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Douglas Reed Der grosse Plan der Anonymen
ERSTES BUCH Rauch 1933-1939 III. Die einsamen Könige Zwei Männer aus den rauchigen dreißiger Jahren, die ich im „Jahrmarkt des Wahnsinns“ geschildert habe, stehen für mich auch jetzt, dreizehn Jahre später, völlig unverändert da: König Boris von Bulgarien und König Georg von Griechenland. Ihre Haltung und ihr Ende in den vierziger Jahren waren, wie ich es vorausgesehen hatte. Die Flammen haben sie verzehrt, aber ihre Motive und ihre Treue bliben bis zuletzt unanfechthar. Könige stehen meiner Erfahrung nach streng abgesondert von allen anderen Männern der Politik. Sie sind Professionelle in einer berufsmäßigen Berufung. Der Staatsmann von Beruf, der 48 Edelmann, der Geistliche oder der Gelehrte, der sein Leben dem Dienst an den öffentlichen Angelegenheiten weihte, ist ausgestorben. Sein Nachfolger, der Politiker des 20. Jahrhunderts, von dem ich eine Unzahl kennen gelernt habe, erscheint mir als ein Amateur. Seinem Herkommen nach ist er stets etwas anderes: ein Jurist, der Sohn eines Bauern, ein Journalist, ein Gewerkschaftssekretär, ein Professor, ein Künstler; er sieht in der Politik den Weg zu materiellem Gewinn, oder er tritt in die Politik ein, um sein Land vorwärtszubringen oder es zu ruinieren. In diesem Jahrhundert der großen Maskerade werden seine wahren Beweggründe zumeist erst im Augenblick der Demaskierung deutlich, wenn ein Verräter zum Vorschein kommt. Er ist bisweilen der Agent oder der Strohmann halbverborgener Gruppen. Sein Name ist so kurzlebig wie der Schnee; wo sind die Politiker vom vergangenen Jahr? Seine Nachkommenschaft taucht abermals in der Masse unter. Wenn ich einem König gegenübertrat, empfand ich den Respekt, den ich gegenüber einem Chirurgen im Operationssaal empfinde, oder den ich fühlen würde, wenn ich im Maschinenraum eines Schiffes mit Kiplings alte McAndrew zusammen wäre, der hier «allein mit Gott und diesen meinen Maschinen» lebte. Solche Menschen sind technische Specialisten; sie stehen tatsächlich abseits von allen Parteien. Sie sind wirklich was sie scheinen. Frostige Einsamkeit umgab sie wie den Frontsoldaten im Kriege. Balkan-Könige sind Könige der vorderste Front. Vor hundert Jahren, als die Türken nach Kleinasien zurückwichen, schien Europa endlich für die Christenheit und die kleinen Völker gesichert zu sein. Alle Völker des Balkans wählten sich Könige, und die meisten wählten germanische. Deutschland schuf irgendwie Männer, die sich auf Königtum verstanden, und auch diese Insel ist gut gefahren, als sie eine gleiche Wahl traf. Aber nach den Türken fielen Oesterreich, Deutschland und heute das kommunistische Weltreich über die Balkan-Königreiche her. Das Russland der Zaren war ihr Freund; der kommunistische Herrscher aber wandelte sie abermals zu den 50 finsteren Schlachthäusern, die sie unter den Sultanen gewesen waren. Hundert Jahre früher hatten die Christen unterirdische Kirchen bauen müssen, um ihren Glauben am Lehen zu halten; solch eine Kirche stand König Boris' Palast in Sofia gegenüber. Die Worte «Widerstand“ und «Untergrund“ wurden hier geboren; es waren christliche und patriotische, nicht antichristliche und verräterische Worte. Auch dieser Kampf war ein Kampf von ganz Enropa. Der Bewohner der britischen Insel wird das nie einsehen, aber der Balkan ist seine Front. Bulgarien und Griechenland sind unerbittlich seine Sache. König Boris war das völlig klar. Das Frösteln, das ihn umgab, war fühlbar, und ich fragte mich, warum ein Mensch, der sich doch so leicht in Sicherheit und Bequemlichkeit hätte zurückziehen können, auf diesem belagerten Vorposten aushalten wollte. Ich meinte damals - und jetzt ist es mir zu völliger Gewißheit geworden -, daß es die Hingabe des Spezialisten an seinen Beruf war, was ihn und seine Bruder-Könige auf dem Posten ausharren ließ. Es muß das gewesen sein, denn die beiden Gestalten hinter seinem Stuhl waren - obschon sie nur schattenhaft hervortraten - doch ganz klar sichtbar für mich. Im „Jahrmarkt des Wahnsinns» schrieb ich: «Er hat zwanzig Jahre damit verbracht, gegen die beiden Feinde eines jeden Balkan-Monarchen zu kämpfen: Abdankung und Meuchelmord ... Der Gedanke an den Meuchelmord (nicht die Angst davor, er ist mutig) begleitet ihn, wo er geht und steht ... Er sieht ihm ins Gesicht . Er sprach viel vom Meuchelmord, von dessen Methoden und von seinen Gegenmaßnahmen. Er sprach darüber, wie ein Spezialist in aller Ruhe Berufsprobleme erörtert. Er war ein Familienvater mit kleinen Kindern. Seine Bulgaren liebten ihn, von ihnen hatte er nichts zu befürchten. Wessen Hand würde es also sein, die eines Russen, eines Deutschen, - wessen? Ich versuchte, ihn auszuforschen, und fand in ihm den ersten Mann in so hoher Stellung, der von anderen Mächten als diesen sprach, von geheimen, übernationalen Kräften. Er wies auf den Mord an seinem Nachbarn, 51 König Alexander von Jugoslawien, hin. Ein mazedonischer Mörder, kroatische Helfershelfer, eine Mörderschule in Ungarn, italienisches Geld und Mitwisserschaft, ein Mord in Marseille und die verantwortungslose Lässigkeit französischer Polizeibeamter, englischer und französischer Druck im Völkerbund, die Nachforschungen einzustellen ... Er lächelte. « Wer also war der Schuldige?» fragte er mich. „Uebrigens, ich habe Alexander gewarnt. Nein, Mister Reed, es gibt Mächte in der Welt, die keinen Frieden und keine Ordnung auf dem Balkan wollen, wo die Zukunft von Europa entschieden wird. Aber Sie können kein Land mit ihnen behaften. Es sind internationale Gruppen, übernationale, besser gesagt ... „ Ich wünschte, ich könnte diese Dinge jetzt mit ihm diskutieren, im Lichte all dessen, was in den vierziger Jahren geschehen ist. Durch ein erstaunliches Zusammentreffen erzählte er mir, auf welche Art und Weise er selber getötet werden würde. Er sprach von einem Anschlag auf sein Leben, dem er durch eine vorherige Warnung entgangen war; das Ganze hatte sich in Varna abgespielt. Sein Englisch war mangelhaft. «Sie wollen mich mit einem Flugzeug befördern“, erzählte er und machte mit den Händen eine Bewegung nach oben. Ich begriff nicht, was er meinte. In einem Flugzeug?“ fragte ich. «Ja, sie wollten mich in die Luft jagen», erklärte er und wiederholte die Geste. «Oh, ich verstehe», sagte ich. In den vierziger Jahren nun wurde er tatsächlich mit dem Flugzeug befördert, - mit einer Sauerstoff-Maske, so hieß es, die für seine Erstickung eingerichtet war. Sein Bruder Kyrill hat darüber bei seinem eigenen Prozess berichtet. Kyrill wurde erschossen oder gehängt, aus welchem Grunde, habe ich schon vergessen. Die Hand, die ihn tötete, war die des kommunistischen Herrschers. Und doch glaube ich, dass Boris - könnte er sprechen – lächelnd bestreiten würde, sein eigener Tod habe seinen Grund dort. «Es gibt übernationale Mächte“ glaube ich, würde er sagen, «die keinen Frieden und keine Ordnung hier 52 auf dem Balkan wollen, wo über die Zukunft von Europa entschieden wird.» Ich mußte an seine Worte denken, als Peter von Jugoslawien, nachdem er vor dem Rachen des deutschen Eindringlings durch Akklamation zum König gewählt worden war, von Großbritannien und den Vereinigten Staaten entthront und ein kommunistischer Diktator an seine Stelle gesetzt wurde. Als das geschah, erkannte ich zum erstenmal, daß der zweite Krieg des 20. Jahrhunderts verloren war, bevor er gewonnen wurde. Und wieder, glaube ich, würde Boris, wenn man dieses Ereignis mit ihm besprochen hätte, auf das finstere Bündnis von Kräften in vielen Ländern zur Zeit, da König Alexander ermordet wurde, hingewiesen und wiederholt haben: «Es gibt übernationale Mächte, die keinen Frieden und keine Ordnung hier auf dem Balkan wollen ... » Er starb auf seinem Posten, genau so, wie er erwartet hatte, und er glaubte zu wissen, wer seine Feinde waren. Er liebte seine Kinder, Blumen, das Studium des Insektenlebens und seine Arbeit. Er wollte sein Königreich behalten und den Frieden bewahren, und seine Motive und seine Interessen fielen mit denen seiner Bulgaren zusammen. Deshalb werden sie auch in Zukunft wieder einen König wählen und seinen Sohn Simeon zurückrufen, wann immer man es ihnen nur erlaubt. Georg von Griechenland, als Menseh eine ganz andere Persönlichkeit, war ebenfalls wachsam und von allem zurückgezogen und lebte in der gleichen frostigen Einsamkeit. Ich habe noch nie einen derartigen öffentlichen Freudentaumel gesehen, wie bei seiner ersten Restauration. "Ach ja, aber was bedeutet das alles schon!» sagte er hinterher zu mir, und hielt seine Fensterläden sogar tagsüber verschlossen. Ich weiß nicht, ob er die Ansichten Boris' über übernationale Mächte, die gegen ihn arbeiteten, teilte, aber bestimmt kannte er die Gefahren, die ihn umgaben, und ich bezweifle, daß er fürchtete, einem griechischen Mörder zum Opfer zu fallen. Ein Balkan-König braucht selten sein eigenes Volk zu fürchten. 53 Seine letzten Lebensjahre aber bekräftigten Boris' Theorie, denn eine ungeheure Kampagne internationaler Feindschaft wurde gegen diesen Mann entfesselt, der der Sache der „Alliierten» so gut gedient hatte. Die Feindschaft von Seiten jener, die angeblich seine Verbündeten waren, weist hin auf das Bestehen von Mächten und Motiven hinter und über denen, welche man den Massen öffentlich bekanntgab. Sie stammte sowohl aus Großbritannien und Amerika, wie aus dem kommunistischen Rußland. Könige, die zwei Restaurationen erleben, dürften in der Geschichte selten sein. Die beiden Restaurationen dieses Königs, davon die eine im Schatten des heraufziehenden Krieges und die andere, als der Krieg offenkundig gewonnen war, beweisen die wahren Wünsche eines Balkan-Volkes. Sein Leben war ein Panorama im Kleinen von der ganzen Tragödie des Balkans. In seiner Jugend hörte er französische und britische Granaten im Hof des Palastes einschlagen, sah griechische Soldaten beim Sturmangriff gegen französische und britische Landungstruppen, sah, wie seine Mutter leidenschaftliche Klagen an ihren Bruder, den deutschen Kaiser, telegraphierte und wie sein Vater versuchte, einen deutschen Einmarsch in Griechenland zu verhindern. In seinen Mannesjahren befehligte er eine siegreiche griechische Armee gegen die Italiener und wurde von den Deutschen aus Griechenland vertrieben. Als er starb, wurde Griechenland von den Horden des kommunistischen Weltreiches belagert. Obschon dreimal auf dem Thron, hatte er ihn doch nur während knapp eines Jahrzehntes inne. Er war in England zur Schule gegangen und hatte lange Zeit seines Lebens hier verbracht. Seiner Haltung und Art nach war er Engländer, und Griechenland war ein weit entferntes Königreich, dessen Thron er von Zeit zu Zeit bestieg. «Tatsächlich», sagte er zu mir, „überall hält man mich für einen englischen Agenten.» Weitere Jahre in England lagen vor ihm, in denen er dann als «Faschist» verschrien werden sollte. Ich war der Ansicht, er habe sich im Jahre 1936 geirrt, als er die Verfassung außer Kraft setzte und die Parteien aufhob, 54 aber in dem Licht - oder der Finsternis - der vierziger Jahre möchte ich es nicht übernehmen, die Kritik zu wiederholen, die ich im «Jahrmarkt des Wahnsinns» vorgebracht habe. "Es bleibt so wenig Zeit», sagte er immer wieder. Wozu, sagte er nicht, aber wir wußten es beide. Der Krieg stand nahe bevor. Er muß Wunder verrichtet haben in der kurzen Zeit, die ihm zu Gebote stand, denn bei seiner ersten Restauration fand er eine untaugliche Armee vor, und dennoch gehört der Sieg über Italien mit der einen Armee, die er geführt hat, zu den Wundern der Geschichte. Ich kann nicht annehmen, daß ihn - ebensowenig wie Boris - noch irgend etwas hätte überraschen können, oder daß er - mehr als Talleyrand - geglauht hätte, es gäbe so etwas wie Dankbarkeit. Er war Herrscher von Beruf. Aber er muß leicht perplex gewesen sein, als er nach jenem phantastischen Sieg nach England kam und dessen Premierminister verkünden hörte, die Griechen müßten erst befragt werden, bevor er wieder den Thron besteigen könnte. Um diese Zeit legte sich der Schatten jener übernationalen Mächte, von denen Boris gesprochen hatte, über den Krieg, und die geheimen Beweggründe wurden deutlich. Jedoch die Griechen riefen ihn zurück, und die Szenen des Jahres 1935 wiederholten sich noch einmal, zehn Jahre später. Und noch einmal hatte er «so wenig Zeit». Eines Tages fand man ihn tot in seinem Palast, nachdem er (wie man sich erzählt) um ein Glas Wasser gebeten hatte. Ich glaube nicht, daß er eines natürlichen Todes gestorben ist. Die wohlorganisierte Kampagne gegen ihn, von Seiten der Zeitungen und Politiker in der ganzen Welt, ist allzu bedenklich. Die Aehnlichkeit mit dem Fall Alexanders von Jugoslawien ist in dieser Hinsicht schlagend. Doch für den Augenblick hatte er sein Königreich gerettet; sein Bruder folgte ihm nach, und der hat einen Sohn; ein weiterer Vorposten der vordersten Front wird gehalten. Mir schien er ein ganz besonders einsamer Mensch zu sein, selbst für einen Balkan-König. Und auch er verharrte bis ans Ende auf seinem Posten. |