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Douglas Reed Der grosse Plan der Anonymen
ERSTES BUCH Rauch 1933-1939 I. Mit einem verurteilten Mann zu Tisch Es war erst gestern, und doch war es am andern Ende der Zeit. Es war vor zehn Jahren. Ich wußte nicht, warum mein Gastgeber mit mir essen wollte. Ein oder zwei Jahre später sollte sein Nahme überall berühmt oder berüchtigt sein, aber damals war er offensichtlich nur ein Anwalt, politisch nicht aktiv und der Oeffentsichtlichkeit unbekannt. Ich hatte nie von ihm gehört. Irgend ein gemeinsamer Bekannter hatte unsere Begegnung vermittelt. «Ein interessanter Mann», hatte er zu mir gesagt, «ein Freund des Bundeskanzlers, in dessen Batterie er während des Krieges gedient hat. Er ist kein Nazi, aber er ist der Ansicht, Oesterreich müßte mit Deutschland irgendwie zu einer Uebereinkunft gelangen. Sie sollten ihn mal treffen!" Ich betrachtete ihn über das Glas hinweg. Höflich, gefällig, humorvoll. Das war das angenehme österreichische Erbe. Groß, gut gewachsen und gut aussehend bis auf den prüfenden Blick seiner Augen, welche durch die dicklinsigen Brillengläser vergrössert erschienen. Sein steifes Bein, nahm ich an, rührte von einer Kriegsverletzung her. Was wollte er von einem englischen Zeitungskorrespondenten? Wollte er mich ausholen, oder wollte er mir Informationen geben? War er wirklich nur ein besorgter, uneigennütziger Patriot, oder war er vielleicht ein politischer Intrigant? Er lüftete die Maske nicht. Vielleicht sah er selber die Zukunft nicht klar und die Rolle, die er darin spielen sollte, voraus. Aber er wußte, was ich nicht erraten konnte: daß er ein Verschwörer zwischen Pulverfässern war, nur konnte er - ebenso wenig wie ich - vorausschen, daß sein Leben in der Schlinge enden würde. 41 Hinter ihm stiegen die Weinberge von Wien, Zeugen vergangener glücklicher Zeiten, wie eine Mauer an. Er sprach mit lächelnder Geschwätzigkeit über Hitler und die Nazis: «Wenn alle so wären wie Sie und ich, Herr Reed", bedeutete er mir, "kämen die Dinge bald in Ordnung. Die Deutschen? Ach, das sind schwerfällige Leute, man kennt ja ihre aufreizende Art, net wahr?" Aber sie waren nun einmal ein Faktor geworden, mit dem man rechnen mußte, und Oesterreich konnte nicht den David spielen, wenn selbst Frankreich und England sich hüteten, wider den Goliath aufzutreten. Deutschland hatte das Recht und die Macht, einen gesicherten Platz in Europa für sich zu verlangen, und gutnachbarliche Beziehungen mit den Völkern, die es umgaben. Die Großmächte konnten nun mal von den kleinen Staaten nicht erwarten, daß sie die Rolle von Wachtposten gegen das Reich übernahmen. Aber es könne nicht die Rede davon sein, daß Deutschland Oesterreich und die Tschechoslowakei schlucke. Die mußten unabhängig bleiben. So sprach die angenehme, verständige Stimme, die dann nur wenige Wochen später «Einverstanden!» sagen sollte, als die Deutschen ihn aufforderten, die Macht zu übernehmen und die Deutschen zum Einmarsch in Oesterreich einzuladen. Jäh sich demaskierend sollte da dieser heute unbekannte Mann auf dem Balkon des historischen Bundeskanzler-Palais erscheinen und lächelnd auf den heulenden Pöbel hinunterblicken, während der Bundeskanzler, sein Freund, ins Gefängnis geworfen wurde. Nicht viel später, und der Zweite Weltkrieg kam, und wie einer von Napoleons Marschällen sollte er Herrscher über ein kleines Reich, die Niederlande, werden. Und nicht lange danach: Nürnberg und der Galgen ... Dieser Mann scheint mir, wenn ich nun, zehn Jahre später, Rückschau halte, ungeheuer interessant zu sein. In seiner Person und seiner Karriere kann man den Verlauf der Krankheit, welche ganz Europa jetzt wie eine Seuche verheert und den ganzen christlichen Kontinent einem Ende entgegenzuführen vermag, das so 42 widerwärtig ist wie sein eigenes, ganz deutlich verfolgen. Er war ein Mann aus dem Geschlecht der Verräter, und als ich ihm begegnete, schien das ausgestorben zu sein. Der zivilisierte Mensch hatte sich daran gewöhnt, Verrat als ein Verbrechen zu betrachten, das noch schlimmer als der Mord und ebenso selten ist. Vor zehn Jahren war es tatsächlich nicht nur etwas Abscheuliches, sondern etwas beinahe Unvorstellbares. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie ich in meiner Ungläubigkeit förmlich einen Schock empfand, als ich ihn da oben auf dem Balkon des Bundeskanzler-Palais postiert sah. Jetzt weiß ich, daß viele von den Mensehcn, die ich in jenen Tagen traf, Verräter waren, und daß viele von ihnen diesen Mann nur verurteilten, weil sein Verrat einer anderen fremden Sache diehnte als der ihrigen. "Kommunismus» oder «Faschismus" - worin besteht der Unterschied, für einen Patrioten? Eine alles verfälschende Ehrlosigkeit ist das Kennzeichen unseres Jahrhunderts und besonders der letzten zehn Jahre. Die öffentliche bedenkenlose Anerkennung des kommunistischen Verräters gleich nach der Aburteilung des nazistischen in Ländern, die im Zweiten Weltkrieg mitkämpften, ist ihr abstoßendster Zug. Sie ist die schlimmste aller Veränderungen, welche der Krieg und die vergangenen zehn Jahre gebracht haben. Der Verrat als Berufung kann jetzt als die Krankheit des 20. Jahrhunderts betrachtet werden. Früheren Krankheiten des Körpers, wie der Lepra, ist man mit der Zeit Herr geworden. Die Unsauberkeit des Verräters hat die Grundsätze der Gesellschaft und die bürgerliche Sicherheit überall befleckt. Ich fuhr meinen neuen Bekannten in jener Nacht in meinem unvergesslichen "Little Rocket» nach Hause. Er wohnte in einem angenehmen Vorort, einer Gegend wie etwa Wimbledon, in der solide, dauerhafte Villen und gutgepflegte Gärten von den guten Zeiten zeugten, die beinahe zu Ende gegangen waren. Ich sah ihm nach, wie er mühsam die Stufen zu seiner Haustür hinaufstieg. Sie öffnete sich. Dahinter lag ein wohnliches Inneres, und seine 43 Gestalt hob sich als Schattenriß gegen das warme Licht ab, während er dem Schafott entgegenhinkte. Als die Tür sich schloß, fehlte nicht viel, daß ich ihn beneidete. Was ich nur andeutungsweise von seinem Hause gesehen hatte, ließ mich auf freundlich bewillkommnende Stimmen und ein glückliches Familienleben schließen. Meine eigene Zukunft lag dunkel vor mir. Ich war dabei, ein Buch zu schreiben, das mir, meiner Vermutung nach, meine Stellung kostete. Ich wußte, daß ein neuer Krieg mich bald aus Europa vertreiben würde, das ich doch so sehr liebte. An eine Rückkehr wagte ich nicht zu denken. Schon konnte ich die Zerstörung und die noch größeren Gefahren, die dahinter lagen, erkennen. Diesem geheimnisvollen Manne würde es vielleicht besser ergehen als mir. "Seyß-Inquart» ... rätselte ich, als ich davonfuhr, «ein seltsamer Name. Ich möchte doch wissen, warum er mit mir sprechen wollte?"
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