Gewohnheit geworden ist. Die großen Prüfungen wurden alle mit so wenig Lärm überstanden, daß das Volk gar nicht merkte, daß es eine tödliche Gefahr überlebt hat. Das britische Volk erinnert mich manchmal an einen Akrobaten, dem eine schwere Vorführung absichtlich zwei bis dreimal mißglückt, um dann den Endeffekt desto bemerkenswerter zu machen. Oder es erinnert mich an die kleinen Buben, die versuchen, wie weit sie sich über ein Brückengeländer hinauslehnen können. Das unglückliche Ende dieser Bemühung aber ist, daß einer gewinnt. Unter allen Umständen scheint mir, daß heute diese Inselbewohner einer größeren Gefahr gegenüberstehen als der Armada, Napoleon, den beiden deutschen Kriegen oder den beiden innenpolitischen Anschlügen von 1926 und 1931. Jetzt erfolgt der Angriff gleichzeitig von außen und von innen, und er wird innerhalb 343 unserer Grenzen besser und geschickter geleitet als je zuvor. Die gouvernementale Gesetzgebung der letzten beiden Jahre zielte, trotz der sicher guten Absichten der Minister der Frontfassade, daraufhin, unsere bewaffneten Streitkräfte derart zu schwächen, daß sie bei einer Kraftprobe wie die französischen Armeen im Jahre 1940 zusammenbrechen würden. Parallel damit sollten die bürgerlichen Freiheiten, welche den letzten Schutz des Bürgers innerhalb seiner Landesgrenzen darstellen, zerstört werden. Dies wäre als Politik einer feindlichen oder Besetzungs-Macht begreiflich gewesen; als Politik einer britischen Regierung scheint sie mir unverständlich. Trotzdem nehme ich an, daß das britische Volk tun wird, was es bis jetzt immer getan hat: daß es rechtzeitig erwachen und die Gefahr fühlen wird, wenn es sie schon nicht sieht, und daß es sich durch irgendeine instinktive Maßnahme seines altbewährten parlamentarischen Verfassungs-Apparates davor schützen wird. Denn das ganze Trachten des Briten richtet sich gegen die Abschaffung der Monarchie oder einer geordneten Regierung, der Religion, der Freiheit, der Familie und eines wenn auch noch so kleinen Privatbesitzes. Ich glaube, daß dieser Sinn ihn auch diesmal wieder, zur elften Stunde, vor der Revolution der Zerstörung retten wird. Wenn das alles eintrifft, und wir im letzten Augenblick vom schlechten Pfad, den wir seit 1914 gewandelt sind, zum guten hinüberwechseln, dann wird das britische Volk bestimmt wieder nicht wissen, aus welcher Gefahr es errettet worden ist.
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