t C


 

Douglas Reed

Der grosse Plan der Anonymen

 

ERSTES BUCH

Rauch

1933-1939

IV.

Der Strandräuber

Vor zehn Jahren hatte ich eine andere Meinung über die Rolle eines bestimmten Mannes bei den Ereignissen unseres Jahrhunderts als die allgemein vorherrschende, und heute, dreizehn Jahre später, fühle ich mich in der Beurteilung dieses Mannes noch sicherer. Ich war damals der Ansicht, Hitler habe die Absicht, Deutschland zu zerstören. Das war die einzig plausible Erklärung für das, was er tat. Die Anklage auf das neue Verbrechen der «Genocide" (Ausrottung ganzer Völker) wurde bei dem großen Gerichtsverfahren von Nürnberg in den vierziger Jahren gegen seine Spießgesellen erhoben und gründete sich in der Hauptsache auf die Verfolgung der Juden. Ich glaube aber, daß die Nation, die er zerstören wollte, die deutsche war.

Diesen Schlüssel zu dem Rätsel unserer Zeiten fanden einige wenige von denen, die ihm nahestanden, und diese Männer prallten vor Entsetzen zurück, als sie mit ihm Blaubarts verbotene Kammer öffneten. Der erste von ihnen war Hermann Rauschning, der noch vor Ausbruch des Krieges ins Ausland floh und versuchte, die Menschheit durch zwei Bücher aufzuklären: «Die Revolution des Nihilismus" und «Ich sprach mit Hitler» (1939). In seinen Berichten über Hitlers Aeußerungen fand ich zum ersten Male meinen Verdacht bestätigt.

«Wir sind verpflichtet zur Entvölkerung, als einem Teil unserer Sendung, das deutsche Volk zu erhalten. Wir werden gezwungen sein, eine Technik der Entvölkerung zu entwickeln. Wenn Sie mich fragen, was ich unter Entvölkerung verstehe, so meine ich damit die Versetzung ganzer rassischer Einheiten. Und das ist auch, was ich durchzuführen gedenke - das ist in großen Zügen meine Aufgabe. Wenn ich die Blüte des deutschen Volkes in die

56

Hölle des Krieges schicken kann, ohne auch nur das geringste Mitleid mit dem Vergießen deutschen Blutes zu empfinden, dann habe ich bestimmt auch das Recht, Millionen einer minderwertigen Rasse zu versetzen, die sich wie Ungeziefer vermehrt."

"Die Blüte des deutschen Volkes in die Hölle des Krieges schicken, ohne auch nur das geringste Mitleid mit dem Vergießen deutschen Blutes zu empfinden»: Seine Gedanken bewegten sich von Blut durch Blut zu Blut. Entvölkerung ist ein Gedanke, der, glaube ich, erstmals als politisches Programm während der Französischen Revolution aufkam. In Nesta Websters Buch "Die Französische Revolution» wird er als vorsätzliches Motiv hinter diesem Ereignis dargestellt.

Rauschnings Entdeckung wurde in der Folge von vielen anderen Deutschen gemacht, die versuchten, Hitler umzuhringen. Wenn die Hand des Bösen auf Erden Macht hat, so mag man sie darin erkennen, wie die vielen Anschläge dieser Männer gegen das Leben Hitlers mißlangen, und in dem fürchterlichen Ende, das diese Männer auf sich nehmen mußten, angefangen mit der langsamen Strangulierung des Admirals Canaris bis zu der öffentlichen Schaustellung des Leichnams Generalfeldmarschall von Witzlebens an einem Fleischhaken. Aber wenn andererseits sich vergängliche Kräfte mit der Revolution des Nihilismus verbündet haben, so kann man auf ihre Macht aus der Tatsache schließen, daß der Deutsche, der auf dieses Geheimnis in Hitlers Werk das meiste Licht hätte werfen können, und der den Versuch machte, ihn zu töten, in Nürnherg zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt wurde!

Dieser Mann, Albert Speer, der Minister für die Rüstungsindustrie, gehörte zu Hitlers engstem Mitarbeiterstab und machte zum Schluß Rauschnings fürchterliche Entdeckung: daß Hitlers Ziel die Zerstörung Deutschlands und eine allgemeine Zerstörung war. Als er die Befehle Hitlers und Goebbels' (diese beiden und Martin Bormann waren bezeichnenderweise die einzigen führenden Persönlichkeiten, die nicht in die Hände der Briten oder Amerikaner fielen) an das deutsche Volk hörte, sein eigenes Land

57

zu zerstören und zu verwüsten, versuchte er, die Erzstrandräuber in ihrem Bunker zu vergasen. Die letzten Radiobotschaften aus diesem Bunker waren Freudenschreie nihilistischen Triumphes:

«Der Bombenterror verschont weder die Häuser der Reichen noch der Armen ... die letzten Schranken der Klassen sind gefallen ... unter den Trümmern unserer vernichteten Städte sind die letzten der sogenannten Errungenschaften unseres bürgerlichen Jahrhunderts endgültig begraben... die Revolution hat kein Ende; eine Revolution kann nur mißlingen, wenn die, die sie machen, aufhören, Revolutionäre zu sein ... Zusammen mit den Monumenten der Kultur werden auch die letzten Hindernisse für die endgültige Durchführung unserer revolutionären Aufgabe beseitigt. Jetzt, wo alles zerstört ist, sind wir gezwungen, Europa neu aufzubauen. Die Bomben haben, anstatt alle Europäer zu töten, nur die Mauern des Gefängnisses zerbrochen, das sie gefangen hielt ... Bei seinem Versuch, Europas Zukunft zu zerstören, ist dem Feinde nur gelungen, seine eigene Vergangenheit zu vernichten, und damit ist alles Alte und Verbrauchte beseitigt.»

Nihilismus, Anarchismus, Kommunismus, Faschismus: die Freude des Affen oder des Kindes am Zerstören von Freund oder Feind, gleichgültig, wen auch immer. Das war der Zweck und Sinn des Ganzen.

Die lange Zeitspanne zwischen der französischen und der russischen Revolution machte die Oeffentlichkeit für den wahren Sinn blind; der geschickte Trick, die Revolution Hitlers der Welt als etwas völlig Andersgeartetes, ja als das genaue Gegenteil darzustellen, brachte es fertig, den Massen die Erkenntnis für die Kontinuität dieses revolutionären Prozesses zu verbergen.

Das Wort «Strandräuber" steht im Wörterbuch und bezeichnet einen Mann, der durch falsche Lichtsignale Schiffe strandwärts lockt und zum Scheitern bringt. Der Massen-Strandräuber in der Politik arbeitet nach denselben Metoden, aber er erstrebt mehr als nur den materiellen Gewinn: die Macht. Ich denke mit Befriedigung daran, daß ich drei von diesen Strandräubern unseres ent-

58

scheidenden Jahrhunderts leibhaftig gesehen habe (Lenin, als er schon tot war, Hitler und Mussolini bei lebendigem Leibe), und daß ich unter den Völkern lebte, die jene ins Verderben stürzten. Mussolini mag unbewußt ein Agent der Zerstörung gewesen sein, ein Mann, den die Krankheit der Macht selber korrumpierte, nachdem er sie gewonnen hatte. Lenin und Hitler aber waren, glaube ich, ganz bewußte Zerstörer und Entvölkerer. Der Verstand der Massen jedoch scheint nur fähig zu sein, den Massenmörder im Privatleben zu erfassen, zum Beispiel solch beachtenswerte Pariser Herren wie Landru und Dr. Petiot, die sich wie kleine Maden auf einem riesigen Felde des Menschengemetzels während des Ersten und des Zweiten Weltkrieges betätigten. Die großen Massenmörder des öffentliehen Lebens, von Bobespierre und Marat bis zu Lenin, Trotzki, Hitler und Goebbels, bleiben außerhalb ihres Begriffsvermögens.

Hitler habe ich an die hundert Male gesehen und beobachtet. Es war etwas Schattenhaftes über ihm, und von den Millionen, über die er herrschte, war er so verschieden, als gehöre er einer anderen Spezies an. Ich möchte meinen, daß seine Abgeschiedenheit mit dem Geheimnis zusammenhing, das er mit sich trug, dem Geheimnis, das nur einem Deutschen von einer ganzen Million aufging, der dann aber auch gleich zurückschreckte oder versuchte, das Ungeheuer zu töten. Er spielte eine Rolle, und der Mob begriff das nie. Er sah in ihm die heroische Verwirklichung seiner selbst und war ihm verfallen.

Ich empfand das Bedürfnis zu lachen, wenn ich mit ihm sprach, oder besser: wenn ich seinen heruntergeraspelten Rodomontaden zuhörte, während der unruhige, ihn glühend verehrende Heß neben uns saß. Im Hydepark, glaubte ich, wäre die Luftblase seines Wortschwalls sehr bald durch irgend einen bissigen Cockney-Zwischenruf zerplatzt. Heute aber bin ich, was eine englische Volksmenge betrifft, nicht mehr ganz so sicher, und was ihn betrifft, weiß ich, daß ich mich geirrt habe. Er paßte seine Art und Weise geschickt seiner Hörerschaft an. «Der erzürnte Deutsche

59

kommt, mit Pauken und Trompeten." Macaulay hatte recht. Der Deutsche kann durch einen solchen Appell aufgebracht werden, und Hitler war ein Meister dieser Kunst. Ja, mehr noch: seine WutanfäIle, die so offensichtlich erkünstelt waren wie bei einem kleinen Schauspieler, der Lear verschandelt, steigerten sich zu echten und tödlichen Paroxysmen, als es in seiner Macht stand, Blut zu vergießen.

Der große Kenner der Französischen Revolution Lord Acton (lebte er jetzt noch, dann würde er, glaube ich, den nie abgerissenen Faden von damals her durch den Sowjetkommunismus und den deutschcn Nationalsozialismus zu dem nihilistischen Weltstaat, der uns heute bedroht, aufgreifen) hat zweierlei gesagt, was mir Hitler und die Entwicklung in unserer Zeit zu erklären scheint:

Erstens das berühmte Urteil: «Jedwede Macht trägt in sich die Tendenz zu korrumpieren, und die absolute Macht korrumpiert absolut.“ - Das hat sich in unserem Jahrhundert immer wieder als wahr erwiesen und bedeutet, daß auch ein Mann, der nicht bewußt als Strandräuber von Nationen anfängt, doch dazu wird, wenn er nach einer Machtfülle strebt, die sich der öffentlichen und parlamentarischen Kontrolle entzieht.

Zweitens: "Das Abstoßende in der Französischen Revolution sind nicht die Tumulte, sondern die Absicht, die ihnen zugrunde liegt. Hinter all dem Feuer und Rauch erkennen wir den Beweis einer berechnenden Organisation. Die Drahtzieher bleiben geflissentlich verborgen, aber über ihre Anwesenheit von Anfang an kann nicht der geringste Zweifel bestehen." Auch das, so scheint mir, was er über die große Umwälzung des 18. Jahrhunderts geschrieben hat, erwies sich als wahr, weitaus mehr durch all das, was sich im 20. Jahrhundert ereignet hat, als zu der Zeit, da es gegen Ende des 19. Jahrhunderts geschrieben wurde. Es bedeutet, nach meinem Dafürhalten, daß Männer, die an die Macht gelangen, «einen Plan" und «Drahtzieher» finden, die schon auf sie warten, und deren Werkzeuge sie werden. Sie dürfen sich nur so

60

hoch erheben, weil ihre Nützlichkeit in dem «Plan» vorgesehen ist. Manche von ihnen jedoch sind von Anfang an in den Plan eingeweiht, und zu denen möchte ich auch Hitler rechnen, neben denen, die er vorgab zu hassen, wie Marx, Lenin, Trotzki und Stalin.

In dieser Hinsicht kommt Lord Actons Lesart der Dinge der König Boris' und meiner eigenen heute nahe. Wenn ich so zurückschaue auf die rauchigen dreißiger und jetzt um mich herum in die qualmigen vierziger Jahre, dann ist das Abstoßende daran nicht der Rauch, sondern der Plan. Dieser geht dahin, Freiheit und Recht und die Wurzel, aus denen beides entspringt: das Christentum, in allen Ländern zu zerstören. Betrachtet man ihn im Licht eines solchen Planes, dann war Hitlers Krieg ein Triumph. Als er abgetreten war, breitete sich der «Plan" über ein weitaus größeres Gebiet aus, als er selber jemals zu erobern vermocht hatte, und jetzt fallen seine Schatten auch schon über diese Insel.

In den vierziger Jahren kann über diese Wirkung seines Werkes gar kein Zweifel mehr bestehen. Die einzige Frage, die noch unbeantwortet bleibt, ist, ob er ein bewußter oder ein unbewußter Agent war! Wollte er ganz bewußt die Zerstörung des christlichen Europas, die seit seinem Abtreten von der Szene beinahe abgeschlossen worden ist?

Ich glaube: ja, das wollte er, und ich glaube das wegen des Geheinmisses, das sein früheres Leben, sein Erscheinen auf der Bühne und sein Verschwinden von der Bühne umgibt. All das scheint mir einen Plan und die Anwesenheit von Managern zu verraten.

Die entscheidenden Jugendjahre dieses Lebens spielten sich - vor 1914 - in Wien ab. Man weiß so gut wie nichts über sie. Berlin, München und Wien sind erobert und jedes erdenkliche Archiv ist durchstöbert worden. Aber von seinem Polizei-Dossier in Wien hat man nicht das geringste gehört. Meiner Ansicht nach hätte man darin sehen müssen, was für· eine Art Mensch er war und mit wem er umging in jenen Jahren, da die große eurasische Einwanderung im europäischen Westen begann; als die russischen Nihilisten und

61

Anarchisten sich in den Hauptstraßen von Wien, Berlin, Paris und London versammelten und «Peter der Maler" und seine finstere Bande in den Flammen von Sidney-Street verschwanden.

Im Jahre 1919 wiederum war er ein deutscher Soldat, der während der Herrschaft der Räteregierung in München immer noch bei der Truppe stand. Er nahm am Kampf gegen die Bolschewisten nicht teil, und doch wurde er nach ihrem Sturz plötzlich der Führer einer antibolschewistischen «Nationalsozialistischen Partei»! Ein so plötzliches Auftauchen in der Politik kennt man in unserem Jahrhundert sonst nur bei Kommunisten, die lange und im Geheimen in den Schulen ausgebildet worden sind, aus denen die Nihilisten und Anarchisten der Jahre 1900-1914 hervorgingen. Seinem Alter, seiner Herkunft und der Plötzlichkeit seines Auftauchens nach ähnelt Hitler sehr dem geheimnisvollen, pseudonymen und vorher völlig unbekannten „Tito», der während des Zweiten Weltkrieges aus Rußland nach Jugoslawien herunter kam und sehr bald durch britisches und amerikanisches Gold, Waffen und Nachschub instandgesetzt wurde, dort eine kommunistische Diktatur zu errichten. Die heutigen Beherrscher Rumäniens, Bulgariens, Polens, Ungarns und der baltischen Staaten tauchten zum größten Teil auf ganz ähnliche Weise aus der Obskurität kommunistischer Trainingsschulen in Rußland auf. Der Sowjetgriff auf die östliche Hälfte Europas, der im Jahre 1947 zum Gegenstand einer lauten amerikanischen und einer leisen englischen Klage wurde, war in Tat und Wahrheit durch die internationalen Konferenzen der Kriegszeit vorbereitet und erhielt die Unterstützung amerikanischer und britischer Vertrauensleute; falls diese im Stillen erhofften, die Sowjets würden sich zurückziehen, dann waren sie unverantwortlich schlecht beraten. Die Art und Weise, wie Tito auftauchte, und die Unterstützung, die ihm von übernationalen Lagern zuteil wurde, erinnert ihrerseits nun wieder an die Ankunft Lenins und Trotzkis während des Ersten Weltkrieges in Rußland mit deutscher und amerikanischer Unterstützung. Wenn hinter allem dem kein "Plan» und keine Draht-

62

zieher stecken, dann ist der Arm der Koinzidenz in unserem Jahrhundert unendlich.

Hitler erschien alsdann in der deutschen Politik wie der «Knüppel aus dem Sack», wie der Dämonenfürst in der Pantomime. Vor dreizehn Jahren, als ich diese Theorien darüber zu entwickeln begann, wem er eigentlich in Wirklichkeit botmäßig und welches seine wahren Motive waren (man kann sich nur solange in Theorien über eine Verschwörung ergehen, bis Guy Fawkes unter den Pulverfässern entdeckt worden ist, und in unseren Tagen würde jeder Vorschlag zur Durchsuchung des Kellergewölbes als «faschistisch», als "Hexenverfolgung" oder anti-irgendetwas abgewiesen), war ich gespannt darauf, was für ein Ende es mit ihm nehmen würde. Wenn es Drahtzieher und einen Plan für ihn gab, meinte ich, müßte er abtreten, wie er gekommen war.

Zehn Jahre später verschwand er von der sichtbaren Bühne.

Ein britischer Offizier aus dem Intelligence-Service in Berlin, H. R. Trevor-Roper, wurde mit der Untersuchung betraut und hatte alle zugänglichen Beweise zur Verfügung. Er veröffentlichte in der Folge ein Buch, "Hitlers letzte Tage». Der Titel klingt beweiskräftig, aber die Tatsachen scheinen mir nicht endgültig zu sein oder mehr als das Ende von einem Paar schwarzer Hosen zu beweisen. Einige Punkte sind mir aufgefallen:

In der Woche, bevor Hitler Selbstmord beging (falls er ihn beging), am 30 . April 1945, lebten zweiundreißig Personen in seinem Bunker oder in anderen in der Nähe. Nur elf von diesen fielen in die Hände der Briten oder Amerikaner, und unter ihnen befand sich kein einziger von den zehn oder elf Männern, die behaupten, in dem Gang vor Hitlers Räumen. gewartet zu haben, während er und Eva Braun Selbstmord verübten. Der einzige von den Briten oder Amerikanern verhörte Mann, der behauptet, Hitler tot auf einem Sofa liegend gesehen zu haben, ist Artur Axmann, der Führer der Hitler-Jugend. Er versichert auch, später die Leiche Martin Bormanns, nächst Hitler der höchste Mann der Nazi-Partei, gesehen zu haben.

63

Bormann figurierte in Nürnherg als in absentia Angeklagter und wurde folglich als noch am Leben betrachet. Hitler, «dieser abscheuliche Mann», aber figurierte gar nicht als Angeklagter!

Die einzigen anderen Zeugen in britischer oder amerikanischer Hand, die behaupteten, indirekt Kenntnis von Hitlers Ende zu haben, waren unbedeutende Leute, Polizisten oder Wachmannschaften. Einer von den Polizisten «sah, wie der Leichnam herausgetragen wurde, von einer Decke verhüllt, welche den blutigen und zertrümmerten Kopf verbarg, und erkannte ihn sofort an den wohlbekannten schwarzen Hosen». Ein anderer kam zufällig hinzu, als die beiden Leichen verbrannt wurden; sie waren mit Leichtigkeit zu erkennen, obwohl Hitlers Schädel zertrümmert war.»

Es bestünde Gewißheit, wenn britische oder amerikanische Truppen als erste den Schauplatz betreten hätten. Auf Grund irgend eines Befehls von hoher Stelle aber, für den die Ursache niemals bekanntgegeben worden ist, scheinen die amerikanischen Truppen angehalten worden zu sein, zu gewährleisten, daß russische Truppen den Schauplatz als erste betraten. Und damit beginnt die Ungewißheit.

Hitler setzte zwei Testamente auf. In dem einen verkündete er die Absicht, Selbstmord zu verüben, und sprach den Wunsch aus, man möge seine und Eva Brauns Leiche auf dem Schauplatz verbrennen. Dies - wenn es echt war - war eine öffentliche Botschaft an das deutsche Volk und die Welt. Und doch wurden «sorgsame Vorsichtsmaßregeln» ergriffen, um die Einäscherung geheim zu halten, und nur durch einen Zufall wurden «zwei unbefugte Personen» Zeuge davon. Die eine, ein Polizist, «wurde von Hitlers SS-Adjutant Guensche angeschrien, sich schnellstens zu verziehen». Der rangälteste der Polizeioffiziere, Oberst Rattenhuber wiederum «versammelte später seine Leute und nahm ihnen das Versprechen ab, alles, was sich an diesem Tage ereignet hatte, als ein heiliges Geheimnis zu bewahren. Jeder, der davon etwas erzählte, würde erschossen werden».

Warum? Dieser Rattenhuber würde ein wertvoller Zeuge sein,

64

aber seine Aussage ist nicht zu erlangen. Der Befehlshaber der sowjetischen Streitkräfte gab bekannt, daß Rattenhuber sich zusammen mit dem Mann, von dem man annimmt, er habe Hitlers Leiche aus dem Bunker heraufgetragen, sein Kammerdiener Heinz Linge, in russischer Gefangenschaft befände. Ein britisches und amerikanisches Ersuchen, diese beiden Männer identifizieren zu dürfen, wurde jedoch abgelehnt. Hitlers Leiche wurde niemals gefunden.

Noch etwas Sonderbares geschah an diesem «letzten Tage».

Wenn Hitler tot ist, wurde er kurz vor Mitternacht um 30. April 1945 begraben. Um diese Zeit gerade aber arbeiteten Goebbels, Bormann, General Burgdorf, Artur Axmann und ein anderer «das Projekt eines Vertrages mit den Russen aus,,!

«Ein anderer» war General Hans Krebs, «der vor dem Kriege lange Zeit in Rußland, in Moskau, im Dienst gestanden hatte.» Dieser General Krebs nun, der alles über den Hitler-Stalin-Pakt wußte, mit dem der Zweite Weltkrieg begann, befand sich am 30. April um Mitternacht auf dem Wege von dem Bunker mit einem Schreiben von Goebbels (der schon seinen eigenen bevorstehenden Selbstmord angekündigt hatte), an Marschall Schukow, den Befehlshaber der sowjetischen Streitkräfte, um ihn über Hitlers Tod zu informieren und ihn aufzufordern, einen Waffenstillstand einzugehen! Zwölf Stunden später kehrte er zurück und sagte, die Antwort wäre «nicht befriedigend». Jedenfalls sind wir so unterrichtet. General Krebs hat man nie wiedergesehen, Bormann ist vermißt, Burgdorf ist verschwunden, Goebbels, hieß es (seitens der russischen Befehlsstellen), habe nicht nur Selbstmord begangen, sondern auch seinen Leichnam hinterlassen, obschon darüher meines Wissens keine einzige Photographie veröffentlicht worden ist.

Wahrhaftig, wenn Hitler nicht gestorben wäre, hätte man seinen Tod erfinden müssen, denn solche Unterhandlungen an seinem «letzten Tage» mit den heranrückenden Verbündeten von 1939 hätten sonst viele Erklärungen verlangt.

64

Sind sie nun tot - er und seine Gefährten der letzten Tage?

Wenn er selber tot ist, so ist das eine irrelevante Tatsache. Als «Teufel mit dem kleinen Bärtchen» besang ihn ein Topfdeckel-Troubadour in New York während des Krieges. Vielleicht; aber seine Satanie richtete sich mehr gegen das christliche Europa als gegen die Juden. Mit seinem Verschwinden war die Revolution des Nihilismus nicht beseitigt, sondern machte ihre größten Fortschritte.

Ich glaube, das fehlende Wiener Dossier würde das fehlende Glied in der Kette unserer Kenntnisse über seine Verbindungen in jungen Jahren beibringen, und dieses würde uns vielleicht nach Rußland führen. Meine Theorie geht dahin, daß Hitler zwischen 1908 und 1914 seine politische Ausbildung in den russischen Schulen der Anarchisten und Nihilisten erhalten hat, und daß die es sind, die jetzt die scheinbar gegnerischen Zusammenstöße von "Kommunismus» und «Faschismus» in Szene gesetzt haben, um hinter der Maske vorgeblich gegenseitigen Hasses nur um so wirkungsvoller zu arbeiten und ihr Ziel; die Zerstörung unseres Kontinents, zu erreichen. Ich meine, daß diese Kräfte durch alle Ereignisse der vierziger Jahre eindeutig als international organisiert entlarvt worden sind, als Kräfte, die sowohl im "kapitalistischen Westen» als auch im «kommunistischen Osten» ihre Freunde haben. Ich meine, daß er ihr Agent gewesen ist und in den östlichen Armeen, denen man das Vorrecht zugestand, Berlin zu erobern, ebenso viel Freunde wie Feinde besaß. Feldmarschall von Paulus, der die große deutsche Armee von Stalingrad kommandierte, stand weit Vorn auf der Sowjetliste der «Kriegsverbrecher» und doch wurde er nicht zum Prozeß nach Nürnberg geschickt. Im Gegenteil. Heute ist er der begünstigste Protegierte der Sowjetmacht, und im September 1947 verkündete die Sowjetregierung seine Rückkehr nach Deutschland. Die Umstände seiner Kapitulation und die Rolle, die Hitler dabei spielte, verdienen es, eines Tages neu, im Lichte dieser Ereignisse, studiert zu werden. Ich glaube, er ging aus jenen geheimen, nationslosen, konspirativen Reihen

66

hervor, und mit seinen erwählten Eingeweihten mag er von ihnen weggezaubert worden sein. Wenn er noch am Leben ist, würde ich ihn am ehesten hinter dem dunklen Vorhang suchen; ist er tot, dann, glaube ich, wird man sein Geheimnis dort aufdecken können. Wenn es einen "Plan» gibt, so hat er ihn gefördert; und wenn es Drahtzieher gibt, dann mögen diese ihn als ihren Mann fordern.

Inhalt
Vorseite