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S.84


 

Douglas Reed

Der grosse Plan der Anonymen

 

ERSTES BUCH

Rauch

1933-1939

 

VIII.

Der Tanz der Marionetten

Es war eine Teufels-Carmagnole, die in den dreißiger Jahren begann, als der Pöbel sich um die Banner des Antichrists scharte. Hakenkreuz, Sichel und Hammer - es war kein Zufall, sondern ein Teil dem «Plan», daß beide in Gestalt eines zerbrochenen oder verzerrten Kreuzes erschienen, und das enthüllte ihre niedrige Herkunft.

Einmal war das Kreuz in allen Flaggen Europas enthalten, in denen Frankreichs, Preußens, Rußlands, Oesterreichs und aller anderen. Jetzt ist es nur noch in der Flagge Englands, der skandinavischen Länder, der Schweiz und Griechenlands geblieben.

Ueber der Finsternis, die Europa in den vierziger Jahren überzogen hat, weht das antichristliche Symhol der Zerstörer. Das ist der beste Maßstab, in der einfachsten Form, für die Ergebnisse von zwei Kriegen und drei Jahrzehnten. Sie haben es beinahe fertig gebracht, das Werk von neunzehn Jahrhunderten zuschanden zu machen. Das Verschwinden der Kreuze ist nicht ohne Sinn. Unter ihnen hatte sich auch noch der eitelste Kriegsherr vor den Grenzen gebeugt, die menschlichen Ansprüchen gesetzt sind. Die neuen Herren aber erkennen keine höhere Obrigkeit an als ihre eigene; so gleichen sie in ihrer Hoffart den Pavianen.

Wie armselig waren die Massen, die ich sah und die auf dem Roten Platz «Stalin! Stalin!» schrien oder «Hitler! Hitler!» in der Wilhelmstraße oder «Duce! Duce! Duce!» in Rom - sie schreien jetzt auch «Tito! Tito! Tito!» Seitdem die ersten Pöbelmassen «Gib uns Barabbas!» schrien, haben sie sich immer selbst von etwas Schlechtem zu etwas noch Schlimmerem gebrüllt.

Vor vierzig Jahren war die Politik eine recht sichere Beschäftigung, und die Aussicht auf ein ehrenwertes, friedvolles Ende

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war im Durchschnitt groß. Jetzt dagegen ist sie ein gefahrvolles Geschäft. Stalin hat fast alle alten Bolschewistenführer ermordet; Hitler liquidierte Hunderte von seinen Gefährten; der tote Mussolini wurde mit den Füßen nach oben von seinem eigenen Pöbel aufgehängt. Alles das aber wird eine neue Generation von Strandräubern nicht abschrecken. Das Rauschgift Macht ist zu verlockend, die unsichtbaren Drahtzieher sind zu mächtig.

Sie mögen zu Tausenden sterben, diese Emporkömmlinge, die der Fluch unseres Jahrhunderts sind, und der Pöbel zu Millionen. Die Bedauernswerten sind die anderen, jene, die den Versuch machen, an den christlichen Werten festzuhalten und den Pöbel vorüberrasen zu lassen, die aber in den Mahlstrom mit hineingerissen und von ihm weggefegt werden. Was können sie ausrichten gegen die Geheimpolizei, Brotkarten, Zwangsarbeit, den Angeber und die allmächtige Partei? Diese Opfer der Teufelsmaschine sind es, auf die vor allem mein Blick fällt, wenn ich auf die dreißiger Jahre zurückschaue. Die Ueberlebenden sehen heute ein Europa, das zwischen Hammer und Amboß liegt. Es kann nicht so bleiben, wie es ist, weder zivilisiert noch wild, weder ganz versklavt noch ganz frei. In der Finsternis der vierziger Jahre warten diese Millionen - jetzt schon beinahe hoffnungslos - auf die endgültige Entscheidung.

Wo sind meine Freunde aus den rauchigen dreißiger Jahren geblieben? Die meisten von ihnen sind verschwunden. Wo ist Nadja, die kleine Tänzerin, die mit mir im Little Rocket fuhr, mit mir in Budapest Crawlschwimmen lernte, mir zwischen den Binsen eines mecklenburgischen Sees ein Steak am Spieße briet, die ihre schlanke Linie den Pasteten in Brüssel opferte und ihren Wunsch, sie wieder zu gewinnen, den Cremeschnitten von Wien? Einmal hatte ich Nachricht von ihr, einen Brief von ihrer Hand, der eben noch aus Antwerpen herauskam, bevor die Deutschen dort einmarschierten. Ich sehe noch immer die letzten Worte: «Es geht mir schlecht. Deine Nadja.» - Liebe, gute Nadja, ich fürchte, es ist dir noch schlechter ergangen, aber dein Lachen und die

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fröhlichen Augenblicke in einer sich verfinsternden Zeit bleiben ewig.

Seltsame Gesichter und Gestalten tauchen in jener bunt zusammenwürfelten, verworrenen, von Menschen überfüllten Strasse auf, als die mir das wahnwitzige Europa der ausklingenden dreissiger Jahre erscheint. Da ist Charly Chaplin, der die die Deutschen während des Ersten Weltkrieges im Film «Schultert die Gewehre!“, verhöhnte und sie dann wiederum im zweiten Kriege mit dem "Diktator» verspottete! Da steht er vor dem Hotel Adlon in Berlin, umringt von jubelnden Deutschen und lacht übers ganze Gesicht. Die Zeit? Für ihn, zwischen zwei Filmen; für den Pöbel, zwischen zwei Kriegen; mit anderen Worten, die dreißiger Jahre. Wie sehr ähnelt er Hitler, der bald von derselben Stelle aus demselben Pöhel zugrinsen sollte! Nicht nur in der äußeren Erscheinung. In den kläglichen Herzen dieser beiden Clowns steckt das gleiche Selbstmißtrauen, dieselbe Abneigung gegen die sterbliche Menschheit. Der eine mit politischem Ehrgeiz zeigt es in seinen Filmen, der andere mit dem Ehrgeiz, ein Maler zu sein, zeigt es in seiner Politik.

In der Neunzehnhundertdreißiger Straße gab es neue Geräusche. In jeder Wohnung begannen kleine Kästen zu sprechen, und die Millionen, die ihnen lauschten, errieten kaum, wieviel Gift durch sie ihren Köpfen eingeträufelt wurde. Die Filme begannen zu sprechen. Ich sehe noch heute den "Blauen Engel» und Emil Jannings und Marlene Dietrich zusammen auf dem Kurfürstendamm. In den vierziger Jahren war Marlene immer noch Marlene, vielleicht ein wenig verfeinert, aber immer noch „von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt», immer noch ein wenig guttural, wenn sie amerikanische Soldaten mit ihrem Singen zum Sieg über Deutschland anfeuerte. (Vielleicht dachten die deutschen Soldaten an sie, wenn sie bekümmert die Weise von «Lili Marlen» vor sich hinsangen.) Wäre Jannings in Hollywood geblieben, dann hätte vielleicht auch er - wer kann das wissen! - nach Deutschland abkommandierte amerikanische Soldaten unter-

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halten, aber er blieb nicht, und als die Amerikaner einmarschierten, wurde er verhaftet, «geröstet» und der «Kollaboration» beschuldigt. Hatte er etwa nicht in deutschen Filmen mitgespielt? Warum war er nicht als ehrenwerter Mann in Kalifornien geblieben?

Unberechenbares Spiel des Schicksals, bei manchen grausam, bei anderen freundlich. Da sitzt die liebliche Lilian Harvey und lächelt mich durch ihr Film-make-up an. Sie tanzte durch die rauchigen dreißiger Jahre und durch den „Kongreß», der da «tanzte“. Sie sah wie eine Engländerin aus, sprach englisch; ich glaube, ihrer Herkunft nach war sie Engländerin. Sie war der Liebling von allen, wenn sie in ihrem langen Tourenwagen mit dem melodischen Hornsignal über den Reichskanzlerplatz fuhr, und schöpfte vermutlich keinen Verdacht, als er in «Adolf-Hitler-Platz» umgetauft wurde, daß das den Ruin bedeutete. Aber ich vermute, das hat es für sie bedeutet, denn damals war sie eine reiche Frau - und wurde dann doch von dem großen Wirbelwind beiseite geschleudert und tauchte in den vierziger Jahren mit einemmal gebrechlich und kränklich in einem Pariser Music-Hall auf. Sie war froh, «wieder bei der Arbeit zu sein», sagte sie, und die Zeitungen machten «eine story“ aus ihr - für einen Tag.

Wunderlich genug verhätschelten die dreißiger Jahre die Publikums-Idole, um die herum der Pöhel sich scharte. Da geht Bunny Austin, um für England auf dem Tennisplatz des Rot-Weiß-Clubs im Grunewald zu spielen - und nachher zu einem wunderlichen, unvorherschbaren Stelldichein mit der «Moralischen Aufrüstung» irgendwo in Amerika. Die Massen liebten es, sich in solchen Helden selbst zu vergessen und zu bewundern. Sie strömten zusammen, um zwei andere Helden des Tages zu bejubeln, den Amerikaner Tilden und den Deutschen von Cramm. (In den vierziger Jahren traten diese beiden männlichen Figuren aus dem Sonnenschein der öffentlichen Bewunderung in eine vorwurfsvolle Vergessenheit zurück.) Da geht durch die Tauentzienstraße, damals noch unbekannt, der aufsteigende junge Schriftsteller

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Christopher Isherwood (die vierziger Jahre werden auch ihn in Amerika finden), und neben ihm schreiten die Gestalten aus seinen Büchern: der parfümierte, perückentragende Mister Norris, die sich selbst verschwendende englische Courtisane Sally.

Und dort, in der Ringstraße, ist der König von England! Seine Geschichte lieferte damals den einen noch fehlenden Stein zur griechischen Mustertragödie Europas in den dreißiger Jahren. Wie verhängnisvoll, dachte ich: Wenn der Sturm ausbricht, wird das britische Volk auf seinem Thron einen Mann benötigen, der derart vollkommen die Ergebenheit der ganzen, großen, über die Welt verstreuten Völkerfamilie auf sich vereinigt. Es hielt damals schwer, irgendwo Gottes Hand zu erblicken. In den vierziger Jahren jedoch konnte das britische Volk wieder gewahren, daß es eine Gottheit gibt, die unser aller Geschicke lenkt. Der neue König, der mit keinem einzigen der riesigen Vorteile seines Bruders angefangen hatte, stärkte einzig und allein durch sein stilles, schlichtes Beispiel das Gefühl der Einheit in der weithin verstreuten britischen Völkerfamilie.

Die Günstlinge der öffentlichen Meinung wurden aufgegriffen, herumgezerrt, weggeworfen; sie genossen nicht das ruhige, stete Ansehen früherer Favoriten. Da, durch die Rue de la Paix, geht ein junger Bursche, Lindbergh. Er hatte nur wenig Ahnung von den Stürmen, denen er entgegenging, als er den atlantischen Stürmen entgegenflog. Der Pöbel, um den der Rauch dichter und dichter wurde, klammerte sich an dieses Traumbild seiner selbst: Ein goldener Jüngling, mit vom Winde verwühltem Haar, der alle Zufälle besiegte und sicher jenes Paris erreichte, wohin alle guten Amerikaner reisen, wenn sie fliegen. Die Anbetung der Massen umbrandete ihn.

Der Held wurde der Gefangene des Pöbels; nie mehr sollte er seine eigene Seele besitzen dürfen; wenn er diesen Sturm meistern wollte, mußte er dem Pöhel folgen. Er flog hierhin und dorthin und überall. Alles, was er sagte, war wichtig - wenn es das war, was der Pöbel sich wünschte. Dieses plötzliche Herumreisen öff-

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nete ihm den Sinn für die Angelegenheiten dieser Welt, und er bildete sich seine eigenen Meinungen. Das war genug, oder besser, das war zuviel. Er war «ein Faschist»! Daß ein Deutscher seinen kleinen Sohn ermordete, brachte ihm nicht die Gunst des Pöbels ein, als er rief: «Bleibt aus dem Krieg gegen Deutschland!»

Menschen, die sich Ansichten über Europa bilden, ohne es gründlich zu kennen, irren sich meistens, und auch er irrte sich, als er meinte, «Faschismus» und «Kommunismus», allein miteinander gelassen, würden sich gegenseitig vernichten. Das war nicht «im Plan» enthalten. Jetzt, in den vierziger Jahren, mag er auf dem halben Wege zur Wahrheit sein, wenn er seinen Landsleuten sagt: «Geht nach Europa und gebietet dem Kommunismus Halt.» Die ganze Wahrheit dieser dreißig Jahre jedoch ist, daß ein Präsident Roosevelt für Amerika gefährlicher ist als Faschismus, Kommunismus oder irgend eine neue Waffe.

Hier folgt noch ein seltsames Bild aus den rauchigen dreißiger Jahren: Ramsay MacDonald, der mit seinem sozialistischen Parteigenossen Sir Oswald Mosley zur Seite die Deutschen im Reichstag vor einem Angriff gegen Polen warnt. Das geschah noch vor Hitlers Machtergreifung! In der Rückschau bin ich stolz über diese Begebenheit. Hat er den Sozialismus «verraten»? Wir wissen heute weit mehr über das kommunistische Reich und wünschen uns noch solch einen «Verräter», viel lieber als die versteckte kommunistische Vorherrschaft in der britischen Labour-Partei, die in den vierziger Jahren solche Verheerungen in England angerichtet hat. Das ist ein weit schlimmerer «Verrat» an England als alles, was dieser Sozialist jemals getan hat. In den vierziger Jahren schneiden diejenigen, die am lautesten gegen den «renegaten Parteiführer» hetzten, bei einem Vergleich mit ihm schlecht ab.

Und der wohlhabende Baronet an seiner Seite? Seine Gestalt war damals schon scharf umrissen. Der reiche Mann unter unseren Sozialisten gehört genau so zur Tagesordnung wie der amerikanische Millionär unter den Kommunisten. Der Rauch der dreißiger Jahre muß ihm den Blick getrübt haben, daß er es fertig

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brachte, die Worte «britisch» und «faschistisch» miteinander zu verbinden. Man kann sich ebensowenig eine britische Ogpu, eine britische Gestapo, einen britischen Nazi oder einen britischen Kommunisten denken, falls England weiterbestehen soll, wie einen Pastor mit dem Bocksgehörn des Teufels.

Viele andere Menschen sind mir begegnet, die in meinen Augen damals, in den rauchigen dreißiger Jahren, noch keine endgültige Gestalt besaßen, aber die sie heute gewinnen. Ich wußte nur in den seltensten Fällen und kümmerte mich auch nicht darum welche Politik sie trieben; sie bekundeten den gleichen Abscheu wie ich gegen «die Nazis», und ich nahm es damals als selbstverstandlich an, daß sie logischerweise den Kommunismus genau so verabscheuten. Ich haßte ja nicht ihre Namen; ich haßte, was beide taten.

Ich habe mich, wie ich jetzt sehe, in dieser Annahme häufig geirrt. Ich saß mit einem Mister John Strachey in einem Wiener Kaffee und schimpfte mit ihm über «die Nazis». Er war für mich nicht mehr als ein Name. Ich wußte nicht, daß er (damals) ein führender Kommunist war und daß er von der Invergordon-Meuterei in den dreißiger Jahren geschrieben hatte, «sie offenbare den wahren Geist des britischen Seemanns“, oder «von einer Union von Sowjetrepubliken, die bis an den Rhein reicht», oder «daß sich das Schwergewichts-Zentrum des Weltkommunismus von Moskau westwärts nach Berlin verlagere». Hätte ich damals dergleichen von ihm gelesen, dann hätte ich ihm klargemacht, daß solche Zukunftsaussichten genau so schlimm wären wie die von einem Nazi-Weltreich, das bis an den Ural reichte, mit dem Schwergewichts-Zentrum des Welt-Nationalsozialismus ostwärts von Berlin nach Moskau verlagert, und daß es ein Unsinn wäre, das eine zu befürworten und das andere zu verlästern. Ich konnte in jener Nacht in Wien nicht erraten, daß diese schattenhafte Bekanntschaft während des folgenden Jahrzehntes Versorgungsminister in Großbritannien werden und mit Hilfe der Landesverteidigungs-Verordnung eines überstandenen Krieges Brotkarten auf dieser Insel ein-

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führen würde. Wäre ich solch ein Hellseher gewesen, dann hätte ich den Einwand erhoben, daß despotische Macht über das tägliche Brot eines Volkes - unter welchem Namen auch immer - das unverkennbare Merkmal der Diktatur ist, und hätte ihn gefragt, was er denn eigentlich am Nationalsozialismus auszusetzen hätte.

Dann gab es da noch einen gewissen Mr. Richard Crossmann, der in den dreißiger Jahren in Deutschland herumreiste und ganz ähnlich über «die Nazis» schimpfte. Er schien ein leicht lispelnder junger Professor zu sein, angenehm im Umgang, aber ein wenig nebulos. Als der Krieg ausbrach, war ich erstaunt, Nacht für Nacht seine Stimme zu hören, wenn er den deutschen Arbeiter aufforderte, sich Hitlers zu entledigen. Er und die «Professoretten», die ähnliche feurige Botschaftcn im Radio erließen, waren nicht Arbeiter und Arbeiterinnen. Ich zerhrach mir den Kopf darüber. Warum dieses künstliche Hervorheben der «arbeitenden Klassen»? Als der Krieg vorbei war, beeilte diese Stimme sich, so laut «Verständnis» für die Sowjetmacht zu fordern, wie andere es für den wohlmeinenden Hitler getan hatten, und wieder einmal begriff ich diesen Respekt vor dem Teufel in Rot, gepaart mit dem Haß gegen den Teufel in Braun, nicht, ebenso wenig wie sein Plädoyer für «Notverordnungen» in England bei seinem gleichzeitigen Abscheu gegen die Diktatur in Deutschland.

Wahrhaftig, die Menschen in den dreißiger Jahren waren selten das, wofür ich sie hielt, und in den Vierzigern nahmen sie häufig Umrisse an, die weit verschieden von allem waren, was ich mir bei unsern Gesprächen vorgestellt hatte. In Genf zum Beispiel gab es eine eher blasse, undeutliche Figur, einen gewissen Konrad Zilliacus. Ich machte mir manchmal Gedanken über seinen ungewöhnlichen Namen und seine Herkunft. Der Völkerbund brauchte sprachkundige Männer, nahm ich an, und folglich war er dort. Und wäre mein Leben davon abgehangen, ich hätte nicht erraten können, daß er zehn Jahre später mit einer Mehrheit von 19.000 Stimmen in seinem Wahlkreis ins Unterhaus gewählt würde, oder

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dass dieser Feind alles Faschistischen einmal als Apologet alles Kommunistischen berühmt werden sollte. Ich habe das niemals begriffen und werde es auch in Zukunft nie begreifen.

Ich kenne einige Manner in den dreissiger Jahren, deren Ueberzeugungen klar waren. Sie haßten beide Teufel und starben für gewöhnlich. Hier sind zwei von ihnen: Grada Kosomaritsch, ein Serbe, und Sima Franzen, ein Kroate, beides Jugoslawische Journalisten. Kosomaritsch, der während des Ersten Weltkrieges nach England entfloh und in Oxford studierte, war lange Zeit Korrespondent der «Times» in Belgrad. Der balkanische Mensch hat häufig einen weiteren Blick als der Westeuropäer; vielleicht haben ihm die fünf Jahrhunderte der Türkenherrschaft seinen Blick geschärft. Kosomaritsch bekämpte in seiner Jugend die Deutschen in seiner serbischen Heimat und hasste die Nazis, ihre Erben. Aber er sah klar, daß der Faschismus nur ein Deckmantel für den Kommunismus war. Ich erkannte das damals nicht, und wir hatten viele Dispute miteinander. Weil er den Kommunismus hasste, wurde Kosomaritsch als «Faschist» diffamiert; als die Nazis in Belgrad einmarschierten, töteten sie ihn. (Er war überzeugt, dass der Mord and König Alexander in Marseille ein Werk der Kommunisten war; jetzt, da die Pläne eines kommunistischen Weltreiches bis zur Adria und darüber hinaus zu Tage getreten und die damals unbekannten Männer, die für diese Zwecke in Russland geschult wurden, aufgetaucht sind, ist das Weitsichtige seiner Betrachtungsweise ganz evident.)

Sein Kollege Franzen war mit mir zusammen im Jahre 1938 in der Tschechoslowakei und half mir bei meinen Versuchen, die Flüchtlinge - meistens Juden – vor den heranmarschierenden Deutschen zu retten. Nacher wurde er als „Kommunist“ verschrieen, obschon er die unteilbare Einheit von Faschismus und Kommunismus erkannt hatte und beide haßte. Als die Sowjets in Belgrad einmarschierten, wurde er erschossen.

Die dreißiger Jahre waren die goldene Zeit für den Scharlatan und den Banditen. Die Vierziger, die sich als noch geeigneter für

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Betrug und Gewalttätigkeit erweisen sollten, standen noch bevor (und die Fünfziger, die wohl eine noch reichere Ernte erbringen mögen, sind noch ungeboren). Massen von menschlichen Wesen zeigten, daß bei ihnen die Zivilisation Europas nicht einmal bis unter die Haut gedrungen war; sie war nur eine waffeldünne Schicht über den tierischen Instinkten, und die Diktatur wußte, wie sie diese Schicht beseitigen konnte. Der Pöbel schritt blindlings zur Reaktion in ihrer widerwärtigsten Form, wenn sie die Züge von Marx, Lenin oder Hitler trug und die Maske des «gemeinen Mannes» oder der «arbeitenden Klassen» anlegte. Die großen Geister der Zivilisation, angefangen vom Nazarener bis zu Shakespeare, von da Vinci bis zu Goethe, hatten in zweitausend Jahren der Geschichte auf die geistige Verfassung des Pöbels kaum eingewirkt. Immer noch war die Menschheit eine Kröte, mit der Krone der Humanität auf der Stirn; aber die Kröte hatte sich noch nicht in einen schönen Prinzen verwandelt.

Ein Pandemonium von Menschen und Maschinen war der "Jahrmarkt des Wahnsinns» in den rauchigen dreißiger Jahren. Ich sehe noch das erste Raketenauto auf der Avus bei Berlin, verfolgt von den Blicken deutscher Generalstabsoffiziere mit dem verbotenen roten Streifen auf den Hosen. Meine nüchternen, englischen Kollegen lächelten über mein lebhaftes Interesse an diesem Spielzeug. Ich verfolgte begierig jede leiseste Andeutung von Neuigkeiten auf dem Gebiet des Raketenantriebs. Da gab es einen Mann, der den Ehrgeiz hatte, eine befrachtete Rakete herzustellen, die ihre Last innerhalb eines vorgeschriebenen Gebietes abwarf. Es war die Rede von einer experimentellen "Post-Rakete» nach Amerika, und als ich darüber einen Bericht schrieb, machte mir ein Freund (der im späteren Krieg ein höherer Offizier des Intelligence-Service der RAF war ) Vorwürfe, daß ich die Spalten der Times für einen solchen "Unsinn» verschwendete.

In den vierziger Jahren aber dachte ich wieder an das Raketenauto mit seinem feurigen Schweif zurück, als ich aus dem Fenster eines Landhauses in Sussex lehnte und die ersten Raketen-

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geschosse, mit ihrem feurigen Schweif, über die Dünen hinweg Richtung London fliegen sah. Ein Zeitungskorrespondent im Ausland kann, wenn man es ihm erlaubt, seinem Lande gute Dienste tun.

Die Neunzehnhundertdreißiger Jahre scheinen mir die zehn shclimmsten und schicksalsschwangersten Jahre in den zwanzig Jahrhunderten unserer emporsteigenden Zivilisation gewesen zu sein. Was immer es mit den zeitweiligen Rückschlägen auf sich haben mochte - die Hauptzielrichtung war stets klar gewesen, sie bewegte aufwärts. In jenen zehn Jahren aber wurden ungeheure Rückzugsgefechte ausgekämpft, und sehr wenigen Menschen ist auch jezt noch aufgegangen, wieviel in jenem Jahrzehnt verloren gegangen ist. Als die dreißiger Jahre begannen, waren die christlichen Prinzipien von Freiheit und Recht mehr oder weniger noch überall in Europa in Geltung, ausgenommen in dem kleinen Zipfel des asiatischen Rußlands, den die Landkarte Europa zuzählt. Als sie zu Ende gingen, waren ungesetzliche Einkerkerung, Tortur und Tod, Massen-Deportation und Massen·Entvölkerung die Regierungsmethoden in drei Vierteln des Kontinents. Die Herrscher des eingekerkerten Rußlands und des eingekerkerten Deutschlands reichten einander die Hand, um dieses Pestreich zu erweitern, bis es beinahe ganz Europa verseucht hatte.

Die Dreißiger! Wie doch die Herde, vom 19. Jahrhundert auf die schöne Weide eines freien Lebens entlassen, dahinstürmte, um die abschüssigen Ufer von Gadarea wiederzufinden! Wie schwächlich waren die großen Männer. Viele von ihnen schrieen: «Der Wolf ist los!» - nur weil sie selber eine wölfisehe Rolle spielen wollten. Selten war der Mann (und ist es heute noch), der standhaft auf den Grundsätzen des Neuen Testamentes, der britischen Rechtspflege, der amerikanischen Verfassung beharrte, unbekümmert welche Seite in dem Wirrwarr des Tages die Oberhand zu gewinnen schien.

Als der Rauch der dreißiger Jahre sich in die Flammen der Vierziger wandelte und der Tanz der Marionetten immer schneller

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und besessener wurde, gab der Weise des Jahrhunderts dem Ganzen seinen letzten Segen. Als die beiden antichristlichen Führer sich die Hand reichten, um Europa zu zerstören, rief Bernard Shaw, wenige Augenblicke bevor sie vereint über Polen herfielen: «Hitler hat sich unter den starken Daumen Stalins begeben, und dessen Friedenswille ist überwältigend.» Das war der passende Abschluß für die wahnsinnigen dreißiger Jahre.

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