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Douglas Reed Der grosse Plan der Anonymen
DRITTES BUCH Qualm
1945-1950
II. Das zweite Interregnum? Würde ich diesen zweiten «Jahrmarkt des Wahnsinns» in irgend einem andern Lande als in meiner Heimat schreiben, dann würde ich ebenso vertrauensvoll, wie im ersten Buche, die Zukunft voraussagen. Denn damals bedurfte es keiner prophetischen Gabe. Jeder, dessen Pflicht es war, staatliche oder private Informationen nach Hause zu schicken, konnte genau so gut wie ich die aufeinanderfolgenden Angriffe gegen Oesterreich und die Tschechoslowakei, das deutsche Bündnisangebot an die Sowjetunion und den daraus entstehenden Krieg voraussehen. Für jeden lag die Entwicklung der Ereignisse ebenso klar auf der Hand wie der Verlauf einer Krankheit für einen Arzt, der ihre Symptome kennt. Gestützt auf diese Parallele kann ich heute beim Betrachten der Ereignisse seit Juli 1945 sagen, daß früher oder später der letzte, verhängnisvolle Schritt in England getan und daß dieses 265 Land zu einer Diktatur wird, mit allen jenen Sanktionen und Verboten, wie Churchill genau und wörtlich aufgezählt hat. Die beste Tarnung kann es doch nicht verbergen, daß unser Weg der Weg Deutschlands und Rußlands ist. Ueber das Ende kann kein Zweifel bestehen, wenn wir auf diesem Weg fortschreiten. Das würde für England und damit für ganz Europa eine Rückkehr in die finstersten Zeiten bedeuten. Aber England ist möglicherweise das einzige Land der Welt, in welchem eine solche zuversichtliche Behauptung nicht gemacht werden kann. Weil vielleicht nichts anderes zu hoffen und zu glauben bleibt, hoffe und glaube ich, daß es seinen eigenen, unvorhersehbaren Weg aus der mißlichen Lage finden wird, in die man es gebracht hat. Die Geschichte unserer Insel bietet dafür ein Beispiel: Wenn sich auch die Geschichte nicht wiederholt, so erzeugt sie doch öfters gleichartige Situationen. Es gibt seltsame Parallelen zwischen den vierziger Jahren des sechszehnten und des neunzehnten Jahrhunderts, zwischen 1648 und 1948, zwischcn der Zeit Cromwells und der unsern. Ja, sogar die Cromwell'sche Feuerprobe nahm ihren Anfang in Edge Hill. Cromwell begann als Freund des Volkes, als Vertrauensmann des Parlaments gegen den König, als der kühne Kämpe gegen die Tyrannei. Er begann seine Laufbahn mit der Aufhebung des Oberhauses und der Absetzung des Königs und er beendete sie mit der Aufhebung des Parlaments und mit der Proklamation des eigenen Königtums. Auch er zerstörte die großen Garanten von Magna Charta. Er vernichtete die Freiheit, gab seinen Agenten das Recht zum Betreten jedes Hauses, erhob konfiskatorische Steuern, prahlte mit einem Massaker in Irland, legte den Handel lahm, konfiszierte privates Grundeigentum, Häuser, Waren, Hab und Gut und brachte das Land in eine sklavische Abhängigkeit, wo jede Erhebung unmöglich schien. Wäre es nach seinem Kopf gegangen, dann hätte er eine Dynastie von Diktatoren mit seinem Namen gegründet. 266 Mit seinem Tode stürzte das ganze unheilvolle Gebäude in sich selbst zusammen. Ich halte diese Rettung und Genesung für ein einzigartiges Beispiel in der Geschichte und hoffe, daß es vom britischen Volk wiederholt wird. Die Wiederherstellung der Monarchie ist nicht die Hauptsache und kann sogar leicht mißverständlich wirken. Aber die Freiheit wurde wieder hergestellt, und der König war das naheliegendste, äußerliche und sichtbare Symbol dieser triumphalen Auferstehung. In diesem Akt des britischen Volkes bekundete sich der brennende Wunsch, die Fesseln los zu werden; er war auch der Grund für den Freudensturm, der am 29. Mai 1660 über London wegfegte. Es hat in der Geschichte schon mehrmals monarchische Restaurationen gegeben, aber selten eine, die so viel bedeutet hat. In den vierziger Jahren des sechzehnten Jahrhunderts zerstörte Cromwell die vierhundert Jahre alten Errungenschaften von Runnymede, zu deren Verwirklichung es sogar zwölf Jahrhunderte gebraucht hatte. Nach ihrer Wiederherstellung im Jahre 1660 waren sie für drei Jahrhunderte gesichert - bis 1945. Das Parlament von 1645 besaß weder die Kraft noch die Erkenntnis, um das zu leisten, was die Barone vor vierhundert Jahren in Runnymede getan hatten: den König unter ihren Willen zu beugen und ihn dann, nach der Beglaubigung ihrer freiheitlichen Forderung, unter ihrem wachsamen Auge regieren zu lassen. Statt dessen schmiedeten sie eine Waffe gegen ihn, die sich in der Folge gegen sie selbst richtete. Als sie sich umschauten, mußten sie feststellen, daß der Haß der neuen Musterarmee Cromwell's eben so sehr ihnen wie dem König galt. Nachdem sie das Amt des Königs und das Oberhaus aufgelöst und die gewöhnlichen Amtsrichter, bei denen sie vielleicht Schutz gefunden hätten, entlassen hatten, trat die Armee in die Lücke, schickte sie nach Hause und setzte sich an ihren Platz. Genau diesen Punkt hat die sozialistische Regierung des Jahres 1947 erreicht. Das Parlament von 1647 sah sich einem selbst geschaffenen, neuen Herrn gegen- 267 über: Cromwells Armee. Das sozialistische Parlament sah sich einem selbstgeschaffenen, neuen Herrn gegenüber: einem kommunistisch beherrschten Gewerkschaftskongreß. Cromwells «General-Majore» (die damaligen Bezirkskommissare) regierten das Land. Jeder, den sie als Royalisten („Faschisten“) bezeichneten, stand außerhalb des Gesetzes. Die Zwangsarbeit wurde eingeführt; da es damals keine Automobile gab, wurde das Reiten verboten. Man gestattete den Bürgern nicht, am Sonntag auszugehen, nicht einmal sich an diesem Tage an ihre Türpfosten zu lehnen. Eine rücksichtslose Zensur wurde eingeführt. Ein Parlament nach dem andern wurde einberufen, dann durch die Soldaten verjagt. In jeder Ecke und in jedem Gasthof registrierten «Spitzel» alle missliebigen Aeußerungen. Trotzdem war auch dies nicht das Ende, nicht die endgültige Rückkehr in das finstere Zeitalter, sondern nur das Interregnum. Nach elf Jahren gewann England für weitere drei Jahrhunderte seine Gesundheit zurück. Ich habe bestimmt recht, wenn ich behaupte, daß eine solche Wiedergeburt in der Geschichte einzigartig ist. Kann es eine Wiederholung geben? Da liegt die Schwierigkeit. Heute sind nicht nur Englands eingeborene Gesundheit, seine Kraft zum Durchhalten und zur Erholung vom zweiten Interregnum offene Fragen. Heute hält eine fremde Hand die sich schließende Kerkertüre und wird diese, wenn einmal geschlossen, nie mehr öffnen. Trotz aller Aehnlichkeit der Situation besteht also dieser Hauptunterschied zwischen dem Parlament von 1647, das sich einer Cromwell'schen Armee mit der Hand am Schwertgriff gegenüber sah, und dem sozialistischen Parlament von 1947, das einer von Kommunisten beherrschten Gewerkschaft mit der Hand auf den Kohlengruhen gegenübersteht. Cromwell, seine General-majore und seine neue Musterarmee waren alles Patrioten. Sie versklavten ihr Land für sich selbst, aus Lust an Gewinn und Macht, nicht für eine dritte Partei. Cromwell fand passende Worte für das Verbrechen, das noch ärger ist als Tyrannei: 268 „Dies ist ein ärgerer Verrat, als jemals einer zuvor in England ausgeübt worden ist. Denn die früheren Streitigkeiten gingen darum, daß ein Engländer über den andern herrschen wollte, dieser aber zielt dahin, unser Land einer fremden Nation botmässig zu machen.» Diese Worte wurden 1648 gesprochen. Sie sind für das Jahr 1948 noch weit zutreffender. Ich zweifle nicht an der Kraft Englands, auch diese zweite Wiedergeburt erfolgreich zu vollenden, vorausgesetzt, daß es die wahre Bedeutung der Gefahr erkennt. Heute spukt eine Idee in den Köpfen, die von den Siegesanwärtern geschickt in Umlauf gesetzt worden ist: Große Nationen müssen zu einem gewissen Zeitpunkt zerfallen - und das geschieht heute mit England. Vielleicht begann dieser Wahn, als Gibbon seinen Titel wählte: «Der Zerfall und Untergang Roms». In manchen Köpfen blieb der Gedanke wach, daß die Lebensarten einer Nation in einem bestimmten Augenblick verhärten, daß Müdigkeit und Altersschwäche ein Volk wie einen Menschen befallen. Das ist auch eine beliebte Wahnvorstellung amerikanischer Journalisten. Ich entsinne mich an einige, die vor vierzig Jahren berühmt waren, weil sie verkündeten: «Das ist der Zusammenbruch Englands», und die heute noch, wo sie alt geworden sind, ihrer Lieblingsidee nachjagen und dabei vergessen, daß diese Weisheit eigentlich aus den Schulbüchern ihrer Jugendjahre stammt. Es läßt sich leicht beweisen, dass diese Vorstellung unsinnig ist und daß sie bestimmt nicht für England zutrifft. Die heutige Lage Englands ist sicher nicht die Folge eines natürlichen Zerfalls, sondern eines wohldurchdachten und vorbedachten Angriffs politischer Mächte, aus fremden Geblüt und von feindlicher Gesinnung. Deshalb halte ich die Jahre 1945-47 für so wichtig und habe ihrer Schilderung breiten Raum gegönnt. Was in den dreißiger Jahren und im zweiten Krieg noch ein halbentwickelter Film war, das ist jetzt zu einem deutlichen, für alle erkennbaren Bild geworden. Falls der Versuch scheitert, wird er weiter geplant und wiederholt. Aber wir kennen jetzt bei jedem dieser Fälle ihre Umrisse. 269 Darin liegt meiner Ansicht nach die überragende Bedeutung dieser Jahre. Ueber die eingeborene Kraft Englands kann kein Zweifel bestehen. Hier handelt es sich nicht um einen Fäulnisprozeß in der alten Eiche selbst, sondern um einen Schlag, der von außen gegen sie geführt wird. Jeder Engländer muß daran glauben, daß der Versuch scheitern wird, und daß es diesem Volk irgendwie gelingen wird, sich aus dem zweiten Interregnum in ein neues, oder in neue Jahrhunderte ständiger Ausweitung der Freiheit im Denken, im Geiste, in der Kunst und im Handel durchzuschlagen. All diese Dinge, die durch gute und schlechte Zeiten, durch „Booms“ und „Baissen“, durch Krieg und Frieden von 1660-1945 stetig heranreiften, sind seit 1945 durch Regierungserlasse niedergedrückt worden und werden, solange dieses Interregnum andauert, nicht zu neuem Leben erstehen. Dennoch besteht Grund zu hoffen. Vor allem, der glückliche Ausgang des ersten Interregnums. Damals entsproß aus dem Bösen Gutes. Noch bleiben einige Ueberreste der Freiheit erhalten und irgend wo, tief eingewurzelt in der Seele des Inselbewohners muß der Wunsch lebendig sein, diese in ihrem ganzen Umfang wiederherzustellen. Noch besteht die Monarchie, die in einer Folge verschiedener Familien das Gefühl für Beständigkeit und Lebenstreue durch mehr als tausend Jahre in den Herzen der britischen Völkerfamilie wachgehalten hat. Wenn die Wirklichkeit des Alltags sinnlos wird wie in Zeiten, wo man sich zur Stillung des Blutes ins Fleisch schneidet und mit Blutegeln Bluttransfusionen vornimmt, dann suchen die Menschen nach hoffnungsfrohen Symbolen. Karl II. war weit mehr ein Symbol der Freiheit und der Befreiung als ein König. Im Namen Elisabeths liegt vielleicht das Symbol für die kommenden, besseren Zeiten. Wenn Elisabeth den Thron besteigen wird, sollte die Krankheit überwunden und England wieder offen und hungrig nach Freiheit sein. Die englische Einstellung zur Monarchie, gleich welche Familie im Augenblick auf dem Throne herrscht, ist tief verwurzelt und hat ihre guten Gründe. Die Monarchie steht als Hindernis für den heute gegen England gerichteten Plan gleich an zweiter Stelle nach der fundamentalen Errungenschaft von Magna Charta. Jene Großtat stellte den Engländer auf die gleiche Ebene mit seinem Köuig, dem er Gehorsam schuldete. Das ist wahrscheinlich auch der unbewußte Grund, weshalb er seiner Monarchie, ohne Rücksicht auf die herrschende Familie, stets die gleiche tiefe Ergebenheit bewahrt hat. Die Dekrete von 1945-47, welche die Minister über das Gesetz erhoben, stellten gleichzeitig den freien Engländer außerhalb des Gesetzes. So wurde der Zustand, der vor Magna Charta geherrscht hatte, wieder zugunsten der Staatsbeamten hergestellt. Zum erstenmal in meinem Leben war ich in den Jahren 1945 bis 47 Zeuge eines zwar sehr vorsichtigen, aber doch spürbaren Kampfes gegen die Monarchie. Die verborgenen Befürworter anonymer Zeitungsartikel und volkstümliche Zeitungsschreiber, wie Dan Druff und Jack Awl, vergnügten sich damit, kleine Schmutzspritzer loszulassen wie die kleinen Schoßhunde, die an der großen Nelsonsäule ihre Hinterbeine heben. Offenbar mußten sie selbst bald feststellen, daß sie damit ein tiefes Empfinden im merkwürdigen britischen Inselbewohner verletzten, denn ihre schmutzigen Elaborate verschwanden sehr rasch. Die Schoßhunde sind weggerannt und sparen ihre Kräfte für einen neuen Tag. Die Regierung selbst freute sich, die Hochzeit der künftigen Königin unter dem grauen Banner der UPA (Utilité, Priorité, Austerité ) abzuhalten, indem sie ein Verbot erließ, Holztribünen in den Straßen zu errichten. Ihre Lebensphilosophie lautete offensichtlich: «Iß nicht, trink nicht und sei nicht vergnügt! Dann wirst du morgen sterben!» Wäre sie genötigt worden, für England ein neues heraldisches Wappen zu verfertigen, dann hätte dieses vermutlich so ausgesehen: Ein sozial gesicherter Bürger (Grün) auf einem Notbett (Gold), unter einem Baldachin aus Priority“-Listen (Blau), in 271 Fesseln niedergehalten (Rot); Wappenträger: Zwei Staatsbeamte (Grau). Es war ein seltsames Erlebnis in jenem Jahre, zusammen mit andern Londonern in einem verdunkelten Lichtspieltheater zu sitzen und die Reise der königlichen Familie durch Süd-Afrika zu verfolgen. Um uns Verbote, «Mangel», Schlangen, Bedrohung mit Hunger, Vorschriften über Licht und Heizung, unaufgebaute Trümmer, verbotene Reparaturen, Warnungen, düstere Prophezeiungen; auf der Leinwand Sonnenschein, beflaggte und girlandengeschmückte Straßen, Jubel, fröhliche Menschen. Weit weg, am Südende Afrikas, bekundete sich das Gefühl einer frohen Familienzugehörigkeit in gewohnter Kraft. Die Menschen, mit denen ich zusammen im Dunkeln saß, sahen sich plötzlich selbst, wie sie vor langer Zeit gelebt hatten, und man verspürte förmlich im Dunkeln, wie sie alle bei dieser Entdeckung litten. Ich weiß nicht, ob sie plötzlich vor ihrem früheren Selbst erschraken, ob sie dieses Empfinden als unloyal bekämpften oder ob sie unglücklich waren, an die früheren, besseren Zeiten gemahnt zu werden. Einst waren auch sie so gewesen, konnten sich freuen, ohne Angst für den nächsten Tag; das war für sie damals das natürlichste Ding der Welt. Jetzt saßen sie in brütendem und starrem Schweigen. Es sind unberechenbare Dinge, welche die Gedanken oder sogar das Geschick der Nationen formen. Mag sein, daß das Leuchten solcher Bilder in einer dunklen Zeit den Menschen einen Begriff von dem gaben, was sie verloren hatten, und vielleicht auch den Keim für die Wiedergeburt spendeten. (Nach ihrem Erscheinen folgte jedenfalls der Rückzug der Schoßhunde.) Vielleicht werden diese Saatkörner in den kommenden Jahren reifen und Frucht tragen. Denn schließlich wollen doch alle Männer und Frauen frei und glücklich sein. In diesen Bildern sah sich der Engländer, wie ihn die andern früher gesehen hatten. Dieser unbedachte Besuch im Kino trug vielleicht dazu bei, ihm allmählich die Augen zu öffnen. Ich bin sicher, dieser Mensch im Dunkeln hatte für dieMensch- 272 heit doch noch eine große Bedeutung. Denn die Zukunft der Welt hängt davon ab, ob er das zweite Interregnum übersteht oder nicht. Feldmarschall Smuts hat dies in Südafrika ausgesprochen: «Für mich bedeutet die Herrschaft Englands eine größere Friedensgarantie als die Vereinigten Nationen!» Das war eine willkommene Aufmunterung, denn er selbst hatte bei der Errichtung dieser Initialen recht tüchtig mitgeholfen. «Es stimmt nicht, daß England keine Großmacht mehr ist“, fügte er noch hinzu. „England ist krank, geschwächt durch die grosse Kriegsanstrengung.“ Das ist meiner Ansicht nach falsch. Das traf vielleicht 1945 zu, aber 1947 war England krank wegen seiner eigenen Regierung, die eine Genesung verhinderte. Aber im folgenden traf dieser Staatsmann wieder ins Schwarze: «Es ist für den Weltfrieden notwendig, daß England seine Stellung wieder gewinnt und als eine der Großmächte der Welt weiterbesteht. Das wird auch geschehen. Es ist nur eine Frage der Zeit.» Es ist nicht nur eine Frage der Zeit, sondern eine Frage des Verstehens unserer Uebel. Hier fehlt es. Wenn Geistliche solche Fragen diskutieren, irren sie sich meistens mehr als die andern, aber der Dekan von Chichester hat doch die englische Gefahr recht deutlich aufgezeichnet, als er sagte: «Unser Land steht heute einem noch weit rücksichtsloseren Gegner als dem Deutschen gegenüber ... Dieser Gegner bemüht sich, uns durch Komplotte und Propaganda, durch offene Angriffe, geheime Anschläge, durch Verleumdungen und Willkür zu vernichten. Er setzt in jedem Land der Welt seine Agenten ein, um England zu schwächen. Wir müssen bestrebt sein, unsere Gleichgültigkeit, unser unklares Denken, unsere Feigheit und unsern nackten Egoismus abzustreifen, wodurch wir vor sieben Jahren in diese Bedrohung geraten sind. Damals wollten die Regierung und die große Mehrheit des britischen Volkes nichts von der Gefahr wissen, die sie bedrohte, und griffen gierig nach jeder Ausrede, um sagen zu können, alles werde schon gut ausgehen.» Ich bin aber nicht damit einverstanden, daß der verdutzte 273 Mann im Kino gleichgültig, feige oder egoistisch gewesen ist. Seine eigene Regierung verhinderte ihn daran, den Feind und die Art seines Angriffs kennen zu lernen. Die Politiker und die Zeitungen aller Parteien arbeiteten ebenfalls in diesem Sinne. So konnte er sich also im letzten nur auf das Eingreifen Gottes verlassen, das ihn durch das erste Interregnum geführt hatte, und auf seinen eigenen Instinkt für den richtigen Weg. Darüber sagte Herbert Morrison als einer der Minister, der den Briten in eine derart gefährliche Lage versetzt hatte: „Man kann das britische Volk nicht davon abhalten, für sich selbst zu arbeiten, um zu einem reicheren und glücklicheren Leben zu kommen. Solange das zutrifft, wird der Brite niemals zu einer Staatskreatur herabgewürdigt werden. Kein Staatsbeamter und kein Gemeindebeamter kann das Volk daran hindern, sein eigenes Leben zu leben, und jeder Staatsmann, der das Herumkommandieren der Leute und den Versuch, ihre Angelegenheiten selbst zu regeln, übertreibt, wird ein sehr bewegtes Leben haben. Solange dieser Geist herrscht, wird es in England keinen Hitler geben.“ Hoffentlich hat er recht - trotzdem diese Worte ausgesprochen wurden, nachdem die Regierung im August 1947 der Zukunftshoffnung des britischen Inselbewohners bereits tödliche Schläge versetzt hatte. Wenn er recht hat, dann wird der Kinobesucher zur gegebenen Zeit aus der Finsternis auftauchen und mit den glücklichen Menschen, die er auf der Leinwand gesehen hat, wieder eins werden. Die tiefe Anhänglichkeit des Inselbewohners an das Königshaus gehört zu jenen Instinkten, die in die Zukunft weisen. Das Verhalten des Königs und seiner Familie schien mir in diesen gefährlichen Jahren möglicherweise von ganz entscheidender Bedeutung zu sein. Könige, Königinnen, Prinzen und Prinzessinnen haben heute keinen direkten Einfluß mehr auf die Oeffentlichkeit, so wenig wie sie ihre Reden selbst schreiben. Sie sind von Beratern umgeben, die das Volk nicht kennt, und in unserem Jahrhun- 274 dert hat die Bezeichnung «Berater» einen ganz üblen Beigeschmack bekommen. Aber in diesem Falle scheinen wir Glück zu haben. Das vorsichtige und abgewogene Verhalten der königlichen Familie gehört zu den unberechenbaren Faktoren dieser Zeit, die möglicherweise in der Zukunft sehr ins Gewicht fallen werden. Ich glaube, daß es vielen so wie mir gegangen ist. Ich fühlte mich irgendwie weniger bedrückt, als ich aus Südafrika eine frische, junge Stimme sprechen hörte, die über dem Tumult der Tagespolitik stand. In dieser wohlabgewogenen Botschaft zum einundzwanzigsten Geburtstag wurde großer Nachdruck auf die Einheit der britischen Völkerfamilie und deren gemeinsamen Kampf gelegt: „Die meisten von euch haben in euren Geschichtsbüchern die stolzen Worte William Pitts gelesen, daß England sich selbst durch eigene Anstrengung gerettet hat und daß es Europa durch sein Beispiel retten wird. In unserer Zeit aber können wir sehen, daß Grossbritannien zuerst die Welt gerettet hat und sich nun selbst nach der siegreichen Schlacht retten muß. Ich glaube, daß dies sogar noch schöner ist, als was in den Tagen Pitts geschah, und es liegt an uns, die wir in solchen Tagen der Gefahr und des Ruhmes aufgewachsen sind, darüber zu wachen, daß dies in den langen Friedensjahren, die hoffentlich vor uns liegen, wirklich geschieht ... Ein ganzes Weltreich hört mir zu, wenn ich jetzt in einem feierlichen Akt meine ganze Hingabe bekunde ... Es ist sehr einfach. Ich erkläre vor euch allen, daß mein ganzes Leben, mag es lang oder kurz sein, in euren Dienst und in den Dienst der ganzen Familie unseres Imperiums, dem wir alle angehören, gestellt wird. Aber ich werde nicht stark genug sein, diesen Entschluß durchzuführen, wenn ihr mir nicht mithelft, um was ich euch hiermit bitte. Ich weiß, daß ich immer auf eure Unterstützung zählen darf. Gott helfe mir, mein Gelübde zu erfüllen, und Gott segne euch alle, die ihr dabei mithelfen wollt.» Wäre England nicht das sonderbare und herrliche Land, das 275 es ist, dann würde ich sagen, die Unterwerfung unter eine fremde Diktatur stehe bevor, nachdem es nach dem siegreichen Zweiten Weltkrieg bis an den Rand des Abgrundes geführt worden ist. Weil es aber England ist und es bereits ein Interregnum überwunden hat, blicke ich, gegen alle Regeln der Vernunft, voller Zuversicht einem neuen Elisabethianischen Zeitalter entgegen. |