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Douglas Reed Der grosse Plan der Anonymen
ERSTES BUCH Rauch 1933-1939 Die längste Nacht Es war in den dreißiger Jahren aufregend, nach Rußland zu fahren in dem Zuge eines Mister Eden, von dessen Reise zum Einsiedler-Krebs im Kreml die guten Leute daheim sich etwas für den Frieden und die Verständigung unter den Menschen versprachen. Die Unterschriften im Gästebuch haben sich seither vervielfacht: Davies, abermals Eden, Roosevelt, Churchill, Truman, Bevin, Marschall - und wo sind Verständigung und Frieden geblieben? Aufregend war es, nach Moskau zu kommen, dieser Traum-Metropole des "großen sowjetischen Experimentes» (für einige), diesem Albtraum einer Hauptstadt der roten Zerstörung (für andere). Die Vorstellung, die ich mir aus der Ferne gemacht hatte, war die richtige. Zerstörung war das Wirkliche. Und heute, zehn Jahre später, hat sich nichts geändert. Ich kann das mit einer Kleinigkeit belegen, die alles beweist. In meinem Moskauer Hotelzimmer in den dreißiger Jahren klingelte das Telephon, und die Stimme einer Frau sagte: "Wollen Sie nicht, daß ich zu Ihnen hinaufkomme und Sie besuche?» Im März 1947, als ein anderer englischer Journalist (Mr. Herbert Ashley vom "Daily Telegraph» ) einen anderen Außenminister (Mr. Bevin) nach Moskau begleitete, klingelte ebenfalls das Telephon auf seinem Nachttisch, und die Stimme einer Frau sprach dieselben 73 Worte. Ich weiß nicht, ob es sich dabei um dieselbe Frau handelte, aber in diesen Jahren war die sowjetische Geheimpolizei nicht darauf verfallen, den Wortlaut der Frage zu ändern, geschweige denn die Methode. Diese Begebenheit ist der Schlüssel zu allem anderen; das Bild, das Herbert Ashley im übrigen gab, war genau, in jeder Kleinigkeit dasselbe, das ich mitgebracht hatte. Ich kann aus den dreißiger Jahren noch eine Kleinigkeit zu dieser Geschichte hinzufügen. Ich wußte, daß das hübsche russische Mädchen das Hotel ohne ihren Ausweis von der Geheimpolizei gar nicht betreten durfte, und lehnte daher ihr Gesuch ab. (Sie kommt auch in Victor Kravchenkos «Ich wählte die Freiheit!» vor.) Später jedoch tat sich die Tür auf, und ein Mädchen kam herein. Aber das war eine andere, die kaum ein Wort Englisch, Französisch oder Deutsch verstand. Vielleicht hatte sie, um etwas zu essen oder ein Kleidungsstück zu ergattern oder um ihrem Geliebten zur Freiheit zu verhelfen, der Geheimpolizei weisgemacht, daß sie Englisch verstünde - ich weiß es nicht. Sie war jedenfalls alles andere als eine femme fatale, sie war eine armselige Hure und nahm sich sogar in dieser Rolle kläglich aus. Ich war gerade im Begriff wegzugehen, um meinen Zug zu erreichen, und erinnere mich, daß ein amerikanischer Korrespondent hereinschaute, um mir auf Wiedersehen zu sagen, und sich schleunigst zurückzog, zweifellos weil er meinte, ich sei ein freiwilliger Gefangener. Ich schenkte ihr ein paar Ueberbleibsel, die einzupacken sich nicht gelohnt hatte: ein Stück Schokolade, einen Seifenrest, zwei Taschentücher und ein paar zerfledderte Rubelscheine. Sie brach in Tränen aus und stammelte: «Sie ... gut!", während ich, ihr bedeutend, daß für mich Eile geboten sei, davonlief, um meinen Zug zu erreichen. Ach, Mütterchen Rußland, Mutter der Schmerzen! Die Leiden der Deutschen und ihrer Opfer sind nur ein Tropfen gegenüber dem Becher, den das russische Volk in diesen drei Jahrzehnten zu leeren hatte. «Das wird so lange wie eine Nacht in Rußland währen, wenn die Nächte dort am längsten sind!» sagt Angelo in 74 „Mass für Mass“ als er ungeduldig eine gar zu weitschweifige Debatte verlässt. Dieser Vergleich hat heute eine Bedeutung, die Shakespeare damals nicht voraussehen konnte. Ein moderner Angelo, der die endlose Nacht miterlebt hat, die auf den roten Sonnenuntergang im Oktober 1917 folgte, könnte diese Worte anwenden, wenn er englische oder amerikanische Politiker, Geistliche oder Wissenschaftler des Jahres 1947 "das große sowjetische Experiment“ lobpreisen hört. Der humane Mensch scheint im zwanzigsten Jahrhundert beinahe ausgestorben zu sein. Das Gesicht Moskaus war, wie ich erwartet hatte - nicht weil ich mit einer feindseligen Einstellung gekommen war, sondern weil ich in Deutschland das Abbild des terroristischen Staates gesehen hatte, von dem die Sowjetunion das Originalbild selber war -, der Nazistaat, das Faksimile in anderen Farben. Für mich waren die Hauptquartiere der Geheimpolizei, ob sie nun in Moskau oder in Berlin standen, und die Konzentrationslager, ob es russische oder deutsche waren, nicht nur Ziegelsteinmauern und Stacheldrahtzäune. Ich hatte die Schreie gehört, die Wunden gesehen, mit den weinenden Frauen gesprochen, kannte die alles durchdringende und alles entwürdigende Angst. So kam es auch, daß ich, als ich das zivilisierte Polen hinter mir ließ und Rußland betrat, das Gefühl hatte, aus der Zone des Lebens in die des Todes gekommen zu sein, und im «Jahrmarkt des Wahnsinns» schrieb: «Einmal hinübergekommen, überfällt dich dieses Gefühl der Niedergeschlagenheit, das der aufmerksame Reisende in einem Staat erlebt, der auf Terror und Geheimpolizei begründet ist. Dasselbe Gefühl hast du in Deutschland, Italien oder jeder anderen Diktatur, wenn du dort lebst. Es rührt von dem Bewußtsein her, daß du deinen Mund nicht auftun darfst, daß du keine richtige Freiheit hast und riskierst, verhaftet und ohne Gerichtsverfahren ins Gefängnis geworfen zu werden, wenn du nicht deine Gedanken für dich selbst behältst ... Ich sah das allgemeingültige Zeichen des Terroristenstaates, ob er nun Rußland oder Deutschland oder sonstwie heißt: Stacheldrahtpalisaden, 75 Ecktürme mit Maschinengewehren und Wachtposten. Und drinnen: namenlose Menschen, für die Welt verloren, ohne gerichtliches Verfahren von der Geheimpolizei dahinein verschleppt. Das Konzentrationslager, die politischen Gefangenen. In Deutschland enthielten solche Lager Zehntausende, in diesem Lande Hunderttausende (heute sollte es anstatt "Hunderttausende» "Millionen» heißen). Ich fühlte, daß ich Rußland hätte lieben können, aber ich konnte schon sehen, daß man dir niemals erlauben würde, Rußland zu lieben. Die Merkmale eines Polizeistaates waren mir von Deutschland her vertraut, und auch hier sah ich, daß ein Ausländer, obschon er von niemand anderem als Russen umgeben war, Jahre verbringen könnte, ohne doch jemals Zutritt zu dem Leben des Volkes zu erlangen. Die Menschen würden viel zu viel Angst haben, um ihn kennen zu wollen. Er würde allein sein und allein bleiben, der Kreis seiner Bekanntschaften auf andere Ausländer beschränkt bleiben, sein Leben von Gesandtschafts-Tees bestimmt sein - ein unbemerkter Floh im Pelz des riesigen Rußland.» Diese Worte sind heute so wahr, wie sie es damals waren. W. H. Chamberlins "Rußlands eisernes Zeitalter» bestätigte ihre Wahrheit in den dreißiger Jahren, und Victor Kravchenko entwirft dasselbe Bild, nur noch dunkler, in den vierziger Jahren. Dies ist das einzige, was sich in Europa nicht geändert hat, das heißt, es hat sich zum Schlimmeren gewandelt, indem es sich nach außen verbreitete, den halben Kontinent unterjochte und heute England bedroht. "Das große Experiment der Sowjets» -: Es gibt in der Geschichte von dreißig Jahren der Sowjetherrschaft nicht eine einzige Sache, die neu wäre. Alles darin hat das Gepräge der Reaktion gegen die erbarmungslose Roheit der Zeiten lange vor der Zarenherrschaft. Wenn es darin etwas für die moderne Zeit Neues giht, dann ist das nur die Abschaffung eines jeglichen Rechts auf Besitz. Ursprünglich zu dem Zweck durchgeführt, den Großgrundbesitz zu vernichten, ist sie der in der Geschichte bisher unbarmherzigste Schlag gegen den Menschen schlechthin und hat in einem 76 so riesigen Lande mit bäuerlicher Bevölkerung jedweden Bauern zu einem endlosen Sklaven gemacht. Vor zehn Jahren verfiel ich noch in den Fehler, den ich bei anderen rügte, als ich im «Jahrmarkt des Wahnsinns» dogmatische Behauptungen über etwas schrieb, was ich weder gesehen noch gründlich untersucht hatte: den Beginn der endlosen sowjetischen Nacht.“Die bolschewistische Revolution nahm ihren Anfang in der Agonie Rußlands ... Es war ein Aufstand gegen eine unerreägliche Tyrannei. Es war die konvulsivische Erhebung eines ganzen über alle Geduld gemarterten und ausgebeuteten Volkes, eine verzweifelte Anstrengung, eine unendlich lange Tyrannei abzuschütteln und eine Wendung zum Besseren herbeizuführen.» Nein. In den vierziger Jahren haben wir schon zuviel gesehen, als dass wir noch länger glauben könnten, die Macht über die Masse ginge von einer Gruppe an eine andere durch Aufstände des Volkes über. Wäre dem so, dann hätte das russische Volk sich schon längst erhoben. Der folgende Satz war richtig: "Im vorliegenden Falle ist die Macht von einer Clique an eine andere Clique übergegangen, und niemand kann heute noch sagen, was sich lezten Endes aus der bolschewistischen Revolution für Rußland ergeben wird.» In den vierziger Jahren jedoch wissen wir, was andere Völker als die Russen von ihr zu erwarten haben. In keinem einzigen Lande sonst ist der Kommunismus durch eine Entscheidung der Mehrheit an die Macht gelangt. Das wird ihm auch niemals gelingen. Und dennoch herrscht der Kommunismus heute über viele andere Länder - gestützt auf die Anwesenheit der Roten Armee. In den dreißiger Jahren, als ich in Moskau war, definierte der gute Litwinow als "den Angreifer» freundlicherweise ein Land, das zuerst die Grenze seines Nachbarn durch Truppen überschreiten oder sie durch Flugzeuge überfliegen ließ. Stalin erzählte Eden, daß "zwei expansionistische Länder, Deutschland und Japan, den Weltfrieden bedrohten» (aber er fügte nicht hinzu, daß er Deutschland dabei Gesellschaft leisten werde, diesen Frieden zu brechen). 77 In jenen Tagen hatte es den Anschein, als wünschten die Herrscher über Rußland Frieden und als könnten die versklavten Russen glücklich werden. Dem war nicht so. Der Bereich der Zerstörung ist nur größer geworden, und über die künftigen Pläne kann gar kein Zweifel bestehen. Das Fragezeichen, das in den dreißiger Jahren über dem Kreml hing, ist jetzt in den Vierzigern beantwortet worden, und wir sind wieder genau so weit wie vor zehn Jahren. Europa kann ebenso wenig in zwei Teile zerschnitten bleiben, wie ein Mensch mit gebrochenem Rückgrat durchs Leben gehen kann. Es muß entweder geheilt werden oder es muß sterben. Daß der Kommunismus die Forderung eines Napoleon oder Hitler nach Weltherrschaft vielleicht wiederholt, lag in den dreißiger Jahren auf der Hand. Dagegen war nicht klar, daß Großbritannien und Amerika ihm dabei helfen würden. Unglückliches Rußland, unglückliches Moskau! Wie widersinnig flatterten doch damals die in Moskau genähten Union Jacks, als ein britischer Außenminister in den dreißiger Jahren zum ersten Male dort eintraf. Wie stumpf und stumm harrten in weiter Entfernung die zurückgehaltenen Menschenmengen hinter den wachsamen Truppen der Geheimpolizei. Sie hatten nichts zu verlieren als ihre Ketten (hatte man ihnen einst gesagt). Jetzt trugen sie grausamere Ketten denn je zuvor. Ihnen war nichts als das Elend des Denkens geblieben. Wie gut tat es, durch den Eisernen Vorhang zurück in das zivilisierte Polen zu fahren. Armes Polen! |