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Douglas Reed

Der grosse Plan der Anonymen

 

ERSTES BUCH

Rauch

1933-1939


VII.

Ein geräuschvoller Vorbote

Ich gebe hier einige Auszüge aus persönlichcn Berichten, die ich der «Times“ schickte, als die Dunkelheit sich in den dreißiger Jahren verdichtete.

Um die Mitte des Jahres 1933: «Krieg in ungefähr fünf Jahren, es sei denn, man erkennt die Gefahr und beugt vor ... „

Im Jahre 1935: «Wir gehen einem Kriege entgegen, der – wenn ihm nicht vorgebeugt wird - entweder sehr kurz ist und mit einem Siege Deutschlands endet, oder, der lange dauern und Europa in einen Zustand völligen Verfalls, eine Art chinesischer Verwirrung, bringen wird ... „

Im April 1936: «Der österreichische Bundeskanzler gab mir recht darin, daß Oesterreich und die Welt von jetzt an auf alles gefaßt sein müßten ... Meine persönliche Ansicht ist, daß man von jetzt an jederzeit auf Ereignisse gefaßt sein muß, die Großbritannien vor die unaufschichbare Entscheidung über Krieg oder Frieden stellen ... Die Möglichkeit eines deutschen Ueberfalls auf Oesterreich muß man jederzeit gewärtigen... Im Augenblick scheint es das deprimierende Merkmal der Situation zu sein, daß niemand diesen Stand der Dinge ernst nehmen will, bis es zu spät ist, und daß das Hineinschlittern in den Krieg von 1914 sich wieder wiederholen wird, weil die Welt nicht fähig ist, die Lage zu übersehen, mit der sie vermutlich in nicht allzu ferner Zeit konfrontiert werden wird ... „

Im April 1937: "Der Bundeskanzler sagte mir, das Schlimmste, was Oesterreich geschehen könnte, und was es am meisten zu fürchten hätte, wäre der Ausbruch eines Krieges in Europa. Und wer kann einen Krieg verhindern? Nur England' ... „

Im Juni 1937: «Oesterreich ist jetzt Deutschland ausgeliefert,

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und man muß sich beinahe wundern, daß die Deutschen nicht schon seit langem einmarschiert sind. Sie könnten es jederzeit tun. Und wenn die Deutschen einmarschieren sollten, scheint nur zweierlei als Ergebnis möglich: die sofortige Eingliederung Oesterreichs und die Auflösung der Tschechoslowakei oder ein europäischer Krieg ... »

Im Juni 1937: «Der österreichische Innenminister sagte mir, Oesterreich könnte bei einem Einmarsch der Reichswehr keinen Widerstand leisten, das wäre hoffnungslos. Das war auch meine Einschätzung der Möglichkeiten in einem Memorandum, das ich vor zwei Jahren schickte ... Bedeutete der Einmarsch in Oesterreich seiner Ansicht nach unausweichlich die sofortige Auflösung der Tschechoslowakei, vorausgesetzt, daß kein allgemeiner Krieg aushrach? Ja, sagte er, unausweichlich ... Abschließend bemerkte er: ,Nun, lassen Sie, uns hoffen, daß noch ein Ausweg gefunden werden und das große Blutbad vermieden werden kann', aber ich hatte nicht den Eindruck, daß er sehr viel Hoffnung hatte ... »

Im September 1937: «Italien ist damit einverstanden, daß Deutschland freie Hände in Oesterreich hat ... gegen ein Hilfs· versprechen im Falle eines Krieges im Mittelmeerraum oder eines allgemeinen europäischen Konfliktes ... Mussolini ,erwägt aufmerksam beginnende Feindseligkeiten in Europa'. Die Britische Außenpolitik scheint einen trostlosen Kurs auf das unausweichliche Unheil hinzusteuern, das man so lange vorhersehen und mit Leichtigkeit voraussagen konnte ... »

Im Dezember 1937: «Der Bundeskanzler sagte zu mir: ,Jede territoriale Expansion Deutschlands in diesem Raum muß unausweichlich zum Kriege führen ... ' Ein neuer Krieg würde den Kommunismus zur Folge haben. Er hielt es für einen Irrtum anzunehmen, daß man den Krieg vermeiden könnte, indem man versuchte, Deutschland mit Konzessionen im Donauraum milde zu stimmen. Er glaubte nicht, daß England die sozialen Umwälzungen erspart bleiben könnten, die ein neuer Krieg im Gefolge haben würde ... Ich sagte, daß ich gehört hätte, Deutschland rechne mit

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einem Krieg in ungefähr zwei Jahren. (Das war eine Anspielung auf einem Bericht, den ich aus autoritativer Quelle erhalten habe, demzufolge Papen zwischen dem 9. und dem 11. November vom Hitler eröffnet worden war, Deutschland rechne mit dem Krieg in längstens zwei Jahren, und von Göring: „spätestens in zwei Jahren".) Der Kanzler meinte, ohne daß ich mich auf diesen Bericht klugen hätte, er glaube, daß Deutschland sich auf Krieg ,längstens in zwei Jahren' vorbereite. Daß er den gleichen Ausdruck gebrauchte, von dem ich keinen Gebrauch gemacht hatte, schien mir darauf hinzuweisen, daß auch er von der Unterhaltung Hitler - Papen gehört hatte ... »

Der Einmarsch in Oesterreich erfolgte im März 1938, in der Tschechoslowakei im März 1939, und der Zweite Weltkrieg begann im September 1939.

Der Leser mag daraus ersehen, daß der gewissenhafte Journalist der dreißiger Jahre ein geräuschvoller, aber wahrheitsgetreuer Vorbote von Blut und Tod war. Aber nicht er allein. Die Berichte beinahe jeder britischen Botschaft oder Gesandtschaft in Europa mußten ganz ähnliche Warnungen vor dem Deutschland Hitlers in den dreißiger Jahren (und, in den vierziger Jahren, vor Stalins Rußland) enthalten.

Die Anzeichen haben sich mit dem neuen Dezennium nicht geändert. Ich bin heute noch überzeugter als in den dreißiger Jahren, daß der zweite Krieg durch eine unbeugsame Unterstützung der Tschechoslowakei hätte verhindert werden können. Wir wissen jetzt (durch das Beweismaterial in Nürnberg, durch Hassells «Vom anderen Deutschland» und Gisevius' «Bis zum bittern Ende»), daß die Deutschen damals bereit waren, Hitler zu stürzen oder zu töten. Das Abkommen von München warf alle ihre Pläne über den Haufen. Was konnten sie tun, wenn die Welt rund herum Hitler derart ermutigende Geschenke in Form von Territorien, Arbeitskraft, Versorgungs- und Munitionsvorräten machte? Heute haben wir genau die gleiche Situation - mit Sowjetrußland an Stelle Hitler-Deutschlands. Wenn die «Männer von München“

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damals schuldig waren, sind es die Männer von Moskau jetzt. Aber immer noch erhebt sich die Mauer der Irreführung zwischen den Völkern und der Wahrheit.

Die politischen Führer unseres Jahrhunderts bleiben ein Rätsel. Wenn Ramsay MacDonald sogar vor Hitlers Triumph die Gefahr voraussah - warum erlaubte er und seine Nachfolger im Amt, daß sie immer größer wurde? Geraten die herrschenden Politiker wirklich unter den unwiderstehlichen Druck jener «Kräfte hinter den Kulissen», von denen Disraeli sprach? Kümmern sie sich wirklich nur um die nächsten Wahlen, wie Baldwin andeutete? Oder werden sie zum Sprachrohr eines unausgesprochenen Wunsches der Massen, die ein: « Und nun geht heim und schlaft ruhig in euren Betten!» hören wollen? «Und ihr alle wißt, Sicherheit ist der Hauptfeind aller Sterblichen», sagte Lady Macbeth.

Wenn es in den dreißiger Jahren «Schuldige» gab, so waren diese in allen Parteien zu suchen. Nicht nur ein paar Tories schrieen: «Der König ist angekleidet! », als die nackte Diktatur sich zum Kampfe rüstete. Snowden und Lansbury hielten Hitler für einen «Freund des Friedens», Lloyd George spottete über eine deutsche Wiederaufrüstung, Attlee und Morrison hielten die britische Abrüstung für den sicheren Weg zum Frieden. Einzig und allein die Kommunisten, die den Ruf nach Abrüstung am lautesten erschallen ließen, behielten klar im Auge, was sie wollten: einen Zusammenbruch Großbritanniens und die allgemeine Auflösung.

Es ist für mich interessant, auf die Gedankenwelt eines Mannes (auf meine eigene) zurückzuschauen, der seine eigenen Dreßiger während der phantastischen dreißiger Jahre durchlebte. Den Hintergrund für alles, was ich dachte, bildete der Erste Weltkrieg. Der hing da wie ein großer grauer Vorhang im Hintergrund, und als das Ungeheuerliche eines zweiten Weltkrieges vor einem Gestalt annahm, war es, als befände man sich zwischcn zwei riesigen, erdrückenden Mauern. Man versuchte mit seinen winzigen Armen, sie auseinander zu halten.

Der Erste Weltkrieg war meiner Ansicht nach nicht nur einer

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von den unzähligen Kriegen der Weltgeschichte. Jetzt, da der zweite Krieg als mit ihm zusammengehörig erscheint wie der Tender mit der Lokomotive, wirkt er einzigartig. Beide zusammen sind ein Krieg. Dieser ist zum erstenmal in der Geschichte für überrnationale Zwecke benutzt worden, die von den Zielen der Völker im Schmelztiegel völlig verschieden waren. Bevor der erste begann (das ist jetzt klar), war bereits der Same dieser alles umstossenden Pläne ausgestreut, und nur sie gediehen und blühten in beiden Kriegen.

Aus diesem Grunde begann mit dem ersten Kriege etwas Neues in der Geschichte unseres Planeten. Zum ersten Male wurde der riesige Mechanismus ausgelöst, der Menschen von allen Ecken und Enden der Welt veranlaßte, «für die Freiheit» zu kämpfen, wie man ihnen sagte - in Wirklichkeit aber: um die Freiheit zu zerstören. Ich sehe noch immer, wie sich chinesische Arbeiter und verstörte Portugiesen auf den Schlachtfeldern Flanderns abplackten. Sie mögen sich damals - wie die Brasilianer während des Zweiten Weltkrieges - gefragt haben, was sie eigentlich auf dieser Galeerere verloren haben. Die allmächtige Grausamkeit jener ungeheuren Maschinerie, die Männer aus den abgelegensten Winkeln eines jeden Kontinents erfaßte, wurde damals erstmals aufgedeckt. Damals, zwischen 1914 und 1918, erschien sie wie ein natürlicher Vorgang, gleichsam ein spontaner Verbrennungsprozeß, der sich nie mehr wiederholen würde. Jetzt haben wir ihn schon zum zweiten Mal erlebt!

Dazu kommt die Sinnlosigkeit des Stellungskrieges und die unsinnigen Zerstörungen. Wenn ich zurückschaue, bin ich immer noch erstaunt, daß man 1914-1918 Millionen Menschen dazu bringen konnte, sich vier Jahre lang in den Schlamm zu legen und nur zu warten, bis eine Granate nahe genug krepierte. Der tödlichste Krieg der Geschichte war in gewissem Sinne ein nicht-kämpferischer Krieg. Waren es die Politiker, die den Generälen die Hände banden (wie den Journalisten zwischen beiden Kriegen), oder handelte es sich um eine sterile Periode des militä-

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rischen Könnens? Der «Abnutzungskrieg» in dem großen Sumpf scheint mir der jämmerlichste aller Kriege zu sein.

Und doch, diese Art von Kriegführung wurde durch ihre in die Augen springenden Resultate gerechtfertigt. Sie brachte Europa der Vollkommenheit so nahe, wie es ein menschliches Gemeinwesen auf einem irdischen Kontinent nur immer zu werden vermag. Während der Krieg tobte, glich er einem Dinosaurier, der sich in Schlamm und Blut wälzt, aber als das Untier endlich still lag, war die Luft rein, und wunderbare Hoffnungen regten sich. Er war militärisch ein Fiasko und politisch ein hervorragender Erfolg. In den dreißiger Jahren begann das Untier abermals sich zu regen, und die verwerflichsten aller derwischartigen Gestalten, die durch jene rauchige Zeit tanzten, waren für mich jene, die schrien: «An allem ist der Versailler-Vertrag schuld!» In den vierziger Jahren dürften die Menschen sich nach dem Versailler-Vertrag sehnen wie ertrinkende Seeleute nach einem Floß.

Denn der Zweite Weltkrieg war militärisch ein hervorragender Erfolg und politisch ein Fiasko. Die Verfälschung der Ursachen und Beweggründe, die in den dreißiger Jahren begonnen hatte, zog sich durch ihn hindurch wie eine kriegsbedingte Seuche. Die Umrisse der dreißiger Jahre sind klarer geworden. Ein tyrannischer Herr war nur gegen seinen noch tyrannischeren Bruder eingetauscht worden. Abermals wurde die große Maschinerie in Bewegung gesetzt für Ziele, die völlig verschieden von denen waren, die man damals proklamierte, «als man auf den Knopf drückte».

Als die dreißiger Jahre zu Ende gingen und der lange geleugnete Krieg begann, lag all dies noch hinter dem Wogenkamm der heranbrandenden Vierziger verborgen. Ich lauschte mit Ungeduld einem Lautsprecher in Devon, der mir erzählte, «der Krieg» habe begonnen. Der war ja schon seit nahezu sieben Jahren im Gang (und geht weiter, während ich schreibe).

Ich hatte in jenem Augenhlick nichts Besseres zu tun - ich ordnete meine Papiere und legte die Durchschläge jener Berichte beiseite, die ich in den Jahren 1933-1939 geschrieben hatte.

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