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Douglas Reed Der grosse Plan der Anonymen
DRITTES BUCH Qualm
1945-1950
I. Und auch in Zukunft nicht ... Seit Juli 1945 war ich einem Alpdruck ausgesetzt, der kein Ende nehmen wollte. Ein Buch, das für mich schon lange überholt war, bekam plötzlich Beine, rannte mir nach und zwang mich, es nochmals von A bis Z neu zu schreiben. In der Stunde des Sieges begann eine britische Regierung meinem eigenen Lande eben dieselben Sanktionen einer Niederlage aufzuerlegen, wie dies ein siegreicher Hitler getan haben würde. Sie baute, Zug um Zug, in England haarscharf das gleiche Regime auf, wie ich es einst bei Hitler in Deutschland beobachtet hatte. Und siehe da: Die Fortsetzung des Buches «Jahrmarkt des Wahnsinns» heißt nach zehn Jahren wiederum «Jahrmarkt des Wahnsinns». Ich habe das äußere Bild Englands nach dem Zweiten Weltkrieg bereits geschildert. Man erhielt den Eindruck eines starken und in sich gefestigten Volkes. Die Landschaft blühte auf, die Volksgesundheit hatte sich wesentlich gebessert. Wären nicht die Kriegsschäden und ihre Folgen gewesen, so hätte es auch kein Wohnungsproblem gegeben - und selbst dieses wäre rasch gelöst worden, hätte man die Bauinitiative der dreißiger Jahre wieder aufgenommen. Die Risse im sozialen Gefüge, die meiner Generation ein Aergernis bedeutet hatten, waren zum größten Teil verheilt. Geld und Besitz bildeten nicht länger die unerläßlichen Voraussetzungen, um in die exklusiven Schulen aufgenommen zu werden, und es war nun auch den Minderbemittelten möglich, sich zu bilden und sich auf Staatsstellen vorzubereiten. Der Rektor von Harrow sagte 1947 anläßlich der Schlußfeier: «Unsere alten Schulen sind nicht länger der bequeme Weg zu angesehenen Posten und ich bedaure diese Aenderung durchaus nicht.» Ich habe nie ein Land gesehen, wo es für den freien Mann eine hoffnungs- 151 vollere Zukunft gab als das England, das im Jahre 1940 von einer Handvoll Unerschrockener gerettet wurde. Im Jahre 1945 aber begann die gewählte Regierung, die Freiheit und die Hoffnung für die Zukunft zu zerstören. Blitz-Wahlen Die Wahlen vom Juli 1945 waren in ihren Folgen dem Reichstagsbrand sehr ähnlich. Ein freies Parlament braucht den Wettbewerb der Parteien, die sich in der Regierung ablösen. Unter normalen Verhältnissen wäre ein sozialistischer Sieg in England bestimmt sehr förderlich gewesen. Die Sozialisten hätten sich durch ihre Verantwortung in der Regierung bewähren müssen und damit die Opposition innerlich gefestigt. Nur durch einen solchen freien Wettbewerb können freiheitliche Institutionen überdauern. Aber diesmal waren keine normalen Zeiten, denn die Autorität des Parlamentes war tatsächlich aufgehoben. Die Kriegsregierung hatte mit "Vollmachten» regiert, um "den Krieg zu gewinnen». Ehe diese Gewalt dem Volke zurückgegeben war, öffnete ein sozialistischer Sieg den Weg in jene Richtung, aus der keine Nation im zwanzigsten Jahrhundert sich wieder zurückgefunden hat: zur Diktatur - in der Praxis gleichbedeutend mit Gefängnis, Verarmung und Elend. Der abgekämpfte Soldat und auch der Zivilist waren ganz einfach der Meinung: "Es ist an der Zeit, daß auch die andere Partei eine Chance hat.» Weder Rußland noch Deutschland dienten ihnen als Warnung, sie glaubten nicht an die Gefährlichkeit der «Vollmachten» und schon saßen sie im Netz der Spinne. Die erste sozialistische Regierungsmehrheit verlängerte diese diktatorischen Vollmachten sofort um weitere fünf Friedensjahre. Diese Vollmachten stammten direkt vom Reichstagsbrand her. Hitler hatte sie benutzt, um das Parlament in Deutschland lahmzulegen und um einen Krieg vorzubereiten, in dessen Namen sie dann in England eingeführt wurden. Der noch immer ungebrochene Fluch, der in der Nacht des 27. Februar 1933 über Deutschland gefallen 152 war streckte im Juli 1945 seine Schatten nach der englischen Küste hinüber. „Notwendigkeit heißt das Argument für jede Einschränkung der Menschlichen Freiheit; sie dient den Tyrannen zum Beweis und den Sklaven zum Bekenntnis», rief William Pitt aus angesichts des herandämmernden, aufgeklärten neunzehnten Jahrhunderts. Die sozialistischen Führer hatten diese Warnung öfters aufgegriffen, solange sie selbst in der Opposition standen. Da ich voraussah, was sich 1945 ereignen würde, zitierte ich in meinem Buche „All our Tomorrows» (Unsere gemeinsame Zukunft) die Worte Attlees aus dem Jahre 1937: In den Geboten der modernen Kriegführung liegt gleichzeitig eine große Gefahr und eine große Chance. Die Gefahr besteht darin, daß unter dem Vorwand, die Nation zur Verteidigung und zur Abwehr zusammenzufassen, die Freiheit zerstört und der Korporationen-Staat eingeführt wird. Je größer die Gefahr, um so günstiger die Gelegenheit, das Volk von allen möglichen einschränkenden Maßnahmen zu überzeugen.» Zu diesen Worten bemerkte ich 1942 in meinem eigenen Kommentar: «Wie klar sie doch die Gefahren erkennen, wenn sie in der Opposition stehen! Wie gerne aber benutzen sie diese günstige Gelegenheit, wenn sie am Ruder sind. Heute ziehen Herr Attlee und zahlreiche andere Labourführer, die mit ihm anläßlich seiner Rede in der Opposition standen, die Fesseln, die sie selbst dem britisehen Volke auferlegt haben, enger und enger. Werden sie sich wohl für deren Beseitigung einsetzen, wenn «die Erfordernisse der Kriegführung» einmal vorbei sind? Heute schon sprechen sie von der Notwendigkeit der Fortdauer der"Planung» nach dem Kriege ... Es scheint, als ob sich diese Männer mehr nach autokratischer Macht sehnen als der vielgeschmähte Lord Kaltschnauz und Oberst Achtungsteht. Aber es handelt sich ja hier um "Erfordernisse der Kriegführung». Wohlan denn! Machen wir die Probe aufs Exempel. Früher hat Herr Attlee die Gefahr klar genug erkannt, daß solche Vollmachten mißbraucht und 153 beibehalten werden können. Ich empfehle allen wachsamen Bürgern, genau zu beobachten, wie groß nach diesem Krieg die Bereitschaft der Politiker beider Parteien sein wird, ihr Versprechen zur Wiederherstellung der aufgehobenen Freiheiten zu erfüllen.» Während der verlängerten «Not-Vollmachten» des Krieges wurde England durch «Verteidigungs-Gesetze» regiert, das heißt durch die eigenmächtigen Erlasse einzelner Minister, die im Parlament nicht diskutiert wurden. Diese "Verteidigungs-Gesetze» zielten in der Folge von der sozialistischen Regierung gegen jene Freiheiten, zu deren Verteidigung sie angeblich eingeführt worden waren. Die Politiker unseres Jahrhunderts benehmen sich, einmal zur Macht gelangt, immer so, als ob man ihnen Pillen verabreicht hätte, die den Gedächtnisschwund begünstigen. Sie vergessen alles, was sie früher gesagt haben, und wollen nichts mehr davon wissen, daß sie z. B. die Zukunft von noch so gutgemeinten despotischen Vollmachten selbst nicht kennen, da sie selbst ja erkranken, sterben oder gestürzt werden können. Diese Vollmachten sitzen wie ein Messer an der Kehle des Landes, und die Männer, die es halten, wissen nicht, wessen Hand es nach ihnen ergreifen wird. Die Erlasse leben länger als die Minister. Ganz vergnügt begannen die sozialistischen Minister, in England die gleichen verderblichen Maßnahmen wie im Deutschland der dreißiger Jahre einzuführen. Der Ausgang stand für mich fest. Falls man ihnen nicht einen Riegel stoßen konnte, würde England in den fünfziger Jahren genau so aussehen wie Deutschland heute. Auch ihre übrigen ersten Taten waren abscheulich. Sie erhöhten die Besoldung der Parlamentsmitglieder von 600 Pfund auf 1000 Pfund jährlich (und später, zu einer Zeit, wo alle Gehälter beschnitten wurden, lehnten sie den Vorschlag, die Besoldungen der Parlamentarier ebenfalls herabzusetzen, hartnäckig ab). Die Minister verlängerten die «Not»-Maßnahme, einen Staatswagen zu benutzen, was in Wirklichkeit einer nochmaligen und wesentlichen Solderhöhung gleichkam. Die konfiskatorischen Steuern der «Not- 154 zeiten wurden verlängert, aber 4000 Pfund von der Besoldung des Premiers als steuerfrei erklärt. Das hieß mit andern Worten, daß er jährlich einen Gehalt bezog, den man sonst in England nirgendwo verdienen konnte. Diese selbstverfügten Erleichterungen und Vergünstigungen erinnerten mich an die Naziführer, als sich diese im Jahre 1933, wo die Freiheit starb, um die Fleischtöpfe drängten. Wenn die Sozialisten im Parlament die «Rote Fahne» sangen, und die weibliche Abgeordneten rote Blusen anzogen, dann erklang in meinen Ohren das Horst-Wessel-Lied und ich erblickte Braunhemden. Auf dieser Regierung lag eine weit schwerere Verantwortung als auf jeder früheren, an die ich mich entsinnen kann. Nur wenn England frei blieb, konnte sich das Europa des zwanzigsten Jahrhunderts von dem barbarischen Zwischenspiel in Rußland, von zwei oder mehreren deutschen Zusammenbrüchen, vom Verschwinden Oesterreichs und von der chronischen Krankheit Frankreichs erholen. Aber schon begann die sozialistische Regierung, England in Fesseln zu legen; sie benahm sich, als wäre sie überhaupt die erste sozialistische Regierung, die es auf dieser Welt jemals gegeben hat, und als wäre England eine erst ganz kürzlich erschaffene Insel. Trotzdem hätte die Klugheit ganz vorsichtige Schritte zwischen all den Fallgruben geboten, in denen bereits die Kadaver aller andern sozialistischen Regierungen moderten. Ueberall hatten die früheren Sozialisten die Gräber für sich selbst und für ihr Land geschaufelt; wo immer sie sich politisch betätigt hatten, spielten sie die Rolle dessen, der zuletzt geschlagen wird. In Rußland schien sich der alte Traum «der werktätigen Klassen» endlich in der Kerensky-Regierung des Jahres 1917 zu erfüllen; diese bestand jedoch nur für eine ganz kurze Zeit und wurde unter einer Tyrannei begraben, die schlimmer war als alle früheren. Attlee hätte eigentlich Kerenskys Schicksal wie ein rotes Signal vor Augen haben sollen, aber seine Regierungsmaßnahmen bewiesen, daß er noch nie etwas von Kerensky gehört hatte. Auch in Deutschland, Oesterreich und Italien hatten die 155 Zeiten der sozialistischen Herrschaft oder des sozialistischen Uebergewichts zum gleichen Ziele geführt. In Frankreich bewirkte sie den schändlichen Zusammenbruch des Jahres 1940. Besonders in einem wichtigen Punkt glich die Regierung Attlee Hitlers erstem Kabinett, bestehend aus zwölf Ministern, worunter nur drei Nazi. Zur Täuschung Deutschlands und der Welt waren die übrigen neun Bankiers, die nicht zur Partei gehörten, konservative Politiker, Berufs-Diplomaten und unpolitische Wirtschaftstheoretiker. Diese respektable Fassade diente zur Beruhigung der Gemüter. Ganz ähnlich waren die Hauptfiguren der Attlee-Regierung Männer, einige etwas grob, andere wieder geschliffen, denen man keine üblen Absichten zutrauen konnte. Attlee, Bevin, Morrison: diese älteren Herren waren Engländer und hatten von tausend Rednerbühnen herab ihrem Haß gegen die Diktatur Ausdruck verliehen. Als Churchill ausrief: «Hütet euch vor der Diktatur!", zeichneten die Karikaturisten flugs Herrn Attlee in Gestapouniform, und der Spießbürger begann zu kichern. Wie spaßig, auch nur zu vermuten, daß dieser bescheidene, häusliche Mann, mit seiner gemütlichen Frau und seinen netten Kindern, sein Land einem solchen Schicksal ausliefern könnte! Der Spießbürger vergaß - oder besser, er hat es nie gewußt -, daß die Politiker im Amte ganz offensichtlich die Opfer von unkontrollierbaren Mächten werden, so daß die einzige Sicherheitsmaßnahme gegen ihre Kapitulation darin besteht, ihnen die «Not-Vollmachten» zu verweigern und sie zu veranlassen, alle ihre Handlungen immer öffentlich zu verantworten. In zwei Jahren hat die Attlee-Regierung sehr wesentlich zum Ruin Englands beigetragen. Neun Monate des Zweifels Der erste Winter dieser Attlee-Regierung, 1945-46, war eine Atempause. In der zerschlagenen Stadt lungerten gelangweilte Soldaten aus Uebersee herum und sehnten sich nach Hause. Der 156 Regen tropfte auf die schlammigen Trümmer. Von den Bauzäunen verkündete die Plakate traurig, «Stimmt für Arbeit und Wohlstand" «Verteidigungs-Vollmachten» verhinderten, daß sich das Land vom Krieg erholen konnte. Der menschliche Instinkt des Wiederaufbaues wurde unterdrückt. Alle Reparaturen, Aenderungen, Neubauten oder Bauprojekte waren, sofern nicht lizenziert, verboten. Die große Beamtenarmee, die im Kriege entstanden war, und die sich von Papier nährte und über Papier brütete, wuchs ständig an. Der britische Inselbewohner unterwarf sich schweigend. Nach dem Ersten Weltkrieg war das Leben wie ein Kornfeld nach dem Gewitter wieder aufgestanden; Lebensmittel und Güter waren bald wieder vorhanden und mit den einströmenden Waren sanken auch die Preise. Der freie Schöpferwille der Menschen schuf das gesundere England mit seinen guten Wohnverhältnissen, wie ich es 1945-47 getroffen habe. Die Bewohner unserer Insel hatten auf eine Wiederholung dieses Ereignisses gehofft, aber sie schöpften keinen Verdacht, als es nicht eintraf. Die Regierung sagte, diese Verbote dienten zur Verwirklichung eines Planes der nationalen Wohlfahrt. Nun, so wartete man eben ab. "Wir benötigen Staats-kontrollen, um einen solchen Sturz wie 1918 zu verhüten», sagte Herr Morrison.Als sie dann selbst zwei Jahre später einen Sturz bewirkt hatten, der alles seit Menschengedenken in England bei weitem übertrifft, sagte er: «Unsere Politik lautet: Weniger für heute, mehr für morgen.» Ihre wirkliche Politik aber lag auf der Hand. Sie lautete: "Weniger für heute und noch weniger für morgen.» Jetzt glaube ich, daß die Fassaden-Minister während der ersten neun Monate wirklich nicht wußten, wohin sie gingen. Diejenigen aber, die hinter der Fassade standen und genau wußten, was sie wollten, planten damals ihre Strategie. Spätestens im April 1946 sah ich klar, was uns bevorstand, und fühlte mich plötzlich noch viel einsamer als damals, wo ich angesichts der offenkundigen Tatsachen «Jahrmarkt des Wahnsinns» schrieb. Der große Plan war nicht neu und zielte nicht dahin, England auf unge- 157 wohnten Wegen einem neuen Wohlstand entgegenzuführen. Es war der jahrzehntealte Plan, wie man eine freie Nation in die Sklaverei zwingt. Der Plan gewinnt Gestalt Meine Erfahrung ließ mich die Zeichen erkennen. Sie wurden ganz deutlich, als plötzlich ein Geschrei einsetzte, der Ernährungs-Minister, ein gewisser Sir Ben Smith, solle abgesetzt werden, und gleichzeitig das Wort «Brotrationierung» auftauchte. Heute gibt es keine großen unabhängigen Zeitungsverleger mehr, und ich zweifle sehr, ob es überhaupt noch einen einzigen gibt, der erkennen kann, welche Absichten er mit seinen Spalten unterstützt. Ganz plötzlich erhob sich mittels der Stimme anonymer «politischer Korrespondenten» der Schrei in allen Zeitungen, daß Ben Smiths Unvermögen, der britischen Hausfrau mehr Eipulver zu geben, einfach untragbar sei. Warum in allen Zeitungen? Eine Erklärung kann in dem P. E. P.-Bericht der britischen Presse, der vor dem Krieg erschien, gefunden werden: «Es ist eine bekannte Tatsache, daß viele Blätter der Rechten linksgerichtete Redaktoren haben.» Dieser Umstand, den ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann, erklärt - gleichzeitig mit dem Aussterben der mächtigen, unabhängigen Verleger - das faktische Verschwinden von Zeitungen, denen man auf den ersten Blick anmerkt, ob sie «liberal» oder «konservativ» sind - und gleichzeitig die sonst unerklärliche Einstimmigkeit aller Zeitungen in der Unterstützung der entscheidenden Schläge gegen unsere Freiheiten. Sir Ben Smith wurde als unfähiger Minister dargestellt, der zwischen dem Volk und der Rückkehr zur Fülle stand. Die Not, die unmittelbar auf seinen Rücktritt folgte, zeigt aber die wahren Hintergründe. Er gehörte zur Fassadengruppe der wohlwollenden Sozialisten. Rücksichtsloser Ehrgeiz war ihm fremd. Sein Posten war äußerst wichtig. Für den großen Streich, der folgte, war seine Entfernung notwendig. Er war ein äußerst bedeutsames und vom britischen Volke völlig unerkanntes Symbol gewesen. 158 Hand in Hand mit den gelenkten Angriffen gegen ihn ging die Empfehlung seines Nachfolgers, der auch pflichtgetreu ernannt wurde. Das war jener John Strachey, der einst mit mir zusammen in einem Wiener Cafe die «Nazis“ und ihre «untaten» verflucht hatte. Zu verschiedenen Malen in seiner Laufbahn war er ein Konservativer, ein unabhängiger Labourmann, ein Verbündeter von Sir Oswald Mosley in der kurzlebigen «Neuen Partei» und dann wieder ein führender Mann des Kommunismus gewesen. Jetzt war er sozialistischer Minister. Sein Buch «Der kommende Kampf um die Macht» (Gollanez 1937) enthält einige bemerkenswerte Feststellungen. Er war der Ansicht, die Meuterei der Matrosen in Invergordon im Jahre 1931 habe den wahren Geist der britischen Seeleute enthüllt». Er hoffte „Auf den Erfolg des Kommunismus in Großbritannien» und verachtete «jene eingeschworenen Verbündeten der britischen Kapitalisten, die Mitglieder der britischen Labour-Partei». Er sah einen Krieg voraus, aber einen falschen Krieg. Er war der Ansicht, „die britischen Imperialisten» würden «dem Ausbruch eines Krieges mit einem rivalisierenden Reich durch einen gemeinsamen Angriff auf die Sowjetunion» vorgreifen. Für diesen Fall verhieß er "revolutionäre Aktionen der britischen Arbeiter». In diesem Kriege, den er fälschlicherweise voraussah, «werden die Erfolgsaussichten für England äußerst gering sein ... Es ist auch sehr unwarscheinlich, daß ein großer Prozentsatz unseres Inselvolkes einen solchen Konflikt überlebt. Die britischen Männer und Frauen werden in Massen umkommen, die einen durch Feuer, die andern durch Gas, wieder andere durch Hunger.» (In Tat und Wahrheit sahen sich die Engländer durch seine Brotrationierung dem Verhungern näher als jemals während des Krieges.) Nur eines, dachte er, könnte sein Land retten: die organisierte Kraft seiner Arbeiter «zur Notwendigkeit erwacht, ein für allemal die herschende kapitalistische Klasse zu stürzen und die Macht in ihre eigenen Hände zu übernehmen». «Wer», so fragte er, «beweist echte Liebe zu seinem Lande? Diejenigen Engländer, die blind 159 ihren heutigen Führern folgen, bis ihr Land im sicheren Verderben endet, oder diejenigen, die sich zu den Vorkämpfern der britischen Arbeiterklasse gesellen, welche bereits erkannt haben, daß die einzig mögliche Zukunft für Großbritannien darin liegt, sich zuerst als freie Republik in einen Bund der europäischen Völker und später der weltumspannenden Gemeinschaft der Sowjetrepubliken einzureihen?» Eben dieser Herr Strachey verkündete sofort die Brotrationierung und sagte in einer Rundfunkansprache, «daß so etwas nie mehr geschehen darf». Das war die erste einer langen Serie von quälenden Einschränkungen. Dieses Datum des 21. Juli 1946 sollte dem zukünftigen Historiker als Geburtsstunde der Diktatur in England gelten. Ich hoffe, daß er auch in der Lage sein wird zu berichten, daß ein späteres Wunder von Dünkirchen unsere Rettung gebracht hat. Jetzt begann jene Art der Folter, welche die Chinesen den Tod der tausend kleinen Tropfen nennen. Churchill erkannte dies und warnte: «Man fordert uns ganz offensichtlich auf, nicht in erster Linie der Ankündigung der Brotrationierung mit ihren verschiedenen Varianten zuzustimmen, sondern der Einführung einer Maschinerie, die je nach dem Ernst der Lage immer mehr zusammengeschraubt und niedergepreßt werden kann.» Die Sozialisten aber erwiderten «Unsinn» und jubelten über den Entscheid, dem Volke das Brot zu verweigern. So schrieb «News of the World»: «Noch selten habe ich erlebt, daß eine Ministerialrede auf den hinteren Regierungsbänken begeisterter aufgenommen worden ist.» Im «Manchester Guardian» hieß es: «Das Haus entbot Minister John Strachey seine Glückwünsche, nachdem sein Auftreten in der Brotdebatte bei den Labour-Mitgliedern stürmische Begeisterung ausgelöst hatte.» Brotkarten bilden, wie ich aus eigener Erfahrung aus Europa weiß, die erkennbaren Schlußsteine im Gewölbe der Diktatur, ein Begriff, der mit Hunger, Entrechtung und Verhaftung durch staatliche Willkür identisch ist. Ohne diese kann das Gebäude nie 160 errichtet werden. Ihre Wichtigkeit liegt darin, daß kein Mensch dem Hunger ausgesetzt werden kann, solange er in aller Freiheit Brot kaufen darf. Wird ihm dieses Recht aber abgesprochen, dann kann er durch die Verweigerung der Zuteilung jedem Erlaß botmässig gemacht werden. Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum „unser täglich Brot» das einzige materielle Bedürfnis im herrlichen Vaterunser darstellt. Nie zuvor, nicht einmal im Kriege, hatten wir in England Brotkarten. Bis jetzt waren sie in Friedenszeiten lediglich in der Sowjetunion bekannt gewesen. Die Minister der Fassade glichen Männern im Kampf gegen Mächte, die sie nicht verstanden. Ihr Rückzug ist leicht zu verfolgen. Herbert Morrison sagte am 17. Mai 1946 (natürlich in Washington), daß er gegen die Einführung der Brotrationierung in England sei, „sofern ich es verhindern kann; ich finde, es riecht nicht gut.“ Und trotzdem pries er sie am 31. Mai (in England ) «als Beginn einer neuen Phase zur Gewinnung des Friedens, die Phase der weltumspannenden Mobilisation aller Nahrungsreserven». Die Brotrationierung wurde dem britischen Inselbewohner als Ergebnis einer «Weltknappheit des Weizens» - namentlich in Amerika - gezeigt, und als sich dann die dortige Weizenernte als die reichste seit Jahren erwies, orakelten zwei andere Schattenminister, Lord Addison und Mr.Mallalieu, pathetisch, dieser Ueberfluß werde bald ein Ende nehmen. Sie wußten sehr wenig. Ich habe bereits erwähnt, daß das Versprechen Morrison's, die Brotkarten nicht einzuführen, «sofern ich es verhindern kann», in Washington gemacht wurde. Die britische Brotkarte wurde dort erstmals durch den neuen Ernährungsminister erwähnt. In früheren Zeiten wäre so etwas undenkbar gewesen. Jetzt wird es klar, dass die Brotrationierung durch eines dieser Schatten-Departemente der kommenden Weltregierung, die dort in Roosevelts letzten Tagen unter dem Namen UNO, "United Nations Organisation», gegründet wurde, dekretiert worden ist. Der britische Inselbewohner ist bis heute noch blind für das, was dort geschah. Unter einem 161 «Regime außerordentlicher Notstands-Vollmachten“ wird er in solchen Dingen auch immer unwissend bleiben. Während des Krieges wurde in Amerika ein «kombinierter Nahrungsausschuß“ (Combined Food Board) gegründet mit dem Zweck, die Verwaltung und Verteilung der Nahrungsreserven der kriegführenden Verbündeten zu sichern. Als der Tod die Meere verseuchte, war dies vernünftig. Ebenso logisch wäre das Verschwinden dieser Institution bei Kriegsschluß gewesen. Statt dessen wurde der «CFB“ durch den «IEFC“ (International Emergency Food Council) - außerordentlicher internationaler Ernährungsausschuß - ersetzt, einer Hilfsorganisation der «UNO“. Die Initialen und der Notstand sollten für ewig fortdauern. Herr Strachey sagte (in Washington): «Die Gründung dieser Körperschaft ist absolut notwendig.“ Ich brauchte neun Monate, um zu verstehen, welche Gewalt «diese Körperschaft“ über den britischen Inselbewohner ausübte, und welche Verpflichtung die britische Regierung in dessen Namen, aber ohne ihn zu informieren, auf sich genommen hatte. Diese Angelegenheit kam im Parlament nie zur Diskussion. Eine private Anfrage an den Ernährungsminister, einen Einblick in die Satzungen der IEFC zu erhalten, wurde mit folgenden Worten abgelehnt: «Das Dokument ... ist der breiten Oeffentlichkeit nicht zugänglich.“ Trotzdem gelang es mir, dieses Dokument zu sehen. Ein Paragraph lautet: «Jede Regierung, die Mitglied ist, muß ein feierliches Versprechen ablegen, daß sie gewillt ist, alle Empfehlungen, denen sie zugestimmt hat, notfalls mit besonderen nationalen Vollmachten durchzuführen.» Das also war der erste Augenblick in der Geschichte des freien Großbritanniens, wo die «Souveränität» kapitulierte und die erste Folge (besondere nationale Vollmachten) waren die Brotkarten in England. Der wahre Sinn «der Aufhebung der nationalen Souveränität» wird eines Tages unserm Volke klar werden. Dieses Geschäft wurde anscheinend durch einen bloßen Federstrich unter der Rubrik «Notstands-Dekrete“ in Kraft gesetzt. Mit der gleichen 162 Heimlichkeit wurde auch das Recht der britischen Dominions, das Mutterland mit Lebensmitteln zu versorgen, preisgegeben. In Australien setzte eine Kampagne ein, «dem hungernden England“ Nahrungsmittel zu schicken, als die Mitteilung kam, die australische Regierung besitze dazu kein Recht. Im australischen Parlament wurden Fragen gestellt. Der verantwortliche Minister antwortete: Die IEFC verteilt außer Fleisch, Milchprodukten, getrockneten und gezuckerten Früchten alle Lebensmittel, die aus Australien exportiert werden.» Die Frage, warum das australische Volk keine Mitteilung erhielt, daß die Regierung solche Verpflichtungen auf sich genommen habe, blieb unbeantwortet. So wie die Brotrationierung eingeführt war, gab es für mich, der durch lange Erfahrung mit dem Vorgang der Versklavung freier Völker vertraut war, keinen Zweifel mehr über den zukünftigen Weg. Die sozialistische Regierung war keineswegs, wie es ihre Hauptführer betonten, ein Bund freiheitsliebender Brüder, welche sich voll und ganz für die Versprechen der Atlantik Charta, «Freiheit von Furcht und Not», einsetzen wollten. Von nun an war jeder Regierungserlaß ein Strafdekret für das britische Volk mit der Absicht, durch die drohende Not überall Furcht zu erwecken. Sofern das Volk nicht schrie: «Genug. Haltet ein!», mußte es früher oder später unter eine vollendete Diktatur geraten. Die Metoden waren dieselben wie in Rußland oder Deutschland, und falls sie andauerten, würde auch das Ende nicht verschieden sein. Die Front-Fassade
Die Minister der Fassade schienen und waren vielleicht ebenso ohnmächtig, einen vorsichtigen Kurs zu steuern, wie die neun Nicht-Nazi in Hitlers erstem Zwölferkabinett. Herr Attlee, eine etwas schattenhafte Figur, wurde im Amte noch unbestimmter. Dann und wann tönte seine Stimme aus der immer dichter werdenden Finsternis: "Stemmt eure Schultern an den Wagen!» Ein anderer großer Mann des Parlaments war Herbert Morrison, «Lord-Präsident des Rats». Aber seine Gesundheit war schlecht und er war 163 lange Zeit krank und vom Amte abwesend. Ernest Bevin, der Außenminister, hielt sich während Monaten in Amerika, Rußland und Frankreich auf und kämpfte dort mit andern gewaltigen Mächten. Er war ein Hüne von Gestalt und schien es auch geistig zu sein, aber auch seine Gesundheit stand auf schwachen Füßen und zudem sah er sich den ständigen Angriffen einer mächtigen Gruppe seiner eigenen Partei ausgesetzt, welche ein schwaches England und die «Macht der Sowjets» herbeiwünschte. Diese führenden Gcstalten der alten «Britischen Labour Bewegung» stellten ihre Namen für die Herbeiführung des hitlerischen oder stalinischen Ruins zur Verfügung. Aber die Macht, diesen Prozeß zu verhindern, wich mehr und mehr aus ihren Händen. Unter «Notstands-Dekreten» wird die Regierungsgewalt verantwortungslos wie ein durchschnittenes Hochspannungskabel. Sobald einzelne Minister durch bloßes Unterschreiben eines Papiers, ohne es dem Parlament vorzulegen, eigenmächtige Verfügungen treffen können, bricht die Lehre der kollektiven Regierungs-Verantwortlichkeit in sich zusammen und die Grenzen der Autorität in den einzelnen Departementen beginnen sich zu verwischen. Dann wird es den Ministern möglich, in das Gebiet der andern überzugreifen und sich sogar in die Angelegenheiten der höchsten Staatspolitik einzuschalten, so daß keine in sich geschlossene oder kollektive Regierungspolitik mehr übrig bleibt. Neben dem Premier-Minister, dem Außenminister, dem Lord-Präsidenten und ähnlichen vordergründigen Gestalten tauchten andere auf, die dem Namen nach geringer, in Tat und Wahrheit aber weit mächtiger waren. In Hitlers erstem Kabinett war Goering nur «Minister ohne Portefeuille» und dennoch besiegelten seine «Schieß zuerst!»-Befehle und seine Konzentrationslager das Schicksal Deutschlands. In Attlees Regierung gab es Minister, die England zuvor in Friedenszeiten nie gekannt hatte: Einer für «Ernährung», ein anderer für "Brennstoff und Energie», einer für das „Wohnwesen» (nominell zwar für «Gesundheit»). Früher kannte diese Insel nur Nahrung, Heizung, Licht und Häuser. Daß 164 irgend eine Regierung die Anschaffung dieser Dinge verbieten oder die Rechte des freien Bürgers auf sie schmälern konnte, wäre undenkbar gewesen und als etwas Böses aus jenen Zeiten, wo die Sklaven noch nicht befreit waren, angesehen worden. Jetzt zeigte sich, daß der "Ernährungs»-Minister für die Rationierung, also gegen die Ernährung eintrat. Der Minister für „Brennstoff und Energie» bemühte sich keineswegs, mehr Licht zu spenden und das Heizmaterial zu verbilligen, sondern er "rationierte“ beides unter Androhung solcher Strafen, wie sie früher vielleicht ein stolzer, bösartiger Grundbesitzer armen Holzsammlern angedroht·hätte. Der Minister für das «Wohnwesen» verbot den Bau von Häusern, «rationierte» Ziegelsteine, Mörtel und Bauholz und verhängte schwere Strafen über jeden, der gegen diese Berbote verstieß. Diese drei neuen Ministerien, deren Namen so verlockend klangen, griffen mit diktatorischer Hand in jeden Haushalt im ganzen Lande ein. Wenn diese Untervögte ihre «Notstands-Vollmachten“ ausübten, schaute sich der Bürger vergeblich nach Hilfe bei solch hohen Beamten, wie der Premier-Minister oder der Lord-Präsident, um. Beginn der Anarchie „Was tat der Gott, der große Pan, im Schilf am Ufergestade? Er wob die Angst und er spann den Fluch ... » So schrieb einst ein Dichter des neunzehnten Jahrhunderts. 1946 begann der große Gott «Pan» unten am Gestade der Themse die Angst zu weben und den Fluch zu spinnen. Die halb-anarchistische Periode des Regierens durch Ministerial-Erlasse schritt im Zeichen des "Notstandes» rasch voran. Der Erzbischof von York hielt am 25. September 1947 eine Ansprache, in der er sagte: «Noch weit gefährlicher für die Freiheit ist die einreißende Gewohnheit der Minister, bloß administrative Befehle zu erlassen, die im Parlament nie beraten worden sind.» Das bisher übliche gouvernementale «Wir» fiel in Mißkredit und die Minister setzten 165 ihre eigenen Namen unter die neuen Dekrete, die denen der hitlerischen Führer auf's Haar glichen. Ihre Aktionen erstreckten sich oft weit über den zuständigen Rahmen ihres Machtbereiches und griffen in den Bereich der nationalen Politik über. Im harten Winter 1946--47 verbot der Minister für "Brennstoff und Energie» den Bürgern nicht nur das Heizen ihrer Wohnungen. Er verbot auch das Erscheinen von «Wochen-Zeitungen». Hätte es sich um ein Kollektivverbot der Regierung gehandelt, dann hätte vermutlich nicht ein anderer Minister später sagen können, dieser Erlaß sei «ein Fehler» gewesen. Er verfügte die kriegsmäßige Verdunkelung, ein symbolhaft übles Ding, und der Aerger und die Düsternis dieser Maßnahme übertrafen bei weitem die spitzfindige Einsparung. Er verdunkelte auch das Zifferblatt von Big Ben und erzielte damit eine Einsparung von stündlich einem Schilling! Auch dieses Verbot trug für mich eine symbolhafte Bedeutung, denn der Wert des leuchtenden Gesichtes von Big Ben läßt sich nicht in Münzen abzählen. Ich entsinne mich noch gut meiner Freude, wie dieser gemütliche, strahlende Bursche beim Nahen des «Sieges» wieder lachend über London auftauchte. Der Minister für «Ernährung» leistete sich in seinem Herrschaftsbereich Dinge von ähnlicher politischer Tragweite. Einem kranken Mann in Birmingham hatten drei Aerzte sechzig Gramm Fett täglich verschrieben. Im Dezember 1946 wurde ihm diese Ration durch den städtischen Ernährungs-Beamten verweigert („in Uebereinstimmung mit den Empfehlungen der ärztlichen Berater des Ministers“) und er starb kurz darauf. Bei einer Befragung im Parlament antwortete der Minister, daß solche Gesuche für Extra-Rationen automatisch einem dem Ministerium unterstellten „Sonderausschuß für Diätfragen“ unterbreitet würden. Er wußte nicht, wie oft sich dieser Ausschuß traf. Unter den elf Mitgliedern war kein Diätspezialist und keiner von ihnen sah jemals den gesuchstellenden Patienten. (Privatärzte aber sind schon von der Aerzteliste gestrichen worden, weil sie Rezepte ausgegeben haben, ohne den Patienten zu besuchen.) Der Minister (nicht etwa 166 ein Arzt) sagte: „Der Patient ist an einem unheilbaren Krebsleiden gestorben“ und führte weiter aus: «Meine Berater (die den Patienten nicht gesehen hatten) orientierten mich, daß die Bewilligung oder Verweigerung einer Extra-Fettration auf den Ausgang dieses tragischen Leidens keinerlei Einfluß haben kann.» In seinem eigenen, persönlichen Namen bemerkte er noch: «Ich konnte doch unmöglich das System über den Haufen werfen.» Es schien mir, als seien wir dem System des „Tötens aus Mitleid“ bereits sehr nahe gekommen, weswegen in diesen Tagenzahlreiche Deutsche zum Tod verurteilt wurden. Der Schritt in dieser Richtung war übel, wenn auch nicht erstaunlich, hatte doch der Vater des britischen Sozialismus, der große Menschenfreund des zwanzigsten Jahrhunderts, vor kurzer Zeit einen Brief an die „Times“ gerichtet, in welchem er «staatlich verordnete Euthanasie für alle Idioten und andere untragbare Aergernisse» empfahl. (Herr Shaw schlug jedoch, menschenfreundlich wie er war, vor, das man diese Morde aus Mitleid in «einer recht bequemen Gaskammer“ vornehmen solle.) Das Regime der drei Ministerien Nach der Brotrationierung unterstand die britische Insel weniger der Regierung des Premiers und seiner Kollegen als den neuen Ministern «für» Ernährung, Brennstoff und Energie und Wohnwesen (vielmehr Gesundheit). Ganz klar, wenn schon die Absicht bestand, das angeborene Mitspracherecht des Bürgers in solchen lebenswichtigen Fragen zu vernichten, dann mußten auch Mittel und Wege gefunden werden, um seine völlige Unterwerfung unter die "Notstands-Dekrete» zu erzwingen. Bis zum Januar 1947 gab es 380 Beamte für Lebensmittel-Kontrolle», deren Vollmachten, friedliche Häuser zu betreten und zu durchsuchen, größer waren als „die der Kriminalpolizei bei der Abklärung von Mordfällen“. Diese Mitteilung wurde im Parlament als Nachspiel eines Gerichtsfalles gegeben, der ergeben hatte, daß ein «Gesundheitsinspektor“ anläßlich irgend einer Untersuchung in ein leeres Haus 167 eingedrungen war, dort etwas altbacknes Brot vorgefunden hatte und sofort seinen Kollegen von der «Lebensmittel-Kontrolle» herbeiholte, der auch glücklich einen Grund für eine Anzeige fand. Eine frühe Märtyrerin dieses Regimes war ein nervöses Dienstmädchen, das versuchte, eingerostete Flecken auf einem Gasherd zu entfernen, und sich dabei tödlich verbrannte. Zwar wurden diese Machtbefugnisse für den Augenblick noch mit einer gewissen Milde angewandt, aber die Bedrohung war offensichtlich: Der erste Schatten einer Geheimpolizei legte sich über England. Im Oktober 1947 veröffentlichte "News Chronicle" folgenden bemerkenswerten Bericht: «Lord Nathans Privatarmee der Lufthafenpolizei wächst ständig ... Lord Nathan besoldet 650 Polizisten, wovon die meisten im Flughafen von London und Northolt stationiert sind. Das ist nur der Anfang. Die Absicht besteht, deren Zahl auf 1500 zu erhöhen." Lord Nathan war Minister für Zivilaviatik, ein anderes neues Ministerium. Diese Mitteilung wurde ohne Kommentar gedruckt, aber die Zeitung fügte bei, daß diese «Flugplatzpolizei» aus früheren «Sicherheitspolizisten" bestehe. Bei den Wahlen des Jahres 1945 warnte Churchill das Land vor diesen Tatsachen und wurde ausgelacht. Die Lohnschreiber riefen aus, daß solche Warnrufe den Sozialisten wertvollen Stimmenzuwachs bringen würden. Als der grimmig kalte Winter kam, wandelte der Minister für «Brennstoff und Energie» in den Fußtapfen des Ernährungsministers. Das Recht des Bürgers, sein Haus zu erwärmen, wurde aufgehoben; um diesem Verbot größeren Nachdruck zu verleihen, wurden «Brennstoff-Kontroll-Beamte» ernannt. Im März 1947 schwollen die Flüsse durch die Schneeschmelze und überfluteten weite Strecken offenen Landes. Eine Frau von Halifax, deren Haus drei Wochen vor ihrem Hochzeitstag überschwemmt wurde, gebrauchte beim Absinken des Wassers zum Trocknen des Hauses einen elektrischen Ofen. Ein «Brennstoff-Kontroll-Beamter» betrat das leere Haus und fand dort das Rohmaterial der schmarotzerischen Bewohnerin vor. Eine Anzeige. Sie wurde mit zehn 168 Pfund gebüsst, „weil sie in verbotenen Stunden Strom gebraucht hatte“. Der Minister für „Ernährungswesen“ (und Wohnwesen) dehnte das neue System weiter aus. Vor einem Jahrhundert schilderte Maculay einen Reisenden aus Neuseeland, „der mitten in einer unendlichen Wüstenei seinen Standort auf einem geborstenen Bogen der Londoner Brücke wählt, um die Ruinen der St. Pauls Kathedrale zu skizzieren“. 1947 war die Londoner Brücke noch nicht zusammengebrochen und auch die St. Paul-Kathedrale ragte immer stolz empor, aber es gab genügend ungeheilte Trümmer in London. Auf einer Ruine in High Holborn sah ich ein Plakat des Gemeinderates mit der Aufforderung an die Bürger, jeden Nachbarn zu denunzieren, den sie verdächtigten, «nicht amtlich bewilligte» Reparaturen auszuführen. Mir kam das vor wie das hassenswerte Erlaß eines fremden Eroberers. Er hätte ebensogut «Achtung» überschrieben und «Die Stadtkommandatur“ unterzeichnet sein können. Diese Gesinnung war imstande, London und ganz England schneller als irgend ein fremder Eroberer zu ruinieren. Im Februar 1947 antwortete der Premierminister auf eine Anfrage, das siebzehn seiner Minister und ihre sämtlichen Untergebenen im ganzen Lande bevollmächtigt seien, Inspektionen und Untersuchungen anzuordnen, bei denen der freie Zutritt in Privathäuser ohne vorhergehende Ermächtigung eines Beamten gestattet war. „Bis jetzt» hätten zwar erst neun Minister die formelle Erlaubnis, solche Untersuchungen durchzuführen. Derart wurden die Schatten immer länger. Die Pest verbreitet sich rasch, wenn der Bazillus von der Regierung einmal losgelassen ist. Vor sechs Jahrhunderten galt in England der Spitzel als abscheuliche Figur. Chaucer, Piers Plowmann, Wycliffe und Gower verurteilten übereinstimmend die „Denunzianten“, die üble Berichte über Nachbarn sammelten und die Opfer vor die kirchlichen Gerichtshöfe brachten. Sie waren damals feile Diener einer anmaßenden Kirchc. Aber solche 169 Kreaturen sind bereit, jedem Herrn, ob Kirche oder Staat, gegen Bezahlung zu dienen. Sie waren die eigentliche Ursache für den Bauernaufstand des Jahres 1381. Dreihundert Jahre später brachte sie Cromwell wieder nach England zurück und der Haß, der ihm zuletzt zuteil wurde, war hauptsächlich diesen Kreaturen zuzuschreiben. Von Natur aus wie Reptilien, verharren sie stets unter der Oberfläche, bis sie gebraucht werden. Ich beobachtete, wie sie den Gestapostaat in Deutschland aufbauten. 1947 ermahnte ein hoher Polizeibeamter die Privaten, "die Polizei über alle ihnen bekannten Fälle von Stromverschwendung in privaten Haushaltungen zu informieren ... Namen und Adresse müssen angegeben werden, aber die Polizei wird diese vertraulich behandeln.» Im Namen einer "Welt-Ernährungskrise», «eines harten Winters» und der «Planwirtschaft» wurden so die großen Errungenschaften der letzten Jahrhunderte angegriffen und beinahe zugrunde gerichtet. Vor zweihundert Jahren sagte William Pitt: «Der ärmste Mann in seiner Hütte darf alle Mächte der Krone mit Verachtung strafen. Die Hütte mag noch so zerfallen sein, der Wind mag durch alle Ritzen dringen - aber der König von England hat kein Recht, einzutreten; keine seiner Gewalten darf es wagen, die Schwelle des zerfallenen Hauses zu überschreiten.» Stolze Worte des achtzehnten Jahrhunderts, vom zwanzigsten in den Schmutz getreten! Die Hand des Schatzamtes
Die drei neuen Ministerien, die Kurs in Richtung der Diktatur nahmen, wurden von andern unterstützt: dem Schatzamt und der Handelskammer, die sich zusammentaten, um die öffentliche Tasche zu leeren und den Handel zu verhindern. Vor allem die Macht des Geldes richtete sich gegen den britischen Inselbewohner. Das geheinmisvolle «Schatzamt» nimmt sich heute fast wie eine Sonder-Regierung aus, die nach verschiedenen Richtungen die Möglichkeit besitzt, die beschlossene Staatspolitik zu durch- 170 kreuzen. Es wäre vielleicht einfacher, nach dem zu forschen, wozu es nicht in der Lage ist, als zu entdecken, welche Machtfülle es eigentlich besitzt. So hat es das Schatzamt 1938 fertig gebracht, daß Sir Horace Wilson, «der erste Wirtschaftsberater im Kabinett», ein der britischen Oeffentlichkeit fast unbekannter Mann, Herrn Chamberlain nach München begleitete und dort den tschechoslowakischen Vertretern eine Karte überreichte, worauf jene tschechoslowakischen Gebiete eingezeichnet waren, die den Deutschen augenblicklich übergeben werden sollten. Auf Dr. Masariks Einwendungen wiederholte er zweimal in aller Form, daß er diesen Feststellungen nichts mehr beizufügen habe, und unsern Bemerkungen über Städte und Bezirke, die für die Tschechoslowakei wichtig waren, schenkte er überhaupt keine Beachtung (siehe „Schande im Ueberfluß»). Das britische Ultimatum an die Tschechoslowakei und der Reichstagsbrand bleiben die beiden entscheidenden, bösen Ereignisse deises Jahrhunderts. Das Ultimatum zerstörte die letzte Hoffnung, daß Deutschland selbst den Sturz Hitlers herbeiführen könne. Auch heute sind die Interventionen des «Schatzamtes» genau so geheimnisvoll wie damals. So ist es zum Beispiel in der Lage, je nach Bedarf die angekündigte Politik des Außenministers oder des Verteidigungsministers zu annullieren. Herr Bevin war der einzige unter den maßgeblichen Sozialisten, der noch den Drang nach Freiheit in seinen Adern verspürte. 1946 sagte er, seine Aussenpolitik bestehe darin, «zur Victoria Station hinunter zu gehen und ohne Paß oder irgend etwas Aehnliches dahin zu reisen, wohin zum Teufel ich eben fahren will». Diese Worte enthielten eine erfrischende Wahrheit. Zudem fielen durch seine Bemühungen etliche Schranken zwischen den Völkern. Das wertlose und lästige Visum wurde in verschiedenen Fällen aufgehoben. Ein kleines Stück freien Lebens, das wir 1914 zum letztenmal genossen, erstand aufs neue. Ohne die geringste Anstrengung machte ihm das «Schatzamt» einen Strich durch die Rechnung, indem es den britischen Bür- 171 gern das Geld für solche Auslandsreisen verweigerte. Die Handelskammer schleuderte gegen den Außenhandel Verbote gleich Feuerblitzen und störte dadurch unsere Beziehungen mit dem Ausland empfindlich. Der Außenminister glich einem Kapitän auf der Kommandobrücke, dem das Schiff unter den Füßen weggeglitten war. Beide Ministerien rekrutierten ihre eigene geheime Schattenpolizei. So war es die wunderliche Aufgabe der wachsamen Beamten des «Schatzamtes» zu verhindern, daß Gold und Wertsachen ins Land ein-·oder ausgeführt wurden. Bald folgten in Seehäfen, Flughäfen und auf den Bahnstationen endlose Verhöre und Durchsuchungen, und die Reisenden, welche diese Inquisition über sich ergehen lassen mußten, warteten in langen Schlangen. Das alles hatte ich schon früher erlebt: in Deutschland. Ende des Jahres 1949 glich die britische Insel einem vom Meere umspülten Konzentrationslager. Falls die Macht der neun Ministerien und die Zahl der Befürworter in der Regierung und der Regierungspartei weiter zunahmen, würde die englisehe Zukunft aufs Haar dem Wunschbild des Herrn Strachey im Jahre 1937 gleichen: «Eine freie Republik zuerst in einem Bund der europäischen Völker und später in der weltumspannenden Gemeinschaft der Sowjetrepubliken." Diese Freiheit wäre dann ebenso großzügig und die republikanische Haltung ebenso eindeutig wie im heutigen Polen; das Volk wäre dann genau so stolz wie Galeerensklaven und genau so glücklich wie Hörige. Und es würde erneut lernen müssen, daß der Hunger nach Freiheit die Bedürfnisse des Körpers nach Nahrung bei weitem übersteigt, es würde genötigt sein, den alten Kampf um die Freiheit von neuem zu beginnen. Die nicht sehen wollten Sollte es zu diesem finstern Ende kommen, dann müßte sich ein kommender Geschichtsstudent ständig die Frage stellen, weshalb der britische Inselbewohner ein derart untragbares und un- 172 nötiges Schicksal geduldig hinnahm. Er besaß weder die Entschuldigung der unterdrückten Russen des Jahres 1917, die glaubten, es würde mit einer Tyrannei Schluß gemacht, noch das Argument der besiegten Deutschen des Jahres 1933, die glaubten, sie könnten in einem zweiten Anlauf einen verlorenen Krieg gewinnen. Der Engländer war frei, siegreich, und die Insel war in guter Verfassung. Ich frage mich, wie ein Historiker der Zukunft ein Phänomen erklären will, für das der heutige keine Antwort findet. Im Bauch eines wohlgenährten Mannes krampft sich nichts vor Hunger zusammen. Ebensowenig konnte ich unter den freien Menschen während dieser Monate eine übertriebene Begier nach Freiheit feststellen. Ich traf einige, die besorgt, noch mehr aber, die unbesorgt waren. Kaum einer verstand den Sinn der Ereignisse oder zog einen Vergleich mit den Vorgängen in andern Ländem während der letzten dreißig Jahre. Alle hielten diese für völlig verschieden von den bereits vergangenen oder zukünftigen Ereignissen, für eine rein britische Angelegenheit. Nur ganz wenige überblickten den Gesamtablauf des zwanzigsten Jahrhunderts, der über Rußland nach Deutschland und von dort nach England führte. Das britische Volk war weder feige noch gleichgültig. Es förderte geradezu verbissen den Untergang seiner eigenen Freiheiten. Es verfügte über einen sicheren Schutz und gerade dieser wurde entschlossen mit Füßen getreten. In einem parlamentarischen Staat bildet eine Nachwahl die beste natürliche Verteidigungsmöglichkeit des Volkes. Da doch alle Parteien ihre Versprechen brechen, sind Nachwahlen das einzige Mittel des Bürgers, um die notwendigen, zahlreichen Korrekturen anzubringen und die Regierung zu hemmen, wenn sie zu weit vorprellt, oder anzuspornen, wenn sie hinten nachhinkt. Während langen Jahrhunderten waren es die Nachwahlen, welche die Minister verantwortungsbewußt und die Parteien vorsichtig machten. Die Jahre 1945-47 aber zeigten ein einmaliges Phänomen; für die Regierung war jede Gefahr ausgeschaltet, eine Nach- 173 wahl zu verlieren. Je deutlicher ihre üblen Absichten wurden, je starrköpfiger gaben ihr die Wähler ihre Stimmen. Ich sah, daß Wunder geschehen, aber die Ursachen kenne ich nicht genau. Es ist ein ganz seltsames Ding für ein freies Inselvolk, freiwillig seinen Rücken unter die Knute zu beugen, vor allem für ein Volk, dem während sechs Jahren bei den Schilderungen des Ungeheuers, dem es sich nun unterwarf, das Blut in den Adern geronnen war. Ich sehe folgende Gründe: Erstens: Der britische Inselbewohner ist starrköpfig und loyal und da er nun einmal seinem Wunschtraum einer «Labour Bewegung» zur Macht verholfen hatte, wollte er in seiner Starrköpfigkeit und Loyalität eher von dieser Bewegung verschlungen werden als sich eines Fehlers schuldig machen. Zweitens: Die Beamtenarmee, die sich während des Krieges auf dem Rücken der Nation breit gemacht hatte und jetzt am Ruder zu bleiben wünschte, war zahlenmäßig recht stark und machte einen recht ansehnlichen Teil der Wählerschaft aus. Drittens: Es gibt in allen Ländern recht viele Menschen mit niedriger Gesinnung, die eine Diktatur herbeiwünschen. Viertens: Es gibt überall Neider, die einverstanden sind, wenn der «Reiche geschröpft werden soll“. Diese Esel sehen nie, daß sie selbst es sind, die am meisten leiden müssen, wenn die allgemeine Verarmung beginnt. Dem, der wenig hat, wird dann wie dem russischen Bauern selbst das wenige noch genommen, was er hat. Der Hauptgrund aber scheint mir darin zu liegen, daß die Masse, die bei der wachsenden Bedrohung «Haltet den Dieb!» hätte schreien können, gar keine richtige Wahl hatte! Der zukünftige Historiker sollte sich in dieses abgründige Geheimnis der Jahre 1945-47 vertiefen. Die Mitschuld der Opposition Der politische Kampf von 1945-47 war ein Scheingefecht. Die Opposition hat in Tat und Wahrheit überhaupt keinen Widerstand geleistet. Sie spottete zwar über die sozialistischen Taten, 174 aber nicht über deren üble Doktrin. Sie beklagte sich über das elende Versagen des Plans, aber es war doch inzwischen ganz klar geworden, dass dieser in seiner ganzen Perfidie darauf hinzielte, England zu versklaven, und sich wenigstens in dieser Hinsicht als sehr erfolgreich erwiesen hatte. Trotzdem wurde weder von den Konservativen, den liberalen Führern, den Kandidaten für die Nachwahlen, noch von den Zeitungen auf diese Tatsachen hingewiesen; sie beschuldigten lediglich die Regierung des «Zauderns“ und der halben Maßnahmen», was ungefähr so viel hieß, wie "Was ihr macht, ist recht, aber ihr macht es nicht rasch genug», oder mit andern Worten: «Ihr vergiftet uns; bitte gebt uns doch öfters stärkere Giftdosen.» Um nur ein Beispiel zu nennen: Im August 1947 sagte ein konservativer Peer, Lord Balfour, im altehrwürdigen Verulam, daß das Land, «während es sehnlichst auf das lodernde Feuer einer mutigen Führerschaft wartet, von Herrn Attlee einzig und allein das flackernde Kerzenlicht ständigen Zögerns und halber Maßnahmen erhält». Halbe Maßnahmen! Noch nie waren die Freiheiten einer alten Nation so gründlich und konsequent angegriffen worden. Der führende Mann war unauffindbar (außer bei einer spätern Gelegenheit Churchill), der gesagt hätte: «Das sind vollkommen falsche und schlechte Maßnahmen; wir benötigen ganz andere Massnahmen, um unsere Freiheit zu leben, zu arbeiten, zu bauen und Handel zu treiben, wieder herzustellen.» Die Oppositionsparteien mieden das Wort Freiheit, als ob es sich um eine beschämende Sache handeln würde. Mochten sie es tarnen, wie sie wollten, in Wirklichkeit sagten sie: «Wir anerkennen den allmächtigen Staat, aber wir möchten auch ein Mitspracherecht.» Der britische Inselbewohner durchschaute diese Haltung, und das war, glaube ich, der Grund für die Erfolge der Nachwahlen mitten im Verlauf dieses hitlerischen oder stalinistischen Prozesses. Der Bürger war nicht in der Lage festzustellen, welche Männer die noch immer starke konservative oder die geschmälerte, aber zukunftsträchtige liberale Partei eigentlich be- 175 herrschten. Fast alle Sprecher der Opposition und alle Zeitungen erklärten bei jeder Drehung der Schraube, während sie über die Sozialisten spotteten, daß "staatliche Planung unvermeidbar sei“, daß «neue Einschränkungen unvermeidbar seien», daß «die Planung der Arbeit unvermeidbar sei“. Dieser Schrei der «Unvermeidbarkeit“ von seiten jener, die am lautesten protestierten, machte das Argument zunichte und verwirrte das Volk. Ein typisches Beispiel dieser konfusen Denkweise zeigte sich in einer Rede des Erzhischofs von York in Scarborough, am 25. September 1947. Er sprach sehr ernst «von der Bedrohung der Freiheit» und verglich das Land «mit dem von den Lilliputanern gefesselten Gulliver», aber er sagte gleichzeitig: «Ohne eine gelenkte Gesellschaftsordnung könnten wir nicht überleben. Planung ist unvermeidlich, soll die Wirtschaft nicht in ein Chaos versinken und Massenarheitslosigkeit vermieden werden.“ Zu jener Zeit, als die Rede gehalten wurde, stand es aber bereits fest, daß diese Planung wirklich eine «Bedrohung der Freiheit» darstellte. Deshalb war der Ausspruch "Planung ist unvermeidlich» gleichbedeutend mit der Aufforderung, Gulliver solle sich in seine Fesseln schicken, über die sich Hochwürden soeben beschwert hatte. Ebenfalls ganz unerklärlich war der Umstand, daß es keine Oppositionspolitik gab. Die konservative Politik hätte einfach damit beginnen müssen, Churchills uneingelöste Verpflichtung des Jahres 1940 bezüglich der «Notstands-Vollmachten», durch welche England versklavt wurde, wieder in Erinnerung zu rufen: «Das Parlament steht als Wächter über diese übergebenen Freiheiten und es wird seine heiligste Pflicht sein, diese in ihrer Ganzheit wieder einzuführen, wenn der Sieg unsere Anstrengungen und unsere Ausdauer gekrönt haben wird.» Diese Wurzel des Ganzen wurde nie erwähnt! Im Gegenteil. Die Rädelsführer der wichtigsten Oppositionspartei konzentrierten ihre Anstrengungen dahin, die Forderung der konservativen Wähler nach einem Kampfprogramm zu durchkreuzen und vor allem jeglichem Druck zu widerstehen, den Ruf nach «Freiheit» 176 erschallen zu lassen. Der kommende Historiker wird auf die Tatsache stossen, daß die stürmische Forderung des Parteivolkes nach „einem Programm“ wiederholt durch die Parteigewaltigen verworfen wurde, und daß die «Freihei“ in den Empfehlungen der konservativen Führer um so tiefer sank, je lauter die Klagen über die sozialistischen Angriffe auf die Freiheit wurden. Während so das Lebensblut der Freiheit versickerte, veröffentlichten diese konservativen Führer statt eines Programmes oder einer eigenen Politik eine Anzahl von «Feststellungen», die keine echte Feindschaft gegen den Sozialismus oder irgendwelche besondere Freundschaft zur Freiheit enthielten. So verfaßte beispielweise Herr Eden 1946 ein «Zehn-Punkte-Credo für die Konservativen“. Der achte Punkt lautete: "Wir dürfen uns nicht verleiten lassen, in die Fallgrube eines doktrinären Anti-Sozialismus zu stürzen.» Früher noch, bei den Wahlen des Jahres 1945, hatte Sir Walter Womersley «sieben konservative Punkte» aufgestellt, deren letzter höchst zweideutig die Forderung auf «die grösstmögliche Freiheit für das Individuum» enthielt. Dann sagte ein anderer konservativer Führer, Richard Law, der Sohn eines konservativen Premier-Ministers und der Führer der denkwürdigen Revolte des Jahres 1940 gegen Chamberlain: Die oberste Bewährungsprobe der Tory Partei ist es, den Sozialismus nicht·zu bekämpfen.» Zur Zeit, als die zweite Nachkriegskonferenz der konservativen Partei stattfand (im Oktober 1947 in Brighton), wurde das Ideal der Freiheit von den Parteigewaltigen gänzlich verraten, denn damals lautete der letzte von Edens neuen «sieben punkten für die Konservativen», man müsse „den staatlichen Eingriffen Stromlinienform geben». Falls dies überhaupt einen Sinn hatte, dann konnte es nur bedeuten, «man solle die Ketten polieren». Es war die Ankündigung, daß die Konservativen, falls sie wieder zur Macht kommen sollten, nicht gewillt waren, den Schaden, den die Sozialisten der individuellen Freiheit in England zugefügt hatten, wieder gutzumachen. Es war leicht zu sehen, daß die konservative Partei fest in den 177 Händen ihrer Parteigewaltigen blieb - und es waren meistens die gleichen Persönlichkeiten, welche in den verheerenden dreißiger Jahren die Führung hatten. Die Tatsache, daß Churchill, gegen den sie damals ihre ganze Feindschaft richteten, jetzt nominell ihr Führer war, vermochte an dieser Sachlage nichts zu ändern - und anstelle des früheren Hasses spendeten sie ihm auch jetzt keinen übertriebenen Beifall. In der Jahreskonferenz und in wichtigeren Phasen des sich immer rascher vollziehenden Dramas von 1945 bis 47 (wie zum Beispiel bei der Annahme des Diktatur-Gesetzes) erhob sich seine Stimme deutlich über dem allgemeinen Tumult. Er sprach in der großen Tradition eines britischen Staatsmannes und stimmte den unvergeßliehen Ruf nach «Freiheit» an. Aber schließlich näherte er sich bald dem achtzigsten Lebensjahr; und auch hier mag der künftige Geschichtsforscher feststellen, daß seine Beredsamkeit die Politik der Partei, der er vorstand, nicht zu beeindrucken vermochte - die zu jener Zeit darin bestand, keine Politik zu haben. Tatsächlich verwies auch er öfters auf die Klugheit, keine Politik zu haben, trotzdem er als einziger unter den konservativen Führern Grundsätze vertrat, die wirklich Politik waren. Die andern Führer waren alle darauf geschult, die Notwendigkeit oder die Möglichkeit einer Politik zu verneinen. So sagte zum Beispiel Sir David Maxwell Fyfe im November 1946: «Die sozialistische Regierung ist ein abschreckendes administratives Fehlexperiment gewesen ... Was uns Konservative angeht, so kann ein Programm im Hinblick auf die aktuellen Probleme erst aufgestellt werden, wenn wieder eine konservative Regierung im Amte sein wird.» Besorgte Konservative verlangten bei der Jahreskonferenz in Blackpool im Jahre 1946 nach «einer Politik». Der «Daily Expreß» berichtete jedoch: «Trotzdem diese Forderung immer und immer wieder den stürmischen Beifall des Tages erntete, hatten die Parteigewaltigen die Traktandenliste offenkundig so eingerichtet, daß diese Forderung umgangen werden konnte.» Aber trotzdem war der Druck der Teilnehmer an dieser Konferenz so stark, daß 178 die Parteileiter gezwungen wurden, einen strategischen Rückzug einzuleiten. Sie ernannten ein Komitee und dieses gab nach einiger Zeit eine Schrift heraus, betitelt «Die industrielle Charta» (industriell, nicht politisch; auf diese Art umging man die peinliche Folge, nahmlich das Problem der Freiheit). Der wichtigste Vorschlag galt einer starken «zentralistischen Führung“ und die einzelnen Empfehlungen setzten sich für eine vornehme Form des Sozialismus ein. An der nächsten jährlichen Parteikonferenz in Brighton im Oktober 1947 wurde diese Broschüre der Parteipolitik als neue Richtlinie vorgelegt. Mehr konnte man von den Parteiführern nicht erwarten, und ein sorgfältiges Durchlesen bietet die Erklärung, warum es für die „Wiederherstellung der Freiheit» in Edens „konservativen Punkten» keinen Platz gab, wohl aber den Ausdruck, „man müsse den staatlichen Vorschriften Stromlinienform geben“. In Tat und Wahrheit kam diese Schrift der Anerkennung des Sozialismus gleich. Von nun an zogen die sozialistischen Parlamentarier, jedesmal wenn sie von den Konservativen öffentlich angegriffen wurden, lächelnd ein Exemplar der «Industriellen Charta“ aus der Tasche und sagten: «Eigentlich seid ihr doch auch für den Sozialismus», ein Argument, auf das die eingeschworenen Gegner nichts zu erwidern wußten. Die Moralische Korruption aller Parteien war eine Tatsache. An der Konferenz von Brighton im Oktober 1947 machte die große Mehrheit der konservativen Delegierten aus ihrer Begeisterung für die „Industrielle Charta» kein Hehl und verhöhnte bereits diejenigen, welche vor dieser Schrift warnten, als «Reaktionäre» und dergleichen. Sie glaubten, ihre Partei würde wieder zur Macht kommen, und begrüßten die Aussicht auf die Nachfolge dieser „ausserordentlichen Vollmachten» und „Verbote», welche sich die Sozialisten als Folge des Krieges selbst angemaßt hatten. Die Konservativen selbst hielten den Grundsatz der Freiheit nicht länger aufrecht. Sie erzählten einander, daß sie, einmal wieder an der Regierung, dem Lande zeigen würden, wie man mit dem „ge- 179 lenkten Staat umgehe. Schon wieder befanden sie sich auf dem schlüpfrigen Wege, der zum Zweiten Weltkrieg und zu ihrer eigenen Niederlage im Jahre 1945 geführt hatte. In den dreißiger Jahren lag ihre Schwäche in der geheimen Bewunderung ihrer Parteigewaltigen für «eine starke Führung» und für eine «zentralistische Lenkung» in der Form Hitlers oder Mussolinis. Jetzt erlagen sie wiederum der gleichen Versuchung in Bezug auf unsere Innenpolitik. Die konservative Partei stand eindeutig unter der Führung solcher Männer, die kein Versprechen abgeben wollten, das Land anders zu regieren, sondern selbst von der Krankheit des zwanzigsten Jahrhunderts befallen waren: der Gier nach Macht über Menschen und Besitz. Wie stand es mit den Liberalen? Halten sie wenigstens einen klaren Standpunkt, und standen sie für klare Grundsätze ein? Ihr Abstieg begann mit LIoyd George. Er war der erste Notstands-Potentat. Da sie gegen den Grundsatz der Freiheit meineidig geworden waren, schrumpften sie von einer Unterhaus -Mehrheit von 356 (der größten, die unser Parlament jemals gekannt hat) im Jahre 1906 auf eine winzige Gruppe von zwölf Mitgliedern im Jahre 1945 zusammen. Trotzdem vermochten sie noch über zwei Millionen Stimmen auf sich zu vereinigen, und noch stand die Türe zur Genesung und Führerschaft weit offen, falls sie wirklich zu ihrem Ideal der Freiheit zurückkehren wollten. Einzig und allein die Diktatur konnte diese Türe verschließen. Als sie sich zu schließen begann, blickten die Massen voller Hoffnung zu ihnen hinüber. Da lag die Chance. Was war «liberale Politik»? Während des Krieges benutzte man die Massenpropaganda (unter einer vorwiegend konservativen Koalition), um die öffentliche Meinung für den «Beveridge-Plan» kritiklos günstig zu stimmen. Dessen Verfasser war ein führender Liberaler, ein gebildeter und menschenfreundlicher Mann. Was verleitete ihn zu dem Gedanken, daß Zwangsarbeit (sein Plan empfahl solche, wenn auch mit Vorsicht) mit dem Worte «liberal“ irgend wie vereinbar sein 180 könne? Zu jener Zeit schrieb ich aus diesem Grunde, daß sein Plan für Sicherheit eigentlich einer für tödliche Unsicherheit sei. Er trug die Schuld an der Verbreitung dieser Wahnidee, unter deren Zauber der britische Inselbewohner 1945 sozialistisch stimmte. Wenn das wirklich seine Nahrung sein sollte, konnte er dieses Ziel auch erreichen, ohne für die Liberalen zu stimmen. Der Wähler war ebenfalls ganz verwirrt, wenn er glaubte, er könnte in den Liberalen das Gegenstück zu den Sozialisten finden. Die „Liberalen" redeten mit ganz verschiedenen Stimmen. Ein echter Liberaler sprach, als Lord Rosebery im Juni 1947 sagte:“Bald ist England so weit, daß die Erinnerung an die vergangenen Zeiten der Freiheit die einzige uns noch bleibende Freiheit sein wird“ - oder als Lady Violet Bonham-Carter an einem Londoner Meeting der Liberalen im Mai 1947 sagte: «Anstalt für unsere gegenwärtigen Probleme das liberale Rezept der Ordnung in der Freiheit anzuwenden, erleben wir unter dieser Regierung die unheilige Kombination des Chaos mit Verboten ... Die Liberalen müssen Großbritannien wieder auf jenen Fundamenten aufbauen, durch welche es groß geworden ist: Freiheit und Selbstdisziplin.“ Aber die «liberale" Zeitung "News Chronicle" schrieb: «Planung ist unvermeidlich: Wir müssen die Richtlinien von Labour annehmen», und Lord Layton verkündete der liberalen Sommer-Schule im August 1947: "Die Liberalen müssen wegen Englands wirtschaftlichen Schwierigkeiten bereit sein, eine strengere Führung und Lenkung in Kauf nehmen, als in normalen Zeiten angenehm wäre.“ Auch hier wieder «Notwendigkeit» und «Unvermeidbarkeit». Der einzige Unterschied zwischen der konservativen und der liberalen Partei lag darin, daß die Liberalen wirklich eine offizielle Politik hatten. Vielleicht taugte dies nicht viel, da führende Liberale derart gegensätzliche Standpunkte vertreten konnten. Aber es existierte eine offizielle Flugschrift mit dem Titel «Liberale 181 Politik“. Wenn der besorgte Wähler zu dieser Broschüre griff, sah er gleich am Anfang die orthodoxe Feststellung, daß die «Liberale Partei. (wer immer das war; es wurden keine Namen genannt) «an die geistige, politische und wirtschaftliche Freiheit des Individuums glaubt». Dagegen enthielt die Schrift keinen Hinweis auf die Aufhebung der bürgerlichen Freiheiten des britischen Inselbewohners unter dem «Vollmachtenregime» - und auch kein Versprechen, diese wiederherzustellen. Die einleitenden Paragraphen befaßten sich überhaupt nicht mit der Lage des Briten im eigenen Lande, sondern mit der «liberalen Außenpolitik» und bewiesen, daß die «liberale Politik» überhaupt nicht an derart greifbare Dinge, wie die Sicherheit der Insel und die Freiheit ihrer Bewohner, glaubte, da sie die Preisgabe dieser Güter empfahl! Die Schrift verkündete, daß die liberale Partei «an die Grundsätze der Vereinigten Nationen glaubt“ und «daß sie alle Verhandlungen über territoriale und militärische Fragen in Zukunft mit den Vereinigten Nationen führen wird ... Sie wird sich für die Gründung einer internationalen bewaffneten Streitmacht unter der Führung der Vereinigten Nationen, damit diese ihren Forderungen Nachdruck verleihen können, sowie für eine angemessene Beschneidung der nationalen Souveränität einsetzen." Statt Brot, Steine; statt Grundsätze, Initialen (UNO); statt Freiheit, Kapitulation. «Der einzelne Mann“ hat keine bessere Möglichkeit, als seine «geistige, politische und wirtschaftliche Freiheit“ gegen Revolutionäre zu Hause durch seine gewählte Regierung, und gegen Feinde von außen durch seine Armee zu schützen. Das war also nicht «liberale Politik", sondern ein weiteres Memorandum des Welt-Staatsmannes. So werden die Nachwahlen 1945-47 begreiflich. Alle Lokalkomitees und parteibeherrschenden Ausschüsse hatten den britischen Wählern nur das gleiche zu bieten: den Sozialismus, den allmächtigen Staat und die Kapitulation vor fremden Einflüssen. Der „Observer“ berichtet über eine Nachwahl im August 1947: «Trotzdem die meisten Wähler starke Ueberzeugungen 182 besitzen, vermögen sie diese seltsamerweise nicht durchzusetzen. Es ist, als ob sie die Dringlichkeit verspürten, aber trotzdem die alte, selbstverständliche Gewißheit vom Recht und der Unfehlbarkeit irgend einzelnen Partei nicht mehr besitzen.» Und wirklich, es gab auch keine Partei, für die ein Mann, der sich ehrlich für seine Freiheit und gegen seine Versklavung einsetzen wollte, hätte stimmen können. Von jetzt an mußte der Kampf, falls es überhaupt einen solchen noch gab, von einzelnen Männern und Frauen gegen alle Parteien geführt werden. Denn alle trieben den verzweifelten britischen Bullen vor den rotverhängten Degen des Matadors; ihr gemeinsamer Sport war es, John Bull zu Tode zu hetzen. Der Neger im Holzstoß Eine Tatsache muß für unsere Zeit als erwiesen gelten: Alle drei Parteien, Konservative, Liberale und Sozialisten, reichten sich 1940 die Hand, um unter der gemeinsamen Forderung von Kriegs-Vollmachten die Freiheiten des Bürgers aufzuheben. Bei Kriegsschluss aber, als eine dieser Parteien eine Monopolstellung in der Regierung erhielt, beklagten die beiden übrigen lediglich ihren Ausschluss vom Amte. Sie erwähnten nie das gemeinsam abgelegte Versprechen, diese aufgehobenen Freiheiten wiederherzustellen, und gaben derart durch ihr Stillschweigen die Zustimmung für deren Zerstörung. Auf diese Weise arbeiteten die Regierungspartei und die beiden Oppositionsparteien in Wirklichkeit für eine vierte Partei, die kommunistische, die als einzige die Zerstörung der britischen Freiheiten aus einer festumrissenen Konzeption herbeiwünschte: um diese Insel in das komnmnistische Reich einzuverleiben. Vielleicht verschiebt sich das «Schwergewicht», von dem Herr Strachey 1937 schrieb, von Moskau nach Berlin; in diesem Fall wäre es das wahre kommunistische Ziel, uns Deutschland botmäßig zu maschen. Das war eine bekannte Tatsache. Vor dem Krieg schrieb der französische Kommunistenführer Thorez, daß die "Sowjet- 183 Diese Ziele des Kommunismus waren in den dreißiger Jahren überall ordentlich bekannt. In den vierziger Jahren herrschte im britischen und amerikanischen Volke hingegen darüber wieder Unklarheit, da nach dem Ausfall der beiden europäischen Diebe die gewaltige Maschine der Massen-Propaganda umgestellt wurde, um den Charakter des Kommunismus zu verbergen. An einer Zusammenkunft mit Stalin erklärten sich Präsident Roosevelt und Churehill - im Vollbesitz ihrer Regierungsgewalt - damit einverstanden, daß alle die zu befreienden Länder Regierungen erhalten sollten, «welche aus allen antifaschistischen und demokratischen Parteien gebildet sein würden». Damals wurde die stille Schlußfolgerung den Engländern und Amerikanern in die Ohren geträufelt, daß der Rote der beiden siamesischen Zwillinge ein Demokrat sei! Die Gebeine eines Demosthenes hätten zum Protest im Grabe klappern sollen. Vor allem die «Liberalen» waren begeistert, diese Irrlehre verbreiten zu dürfen. Es steckt irgend etwas im Liberalismus, was seine Mitläufer zu leichten Opfern der intellektuellen Verführung und Perversität macht. Das Leumundszeugnis der Wohlanständigkeit gestattete es den kommunistischen Agenten, sich zahlenmäßig stark in den britischen und amerikanischen Ministerien, im Rundfunk und in den Zeitungen einzunisten, während der Soldat geschickt wurde, «um mit seiner ganzen Kraft die Freiheit zu verteidigen». Ich habe selbst beobachtet, wie Männer, von denen ich wußte, daß sie Kommunisten waren, nach England kamen, hier ihre Namen anglikanisierten und an der Seite der bereits Eingeschlichenen Schlüsselstellungen besetzten. Die bloße Behauptung, «Flüchtlinge vor dem Naziterror» zu sein, verhalf diesen Besuchern, die in früheren Kriegen als «feindliche Ausländer» überwacht worden wären, zum Status eines «befreundeten Ausländers», der zu allen lebenswich- 184 tigen politischen und militärischen Informationen freien Zutritt erhielt. Es gab eine Zeit, wo zahlreiche Leitartikel und Berichte in Londonerzeitungen entweder anonym oder unter einem Decknamen von solchen Männern geschrieben wurden. Der britische Zeitungsleser war völlig unwissend, wie stark die Quelle seiner Nachrichten und Meinung verseucht war. Wenn die besetzten Völker «der Stimme Englands» lauschten, hörten sie oft solche Neuankömmlinge. Als ich diese Jahre mit der lebendigen Erinnerung an einen früheren Krieg und an die großen Ereignisse zwischen den beiden Kriegen verbrachte, erkannte ich zum erstenmal ganz deutlich, dass Kriegszeit für den Machtschleicher zuhause Erntezeit bedeutet. Der Krieg bietet ihm Chancen für die Machtergreifung, wie er sie im Frieden nie finden würde. Ich sah die Infiltrieruug der Kommunisten hinter dem Rücken der Soldaten, im britischen Leben und in der Industrie. Ich entsinne mich an einen Mann, der geschickt wurde, um mich unter irgend einem Vorwand auszufragen: Er wünschte ganz eindeutig in den Besitz jenes Materials zu kommen, das seine Partei in ihren Dossiers sammelt. Er war jung und gesund, wurde aber nach der Eintragung in die Rekrutierungslisten wieder freigegehen und hatte so Zeit und Muße, in der Midlands Stadt, wo er lebte, seinen trüben Geschäften nachzugehen. Ich frage mich noch immer, ob er wohl durch einen Offizier frei gegeben wurde, der befürchtete, er würde in der Armee Unheil stiften, oder durch einen Beamten, der selbst ein Kommunist war. Tausende seiner Art bereiteten die Ereignisse der Jahre 1945-47 vor. Sie sahen den sozialistischen Sieg voraus und wussten, daß die Beherrschung der Sozialisten am sichersten durch die Gewerkschaften zu erreichen ist. Der Plan war intelligent und wurde geschickt durchgeführt. Die Kommunisten in England verzichteten absichtlich darauf, als offene Partei aufzutreten, da sie wußten, daß ihnen unter der eigenen Flagge nur geringe Erfolge beschieden sein würden. Die sichtbare Partei mit ihrer geringen Zahl von Wahlkandidaten und 185 nur zwei Sitzen im Parlament war die Attrappe, um die Oeffentlichkeit vom Hauptziel abzulenken, welches darin lag, die Parteien von innen heraus zu unterhöhlen. Nach 1945 zeigte sich, daß diese Methode einen ganz erstaunlichen Erfolg hatte. Jelzt wurde es offenbar, daß die Weltrevolutionäre in Moskau in den dreißiger Jahren die Wissenschaft des Vordringens, Durchdringens und der Zersetzung mit Erfolg studiert hatten, ebenso die Methoden, wie eine fast unsichtbare Minderheit, welche die "Sowjetmacht» erstrebt, eine große Mehrheit demoralisieren und besiegen kann. Diese Methoden und ihre Technik sind deutlich in den «Thesen und Statuten der kommunistischen Internationale» niedergelegt, wie sie der «Zweite Welt-Kongreß» im Juli-August 1920 beschlossen hat. Das Dokument wurde zusammen mit andern von gleicher Bedeutung in den unschätzbaren «Richtlinien für die Eroberung der Welt» von W. H. Chamberlain (Human Events, Washington 1946) veröffentlicht. Es ist nie überarbeitet worden und bietet gleichsam die photographische Erklärung für die Ereignisse in England von 1945 bis 1947. Es gleicht dem Operations-Befehl für eine Schlacht, die jetzt auf dieser Insel und in andern Staaten vor dem siegreichen Abschluß steht. Vor sechsundzwanzig Jahren hätte man diese Schrift noch als schwärmerischen, revolutionären Wunschtraum, der bestimmt nicht zum Ziele führen wird, abtun können. Die jetzigen Ereignisse jedoch machen das Dokument von brennender Aktualität leicht verständlich. Der Erfolg der Kommunisten basiert lediglich auf Verschwiegenheit und Heimlichkeit. Die gegenwärtige Abneigung aller Parteien und Zeitungen, sich mit diesem Vorgang zu befassen, ungeachtet der Leidenschaft, mit der sie einst den Kommunismus bekämpften, zeigt, welchen Umfang die Zersetzung bereits nach allen Richtungen erreicht hat. Auf dem Papier weigerte sich die sozialistische Partei freilich, kommunistische Kandidaten zu unterstützen, und lehnte jedes Jahr die kommunistische Anfrage nach einer „Fusion“ mit der kommunistischen Partei ab. War das nicht die Weigerung des 186 Walfisches, sich mit Jonas zu verbinden? Jeder wußte, ohne es einzugestehen, daß ein Zehntel von den 1945 gewählten 393 Sozialisten Kommunisten waren. Ein Mitglied des Parlaments nannte mir die genaue Zahl von 38. Wären sie als Kommunisten aufgetreten, so hätte man sie bestimmt nicht gewählt. Die sozialistische Partei aber hat ihnen ihr Gewand geliehen. Es gelang dieser verborgenen Gesellschaft, mehr als hundert verschwommene und verworrene Sozialisten zu kapern, um durch sie bei verschiedenen Anlässen zugunsten der «Sowjetmacht“ gegen die Regierung zu demonstrieren. Die Hauptstärke der Kommunisten aber lag in jener Körperschaft, welche die sozialistische Partei außerhalb des Parlaments beherrschte: in den Gewerkschaften. Gewerkschaften gleichen allen andern Organisationen; ihre wirkliche Macht liegt in den Händen eines Ausschusses oder eines Komitees. Die meisten Gewerkschafter sind gleichgültig wie Vereinsmitglieder oder Aktionäre. An der jährlichen Generalversammlung, wo der Präsident und der Sekretär gewählt werden, nehmen von insgesamt tausend Gewerkschaftern, wenn es gut geht, vielleicht hundert teil. So vermögen in einer Berufsgruppe, die tausend Mitglieder zählt, einundfünfzig Stimmen die Schlüsselstellungen zu besetzen und über die allerwichtigste Frage zu entscheiden, wer an die Jahresversammlung des gesamten Gewerkschaftsbundes delegiert werden soll. Die Anwesenheit der Kommunisten an solchen Versammlungen ist obligatorisch. So ist es durchaus möglich, daß der von einundfünfzig Stimmen gewählte Kommunist an der Jahreskonferenz als „Vertreter von tausend“ Gewerkschaftern auftritt und seine „Tausender“-Stimme für ein kommunistisches Mitglied des „nationalen Ausschusses“ abgibt. Und derart richtet sich die „Politik“ der Gewerkschaften nicht nach den Interessen der Docker und Bergleute, sondern nach den Befehlen aus dem kommunistischen Hauptquartier, das seine Instruktionen wiederum aus Moskau erhält. Von den 800 Arbeitern, die behaupten, „7.500.000 Genossen“ am großen Gewerkschaftskongreß zu vertreten, sind möglicher- 187 weise eine große Zahl Kommunisten, die von wenigen Tausend «gewählt» worden sind. Auf der untern Stufe der Hierarchie, in den Werkstätten und Fabriken, gibt es in den Betriebsräten ebenfalls Kommunisten, die auf ähnliche Art gewählt worden sind. Ihnen obliegt die Ausführung der hohen Politik, die weit oben beschlossen worden ist. Wenn dort die Verlangsamung der Produktion, Ausstände und Streiks befohlen werden, dann sind sie dafür besorgt, daß es zu Unruhen kommt. Die daraus resultierende Spannung und «Warenknappheit» wird weiter oben wieder für politische Zwecke ausgenützt, die sich alle gleichermaßen gegen die Freiheit des Individuums richten. Die Kommunisten an der Spitze schreien: «Solche Arbeitsunruhen» können nur «durch vermehrte staatliche Kontrollen» behoben werden. Zuletzt aber werden sie im Interesse der «Sowjetmacht» diese Kontrollen selbst kontrollieren. So sah der Maulwurfsbau aus, der aufgewühlt wurde, während die Soldaten an der Front standen und die große Propagandamaschine eine Entlarvung verhinderte. Es war eine wunderbar einfache und wirksame Maschine, um an die Macht zu gelangen, und sie hat ihr Ziel auch beinahe erreicht. Selbst jene Männer, die für die Leistungsfähigkeit der Maschine die größte Verantwortung tragen, schienen für diese Gefahr blind zu sein. Churchill sprach in einem seiner unerklärlichen Augenblicke verächtlich vom Kommunismus, der auf dieser Insel «noch in den Kinderschuhen stecke» (April 1946). Wahrscheinlich sah er damals nur die beiden kommunistischen Vertreter im Parlament. Fünf hitlerische Meilensteine Die großen Führer des britischen Sozialismus, Robert Owen, William Morris und Keir Hardie, glaubten zu Beginn des Jahrhunderts, sie könnten durch die Einführung des Sozialismus die Freiheit retten; sie sahen nicht voraus, was später in Rußland und Deutschland geschehen sollte und rechneten nicht mit den Kommunisten. Als ihre Erben 1945 an die Macht kamen, beteuerten 188 diese noch immer, sie wollten vor allem die Freiheit schützen und deshalb den Sozialismus einführen. Sie waren zwar Augenzeugen der Ereignisse in Rußland und Deutschland, aber ihre Taten bewiesen, dass sie diese Ereignisse nicht begriffen oder daß sie bereits machtlose Werkzeuge im Dienst der Maschine waren. Sie begannen, die Freiheit zu zerstören, und ich beobachtete, wie sie in achtzehn Monaten längs des abschüssigen Pfades die gleichen fünf Meilensteine errichteten, die einst Hitlers Weg im Jahre 1933 gezeichnet hatten. Hier sind sie: I Not-Vollmachten. Hitler übernahm 1933 die bereits außerhalb der Kontrolle des Parlaments bestehenden Notvollmachten; er verweiterte sie lediglich, um durch sie im Namen des Reichstagsbrandes jede Freiheit zu vernichten. 2. Rationierung der Lebensmittel. Es gibt keine Freiheit ohne die Freiheit Lebensmittel zu kaufen und zu essen; es ist die klare Absicht der Lebensmittel-Rationierung, denen das Essen zu verbieten, die gegen rücksichtslosen Zwang aufmucken. Hitler führte als erster (unter dem Regime der «Not-Vollmachten») die Lebensmittelrationierung in Deutschland im Frieden ein; die Attlee-Regierung griff zu ähnlichen Vollmachten und verewigte die Rationierung in England in Friedenszeiten. 3. Zwangsarbeit. Sie wurde zuerst in Deutschland in Friedenzeiten durch Hitler und dann in Friedenszeiten durch Attlee in England eingeführt, wodurch unser Land in jenen Zustand zurücksank, wo die Hörigen noch nicht freigelassen waren. (Bei uns wurde die Zwangsarbeit in Kriegszeiten eingeführt. Es ist unbegreiflich, daß Außenminister Bevin, der von tiefer Freiheitsliebe erfüllt ist, sich verleiten ließ, den zwangsverpflichteten Bergleuten der Kohlengruben, den «Bevin Boys», seinen Namen zu geben. Diese Zwangsarbeiter wurden auch nach dem Kriege nicht freigelassen und die alte Devise der Tyrannei griff mit der Zeit, wie es vorauszusehen war, auch auf andere Gruppen über.) 4. Devisenkontrolle. Eine solche gab es in Deutschland vor der Machtergreifung Hitlers, aber er machte als erster von ihr Ge- 189 brauch, und zwar als «Notverordnung“. Sie war für ihn das wirksamste Mittel, um die nationale Isolierung und die Verarmung herbeizuführen. Weder in Deutschland noch in England hatte man sie früher gekannt. Hier wurde sie von der Attlee-Regierung just in den Tagen eingeführt, als sich ihr deutscher Hauptexponent, Dr. Schacht, als Haupt-Kriegsverbrecher deswegen vor dem Gericht in Nürnberg verantworten mußte. Die Devisenkontrolle ist das Vorhängeschloß zum Tor des Konzentrationslagers. Deutschlands Außenhandel blühte vor ihrer Einführung und schrumpfte in der Folge zusammen. In England wurde nicht einmal der Schein einer «außerordentlichen Maßnahme» zur Ueberbrückung einer «Krise» gewahrt. Der sozialistische Kanzler des Schatzamtes machte aus ihr im Oktober 1946 eine Dauereinrichtung. 5. Zwangsrekrutierung. Sie wurde in Deutschland durch Hitler wieder eingeführt, in England aber durch die Attlee-Regierung zum erstenmal in Friedenszeiten neu eingeführt. Ich ziehe hier nur eine Parallele und argumentiere weder für noch gegen die obligatorische Dienstpflicht. Wichtig ist die Feststellung, daß sie nicht wegen ihres militärischen Wertes, sondern wegen ihres Zwangs-Charakters eingeführt worden ist. Deshalb erklärten sich auch die Kommunisten mit ihr einverstanden, begannen dann aber alsbald im Interesse der Sowjetmacht, erhebliche «Einschränkungen» zu fordern. Der Leser, der sich bis zu dieser Stelle durchgearbeitet hat, wird jetzt begreifen, warum ich dieses Buch nicht eine Fortsetzung von „Jahrmarkt des Wahrsinns“ nenne, sondern ihm nochmals den gleichen Titel gebe. In diesen achtzehn Monaten ist England durch genau die gleichen Massnahmen und Meilensteine and den Rand des Abgrundes geführt worden wie einst Deutschland unter Hitler. Trotz aller während des Krieges versprochenen Freiheiten gab es weder Freiheit von den willkürlichen Regierungs-Dekreten noch Freiheit, zu essen, einen Beruf zu wählen, ein Geschäft zu gründen, ein Haus zu bauen, Kleider zu kaufen, mit dem Ausland 190 Handel zu treiben oder sein Kapital in einem andern Land anzulegen. Der unglückliche deutsche Kriegsgefangene, der sich noch immer bei uns befand, hätte eigentlich über die Feststellung lachen müssen, daß nach seiner eigenen Niederlage der Krieg, den seine Führer gegen England begonnen hatten, jetzt von der britischen Regierung weitergeführt wurde. Die Tradition der Ritterlichkeit gegenüber einem geschlagenen Gegner zählt zu unsern schwersten Kriegsverlusten. Unsere Führer waren weniger weise und Menschlich als der Herzog von Wellington, der schrieb: „Wenn Krieg beendet ist, dann ist es meine feste Ueberzeugung, dass jede Feindschaft vergessen und jeder Gefangene freigelassen werden sollte." Zweieinhalb Jahre aber nach dem Zusammenbruch Deutschlands befanden sich noch massenhaft deutsche Gefangene auf dieser Insel, die für ihre Tagesleistung einen Sklavenlohn von einigen Pfennigen erhielten. Gift in kleinen Dosen führt unweigerlich zum Tode. Darum war es klar, wohin diese hitlerischen Methoden (von Hitler vom Kommunismus kopiert) führen mußten. Die zwölf Monate nach Einführung der Brotrationierung erbrachten den Beweis. Die zunehmende Einmischung in die freie Wirtschaft und die natürliche Initiative erzeugten ringsum schleichende Mutlosigkeit. Jetzt zeigten sich auch die ersten Symptome des tödlichen Leidens. In diesen Tagen wurde ein Giftmischer vor Gericht gebracht. Mit Interesse folgte der britische Inselbewohner dem Bericht, wie seine Frauen - die sich immer kränker fühlten, ohne es zu verstehen, und schließlich starben - bis zu ihrem Ende der Meinung waren, ihr Mann sei doch ein Arzt. Und wer hätte ihnen helfen können, wenn nicht er? Der britische Inselbewohner sah aber weder in diesen unglücklichen Frauen sein Selbstbildnis, noch erkannte er, daß ihr Schicksal auffallend seinem zukünftigen Los glich. Aeußerlich zeigten sich wiederholt Anzeichen einer langsamen Genesung und Besserung. Hätten die üblen «Einschränkungen» ein Ende genommen, so wäre England die Kriegsfolgen, wie ein 191 starker Mann seinen Schnupfen losgewordcn. Schon Macaulay hat vor einem Jahrhundert gesagt: «Kein Unglück, keine noch so schlechte Regierung kommen in ihrer zerstörenden Wirkung der aufbauenden Kraft des Fortschritts und des redlichen Bemühens eines jeden Menschen gleich. Es ist eine mehrmals bewiesene Tatsache, daß unsinnige Verschwendung, drückende Steuern, sinnlose Handelsbeschränkungen, korrupte Gerichte, verheerende Kriege, Aufstände, Verfolgungen, Feuersbrünste und Ueberschwemmungen nicht imstande sind, das Kapital ebenso rasch zu zerstören, wie es einst durch die Opfer einzelner Bürger zusammengebracht worden ist.» Aber bei jedem Anzeichen von Gesundung wurden die Restriktionen verschärft und «das ständige Bemühen eines jeden Menschen» wurde überall, wo es sich zeigte, im Keime erstickt. So erlahmte der öffentliche Widerstand. Anfänglich erhoben sich überall mächtige Protestschreie. Die Proteste der Großbäcker, der Hausfrauen und der breiten Oeffentlichkeit hätten die Rationierung des Brotes beinahe verunmöglicht. Aber schlicßlich gab man nach. Die neuen Verbote waren von immer schwächeren Protesten begleitet, bis endlich große Stücke der Freiheit unserer Insel ohne viel Widerspruch einfach weggetrennt waren. Hitlers Lehre von der Zug-um-Zug-Methode (in «Mein Kampf»), um die Völker kleinzukriegen, wurde mit prächtigem Erfolg angewandt. Die britischen Inselbewohner hatten lange Zeit über die «Reglementierungssucht der Deutschen und deren sklavische Unterwerfung unter das «Kommando» gespottet und das Land verlacht, in dem «alles verboten war». Wenn aber die Deutschen alle für ihr Schicksal schuldig sein mußten, weil sie nichts dagegen unternommen hatten (wie Herr Attlee und sein Staatsanwalt erklärten), dann war das britische Volk für seinen Ruin noch schuldiger. Denn während zwei Jahren begünstigten sie diesen Zerfall Zug um Zug. 1769 griff Junius in einem Brief die Regierung des Herzogs von Grafton an. Was er damals schrieb, trifft auf das heutige England zu: «Elend, Ruin oder Wohlstand eines Staates hängen so sehr 192 von der Verwaltung seiner Regierung ab, daß es genügt, die Lebensbedingungen des Volkes zu prüfen, um über die Verdienste eines Ministeriums orientiert zu sein. Sehen wir das Volk im Gehorsam gegen die Gesetze, wohlhabend in seinen Geschäften, geeinigt zu Hause und geachtet in der Fremde, dann können wir mit Grund annehmen, daß seine Geschäfte von erfahrenen, fähigen und tugendhaften Männern geleitet werden. Bemerken wir aber im Gegenteil den Geist des Mißtrauens und der Unzufriedenheit, ein rasches Absinken des Handels, Uneinigkeit in allen Teilen des Reiches und eine völlige Verachtung von seiten aller Ausländer, dann müssen wir ohne Zögern offen aussprechen, daß die Regierung des Landes schwach, wahnsinnig und korrupt ist.» Die letzte Verteidigung Diese kommunistisch-faschistischen Maßnahmen versetzten dem Fundament des britischen Hauses fünf gewaltige Schläge: Regierung durch Notstandsdekrete, Kontrolle des Außenhandels, Lebensmittel-Kontrolle, Zwangsarbeit und militärische Zwangsaushebung. Einige Grundpfeiler der Freiheit aber vermochten sich noch, wenn auch nicht unangetastet, zu halten. Noch gab es ein Parlament, lebensfähige Parteien und die Hoffnung auf eine nächste Wahl. Noch gab es die Freiheit des gesprochenen und geschriebenen Wortes, trotzdem auch sie durch verborgene Einschränkungen und durch die Verweigerung der Papierzuteilung geschmälert war. Vor allem aber gab es noch die britische Rechtsprechung, die seit Runnymede vor sieben Jahrhunderten im Recht eines jeden auf eine öffentliche Behandlung seines Falles gründete. Jeder sollte den Schutz der Richter und der Magistraten bei willkürlicher Verhaftung oder Bestrafung anrufen dürfen. Ueberall, in der ganzen Welt wurzelte die Freiheit auf dieser britischen Errungenschaft. Ihr galt der Haß der Tyrannen und Diktatoren aller Jahrhunderte. Es bestand für mich kein Zweifel, daß die sozialistische Regierung auf dem eingeschlagenen Weg gezwungen 193 war, auch diese höchste Errungenschaft der britischen Rechtsprechung zu zerstören. Natürlich würde dieser Schlag nicht offen erfolgen. Noch war die Erinnerung an die jüngsten Vorkommnisse in Rußland und Deutschland lebendig. Das jetzige Los dieser Staaten war zu schrecklich, um eine hemmungslose Nachahmung zu gestatten. Diese bittere Erkenntnis begleitet die Regierung und verfolgte ihre Minister, so daß sie sich immer krampfhaft bemühten, die Gleichwertigkeit ihrer Erlasse mit denjenigen des Kommunismus oder des Faschismus durch eine andere Benennung zu tarnen oder zu verneinen. (Arbeitslenkung tönte unvergleichlich besser als Zwangsarbeit.) Gelang es ihnen aber nicht, die Tatsachen zu verbergen, dann verpflichteten sie sich, in einer öffentlichen Erklärung diese Maßnahmen nur mit Anstand und Vorsicht anzuwenden. Im Oktober 1947 schrieb ein gewisser Herr E. W. R. Clark in einem Schreiben an den «Daily Telegraph», daß er einen Brief von einem alten nichtnationalsozialistischen Bekannten in Deutschland erhalten habe. Darin bekundete dieser «ein Gefühl der Beunruhigung wegen der vielen Aehnlichkeiten zwischen Ihrem sozialistischen Regime und unserer kürzlich abgetretenen Regierung». Clark antwortete, daß auch die Engländer mit Besorgnis zahlreiche faschistische Tendenzen unter ihren Regenten feststellten. Dieser Brief wurde ihm mit der Bemerkung zurückgeschickt, daß es verboten sei, politische Fragen mit Deutschen zu diskutieren. Ich kann mich mit dem besten Willen an keine Verkündung dieses Verbots erinnern, und ich kenne auch kein Gesetz, das ein solches Verbot ermöglichen würde. Unter dem anarchistischen System einer «Not-Vollmachten-Regierung» sind alle Dinge möglich. (Der eben erwähnte Vorfall bietet ein gutes Beispiel dafür.) Trotzdem war es leicht vorauszusehen, was in Zukunft geschehen würde; der eingeschlagene Kurs ließ keine andere Wahl. Im Krieg wurde dieses in der Magna Charta verankerte Recht des freien Mannes aufgehoben. Gemäß dem «Verteidigungs-Erlaß 18 B» konnte man Menschen ohne Prozeß verhaften und ein- 194 sperren. Das war die einzige der verlorenen Freiheiten, die uns zurückerstattet wurde. Noch vor den Wahlen des Jahres 1945 hob die Koalitionsregierung Churchills diesen Erlaß 18 B auf. Wenn es noch eine Rettung für England gibt, dann ist England an diesem Tage worden. Unter Churchill amtete damals Herbert Morrison als Innenminister. Ihm gehört das Verdienst. Er sagte im September 1947 (als er sich eben unglücklicherweise anschickte, mehr „Gewalt“ vom Parlament zu fordern): «Als Innenminister verfügte ich über die ungewöhnlichsten Vollmachten. Ich war nicht betrübt, als ich sie wieder verlor, und ich gab sie nach dem Siege in Europa so rasch aus der Hand, als ich nur konnte ... Es war dringend nötig, daß diese außerordentlichen Vollmachten ein Ende nahmen.“ Aber heute ist Herr Morrison nicht mehr Innenminister und hat die Möglichkeit zur Verletzung dieses Rechtes offen gelassen. Meiner Ansicht nach kämpft man heute hinter den politischen Kulissen dafür, den Erlaß 18 B oder etwas Aehnliches wieder einzuführen. Ich sah es in meinem Buche "Es wird uns noch gereuen“ (Lest We Regret) voraus, daß das nach dem errungenen „Sieg“ die tödliche Gefahr für England sein wird. Der unsichtbare Kampf dauert noch immer an. Es gibt solange keine vollkommene Diktatur, bis es möglich ist, den politischen Gegner ohne Prozeß verschwinden zu lassen. Der Kampf um dieses Ziel beherrscht die letzten Jahre, trotzdem er nach außen kaum in Erscheinung tritt. Er spielt sich ab zwischen den Figuren des Vordergrunds, wie Herbert Morrison, die sich an der Illusion festklammern, es werde ihnen gelingen, die Freiheit zu retten, während sie deren Fundamente zerstören - und jenen, die hinter ihnen stehen und bewußt die totale Diktatur erstreben. Noch während ich schreibe, treibt dieser unsichtbare Konflikt seinem Höhepunkt entgegen. Trotzdem man nach Kriegsschluß auf diese tödliche Machtfülle verzichtete, erlitt das Gefüge der britischen Justiz während desKrieges schweren Schaden. Der noch heute ungeheilte Schaden geschah durch den Entzug des Appellationsrechtes, wonach 195 der Bürger an den Richter appellieren durfte, wenn er sich durch die Verfügung oder Maßnahme eines Staatsbeamten geschädigt fühlte. So maßten sich jetzt zum Beispiel «landwirtschaftliche Komitees» das Recht an, Bauern von Haus und Hof zu vertreiben. Diese aber hatten keine Möglichkeit, an das Gesetz zu appellieren, sondern es blieb ihnen nur der eine Weg, sich an den obersten Beamten, den Minister, zu wenden. Ein frühes Opfer war jener Bauer aus Hampshire, der sich weigerte, auf Befehl eines solchen Komitees evakuiert zu werden, und vier vorgehende Polizisten verletzte, ehe er selbst tot geschossen wurde. Die Attlee-Regierung verlängerte nach dem Krieg die Herrschaft solcher Komitees. Sie haben bestimmt gute Arbeit geleistet, aber im Augenblick, als ihre Verfügungen mehr galten als das Gesetz und es dank ihnen einer spätern Regierung, wie den Sowjets möglich wurde, jeden Landeigentümer im ganzen Land zu enteignen, ging ein Grundprinzip der britischen Rechtsprechung in Brüche. Das gleiche gilt für die mit Enteignungs- und Konfiskations-Gewalt ausgerüsteten «Miet-Aemter». Natürlich war es nötig, gegen gewisse raubgierige Vermieter vorzugehen, aber es gab keine Möglichkeit, gegen die Befehle dieser Aemter an das Gesetz zu appellieren. So wandelten sich die landwirtschaftlichen Komitees und Mietämter zu embryonalen «Volksgerichten» eines Hitlers und Stalins und standen einer späteren Regierung zu diesem Zweck zur Verfügung. Die Attlee-Regierung nutzte den „Notstand des Krieges“, trotzdem der Krieg zu Ende war, um die geltenden Gesetze Englands in solchen Dingen zu untergraben. Ein anderer neuer Minister, derjenige für «Städte·und Landplanung», durfte einen Grundeigentümer mit der bloßen Begründung, er beabsichtige, dieses Gebiet zu «planen», ohne weiteres enteignen. Auch die Lebensmittel-, Brennstoff· und Verhütungs-Polizei sowie alle Denunzianten standen über dem Gesetz; kein Richter durfte ihre Einmischungen bestrafen. Es war unmöglich, in dieser überaus wichtigen Frage, in wel- 196 cher sich verschiedene Minister über das Gesetz erhaben fühlten, zu entdecken, welchen Grundsätzen die Regierung folgte, oder ob es überhaupt in irgend einem Punkte eine Regierungspolitik gab. Alle ihre Taten bewegten sich immer in der Richtung der Gesetzlosigkeit und Anarchie. Ihre Worte waren mitunter ehrlich, wurden dann aber von einem andern Minister widerlegt oder durch Taten Lügen bestraft. In der Regierung gab es zwei Männer, die direkt dem Premier-Minister und den kollektiven Kabinettsbeschlüssen unterstanden. Sie wären verpflichtet gewesen, die Tradition der britischen Rechtsprechung aufrecht zu erhalten. Beide sprachen ganz verschieden. Der Lord-Kanzler, Lord Jowitt, war der Aeltere nach Rang, Leistung, Dienst und Ansehen. Ein Amt wie das seine, in fester Hand, konnte wichtiger sein als der Posten des Premier-Ministers. Der Jüngere, Sir Hartley Shawcroß, war vor seiner Ernennung zum Generalstaatsanwalt weder in der Oeffentlichkeit, noch im Gerichtssaal oder in der Politik jemals aufgefallen. Vergleichen wir die Aussagen dieser beiden Männer, dann sehen wir die große Schlacht, die sich hinter den Kulissen abspielt: Am Bankett des Lordmajors von London 1946 erhob sich der Lordkanzler, sagte: "Meine Lords, Damen und Herren, der englische Gerichtshof ist Erbe und Garant einer großen Tradition der Unabhängigkeit. Wir haben sogar gegen Könige für diese Unabhängigkeit gekämpft. Wir haben sie gegen Könige verteidigt. Und heute sind wir bereit, für sie gegen die Exekutive zu kämpfen“ und setzte sich wieder. Eine deutlichere Anspielung ist noch nie gemacht worden. Die Festigkeit dieser Worte, aus dem Munde des Inhabers dieses altehrwürdigen Amtes, wirkte beruhigend. Aber im Juli 1947 sagte der Jüngere das genaue Gegenteil. Sir Hartley Shawcroß sprach zu der Haldane Gesellschaft über «die zunehmende Einmischung der Exekutive in Belange, von denen einige glauben, daß sie eigentlich in den Bereich der gerichtlichen Rechtsprechung gehören» (auf deutsch heißt das, Belange, die nur durch das Par- 197 lament oder durch Richter entschieden werden sollten). Er fuhr fort: «Falls wir uns der Ansicht beugen, daß die besonderen wirtschaftlichen und sozialen Umstände unserer Zeit eine vermehrte Einmischung des Staates notwendig machen ... dann heißt die Schlußfolgerung, daß wir, zwar nicht eben die Macht der Gesetzgebung einschränken, aber irgendwie deren Ausübung ändern müssen. Wir müssen in steigendem Maße die Verwaltung der Gesetzgebung besonderen Gerichten, die außerhalb der Hierarchie der gewöhnlichen Gerichte stehen, überlassen. Die administrative Gesetzgebung ist zu einem eigenständigen Bereich geworden.» Wiederum wurde hier die Lehre der Unvermeidbarkeit angerufen, um den Uebergriff des Staates in die Gesetzgebung zu rechtfertigen. Hitlers «Volksgerichte» waren etwas Gemeines und niemand hat sie schärfer angeprangert als Sir Hartley Shawcroß. Aber es genügt, ihnen einen andern Namen zu geben (administrative Gesetzgebung), und schon preist er sie als das Richtige für England an. Sir Hartley Shawcroß wurde nach Nürnberg geschickt, um die deutschen Führer wegen solcher Delikte, wie die Unterdrückung des Rechtes zugunsten der Volksgerichte, anzuklagen. Dort äußerte er sich dahin, «daß den einzelnen Individuen pflichten auferlegt sind, welche die nationale Pflicht des Gehorsams gegenüber den Gesetzen des eigenen Staates übersteigen. Der Gehorsam gegenüber solchen Gesetzen wäre ein Verbrechen gegen das Gesetz der Völker.» Aber es gibt eben kein «Gesetz der Völker». Es gibt nur das Gesetz einer jeden Nation. Die kultiviertesten und wohlhabendsten Völker haben ihre Gesetze der englischen Gesetzgebung angepaßt, welche dieser General-Staatsanwalt jetzt Stück um Stück ausschalten wollte. Unter solchen Ministern gab es keine Einheit zwischen Taten und Worten, und es blieb nur die Möglichkeit, die Regierung nach ihren Handlungen zu beurteilen. Diese aber führten immer zur Zerstörung der Freiheit und des Rechts. Der eingeschlagene Kurs war deutlich. Es bestanden nur noch Zweifel über das Tempo. Es vergingen zwölf Jahre, bis die Deutschen den Kelch, der 1933 an 198 ihre Lippen gesetzt wurde, zur Neige austranken. Dieses deutsche Bild des Verderbens, der Erniedrigung und Hoffnungslosigkeit des Jahres 1945 erwartete den britischen Inselbewohner mit tödlicher Sicherheit am Ende des Weges, den seine Regierung eingeschlagen hatte, ob diese Entwicklung nun fünf, zehn oder fünfzehn Jahre beanspruchte. Dieses Schicksal konnte nur durch die Reform den Sturz dieser Regierung abgewendet werden. Die Tragikomödie der britischen «Labour Bewegung» Die Ueberlebenden der idealistisch gesinnten Gründer der „Britischen Labour Bewegung“ zu Beginn dieses Jahrhunderts waren 1947 über den Anblick ihrer Umgebung und den Ausblick in die Zukunft vollkommen fassungslos. Einer von ihnen, ein brillanter Journalist, Ian Mackay von «News Chronicle», entwarf an der Maifeier 1947 einen traurigen Rückblick auf die verblassende Herrlichkeit: „Als wir uns am Morgen des ersten Mai erhoben, um in dem taufeuchten Sumpf herumzuwaten, da schien uns die ganze Welt im goldenen Glanz einer neuerstehenden Jugend zu strahlen. Unweit von uns hörten wir das frohe Narrenlied von Blatchford's „Merrie England“ ... Jeder Fluß funkelte vom Gleißen der Königsfischer, jeder Vasserfall entfaltete in seinem Wasserstaub einen herrlichen Regenbogen, aus jeder Silberwolke jubelten die Stimmen der Lerchen, und dort an der Straßenecke saß unser silberhaariger Sokrates, Herr Shaw, auf seiner Seifenkiste - ganz wie in Churchills herrlicher Beschreibung «als flinker Jack Frost, der, mit Flitter geschmückt, im sozialistischen Sonnenschein tanzt». Ja, damals war es eine herrliche, einfache Welt, in der alle Kapitalisten „aufgeblasen“, alle Finanzleute „verderbt“, alle Geschäftsleute „groß“, die Gewerkschaftsführer „grob“, die Polizisten „brutal“, die Arbeiter „ausgebeutet“ und die Massen „niedergedrückt.“ waren ... Damals bedeutete mir die Maifeier das große Jahresfest der Freiheit, wo der unersättliche Hunger des gewöhnlichen Maunes ge- 199 stillt wurde und einen neuen Ansporn zur Erfüllung des ewigen Traumes erhielt - der «visionären Schau» eines neuen Lebens aus Liebe und Brüderlichkeit, eines Lebens der Freiheit und des Friedens unter allen Völkern dieser Erde. Wie hoffnungsfroh zogen wir doch hinter unsern geblähten Fahnen hinüber zum Park, zum Stadtplatz oder nach Glasgow Green ... Wenn ich so hinter den Pfeifern oder der kriegerischen Blechmusik durch die langweiligen Straßen marschierte, dann lag ein "Traum in meinen Augen». Ueber den Bannern und den schreienden Transparenten gewahrte ich eine leuchtende Stadt, wo alle Männer und Frauen frei und glücklich, rein an Körper und Seele, lebten, wo all die niedrigen und gemeinen Bilder von Hunger und Neid nur noch peinliche Erinnerungen waren und wo die Menschheit zum erstenmal geschlossen ins strahlende Hochland einer tapferen, neuen Welt marschieren durfte ... Wie manche von uns hätten es sich damals träumen lassen, als wir mit starren Augen hinter den Fahnen marschierten, daß Labour so einfach und rasch zur Macht kommen würde; und wie viele haben wohl geahnt, während wir unserem proletarischen Paradies entgegenstampften, wie streng und düster wir es dereinst vorfinden würden? Wie hätten wir voraussehen können, als wir die Fahnen schwenkten und die Mauern mit unsern Plakaten «Arbeit oder Unterstützung» pflasterten, daß es beim Wahlsieg der Sozialisten und beim Hinüberwechseln auf die Sitze der Mächtigen eine der ersten Handlungen der Labour-Regierung sein würde, die „Unterstützungen“ zu streichen und an ihrer Stelle am Fahnenmast den grausamen Wahlspruch der Zwangsarbeitslager zu hissen: «Arbeite oder hungere»? Wie müssen sich doch im Schattenreiche, wohin alle guten Sozialisten gehen, die großen Geister von Ben Tillett, Tom Man, Keir Hardie, John Burns, Philip Snowden und Jimmy Maxton in homerischem Gelächter schütteln, wenn sie sehen, wie aus ihrem wundervollen Traum eine Nachtmahr von Warenknappheit, Coupons, Menschenschlangen, geschlossenen Geschäften und unoffiziellen Streiks geworden ist ... 200 Aber der erste Mai wird nie sterben ... Eines Tages wird Keir Hardies's Traum trotz allem wahr werden. -» So sprach einer der Ueberlebenden. Er glaubte nie, daß es dem silberhaarigen Sokrates mit seinen Worten ernst war: daß der Sozialismus zu Zwangsarbeit und Tod führe. (Herr Shaw schrieb 1921 in der Zeitschrift «Labour :Monthly": «Der Eckstein des Sozialismus ist Zwangssarbeit und seine letzte Strafe der Tod.») Und jetzt war er über das dunkle Tal, in dem er weilte, zu Tode erschrocken. (Aber auch der wendige Jack Frost schien zu dieser Zeit nicht mehr ganz klare Ansichten über den Sozialismus zu haben, denn an seinem neunzigsten Geburtstag im Jahre 1946 schrieb er an die „Labour Monthly“: «Ich abonniere getreulich die „Labour Monthly“, aber ich lese sie nie. Ich kann keine Artikel oder Bücher über den Sozialismus lesen: Ich weiß zu viel darüber und die meisten Schreiber wissen zu wenig ... Fordern sie mich bitte nicht auf, darüber zu schreiben. Lieber sterbe ich. Wahrscheinlich werde ich dies ohnehin bald tun.») Wenige Spaßvögel haben in der Weltgeschichte größeren Schaden angerichtet. Er verdrehte manchen jungen Menschen den Kopf und trägt eine große Verantwortung für das grausige Fiasko der vierziger Jahre. Wie Ian Mackay kann auch ich auf einen langen Weg zurückblicken; auch meiner begann an geringen Plätzen und auch ich träumte vom „Lustigen England“ hinter dem Horizont. Aber irgendein Instinkt bewahrte mich vor dem Irrtum zu glauben, daß der Sozialismus dieses herbeiführen werde. Ich ahnte, lange ehe ich die Bekanntschaft mit Deutschland und Rußland machte, wohin diese Flagge führte, und die einzige Fahne, der ich zeit meines Lebens einzig gefolgt bin, war diejenige meines Landes. Das England, das ich nach dem zweiten Weltkrieg erblickte, mit seiner neuaufblühenden Landschaft, den besseren Wohnverhältnissen und den gesunderen Menschen - das war endlich das „Lustige England“. Und diese Tatsache machte die folgenden Jahre so besonders bitter. Die Sozialisten wichen ja nicht vom Wege ab, der 201 zu einem «Lustigen England. führen konnte; sie zerstörten das „Lustige England“, als es endlich erstand. Wie war das möglich? Die treuen Nachfolger der Blatchfords und Hardies, der Manns und Maxtons gewahrten auf ihrem Vormarsch nicht, daß die Führung von „Britisch Labour“ in andere Hände übergegangen war, und daß diese neuen Führer ein gepeinigtes, und nicht ein lustiges England herbeiwünschten. Die Treue der Jugend hatte sich im mittleren Mannesalter zu einer wahren Verblendung gewandelt. Ich halte es für möglich, die Einflüsse, die „Labour“ beherrschten und diesc nach der Machtergreifung ständig gegen die Freiheiten des britischen Inselbewohners aufputschten, im einzelnen nachzuweisen. Die Partei in der Partei Die Sozialisten gelangten 1945 mit 393 Sitzen, also mit einer großen Mehrheit, ins Parlament. Aber diese 393 waren nicht nur Männer und Frauen, die für das gemeinsame Ziel von „Britisch Labour“ oder die Sozialisierung Englands geschlossen zusammenhielten. Unter ihnen befanden sich einige, die durchaus nicht ausschließlich darauf aus waren, das Los des britischen Arbeiters oder der britischcn Familie zu verbessern (wenn auch durch Maßnahmen, die ihr Los nur verschlimmern konnten). Es gab da solchc, die sich mit Dingen außerhalb dieses Bereiches beschäftigten und gegen Großbritannien und die britischen Interessen offene Feindschaft bekundeten. Das waren die getarnten Kommunisten. Dann und wann nahmen die Minister der Fassade in ihren öffentlichen Reden auf diese maskierten Gegner in ihren eigenen Reihen Bezug. Ihre Worte waren zwar vorwurfsvoll, aber zu allgemein gehalten, als daß sie ein Bürgcr, der sich nicht speziell mit politischcn Fragen befaßte, hätte verstehen können. Wo immer Kommunisten sind, ist es ihr Ziel, die «Sowjetmacht» zu vergrößern; die britische Völkerfamilie aber bildet für deren Ausbreitung das letzte, großc Hindernis. Wenn nötig, wäre es leicht gewesen, diese Tatsachen zu beweisen,aber auch hier verzich- 202 teten die Minister der Fassade, sie dem britischen Volk zu zeigen. Kurz nach Kriegsschluß floh ein Beamter der Sowjet-Gesandtschaft in Ottawa, ein gewisser Igor Gouzenko, in den Schutz einer kanadischen Wohnung, während die Sowjet-Häscher seine eigene Wohnung durchstöberten. Er hatte den Befehl erhalten, in das kommunistische Gefängnis zurückzukehren. Zu Tode erschroken anvertraute er sich dem Erbarmen der kanadischen Regierung. Um seine Bitte und seine Befürchtungen zu rechtfertigen, zeigte er Geheimdokumente aus der Sowjetgesandtschaft. Diese (so sagte der kanadische Ministerpräsident) «enthüllten eine Situation, die für Kanada kritischer war als jemals zuvor». Die enthüllte Verschwörung beschränkte sich nicht auf Kanada, und Mackenzie King war derart bestürzt, daß er sofort in aller Stille zum amerikanischen Präsidenten und zum britischen Premier-Minister flog. Ferner beauftragte er zwei kanadische Richter des Obersten Kanadischen Gerichtshofes, die Dokumente und die in ihnen genannten Persönlichkeiten zu überprüfen. Deren Bericht (im juni 1946) besagte; „Die Beweise haben das Bestehen einer Organisation gezeigt, die zum mindesten eine Bedrohung der Sicherheit und der Interessen des Staates darstellt. Einige Zeugen, die in Schlüsselstellungen standen (die enthüllten Umtriebe geschahen im Krieg, als Sowjetrußland der eingeschworene Verbündete von Amerika und England war), haben unter Eid die bedeutsame Erklärung abgegeben, daß ihre Loyalität gegenüber einem Dritten vor der Loyalität, die sie ihrem Lande schuldeten, die Priorität genoß. Der vielleicht erstaunlichste Einzelaspekt des kommunistischen Netzes ist der unbestreitbare Erfolg der kommunistischen Agenten im Ausfindigmachen von kanadischen Staatsbürgern, welche bereit waren, ihr Land zu verraten und Agenten einer fremden Macht geheime Informationen zu liefern, in deren Besitz sie, ungeachtet ihres Treueids der Beamtenehre und der Verschweiegenheit, bei ihrer Arbeit gelangten. 203 Von überragender Bedeutung ist der Umstand, daß sich die Kanadier bereit erklärten, Geheiminformationen jeglicher Bedeutung mitzuteilen, und daß sie ihren Vertrag getreulich ausführten ... Am wichtigsten ist das Einverständnis gewisser kanadischer Kommunisten, unter fremdem Befehl an einer Verschwörung mitzuarbeiten, die sich gegen ihr eigenes Vaterland richtet.» Die kanadischen Richter empfahlen ebenfalls, die Ergebnisse ihrer Untersuchung «den zuständigen Stellen im Vereinigten Königreich und in den Vereinigten Staaten mitzuteilen», was auch wirklich geschehen ist. Deshalb gab es keine Notwendigkeit, die britische Oeffentlichkeit länger in Unkenntnis über die gegen sie gerichtete Verschwörung und deren Methoden zu halten. Trotzdem wurde dieser Bericht nie im Unterhaus zur Diskussion gestellt und der sensationelle Bericht, der von der britischen Presse nur so nebenbei erwähnt wurde, wäre hier vielleicht unbekannt geblieben, wenn ich mich nicht selbst für dessen Verbreitung eingesetzt hätte. Ich erhielt den Bericht von Kanada und veröffentlichte lange Auszüge daraus, die viel gelesen wurden. Eine anschließende Frage im Parlament veranlaßte die Regierung, einige Exemplare kommen zu lassen und durch die Druckschriftenabteilung der Regierung zum Verkauf anzubieten. Trotzdem war die Publizität vollkommen ungenügend und die meisten Leute hier drüben haben keine Ahnung von diesem politischen Dokument, das zu den wichtigsten der letzten Jahre gehört. Monate nachdem es erschienen war, sagte Churchill recht irreführend: „Die Kommunisten sind kaum stark genug, als daß es sich lohnt, ihnen von Staates wegen Schwierigkeiten zu bereiten.“ Innerhalb der großen sozialistischen Partei des Jahres 1945 befanden sich die getarnten Kommunisten. Es gehört zur kommunistischen Lehre, daß jeder Vorzug, den eine parlamentarische und demokratische Regierung bietet, ausgenützt werden muß, um diese parlamentarische Regierung und mit ihr die Demokratie zu zerstören. Nur aus diesem Grunde waren sie überhaupt im Par- 204 lament. Sie waren vor den Augen der Oeffentlichkeit durch das sozialistische Kleid getarnt - und vor allem durch die unverantwortliche Hemmung der Regierung, solche illustrativen Dokumente, wie den kanadischen Bericht, zu diskutieren. Unter solchen Verhältnisse mußten die heimlichen Bemerkungen Attlees oder Bevins über die «Krypto-Kommunisten» in ihren eigenen Reihen für die britischen Inselbewohner ungehört verhallen. Trotzdem war diese Art von Leuten sehr zahlreich und geschickt genug, um wiederholt die Regierung zu veranlassen, vernichtende Schläge gegen die britische Freiheit zu führen. Die Zionisten Innerhalb der sozialistischen Partei von 1945 gab es eine andere Gruppe, die auf ein fremdes Ziel hinarbeitete, das einen ausgesprochenen antibritischen Charakter trug, trotzdem es keineswegs etwas Verräterisches, wie das der Kommunisten, an sich hatte. Es waren die Zionisten. Unter den 393 siegreichen Sozialisten von 1945 befanden sich mehr jüdische Mitglieder, als Westminster jemals zuvor gesehen hatte. Nicht nur waren die Juden zahlreicher im Parlament vertreten, sondern sie befanden sich alle en masse in der Sozialistischen Partei; in den andern Parteien gab es nur noch jüdische Einzelgänger. So hat sich die britische Judenschaft (denn diese jüdischen Parlamentarier müssen bestimmt als ihre Vertreter angesehen werden) mit dem sozialistischen Angriff auf die britischen·Freiheiten während der letzten Jahre identisch erklärt. Sie hatte dazu bestimmt das volle Recht, aber es muß auch dem künftigen Historiker das volle Recht zugestanden werden, über diesen Widersinn zu staunen: Die große Mehrheit der britischen Juden stammt von solchen, die auf der Suche nach Freiheit auf diese Insel gekommen sind und sie hier gefunden haben, während sie ihnen vor allem in Rußland verweigert wurde. Jetzt beteiligten sie sich beim Angriff gegen die Insel. Die genaue Zahl der jüdischen Parlamentarier im Jahre 1945 205 ist für mich schwer festzustellen. Jüdische Zeitungen haben sie mit achtundzwanzig beziffert, aber das Bild ist ungenau, sofern es sich hier nur um Juden handelt, die sich als solche bekennen. Während einer Palästina-Debatte (am 12. August 1947, nach der Erdrosselung und darauf nachfolgenden Hängung zweier entführter britischer Unteroffiziere durch politische Zionisten) berichtete „Hansard“, ein Parlamentsmitglied, Brigadier Mackeson habe auf «sechzig oder siebzig ehrenwerte jüdische Mitglieder mit zionistischcn Ansichten auf den gegenüberliegenden Bänken dieses Hauses» hingewiesen. Wie immer die genaue Zahl lauten mag, so übertrifft sie doch bei weitem den jüdischen Bevölkerungsanteil dieser Insel, welchen offizielle Statistiken mit weniger als ein Prozent angeben. Daß ein so kleiner Teil der Gemeinschaft, der zudem durch sein Verbot der Mischehen noch vollkommen abgesondert lebt, plötzlich in derart unverhältnismäßiger Stärke im Parlament auftreten kann, wäre in jeder Zeit ein interessantes politisches Problem gewesen. Aber es war nicht «irgendeine» Zeit. Es war die Zeit, in welcher der politische Zionismus als sehr gewichtiger Faktor, mit politischen und territorialen Zielen erster Ordnung, in der Welt auftauchte. Ueberdies wandte sich seine organisierte Kraft (wie ich es in früheren Büchern vorausgesagt hatte) offen gegen unser Land. Die Juden in der Welt waren zwischen den Religiös-Gläubigen (einer verschwindenden Minderheit), denen Jerusalem das gleiche bedeutete wie dem Christen das Paradies, und den Sekundanten der neuen Lehre von der Judenheit als einer Nation aufgespalten. Diese zweite Gruppe der politischen Zionisten gewann überall die Macht über die Judenschaft, sehr oft mit Terrormethoden, die denen des Kommunismus und des Nationalsozialismus sehr ähnlich sahen. Der jüdische Inhaber der «New York Times» schrieb, die «erpresserischen Methoden» der amerikanischen Zionisten, die Juden anderer Meinung durch wirtschaftlichen Druck zum Schweigen bringen wollen, würden ihm mißfallen. Er fügte bei, daß er als Amerikaner des jüdischen Bekenntnisses «wegen der 206 Bekanntgabe seiner Ansichten wahrscheinlich in Schwierigkeiten kommen werde.“ Meine eigenen Erfahrungen mit den Schwierigkeiten, die mir aus der Bekanntgabe meiner Meinung in dieser Angelegenheit erwuchsen, werden eines Tages ein höchst unterhaltsames Buch bilden. Die Juden, die sich vor dem politischen Zionismus fürchteten, waren wie die friedliebenden Deutschen der dreißiger Jahre, wie der freiheitsliebende Engländer der vierziger Jahre und wie alle andern Menschen guten Willens in diesem verhängnisvollen Jahrhundert auf dem Rückzug. Ihre Zahl nahm ab, denn ihre Söhne folgten, ähnlich den jungen Deutschen und Italienern der zwanziger und dreißiger Jahre, dem Ruf des Rassismus. In diesem Punkt nahmen sogar die Nicht-Juden für den Zionimms Stellung. Nichtjüdische Präsidenten und Premier-Minister in England und Amerika ließen sich verleiten, den politischen Zionisten zur Macht verhelfen, gleich wie sie den Kommunismus in halb Europa eingeführt hatten. Als der Waffenlärm verstummte, wandte sich die ganze finanzielle und politische Macht des Zionismus augenblicklich gegen England. Man hatte diese Wendung voraussehen können. Aber wie immer war der britische Inselbewohner sehr überrascht zu sehen, wie er, der während des Krieges als der eigentliche Befreier der Juden gegolten hatte, jetzt nach dem Siege von ihnen als viel verruchter als die Nazis hingestellt wurde - während man gleichzeitig seine Fahne beschmutzte, seine Soldaten und Beamten ermordete und deren Verhalten in Plakaten, Büchern und Theaterstücken beschimpfte. Das alles nur, weil die britische Regierung, nachdem ihre Vorgänger eine halbe Million zionistischer Emigranten nach Palästina gebracht hatten, jetzt davon Abstand nahm, nochmals einen Krieg gegen die dortige eingeborene Bevölkerung abzulösen. Die Warnungen aus Palästina waren zu ernst und daheim klagten schon genügend hartgeprüfte Familien. Wer will sich in diesem verrückten Jahrhundert darüber beschweren, daß nur vereinzelte Proteste gegen verräterische An- 207 griffe von den angesehenen jüdischen Familien oder von der Masse der britischen Juden erfolgten, und daß sich nur dann und wann ein vereinzelter Jude erhob, um seinen Abscheu zu bekunden? Lord Reading sagte im Oberhaus: «Ich hahe viele Zuschriften gelesen, welche die Juden dieses Landes aufgefordert haben, ihren Einfluß bei den palästinensischen Terroristen geltend zu machen. Aber leider verfügen sie nicht über einen solchen Einfluß. Ich wünschte wirklich, daß wir einigen Einfluß besitzen würden, denn es ist keine angenehme Lage für die hiesigen Juden.» In dreißig Jahren haben die Russen nicht die Kraft gefunden, den Kommunismus abzuschütteln; die Deutschen haben sich fast kampflos dem Nationalsozialismus ergeben; das britische Volk fuhr fort, für seinen Untergang und die Diktatur zu stimmen, selbst dann noch, als es sah, was es angerichtet hatte. Man konnte von den Juden wirklich nicht erwarten, daß sie sich gegenüber der Verrücktheit des zwanzigsten Jahrhunderts standhafter, klüger oder hartnäckiger zur Wehr setzten als die Nicht-Juden. England war ihnen eine so gute Heimat gewesen, daß es traurig war zu sehen, mit welcher Gleichgültigkeit und mit welcher Giftigkeit die Juden die in Amerika von den meist aus Osteuropa eingewanderten Zionisten ausgelöste Kampagne gegen unser Land unterstützten. Der politische Zionismus versuchte, in der Judenheit einen ebenso fanatischen Haß gegen England einzupflanzen, wie er das vordem gegen Deutschland und noch früher gegen Rußland getan hatte. Die zionistische Ideologie verhielt sich, wenn auch aus verschiedenen Gründen, ebenso feindlich gegen die britische Insel wie die kommunistische. Wie manche unter den jüdischen Parlamentariern bekannten sich zum Zionismus und wie manche nicht? Der Leser muß ihre Reden lesen und sich seine eigene Meinung bilden. Ob sie nun Zionisten waren oder nicht, diese eine Tatsache bleibt bestehen: Als die Attlee-Regierung um die Stimmenmehrheit für einen ihrer tiefen Eingriffe in die britische Freiheit nach- 208 suchte (der Diktatur-Erlaß), da waren die jüdischen Mitglieder geschlossen bei den «Ja»-Sagern. Niemand hatte mehr nach Freiheit gedürstet als ihre Vorfahren und es gab bestimmt kein Land, das ihnen solche Freiheiten zugestanden hatte, wie England. Nun sollte es zerstört werden. Nicht-Juden und Juden würden darunter gleichermaßen leiden. Aber weder die Masse der britischen Judenheit noch die Organisatoren des Zionismus wollten dies sehen oder glauben. Die Juden waren ganz offensichtlich ebenfalls von Wahnsinn des zwanzigsten Jahrhunderts gepackt und zeigten ebenso wenig Widerstandskraft gegen die Methoden der großen Massen-Verführer wie die Nicht-Juden. Die geistigen Heimstätten Ohne die Juden, glaube ich, wäre es der Attlee-Regierung schwer gefallen, für alle ihre vernichtenden Schläge gegen die Freiheit stets die Mehrheit zu erhalten (mit andern Worten, ich glaube,diese Regierung hätte schon in ihren Anfängen gestürzt werden können). Dazu gesellten sich noch die Stimmen aus der Phalanx der getarnten Kommunisten, deren Gründe, weshalb sie die Freiheit in England zu zerstören wünschten, auf der Hand lagen. Beide Kräfte vereint, waren stark genug, um den Ausschlag zu geben. Aber auch die Geistesverfassung einer Regierung, die unerschütterlich auf ihrem verderblichen Weg fortschreitet, nachdem die Vorspiegelungen ihrer Versprechen schon lange in sich zusammengestürtzt sind und die Wirklichkeit der Ruinen auf der Hand liegt, verlangt nach einer Erklärung. In den wahnsinnigen dreissiger·Jahren zogen die Schlagwortdrescher gerne den Vergleich zwischen den „Tories“ und den Bourbonen und als sich der vollkommen überflüssige Krieg trostlos näherte, wurde es klar, daß sie unfähig waren, etwas hinzuzulernen oder zu vergessen. In der Mitte der vierziger Jahre brachte die erste sozialistische Regierung dieser Insel den Beweis, daß sie fähig war, die Tories an massivem Irrsinn noch zu überbieten. Niemand hätte es als un- 209 vernünftig empfunden, einen ersten probeweisen Versuch zur Verwirklichung ihrer jugendlichen Illusionen zu machen und diesen, nachdem er sich als undurchführbar erwiesen hatte, als erledigt zu betrachten. Die Fortsetzung aber der Eß-, Heiz-, Wohnungs-, Bekleidungs- und Reiseverbote während Jahren, wo die Dinge immer schlechter wurden - erscheint mir doch als das erstaunlichste Beispiel politischer Verrücktheit in unserm Jahrhundert. Die «Tories» hatten wenigstens noch einige Entschuldigungen in den dreißiger Jahren, die ohnehin ein Jahrzehnt der Illusionen darstellten. Aber seither sind wir alle fünfzehn Jahre älter geworden und mußten manche Lehre einstecken. Heute sollte doch wirklich jeder wissen, wohin die Diktatur führt. Die Aeußerungen mehrerer Minister, darunter die bereits zitierte über die Abschaffung der Brotrationierung nach der Rekordernte in Amerika 1946 und andere sich selbst widersprechende über so lebenswichtige Fragen wie die Zwangsarbeit, ließen darauf schließen, daß sie einfach nicht sahen, wohin sie gingen, trotzdem die Richtung jedem politischen Anfänger hätte klar sein müssen. Für diese Haltung kann nur ihre Geistesverfassung eine Erklärung bieten; fast könnte man meinen, sie litten an einem intellektuellen Kater vor lauter jugendlichen Illusionen, die Ian Mackay beschrieben hatte. Sie waren unfähig, alte Wahnideen oder die Erinnerung an begeisterte Debattiererfolge früherer Tage, als die Machtergreifung noch ein Traum war, abzuschütteln. Und als sie endlich so weit waren, merkten sie immer noch nicht, daß Sozialismus, wie ihnen schon ihr Mentor Shaw gesagt hatte, «Zwangsarbeit mit dem Tod als letzte Strafe» bedeutete. Denn während allzulanger Zeit war ihnen „der Sozialismus unserer Tage“ als wunderbare Jungfrau erschienen. Plötzlich sahen sie sich in der Umarmung eines Skelettes und wollten noch immer nicht eingestehen, daß es kein heißes und liebliches Mädchen war. Ich freue mich stets über eine Bemerkung Mahatma Gandhis zu Eve Curie über Sir Stafford Cripps. Sie findet sich in ihrem Buch «Reise unter Kriegern» (Journey among Warriors. Heinemann 210 1943): „Sir Stafford hat gute Absichten. Aber der Teufel braucht ehrliche Leute für seine eigenen Zwecke.» Dieser Ausspruch trifft meiner Ansicht nach auch für viele andere Mitglieder der sozialistischen Regierung von 1945 zu. Ihre Schulung geschah in verschiedenen geistigen Heimen, wo diese Wahnideen aufgezogen und in periodischen Zeitabständen erneuert wurden. Es waren öffentliche Stätten, insofern sie Büros mieteten, Literatur druckten und in Nachschlagewerken erwähnt sind. Aber irgendwie brüteten sie doch im Halbdunkel. Der Durchschnittsengländer wußte wenig oder nichts von ihnen, ihren Zielen und Motiven, ihren Leitern und ihrem Anteil am Lauf der Zeiten. Es gab drei solche Hauptstätten und unzählige kleinere Nebensitze. Diese drei hatten folgendes gemeinsam: daß ihnen viele sozialistische Minister früher angehörten und durch sie geistig geschult werden. Es gibt eine Schilderung von „Oberst Blimp“ aus den Tory-dreißiger-Jahren, wie er sein ganzes Leben in sklavischer Abhängigkeit von seiner Schulkrawatte blieb. Eine ähnlich unaufhörliche, intellektuelle Bindung war auch das Los der sozialistischen Minister. Die Stätten, die ich meine, sind die Fabian-Gesellschaft, „PEP“ und die Londoner Volkswirtschafts-Schule (London School of Economies). Ich bezweifle, ob auch nur einer von hundert Bürgern etwas über diese Institutionen weiß, trotzdem sie über sein Leben und seine Geschäfte einen mächtigen Einfluß ausüben. Die Fabian-Gesellschaft entstand 1884, wo alle unsere Sorgen begannen, als Sippschaft, welche die Shaws, Wells und Webbs zusammenführte. Diese Fabianer sind abgetreten, aber die Fabian-Gesellschaft besteht weiter. Welche Bedeutung hatte sie, als ihre Zöglinge 1945 die Regierung übernahmen? Ein gewisser Thorburn Muirhead (ein Ueberläufer von der sozialistischen in die liberale Partei) schrieb im November 1946 im «Evening Standard»: « Von den 390 sozialistischen Parlaments-Mitgliedern gehören 211 230 (darunter 41 Mitglieder der Regierung) der Fabian-Gesellschaft an ... Die Gcsellschaft arbeitet jetzt an einem Regierungsprogramm für weitere fünf Jahre, die nach ihrer Hoffnung der Regierung beschieden sein werden. Möge uns der Herrgott von neuen Ergebnissen des sozialistischen Intelligenzplans behüten! Die Fabian-Gesellschaft ist zahlenmäßig stark mit fremden Flüchtlingen dnrchsetzt, die alles, was britisch ist, kritisieren und willkürliche Vorschriften für Englands Verhalten auf der Weltbühne machen. Währenddessen singen sie die Internationale, huldigen Rußland und versuchen, jede altbewährte Einrichtung niederzureißen.» Die Gesellschaft arbeitet ein Programm für die Regierung aus; wenn diese Worte stimmen, werfen sie ein helles Licht auf die Art, wie Politik gemacht wird. Falls die Schilderung zutrifft, gilt dort als vorherrschendes Dogma, daß alles im kommunistischen Rußland hell und wunderbar ist - oder vielmehr, daß der Weg vom dekadenten Westen nach dem Osten (wie einst Herr Strachey erklärte) den Schritt vom Tod zum Leben bedeutet. (Nachdem ich selbst dort gewesen bin, muß ich sagen, daß noch selten eine Behauptung so sehr das genaue Gegenteil von der Wirklichkeit war.) Die jungen Sozialisten von 1900 hatten bei ihrem Amtsantritt als sozialistische Minister oder Parlamentarier im Jahre 1945 nahezu ein halbes Jahrhundert in dieser Atmosphäre verbracht, wo „sie den Predigten mystischer Deutscher“ lauschten und die Ansichten zionistischer Juden verdauten. Ein anderes geistiges Heim war „PEP“ (Political and Economic Planning), Politische und volkswirtschaftliche Planung. Es trat während der ersten dieser «Weltwirtschaftskrisen» ins Leben, die in unserm Jahrhundert wiederholt heraufbeschworen wurden, um die politischen Freiheiten zu zerstören. Damals war Dr. Brüning in Deutschland Kanzler und griff zu "Notvollmachten», um die «Krise» zu meistern; später übernahm Hitler als sein Erbe die «Notvollmachten», um damit die Deutschen zu händigen. Gleicherweise griff man in England zu «Notvollmachten», um die 212 Deutschen zu meistern; diese wurden später von der sozialistischen Regierung als Erbschaft übernommen und angewandt, um die Briten zu bändigen. Jedesmal, wenn neue politische Sanktionen über den britischen Inselbewohner verhängt wurden, gab die Regierung einfach die·Erklärung, es handle sich um eine neue ,,Wirtschaftskrise“ und auferlegte ihm rücksichtslos dieses neue Joch. So lange die Leute glauben, daß eine schlechte Ernte dadurch wieder gut gemacht werden kann, daß man den Bauern in Ketten legt, wird sich eine solche Methode zur Versklavung ganzer Völker als sehr erfolgreich erweisen. Es ist ein typisches Merkmal des zwanzigsten Jahrhunderts, dass zuerst die Forderung auf Einmischung in die öffentlichen Angelegenheiten offen erhoben und dann durch die Aufstellung von Initialen vorbereitet wird. In den vergangenen achtzehn Jahrhunderten hätten solche Initialen nicht die geringste Aussicht gehabt, an die politische Macht zu kommen. Es waren immer sichtbare Männer, welche für die Völker die Bedrohung der Tyrannei oder den Hunger nach Macht verkörperten: Caesar, „der König“, „der Kaiser“, Cromwell, Talleyrand, Napoleon, Bismarck, Lenin, Hitler oder Mussolini. Trotzdem verkündeten schon in den dreißiger und vierziger Jahren die Zeitungen kühn, daß «PEP" dieses und jenes empfehle, und niemand stellte die Frage: ,,Wer und was ist PEP?“ PEP wurde präsentiert und hingenommen, als ob ihr Name, ihr Ruf und ihre Autorität so selbstverständlich wären wie Gott. Im September 1938 erwartete man jeden Tag den Kriegsausbruch (trotzdem es noch ein weiteres Jahr dauerte). "PEP" schrieb damals in "Planning" am 4. Oktober 1933: «Wir sind vom Standpunkt ausgegangen, daß die britische Regierung erst im Krieg, oder bei einer umittelbaren Kriegsgefahr mit der Planung in grossen Maßstab beginnen wird.“ Der Artikel fügte bei, «daß Notmaßnahmen so weit als möglich auf die langfristigen Bedürfnisse des sozialen und wirtschaftlichen Wiederaufbaues abgestimmt werden müssen». 213 Das ist die einzige mir bekannte offizielle Feststellung, dass der Krieg zur Herbeiführung bestimmter politischer Ziele nützlich oder wünschenswert sein kann. 1938 war die Art dieses Zieles noch nicht klar festgelegt, wohl aber im Jahre 1948: «Planung in großem Maßstab» hat sich in der Praxis als Mittel gezeigt, um die englischen Freiheiten anzugreifen. Diese Feststellung ist auch eine Photographie dessen, was später geschehen ist: «Im Krieg» griff man zu den Notvollmachten und verlängerte diese nach Kriegsende für «langfristige Bedürfnisse». Nach den Wahlen von 1945 scheute sich PEP nicht mehr, ihre Macht auch öffentlich zu zeigen. So empfahl sie zum Beispiel zu Beginn des Jahres 1946 «eine fortgesetzte Lebensmittel-Rationierung», sogar dann noch, als die «Welt-Knappheit», in deren Namen die Brotrationierung eingeführt wurde, behoben war. Damals fiel es dem britischen Volke nicht einmal im Traum ein, sich einzubilden, daß ihm im Namen eines beendeten Krieges eine dauernde Lebensmittelrationierung aufgezwungen werden könnte. Heute sollte es freilich verstehen - trotzdem es noch immer nicht begreift -, daß dies wirklich sein zukünftiges Los sein wird, falls es ihm nicht gelingt, die 1945er Regierung zu bändigen oder zu besiegen. Dann geschah etwas noch viel Erstaunlicheres. Im Oktober 1946 verkündete die Regierung eine Untersuchung über die Verfassung der britischen Presse an. Der Antragsteller, ein Parlamentarier, Haydn Davies, wünschte die Befreiung der Presse von verborgenen Einflüssen und wurde dabei von Minister Herbert Morrison unterstützt, welcher versprach, die Untersuchung durchzuführen. Als dann die Königliche Untersuchungskommission zusammentrat (im Juni 1947), erklärte sie, daß die mündlichen Zeugenberichte geheim gehalten würden. Der erste vorgeladene Zeuge war PEP! PEP war weder Journalist noch Zeitungsbesitzer, aber sie hatte vor neun Jahren ihren „Plan“ für die Presse veröffentlicht. Dieser Bericht beeindruckte die Königlichen Untersuchungsbeam- 214 ten derart, dass sie sich verpflichtet fühlten, zuerst PEP vorzuladen und erst nachher alle Verleger, Besitzer, Journalisten und andere Vertreter dieses Berufszweiges. „Die Urheberschaft dieses weitbekannten und beachteten Berichts ist noch heute ein wohlbehütetes Geheimnis und nicht einmal den Untersuchungsbeamten“ (die doch nach verborgenen Einflüssen forschen!) «wird es jemals gestattet werden, alle Autoren kennen zu lernen», stellte „Evening Standard“ fest. Diese Geheimnistuerei der Kommission zur Untersuchung geheimer Einflüsse machte jenen Parlamentarier, der die Untersuchung als erster angeregt hatte, stutzig. Herr Haydn Davies, ein erfahrener Journalist, schrieb an die «Times», um „als Initiant der Resolution im Unterhaus für die Durchführung einer Untersuchung bei der Presse „seiner Enttäuschung“ über die Geheimhaltung der mündlichen Zeugenaussagen Ausdruck zu geben. „Als ich für die Notwendigkeit einer solchen Untersuchung plaidierte, dachte ich keinen Augenblick an eine geheime Durchführung ... Es ist doch selbstverständlich, daß eine Körperschaft, welche sich mit der Freiheit des Wortes zu befassen hat, darauf besteht, daß die Zeugeneinvernahmen vor der Oeffentlichkeit stattfinden, daß sie Redefreiheit garantiert und die Aussagen im vollen Wortlaut veröffentlicht.“ Natürlich, es ist doch selbstverständlich! Welch tragische Worte des zwanzigsten Jahrhunderts. Jetzt erst wurde klar, daß diese mit drei Initialen benannte Gesellschaft PEP recht einflussreich war; aber was war sie, weshalb arbeitete sie in der Anonymität, weshalb schenkte die Regierung ihrem Rat so ehrerbietiges Gehör, und was waren ihre Absichten? Meiner Meinung nach gab es Dinge, die der britische Inselbewohner, Bürger und Wähler zu Recht wissen durfte. Die Auskünfte, die ich sammelte, stimmen mit dem folgenden Artikel „Die Tatsachen über PEP“ im «Evening Standard» überein. Vermutlich hatte die Vorladung der drei Initialen PEP vor die Presse-Untersuchungskommission als Hauptzeuge das Blatt zu gründlicheren Nachforschungen angeregt. 215 «Gegründet 1931 in Zusammenarbeit verschiedencr Politiker, die sich über die verzweifelte Wirtschaftslage ihres Landes Sorgen machten, begann PEP, als eine überparteiliche und nicht auf Gewinn eingestellte Gruppe, praktische Untersuchungen über die Lage durchzuführen. Ihr Hauptziel war es, die Tatsachen, die sich hinter den laufenden Problemen bargen, festzustellen. Sollten sich praktische Schlußfolgerungen aus diesen Tatsachen ergeben, dann war PEP entschlossen, mit ihnen Ernst zu machen . .. PEP bildete private Arbeitszirkel für das Studium der Tagesprobleme ... Aus einer Gesamtheit von 200 freiwilligen Mitarbeitern erhalten zehn bis fünfzehn Experten den Auftrag, ein besonderes Thema zu studieren. In dieser Gruppe befinden sich jeweils Beamte aus dem betreffenden Staatsdepartement, Unternehmer und Gewerkschafter, die praktisch in diesem Beruf arbeiten, Nationalökonomen, welche die theoretische Antwort bringen müssen, und vielleicht noch ein aufgeweckter Laie als Vertreter der Konsumentenschaft. Die Mitgliedschaft einer jeden Gruppe wird streng geheim gehalten. Infolgedessen sind die Beamten nicht an die offizielle Politik gebunden, die Gewerkschafter sind von ihren Ketten befreit und die Unternehmer sind ebenfalls frei von allen Rücksichten ... Alle Berichte werden natürlich anonym veröffentlicht. Trotzdem ist es möglich, ein wenig Licht auf die Schattenfigurcn, die PEP leiten, zu werfen ... » Die Auszeichnungen stammen von mir. Die Schilderung dieser anonymen Berichte und der Schattenfiguren erweckt in mir den Eindruck einer Geheimgesellschaft, deren Beweggründe und Ziele nicht öffentlich durchleuchtet werden können. Nach der Ehrerbietung zu schließen, welche ihr die Regierung beispielsweise im Fall der Presse-Kommission erweist, scheint diese Gesellschaft über eine beträchtliche Machtfülle ohne entsprechende Verantwortung zu verfügen. Das dritte dieser drei geistigen Zentren ist die Londoner Schule für Volkswirtschaft. Ihre Volkswirtschaft ist diejenige, die wir jetzt in der politischen Praxis sehen. Sie führt zum Abbau 216 der bürgerlichen Freiheiten. Manchc führenden sozialistischen Minister von 1945 waren früher mit ihr verbunden. Ich habe festgestellt, daß diese Schule vor dem Zweiten Weltkrieg den Kommunisten in Berlin, Wien und Prag bestens bekannt war. Einige der jungen Leute machten mir gegenüber kein Hehl aus ihrer Meinung, daß diese Schule für Kommunisten sehr nützlich war, die bestrebt waren, ihre politische Tätigkeit in England unter dem angesehenen Deckmantel der „Volkswirtschaft“ und der Wissenschaft weiterzuführen. Wie ich festgestellt habe, kannte man die Fabian-Gesellschaft und die Londoner Schule für Volkswirtschaft tatsächlich im Ausland besser als in England selbst, vor allem in jenen dämmerigen Halbweltkreisen, in denen die Intelligenz mit ihren sozialistischen Neigungen verkehrte. Eine Regierung mit engen Beziehungen zu solchen Körperschaften und zu PEP scheint mir von Natur aus eine Gefangene solcher vorgeburtlicher Einflüsse, wenn sie einmal aus dem Mutterleib der Wählerschaft in die Wiege der Macht gelangt. Diese Bildungs-Faktoren außerhalb des Parlaments verschuldeten meiner Meinung nach jene Verdüsterung in den Köpfen unserer Regenten von 1945 bis 1947, welche die Insel an den Rand der Sklaverei brachte. Ein Schriftsteller in «News Chronicle» fand für diese Lage eine bündige Formulierung. Er hatte sich die Lehre von „der unvermeidlichen Planung“ lange genug vom Leibe halten können, um zu schreiben: «Viel Ungemach, in das einige Minister verstrickt sind, stammt aus ihrer Hingabe an den Fabianismus der neunziger Jahre. Jetzt sind sie so eifrig bemüht, ihre Gelübde gegenüber Webbs, Bernard Shaw, Graham Wallas und Sydney Olivier einzulösen, daß sie darüber die Hausfrau, die hinten in der Schlange wartet, ganz vergessen haben.» Leider unterstützte auch diese Zeitung später die neuen Maßnahmen, welche der Hausfrau die hinten in der Schlange wartet, das Leben noch schwerer machten. Alfred Edwards, ein sozialistischer Parlamentarier bemerkte: 217 Die sozialistischen Minister waren heftig am Werk, «Munition, vor fünfundzwanzig Jahren hergestellt, auf längst verschwundene Ziele zu verfeuern». So wurden ihre Köpfe in diesen geistigen Zentren geschult. Die Strafe des Besiegten Nach zwei Friedensjahren hatte eine derart geistig deformierte und physisch geschwächte Regierung dem britischen Inselbewohner viele der Strafen auferlegt, die ein siegreicher Hitler verhängt haben würde. Der Bürger besaß kein Recht auf Nahrung oder Kleidung, wenn er sich nicht im Register eintragen ließ und sowohl Identitätskarte wie Rationierungsheft anf sich trug. Selbst dann erhielt er nur einen Bruchteil dessen, was ihm eigentlich zustand. Wahrscheinlich wird man ihm auch bald die Fingerabdrücke nehmen. Seine Bewegungsfreiheit, in- und außerhalb der Insel, war durch die Benzinrationierung und die Geldrationierung eingeschränkt. Er unterstand dem Gebot der militärischen Aushebung und die Rekrutierung zur Arbeit näherte sich ebenfalls mit raschen Schritten. Wenn er ein Haus besaß, durfte er ohne Erlaubnis keine Möbel, kein Bett oder Bettzeug, es sei denn antiquarische Ware, kaufen. Die Herstellung von neuen Möbeln und von Leinenwäsche in besserer Qualität war nur für den Export gestattet. Für den Engländer blieb nur mindere Ware und auch diese nur mit offizieller Zustimmung. Er durfte kein Haus bauen. Man ermahnte ihn zu sparen, aber wofür, da er sich doch nichts kaufen durfte, was ein gewöhnlicher Sterblicher benötigt? Als einmal eine Regierungsstelle (die «Nationale-Spar-Bewegung») ein Plakat anschlug, das einen glücklichen Engländer zeigte, der sich an seinem kleinen, zusammengesparten Häuschen erfreute (Glücksvogel, der ein kleines Häuschen auf dem Land besitzt; wie herrlich, ein Stückchen Land sein eigen nennen zu dürfen!), mußte sie dieses auf Verlangen einer andern Regierungsstelle, des «Ministeriums für die Planung zu Stadt und Land», sofort wieder einziehen. Der 218 einen Amtsstelle war es dank der «Notvollmachten» gestattet, Ankauf von Land zu verbieten, während sich das „Gesundheitsministerium“ anschickte, den Bau von Häusern, die für den Verkauf an Privatleute bestimmt waren, zu untersagen. Denn durch Ersparnisse zu einem „eigenen, kleinen Stück Land“ zu kommen, das war ja eben, was der Fabianismus, der PEPismus und die Volkwirtschaft der Londoner Schule dem britischen Inselbewohner verwehren wollte. Es gab in den großen westlichen Staaten zu diesem außergewöhnlichen Regime in England nur einen Präzedenzfall. Das war die Zeit der Prohibition in Amerika. Dieser mutwillige und puritanische Versuch einiger weniger, die Sünde in den andern zu bekämpfen, brach unter der Last seiner eigenen Absurdität zusammen. Er erzeugte eine gewaltige Industrie von Rechtsbrechern. Da das Gesetz offensichtlich naturwidrig war, empfand die breite Oeffentlichkeit gegen die Rechtsbrecher nicht die innere Abneigung wie gegen andere Verbrecher. Daran änderte auch die Tatsache nichts, daß die meisten dieser Rechtsbrecher wirkliche Verbrecher waren. Die meisten hielten die Funktion dieser Rechtsbrecher für sinnvoll, indem sie einen Artikel zugänglich machten, der unter einem willkürlichen Verbot stand. Das gleiche, leicht vorauszusehende Ding ereignete sich in England, allerdings in kleinem Maßstab, weil hier die Prohibition nicht total war; die Güter waren «rationiert», also nicht völlig vom Markt verschwunden. Damit aber entstand eine blühende Zunft von Rechtsbrechern, von denen man alles zu einem höheren Preise kaufen konnte, was die Behörden den Bürgern verweigerten. Noch zu keiner Zeit war das Geld in England so mächtig gewesen wie jetzt, wo es hieß: «Gleiches Maß für alle.» - Diese Leute erhielten den Namen «Hamsterer» oder «Drohnen», Die Oeffentlichkeit war ihnen nicht einmal besonders feindlich gesinnt, weil sie ganz instinktiv fühlte, daß die Gesetze, die sie umgingen, unnatürlich waren. Die Kommunisten aber machten mit diesen Bezeichnungen „Hamsterer“ und „Drohnen“ großen Lärm und forderten ver- 219 mehrte «Arbeits-Lenkung», damit diese Leute zum Arbeiten gezwungen würden. Natürlich war es ihre Absicht, diese Gewalt über das ganze Volk auszudehnen; die «Hamsterer» und «Drohnen», welche durch die Erlasse der Regierung ins Leben gerufen waren, dienten nur als Vorwand, um von der Regierung noch drastischere Maßnahmen gegen den ehrlichen und anständig arbeitenden Bürger zu fordern. Klar, es war nicht möglich, die «Hamsterer» und «Drohnen» durch Zwangsarbeit zu erwischen, denn es war ja ihr eigentlicher Beruf, sich solchen Fallen zu entziehen. Ebenso klar war es, daß ihre Zahl sich mit den neuen Einschränkungen, Eingriffen und Verboten ansteigen würde. Falls diese Verbote noch umfänglicher werden sollten, dann würde man eines Tages den gefährlichen Gangster von Chicago auch bei uns sehen. Schon waren kleinere Verbrecher am Werk und man hörte auch schon in London von jener bisher unbekannten Sorte von Morden, wie sie in Chieago zur Zeit der Prohibition geläufig waren. Sir Stafford Cripps gestand in einer seiner frostigen Reden, daß seine «weiteren Einschränkungen» die Tätigkeit des Schwarzhandels in der Industrie noch lohnender gestalten werden», und daß es «immer rentabler werde, unehrlich zu sein, je schärfer die Restriktionen gehandhabt werden». So sah er offenbar die nackte Realität, aber er schien kein Kenner der Prohibition in Amerika zu sein, wenn er hoffte, die Ablehnung solcher Machenschaften durch das Volk selbst werde Abhilfe schaffen: «Die große Mehrheit ehrlicher Unternehmer muß sich mit uns zusammenschließen, um ein solches Verhalten unmöglich zu machen, das unsern Export-Plan, falls es noch weiter anwächst, ernstlich in Frage stellt. Schwarzmärkte haben nur Bestand, wenn die gewöhnlichen Leute bereit sind, diese zu benutzen. Es gibt ganz ehrenwerte Leute, die es durchaus nicht als unanständig empfinden, Wucherpreise zu bezahlen ... » etc. etc. Unglücklicherweise ist die Sünde eine Realität, und ebenso unglücklicherweise fördert jede unnatürliche Einschränkung 220 „Hamsterer“ und „Drohnen“ und die Tatsache, daß ein rechtsbrechendes Volk mit ihnen Handel treibt. Diese Sache ist zwar unverantwortlich, sollte aber doch von denen mitberücksichtigt werden, die sich anschicken, Pläne auszuarbeiten, weil sonst die Pläne Gefahr laufen, an solchen Gegebenheiten zu scheitern. Der einzige Weg, die «Schwarzhändler» zu vernichten, besteht darin, die Kaufläden wieder mit Waren zu füllen. Das aber will Sir Stafford mit allen Mitteln verhindern. Der Gnadenstoss Im Spätsommer 1947 war die Zeit reif für einen Anschlag auf die noch verbleibende Hälfte - die bessere Hälfte - der britischen Freiheit. Dafür aber benötigte man ein mächtigeres Instrument als die geheimen Gesellschaften außerhalb und die verborgenen Gruppen innerhalb des Parlaments. Um diese großen, noch stehenden Schranken niederzureißen (unparteiische Gerechtigkeit, Freiheit vor willkürlicher Verhaftung, Freiheit des geschriebenes Wortes, Freiheit der Berufswahl und der Niederlassung), mußte ein Instrument geschaffen werden, das in der Lage war Massen-Umsiedlungen einzuleiten und der Regierung bedrohliche politische Ultimatums zu stellen. Solche Instrumente waren die von den Kommunisten versuchten und ihnen botmäßig gewordenen Gewerkschaften. In den dreißiger Jahren mußte ich ohnmächtig zusehen, wie die Habitués des Fabianismus, die Snowdens und Lansburys ausriefen: «Hitler ist ein Freund des Friedens.» Die kommenden Ereignisse zeichneten sich bereits ganz deutlich ab, es war leicht, den ganzen Vorgang zu durchleuchten. Aber anf jedem Posten, wo ein Mann von Ueberzeugung und Grundsätzen hätte Einhalt gebieten können, stand ein Schwächling mit einem umnebelten Blick. Ich verglich damals diesen unnötigen Abstieg mit einer griechischen Tragödie, ein Vergleich, der unglücklicherweise später zu einer abgedroschenen Redensart wurde. 221 Jetzt, in den vierziger Jahren kam es mir vor, als ob ich die Fortsetzung dieser Tragödie in England selbst mitansehen müßte. Das Spiel aber war diesmal noch wahnwitziger, weil die Akteure diesmal bereits über den Leichen von Rußland und Deutschland spielten und trotzdem noch immer mit der gleichen Vergeßlichkeit dieselbe Giftschale an ihre Lippen setzten. In jenen Tagen trat ein alternder Sozialist als Zeuge im Gerichtssaal von Nürnberg auf. Karl Severing, der sich bis zum Jahre 1932 mit Otto Braun um den Titel des «starken Mannes der deutschen Sozialisten» stritt, und dann von den beiden Korporalen von Papens von seinem Posten verjagt wurde, beschrieb Deutschland bei Hitlers Machtergreifung mit folgenden Worten: «Was gut war, war nicht neu; was neu war, war nicht gut.» Das Neue in den Handlungen der jetzigen sozialistischen Regierung war der Abklatsch von Hitlers Taten in Deutschland, und es war nicht gut. War es möglich, daß die Attlees, Bevins und Morrisons auch dieses gespenstische Bild in Nürnberg übersahen? Hätten sie geschaut, dann hätten diese Minister der Fassade vielleicht die Schattenrisse von zwei Korporalen, oder zwei Komissaren, oder sogar von Cromwells vierzig Rotröcken vor ihnen auftauchen sehen. Der Versuch, Hitlers Sieg über England perfekt zu machen, nahm noch deutlichere Formen an. Der zukünftige Geschichtsforscher wird fast vergeblich in den britischen Zeitungen dieser Periode nach einer Erklärung für diese mißliche Lage Englands suchen. Es gab aber einige vereinzelte Warnungen, genau wie im Ablauf einer jeden griechischen Tragödie. W. J. Brown, Mitglied des Parlaments, früher Sozialist, jetzt unabhängig, schrieb im «Evening Standard“: «Die kommunistische Zersetzung der Gewerkschaften, der Labour Partei und anderer Organisationen ist schon sehr weit vorgeschritten ... Die kommunistischen Parteien der Welt sind die Werkzeuge Rußlands. Die Demokratie bildet für die Ausdehnung der russischen Macht ein ernstes Hindernis. Die Kommunisten hassen sie ebensosehr wie früher die Nazis. Dieser Haß bildete in 222 Deutschland einen der vielen gemeinsamen Berührunsgspunkte beider Philosophien und ermöglichtc den Uebertritt der Massen von einer Partei in die andere. Wo immer es den Kommunisten gelingt, in einer Gewerkschaft die Macht zu ergreifen, ist das Ergebnis eine geheime Verschwörung. Diese Gewerkschaft wird fortan ihre finanziellen Mittel, ihren Apparat und alles andere nur noch für die Förderung der kommunistischen Ziele einsetzen. Diese gehen dahin, die gesamte Gewerkschaftsbewegung in die Hand zu bekommen und sie in den Dienst Rußlands zu stellen ... Man wird nie einen Kommunisten finden, der darauf drängt, daß staatliche Kontrollen abgeschafft werden ... Die Gewerkschaften sind bereits so sehr von den Kommunisten beherrscht, daß sie hoffen in einigen Jahren den ganzen Gewerkschaftskongreß in der Gewalt zu haben ... Der kommunistische Einfluß soll nun der vermehrten Auslösung politischer Streiks dienen, die dieses kommunistische Endziel rascher herbeiführen.» Ein sozialistischer Parlamentarier, Alfred Edwards von Middlesbrough, wiederholte die Warnung: «Die Neger in der Scheiterbeige sind die Kommunisten, die nicht das Evangelium des Kommunismus, sondern einen schwarzen Schatten der Unzufriedenheit verbreiten. Sie sind zwar nur in kleiner Zahl vorhanden, aber sie üben eine bemerkenswerte Macht aus. Wieso? Sie übernehmen gerne in den Gewerkschaften und in den Komitees jene Arbeiten, mit denen der Durchschnittsarbeiter nicht belästigt sein will. Auf diese Art erschleichen sie in ihren Gewerkschaften die mehr oder weniger einflußreichen Posten und üben mehr oder weniger Einfluß aus. Das sind die Männer, die unserer Partei und unserem Lande schaden können. Ihre geschickte Inszenierung unoffizieller Streiks hat das Land schon Millionen von Pfund gekostet. Und ich bin ganz überzeugt, daß es ihnen gelungen ist, ganz vernünftige Leute aufs falsche Geleise zu führen, und daß sie Menschen, die von ihren Zielen keine Ahnung haben, gefügig machten, indem sie mit dem Hunger von Tausenden von Männern, Frauen und Kindern drohten.“ 223 Ebenso schrieb eine Zeitung sozialistischer Richtung: "People» : "Einige Labour-Führer, im Parlament wie im Gewerkschaftskongreß, haben den Verdacht, daß eine politisch-kriminelle Verschwörung gegen Labour besteht. Sie sind zum Schluß gekommen, daß extreme kommunistische Elemente, die unter dem Deckmantel des „Sozialismus“ als fünfte Kolonne arbeiten, am Werk sind, um das ganze Sanierungsprogramm zu Schanden zu richten ... Wenn, wie ich glaube, die Regierung und die Gewerkschaftsführer jetzt entschlossen sind, die Haeretiker in ihren eigenen Reihen und die Mitglieder der fünften Kolonne zu entlarven, dann werden sie die Unterstützung aller gutgesinnten und weitblickenden Menschen haben.» So lauteten die Warnungen sowohl in den vierziger wie in den dreißiger Jahren. Aber die Verschwörer wurden nicht demaskiert; sie hüllten sich noch fester in den sozialistischen Tarnmantel und trieben in diesen Monaten die exponierten Führer unter dieser Maske noch rascher auf dem verhängnisvollen Wege voran. Entweder hatte die Regierung keinen Blick für einen kommunistisch beherrschten Gewerkschaftskongreß, oder dann gab es Meinungsverschiedenheiten, die stets mit dem Siege der von den Kommunisten umworbenen Minister endeten. Denn der Vorgang der Infiltrierung und Beeinflussung von unten nach oben war nun schon so weit gediehen, daß auch die oberste Körperschaft, der große Gewerkschafts-Kongreß, immer mehr ins kommunistische Fahrwasser kam. Jetzt nahte der Zeitpunkt, wo man politische Ultimatums stellen konnte. Und jetzt entfernten sich die Gewerkschaften in gleichem Maße von ihrem ursprünglichen Ziel, wie einst die alte britische „Labour-Bewegung“ es zugunsten einer vom Ausland inspirierten Bewegung getan hatte. Jeder Beschluß, den jetzt die korrupten Gewerkschaften faßten, führte zur Versklavung des Arbeiters und zu neuer Not; jede Forderung, die sie erhoben, hieb eine neue Bresche in die mühsam errungenen Freiheiten. Die Tolpuddle Märtyrer mußten 224 sich eigentlich zum verzweifelten Protest aus ihren Gräbern erheben. Der Kanal bildet den Hals der britischen Inseln, die Kohle ihr Herz. Deswegen ist die Gewerkschaft der Kohlenbergleute die wichtigste im Gewerkschafts-Kongreß. 1946 wählte sie einen Kommunisten zum Generalsekretär. Die Warnungen der Herren Brown, Edward und der Zeitung „People“ waren noch kaum verklungen, als Arthur Horner an einem kommunistischen Meeting in Hampstead verkündete: „Ich weiß, was ich tue. Deshalb stelle ich fest, dass die Kohlenbergwerke im Falle der Möglichkeit eines Kriegs mit Russland, ihre Arbeit einstellen werden.“ Das war die offene Erklärung, daß nach der Unmöglichkeit, England auf dem Seewege, in der Luft oder durch eine Invasion kleinzukriegen, der letzte Weg offenblieb: England durch die Kohle zu erledigen. „Die Hand, welche die Kohlenbergwerke beherrscht, liegt an Englands Gurgel, und sollte England es wagen, einer stimmten fremden Macht den Krieg zu erklären, dann wird diese Hand zudrücken.“ Das war eine der seltenen Enthüllungen politischer Wahrheit, die auf diesem tollen, politischen Hintergrund gemacht wurde; das Bild, das sie heraufbeschwor, war der französische Zusammenbruch des Jahres 1940. Ein sozialistischer Parlamentarier, Stanley Evans von Wednesbury, wurde aufgefordert, eine vernünftige Antwort auf diese offenkundige, verräterische Bedrohung zu geben. Er sagte: «Die Nation nimmt die Tätigkeit Arthur Horners zur Kenntnis. Die Regierung hat alle den Bergleuten abgegebenen Versprechen eingelöst. Trotzdem müssen wir feststellen, daß anläßlich einer Untersuchung Herrn Bevins über die Lage in Ungarn Herr Horner sich berufen fühlte, an einem kommunistischen Meeting zu verkünden, im Falle eines Krieges mit Rußland würden die Kohlenbergwerke sofort still gelegt. Wir möchten Herrn Horner daran erinnern, daß dieses Land niemals Sympathie für Königsmacher oder andere geheimnisvolle Persönlichkeiten empfunden hat, welche hinter den Kulissen die Macht mit List erstrebten. Falls 225 Herr Horner Außenminister werden möchte, muß er sich der Wählerschaft vorstellen. Aber weder das Parlament noch das Volk werden es dulden, daß jemand eine Machtposition verantwortungslos für erpresserische Zwecke ausnützt.“ Leider hat das Parlament später ein solches Verhalten geduldet. Das Volk hatte in dieser Angelegenheit überhaupt nichts mehr zu sagen. Ich selbst konnte beobachten, daß das Volk zwar von den Leistungen der südafrikanischen Cricketspieler, nicht aber von den «Umtrieben eines Herrn Horner» Notiz nahm. Die patriotischen Warnungen verstummten immer mehr, während sich Herr Horners Stimme immer lauter bemerkbar machte. Nach dieser offenen Drohung war die Beschuldigung, „hinter den Kulissen mit List die Macht zu erstreben“, schwerlich zutreffend. Denn jetzt stand er im Rampenlicht und stellte nicht listig, sondern in schneidendem Ton seine politischen Forderungen, die sämtliche erfüllt wurden. So geschah es an der großen «Labour Partei-Konferenz» in Margate am 25. Mai 1947, als Herr Attlee in der Pfarrkirche den Bibeltext des Tages verlas, daß Herr Horner (der vom Montags-Meeting als Kommunist ausgeschlossen worden war) in einem benachbarten Hotel «das kommunistische Programm» verkündete. Seine Hauptforderungen waren, «daß die Regierung den Notstand proklamieren und mittels außerordentlichen Vollmachten, ebenso entschlossen wie nach Dünkirchen, die gesamten Kräfte des Landes mobilisieren solle», daß Ferien im Ausland verboten sein sollen, und daß die Kohlenbergleute, die sich bereit erklären, im Falle eines Krieges mit Rußland die Arbeit niederzulegen, besondere Vergünstigungen in Bezug auf Nahrung, Wohnung und andere Dinge erhalten sollen. Nach drei Monaten proklamierte die Regierung wirklich den «Notstand», nahm sich die Vollmachten, um die nationalen Kräfte so gründlich zu mobilisieren, wie es nach Dünkirchen geschehen war, und wie es Herr Horner im Mai gefordert hatte - und gab auch seinen andern Forderungen nach. Diese Verquickung von 226 Ursache und Wirkung, vom Mai bis zum August, vom kommunistischen Ultimatum bis zum Nachgeben der Regierung, wurde von keiner Zeitung, außer von den kommunistischen Blättern aufgezeigt. Das „kommunistische Programm“ war angenommen und wurde nun durchgeführt. Der Höhepunkt Ich komme nun zur entscheidenden Periode (das heißt, entscheidend bis zum nächsten Mal; in der Politik gibt es keine dauernden Entscheidungen), die im August 1947 ihren Anfang nahm. Im Halbdunkel der Kabinette und politischen Sitzungszimmer begann eine Schlacht, welche für die Weltgeschichte mindestens so bedeutsam war wie Waterloo und die Schlacht um England. In zwei Jahren waren manche der Eichen der britischen Freiheit gefällt worden. Jetzt galt der Angriff den beiden noch immer aufrechten Riesen: Freiheit vor willkürlicher Verhaftung und Freiheit der Arbeit. Die wesentliche Voraussetzung für das Gelingen dieses nächtlichen Angriffs war ein neuer «Notstand». In unserm Jahrhundert stehen die glücklichen Zufälle immer auf Seiten der Verschwörer. Dieser Notstand brach aus (oder wurde erklärt), als das Parlament sich anschicktc, in die Ferien zu gehen. Da die Krise so ernst war, hätte eigentlich das Parlament seine Sitzung bis zu ihrer Ueberwindung verlängern müssen. Die Ferien des Bürgers wurden täglich gekürzt, und man drohte ihm mit Entlassung, falls er sich weigerte, mehr zu arbeiten. Das Parlament aber wurde durch die Stimme „der Parteien in der Partei“ für zehn Wochen in die Ferien geschickt. Während dieser Zeit hatten die Minister freie Hand, ohne durch heftige Debatten belästigt zu werden. Bevor sich das Parlament auflöste, proklamierte die Regierung den «Notstand» des Herrn Horner und nahm sich ebenfalls Herrn Horners «Vollmachten zur Mobilisierung des Landes». Das neue «Notstandsgesetz» (Supplies and Services Bill) formulierte seine «Not-Vollmachten» in einem derart lapidaren Satz, daß alle Dik- 227 tatoren der Weltgeschichte sich aus ihren Gräbern erheben sollten, um ihm Beifall zu spenden: «Die gesamten Hilfsquellen der Gemeinschaft stehen zur Verfügung und werden so eingesetzt, daß sie am wirksamsten den Interessen der Gemeinschaft dienen.» Auf diese Weise wurde die Gewalt über jegliche Person und jeglichen Besitz, die 1940 in Kraft gesetzt wurde, «um den Krieg zu gewinnen», inhaltlich und zeitlich ins Endlose verlängert. Der höchste Gesetzesberater der Regierung, der Lord-Kanzler, äußerte sich vor den Lords dahin, daß er die Notwendigkeit dieses Gesetzes bezweifle. Die einzige Rechtfertigung für die neuen «Notvollmachten» sah er darin, „daß diese niemals ausgeübt werden sollten“! Die „Times“ schrieb in einem späten Erwachen, daß «die Labour Partei zur Beschwichtigung der noch sozialistischer eingestellten Parteigänger (diese Anspielung ist viel zu allgemein gehalten, als daß sie der unerfahrene Leser auf die beiden erwähnten Richtungen beziehen könnte) auf die Möglichkeit drastischerer Maßnahmen von Seiten des Staates hinzielt; natürlich besteht die Gefahr, daß die Linke später auf die Einlösung dieses Versprechens drängt. Trotz der Versicherungen Lord Jowitt's besteht die Gefahr des Mißbrauchs und in der Zwischenzeit ist das Mißtrauen wach geworden.» Ich kann nur hoffen, daß das Mißtrauen endlich «wach geworden ist». Dieser Kommentar aber läßt mich an einen früheren denken, wo in einem Gepäckraum ein Koffer entdeckt wurde, in dem sich die zerstückelten Glieder eines menschlichen Körpers befanden. Bei diesem Anlaß schrieb die Zeitung: «Man vermutet ein Verbrechen.» Es ist vielleicht gut, die Gemütsverfassung eines Ministers der Fassade in jenen kritischen Tagen näher zu prüfen. 1940 wider· setzte sich Herbert Morrison der Verleihung außerordentlicher Vollmachten an die Kriegsregierung mit folgenden Worten: «Ich glaube, jeder Minister muß bösartig werden, wenn er eine solche Fülle von Verordnungen beherrschen muß ... Wir wollen 228 deshalb mit dem kläglichen Gerede aufhören, daß wir zwar sicher sind, dass der jetzige Innenminister kein Unheil anrichten wird, dass wir aber eine solche Gewißheit für seinen Nachfolger nicht besitzen. Ich glaube, daß auch der jetzige Innenminister bösartig sein kann und deshalb sollte das Unterhaus vorsichtig und wachsam sein, welche Vollmachten es in seine Hände legt ... Diese Bestimmungen gewähren wirklich außergewöhnliche und einschneidende Vollmachten, unter denen jeder, der den Innenminister nicht leiden mag, ohne irgendwelche mögliche Verteidigung gehängt, ertränkt oder gevierteilt werden kann ... Das Haus hat ein Recht auf eine Erklärung des Innenministers, warum er diese Bestimmungen für wichtig hält. Nachher kann das Haus entscheiden, ob wir uns damit einverstanden erklären wollen oder nicht.» Als Morrison 1947 aufgefordert wurde, die Gründe der Regierung für die Einführung neuer Vollmachten darzulegen, sagte er: „Meine Antwort lautet gleich wie bei der zweiten Verhandlung, das heißt, keine Antwort ... Wir benötigen diese Vollmachten·für die Verteidigung des Landes gegen wirtschaftliches Unglück ... Ich sage: Wir haben das Recht, Vollmachten zu beanspruchen, weil wir die Regierung des Landes sind.» Man vergleiche diese Worte wiederum mit der Erklärung Attlee's im Jahre 1937. Als England 1940 in tödlicher Gefahr war, rebellierten die Tories gegen einen Tory-Premier-Minister. Jetzt, im Jahre 1947, wo sich England in tödlicher Gefahr befand, ergriffen nur zwei Sozialisten zugunsten Englands das Wort. Einer, David Grenfell, war früherer Minister. Während der Fabianismus die kommenden Beherrscher Englands schulte, arbeitete er auf dem Grunde eines Kohlenschachtes. Sein Gesicht war vernarbt. Sein anerkannter Patriotismus trug vermutlich die Schuld, daß er keinen Posten in der sozialistischen Regierung erhielt. Er sagte: «Ich lehne das gesamte Gesetz entschieden ab ... Ich halte eine derartige Stärkung der Exekutive, wie sie dieses Gesetz vorsicht, für äußerst gefährlich, denn sie kommt einer Schwächung des Unterhauses und des Parlaments gleich ... Dieses Gesetz über- 229 trägt mit jedem Wort und in jeder Zeile der gouvernementalen Bürokratie größere Vollmachten. Ich habe in solche Absichten nicht das geringste Vertrauen ... Ich protestiere entschieden gegen den Vorschlag, die industriellen Belange dieses Landes in die Hände der Vertreter unserer sehr eifrigen und auch sehr zuständigen Minister zu legen. Diese werden genötigt, ihre Regierungsgewalt an zivile Beamte und Beamte aus der Kriegszeit, die sich hundertfach, ja tausendfach vermehrt haben, abzutreten - an Beamte, die keine Ahnung von den Dingen haben, die sie behandeln müssen, und die meines Wissens sehr üble Fehler machen, welche der Zukunft unserer Industrie dauernd zum Nachteil gereichen werden ... Ich habe mein Bestes getan, um meine Ansichten klar auszudrücken, aber die Herren auf den vorderen Regierungsbänken scheinen gegenüber meinen Klagen taub zu sein.» Der andere war ein jüngerer, eben aus dem Kriege heimgekehrter Mann, Raymond Blackburn aus King's Norton. Seine Rede gehört zu jenen historischen Warnungen, die unser Unterhaus zu einer einzigartigen Institution für die ganze Welt gemacht haben. Er sagte: «Meiner Ansicht nach handelt es sich darum, ob die Ergreifung totalitärer Vollmachten auf dem Wege legislativer Beschlüsse einen Ersatz für wahre Führerschaft und Leistungsfähigkeit in der öffenlichen Verwaltung und in staatlichen und privaten Betrieben bilden kann. Ich behaupte, daß in Wirklichkeit - und ich glaube, daß die Labour Partei als Ganzes gesehen, mit mir einverstanden sein wird - die Mitglieder der Labour Partei, die mit ihren Reden die Regierung unterstützt haben, sich heute weniger um die Freiheit kümmern als die Aristokraten des Jahres 1216, die für die Magna Charta verantwortlich waren. ... Dieses Gesetz nagelt fest, daß Vollmachten, die bis jetzt in einer Uebergangsperiode geltend waren, in Zukunft auch in Friedenszeiten in Kraft sein werden. ... Meiner Meinung nach kann, kraft dieses Gesetzes, die Regierung mit jedem Bürger dieses Landes tun, was ihr einfällt, außer vielleicht ihn ins Gefängnis 230 werfen ... Man wird uns damit trösten, daß es sich um eine vorübergehende Maßnahme handelt, die nur für den jetzigen Notstand gilt ... Man hat uns auch gesagt, daß die militärische Zwangsrekrutierung eine außergewöhnliche Maßnahme während des Notstandes der nächsten zwei oder drei Jahre sei ... , Später aber ... empfahl der Verteidigungsminister ... die obligatorische Dienstpflicht als eine normale Maßnahme auch für Friedenszeiten ... sind wir eigentlich hier versammelt, damit wir auch die Zwangsrekrutierung für die Arbeit als eine normale Maßnahme für Friedenszeiten betrachten? Mir scheint, daß sie der Auffassung der Labour Partei vollständig widerspricht und daß die Mehrheit ihrer Mitglieder sie verwerfen wird ... Stand sie in unserm Wahlprogramm? Sind wir irgendwie dazu verpflichtet? Im Gegenteil! Wir haben immer und immer wieder zur Zeit der allgemeinen Wahlen wiederholt, daß unsere politischen Ziele dahingehen - wer es abstreiten will, möge dies jetzt tun -, einen glücklichen Austausch zwischen einer wirtschaftlichen und politischen Demokratie zu finden. Keine Zwangsmaßnahmen und kein Totalitarismus. Wir setzen uns für eine vermehrte Freiheit des Individuums ein. Deshalb habe ich bei den allgemeinen Wahlen für die Labour Partei gekämpft ... Es gibt zwei Arten von Sozialismus. Es gibt einen totalitären Sozialismus in einer kommunistischen, faschistischen oder ähnlichgearteten Prägung, und es gibt einen liberalen, demokratischen Sozialismus, an den ich glaube ... Die ehrwürdigen Mitglieder brechen ihre Wahlversprechen, wenn sie der Regierung heute noch totalitäre Vollmachten zugestehen. Wir wollen uns jetzt daran erinnern, daß der Druck scheinbar von der sogenannten «Haltet links!»-Gruppe kommt ... Wer aber war der Führer der "Haltet links»-Gruppe in der Regierung 1929-31? Sir Oswald Mosley! Ich behaupte, daß nicht das die besten Freunde der Labour Partei sind, welche in aller Eile versuchen, die Situation auszunützen und diese oder jene Maßnahme der Regierung aufzuzwingen, sondern diejenigen, die sich an die wahlpolitischen Grundsätze der Labour-Regierung halten. 231 Ich glaube, die Frage wurde ganz deutlich vor 2000 Jahren gestellt, als die Juden Jesus von Nazareth überreden wollten, den Kampf gegen die römische Tyrannei zu führen. Sie fragten ihn, ob es dem Gesetze entspreche, wenn sie Caesar ihren Tribut bezahlten. Er ließ sich eine Münze bringen und fragte, wessen Bildnis und wessen Inschrift auf ihr eingeprägt sei. Sie sagten: „Caesars“ und er antwortete: „Also gebt dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist.“ Es ist die Tragödie totalitärer Regierungen, daß sie dem Kaiser geben, was Gottes ist.» Blackburns Rede wurde wiederholt von heftigen Protestrufen all derer unterbrochen, die nicht gerne an ihre früheren Versprechen erinnert wurden. Herr Driberg schimpfte ihn «Ratte». Die «Haltet links»-Gruppe trug den Tagessieg davon. Der junge Professor, Herr Croßmann, der so leidenschaftlich gegen den "Faschismus» protestiert hat und die deutschen Arbeiter aufforderte, «sich gegen Hitler zu erheben», hielt den Gesetzeswert des Erlasses für weniger wichtig als dessen «gewaltige symbolische Bedeutung». Es gebe nur eine Alternative, so erklärte er, und diese heiße «Massen-Arbeitslosigkeit». Das Non sequitur ist ein sehr beliebtes Argument bei solchen Gelegenheiten, und ihm folgte sogleich ein zweites, «das Opfer der Freiheit, zugunsten einer noch größeren Freiheit». Er erstrebte durch dieses Gesetz, die sozialistische Planwirtschaft für einen bestimmten Markt zu öffnen. «Dieser Markt ist nicht Amerika, sondern in erster Linie Rußland und Osteuropa.» (Hier zeigte sich ein außenpolitisches Motiv.) Und vor allem: «Es handelt sich nicht um die Frage der Diktatur; sie ist in der heutigen Welt unvermeidlich ... » Also, Diktatur mit dem Attribut «unvermeidlich» ist nicht mehr Diktatur. Das Diktatur-Gesetz wurde nur wenige Meilen von Runnymede gewaltsam durchgepeitscht. Herr Churchill wies auf das wahre Gesicht dieser Angelegenheit in derart allgemein gehaltenen Andeutungen hin, daß es dem britischen Inselbewohner unmöglich war, deren Sinn zu verstehen: «Ich bemerke jetzt, daß weder Herr Morrison noch der Premier-Minister über die einzu- 232 führende Gesetzgebung entscheiden. Sie müssen ihre Befehle von aussensteheden Körperschaften, die gegenüber der Wählerschaft keine Verantwortung tragen, entgegennehmen, wie ich es dem Lande schon bei den letzten allgemeinen Wahlen voraussagte.» Die wichtigste dieser Körperschaften war der von den Kommunisten beherrschte Gewerkschaftskongreß. Als sich das Parlament auflöste, hielt der Premierminister eine Grabrede auf den großen Plan des Jahres 1945 (für den „Not-vollmachten“ unvermeidlich gewesen sind). Der Plan war offenbar ganz planlos gewesen, hatte er doch keine der jetzt aufgetauchten Schwierigkeiten vorausgesehen. Infolgedessen proklamierte man jetzt einen neuen "Notstand», der nach einem neuen Plan rief. Aber beide Pläne hatten etwas gemeinsam: Die britischen Freiheiten litten unter ihnen. Wäre Lord Acton noch unter den Lebenden gewesen, dann hätte er eine erstaunliche Bestätigung seiner Aussage über die französische Revolution gefunden: «Das Entsetzliche ist nicht der Aufruhr, sondern die Absicht. Hinter all dem Feuer und Rauch sehen wir bewiesenermaßen eine berechnende Organisation. Die Drahtzieher halten sich sorgfältig verborgen; aber über ihre Anwesenheit, von allem Anfang an, ist kein Zweifel.“ Die jetzige Lage war ein Idealzustand für einen revolutionäre Verschwörer. Das Parlament war in den Ferien; wenn es einmal tagte, stand die Mehrheit unter Kontrolle. Man hatte zu despotischen Vollmachten gegriffen. Körperschaften, «die gegenüber der Wählerschaft keine Verantwortung tragen», besassen die Macht, schwächliche Minister durch Streiks oder innere Unruhen unter Druck zu setzen. Welche politischen Ziele wurden in dieser halbanarchistischen Situation verfolgt? Nach meiner Beurteilung gab es ein Minimum und ein Maximum. Das Minimum war Zwangsarbeit und die Macht, politische Gegner zu verhaften. (Herr Blackburn sagte mit vollem Recht: «Meiner Meinung nach kann kraft dieses Gesetzes 233 die Regienmg mit jedem Bürger dieses Landes tun, was ihr einfällt, außer vielleicht ihn ins Gefängnis werfen.» Vom Verfasser ausgezeichnet!) Das Maximum war die totale Machtergreifung. Vielleicht wird das Minimum nicht erreicht und dann scheint meine Behauptung übertrieben. Bis heute ist es noch nicht erreicht und der Versuch geht weiter. Noch ehe sich das Parlament aufgelöst hatte, gab die Regierung in einem der beiden entscheidenden Punkte des Minimalprogrammes nach: Zwangsarbeit. Diese war nach dem Krieg noch nie ganz abgebaut worden und in meinen Büchern der Jahre 1942 und 1943 wies ich darauf hin, daß während ihres Fortbestehens die Türe zum Konzentrationslager noch immer offensteht. Shaws Aussage offenbart ihr wirkliches Ziel und die sozialistische Regierung schwor bei den Wahlen des Jahres 1945, daß sie nie etwas Derartiges unternehmen würde. Sie sah gerade darin den Unterschied zwischen der «sozialistischen Planung» und der «kommunistischen Diktatur». Ein Jahr später (Juni 1946) wiederholte Herr Morrison das Versprechen: «Die Lenkung der Arbeit wäre mit einem für uns unannehmbaren Freiheits-Verlust verbunden.» Man sehe sich nun an, wie die Veteranen der Frontfassade klein beigegeben haben. Einer der wichtigsten Führer des Gewerkschaftskongresses, Arthur Deakin, bestätigte am 29. Mai 1947 nochmals seinen unnachgiebigen Widerstand: « Was die Lenkung der Arbeit anbetrifft, wird der Gewerkschaftskongreß jeden solchen Einbruch in die Freiheit des Individuums in der Wirtschaft auch in Zukunft ablehnen.» Am 15. Juli verkündete er: «Ich bin jetzt bereit zu erklären, daß uns die Not gebietet, eine beschränkte Lenkung der Arbeit anzuerkennen. Es gibt Tausende, die unverzüglich in den Produktionsgang eingeschaltet werden sollten.» Drei Wochen später verkündete die Regierung die «Wiedereinführung der gelenkten Wirtschaft». Die Regierung gab dem Gewerkschaftskongreß nach, welcher seinerseits den Kommunisten nachgegeben hatte; sie waren es, die von allem Anfang an diese tödliche Gewalt über das Volk ge- 234 fordert hatten. Zugegeben, sie sagten nie: «Wir wünschen, daß jeder einzelne auf dieser Insel zu einem Arbeitssklaven wird.» Dafür waren sie in ihren Methoden viel zu klug. Sie sagten, daß sie auch den „Reichen“ zur Arbeit gezwungen sehen wollten. Eine „bechränkte“ Lenkung der Arbeit! Welcher Wert lag in solchen ermutigenden Einschränkungen, wo doch die sprechenden Männer fähig waren, ihre Ansichten innert fünf Wochen vollkommen zu ändern? Die Regierung befand sich in einem losgekoppelten Wagen auf abschüssigem Geleise, und diejenigen, die hinten mit ihren Schultern schoben, kannten den Weg nach Gadarea. Die Minister der Fassade rollten talwärts, von hinten geschoben. Im Juni sagte Attlee: «Redefreiheit, Gewissensfreiheit und persönliche Freiheit sind das Recht eines jeden, ob er nun Kapitalist, Arbeiter, Konservativer, Liberaler oder Sozialist sei.» Welche persönliche Freiheit» aber gab es denn noch unter einem Regime der Zwangsarbeit? Herr Morrison fand diese jetzt ganz vernünftig. Sogar Bevin erging sich in Sophistereien, wenn er, verächtlich jeden Einwand beiseite lassend, erklärte, daß es schon zu allen Zeiten «Lenkung durch Elend» gegeben habe. In erster Linie benutzte man den Grubenarbeiter, um diese Massnahme, welche die Bergleute mehr als alle andern Berufe bedrohte, einzuführen - und diejenigen, welche den Namen der Bergleute im Munde führten, taten es nur, um mit Unruhen in den Kohlengruben zu drohen. Weil sie den „Gewerkschaftsmeetings“ nicht beiwohnten, versetzte man sie drei Jahrhunderte zurück, in jene Zeit, wo ein Erlaß König James I. festlegte, «daß Grubenarbeiter, falls sie ihren Meister ohne Einwilligung verlassen, als Diebe eingeschätzt, denunziert und als Feiglinge behandelt werden sollen, weil sie ihre Meister im Stiche gelassen haben». Diese Meister erhielten die Ermächtigung, «alle Vagabunden und Berufsbettler zu verhaften und sie zur Arbeit in den Gruben zu zwingen». 170 Jahre später, im Jahre 1775, befreite König Georg III. alle schottischen Bergleute, die letzten wirklichen Sklaven in Eng- 235 land. Nochmals 170 Jahre später begann die erste «Labour-Regierung», die Paragraphen des Dekrets König James I. wieder einzuführen. Der tyrannische Staat von 1947 war identisch mit dem tyrannischen Stuart von 1605. Jetzt wurde der alte Löwe in seinem Lagerplatz unruhig und begann zu brüllen. Mag sein, daß Churchill selbst den Angriff auf die britische Freiheit mit der Forderung dieser verhängnisvollen «Vollmachten», ohne echte Garantie ihrer späteren Aufhebung, eingeleitet hatte. Aber jetzt erkannte er mit Sicherheit die Gefahr für seine Heimat. «Ich warne euch feierlichst», verkündete er am Rundfunk, «wenn ihr euch totalitärem Zwang und einer Lenkung unseres nationalen Lebens und der nationalen Arbeit beugt, dann liegt vor euch eine endlose Perspektive von Elend und Unruhen, deren erstes Resultat ein gesenkter Lebensstandard, das zweite der Hunger, und das dritte die Zerstreuung oder der Tod unserer Bevölkerung sein wird. Ihr habt auf meine Warnungen nicht immer gehört ... » Während seines langen Lebens hat dieser Meister unserer Sprache noch nie so treffende Worte gewählt. Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß Elend, Hunger, Entvölkerung und Tod die Strafen sein werden, die den britischen Inselbewohner erwarten, falls die Verschwörung dieser Jahre erfolgreich ist. Man konnte in diesen Tagen die Warnung in lebender Gestalt erblicken: die deutschen Zwangsarbeiter. Diese Männer ohne Hoffnung arbeiteten für wenige Pfennige. Sie wußten nicht, ob ihr Land jemals wieder ein selbständiger Staat sein würde, wenn sie dorthin zurückkehrten, und welchen Sinn ihr Leben nach dem Verlassen unseres Landes überhaupt noch hatte. Hinter der Zwangsarbeit liegt der Tod, wie Shaw sagte; ich füge bei, auch die Deportation. - Sklaventransporte nach Uebersee sind ebenfalls ihr logisches Ende. Diese Warnung (falls es den zukünftigen Historiker interessieren sollte) stieß beim britischen Volk auf sehr geringen Widerhall. Sie ging eben im «Tumult» unter, welcher den «Plan» tarnt. «Achtung, der böse Wolf!» höhnte die «liberale» Zeitung, die einst 236 Charles Dickens herausgegeben hat. Die «Times» äußerte sich dahin, dass man von Herrn Churchill nicht erwarten dürfe, daß er wisse, woüber er spreche. Herr Churchill war der Führer der Konservativen, aber der konservative „Daily Mail“ nannte Arbeitslenkung „eine harte Tatsache, die notwendig ist“. („Notwendigkeit“, „Unvermeidbarkeit“, „Notstand“) Philip Fothergill war der Vorsitzende der liberalen Partei und sagte: „Die liberale Partei lehnt es hartnäckig ab, zur Arbeitslenkung zu greifen, und wird diesen Vorschlag auf das schärfste bekämpfen», aber die liberale „News Chronicle“ schrieb: «Wir müssen Planung und Lenkung annehmen.» Diese Zeitungen erschienen täglich; die politischen Führer sprachen nur selten. Jetzt war die britische Insel beinahe erobert. In den Wahltagen des Jahres 1945 sang sie getreu den Anweisungen der transatlantischen Liederfabrikanten, die unsichtbar die Auswahl der zu singenden Lieder bestimmen: «Bitte, hagt mich nicht ein!» Während Monaten erklang diese traurige Weise und „Don't fence me in“ war so sehr in Mode, daß ein Geistlicher diese Worte als Predigttext wählte. Aber die Millionen sangen das Lied, ohne seine Worte zu verstehen, und während sie sangen, schauten sie untätig zu, wie die großen Umzäumungen des Konzentrationslagers emporwuchsen. Wir sind ein unabhängiges und ein individualistisches Volk», sagte Lord Montgomery in der Londoner Guildhall, «unsere lange Freiheit von jeglicher Bedrückung hat uns allen Selbstvertrauen gegeben und wir glauben leidenschaftlich, daß jedes Individuum das Recht hat, seinen eigenen Weg zu gehen.» Das stimmte. Aber der Vorgang war derart abgestuft, der Tumult derart betäubend, dass das Volk den «Plan» überhaupt nicht bemerkte. Es hatte keine Ahnung von dem, was vorging. Das Komplott reift heran Eine der letzten beiden Eichen war gefallen: die Freiheit der freien Berufswahl. «Beschränkte Lenkung der Arbeit» wurde nun 237 zu einer dauernden Einrichtung. Kaum war sie verkündet, erhoben jene Kreise, «hinter denen keine Vollmacht der Wählerschaft stand», schon den Ruf, eine unbeschränkte Lenkung einzuführen. Ein neuer, leicht voraussehbarer Zufall trat ein. Die «Krise» hatte noch kaum begonnen, die «Vollmachten» in Kraft und das Parlament in den Ferien, als am 1. September der Gewerkschaftskongreß in Southport eröffnet wurde. Jetzt war der Urheber dieser Frühjahrs-Sanktionen, Arthur Horner, durch den unergründlichen Vorgang einer Beförderung durch die Presse «zum wichtigsten Mann in England» (News of the World) und zur «hervorstechenden Persönlichkeit» (Daily Expreß und Daily Mail) geworden. Als Kommunist durfte er den Sitzungen der Regierungspartei nicht beiwohnen; aber er beherrschte die Sitzungen der TUC, welche ihrerseits die Partei beherrschte! Während die Kohlenstreiks seinen Worten Nachdruck verliehen, erklärte er: «Der Hauptgrund der Kohlenknappheit ist die Knappheit an britischer Arbeitskraft ... Wir können uns den Luxus nicht gestatten, irgend einer privilegierten Klasse in diesem Lande das Abseitsstehen bei einer harten und gefährlichen Arbeit zu erlauben ... Wir benötigen nicht nur die Unterstützung jener, die ihre Stellen verloren haben, sondern auch von jenen, die es nie für nötig halten, eine Stelle anzunehmen ... Eine Lösung muß gefunden werden. Wir müssen uns beeilen, beeilen, beeilen.» Beeilen, beeilen, beeilen! Günstige revolutionäre Lagen dauern nicht lange. Ein Zögern könnte die Augen öffnen, Gegenargumente hervorrufen, vielleicht sogar ein Erwachen des nationalen Instinktes für alle Gefahren. Ein deutscher Eroberer hätte bestimmte unbeschränkte Zwangsarbeit diktiert. In dieser Frage gab es keinen Unterschied zwischen Arthur Horner und Adolf Hitler. Wie lange würde es dauern, bis die Regierung auch in diesem Belang nachgab? Sie hatte bereits die andern kommunistischen Forderungen erfüllt. Die Reisen ins Ausland waren verboten; auf diese Art hatte das Schatzamt einen klaren Strich durch die Politik des Außenministers gemacht, «nach allen Ländern, wohin 238 es mir paßt, ohne Paß zu reisen». Die bevorzugte Lebensmittelzuteilung für die Grubenarbeiter, welche im Kriegsfall die Arbeit niederlegen sollten, war genehmigt. Zudem erhielten die streikenden Grubenarbeiter durch eine Verfügung des Ernährungsministers jetzt die doppelte Brot- und Fleischration wie der gewöhnliche Bürger, und der Minister für Brennstoff und Energie-Wirtschaft unterstützte die Beschlüsse seines Kollegen. Durch eine Verfügung des Gesundheitsministers wurde das Erbauen neuer Häuser (außer der wenigen, die gerade im Bau befindlich waren) im September eingestellt und nur noch für Grubenarbeiter oder landwirtschaftliche Arbeiter bewilligt. Horners Forderung wurde durch neue Postulate unterstützt, welche der kommunistische Führer Harry Pollitt am gleichen Tage in einem Brief an den Premier-Minister schickte. Sie wurden in den Zeitungen des Landes kaum erwähnt. Sie verfolgten ganz ungeschminkt das Ziel, die «Sowjetmacht» und die britische Schwäche zu steigern. Sie umfaßten «eine nationale Registrierung aller für die Industriearbeit körperlich Tauglichen», «uneingeschränkte Arbeitslenkung», die Verminderung der britischen Streitkräfte um 500 000 Mann (im Oktober wurde der Beschluß, die Streitkräfte um 450 000 Mann herabzusetzen, angekündigt) und der Rückzug der bestehenden Besatzungen aus früheren Feinländern (in jenen Tagen war der Rückzug der britischen und amerikanischen Truppen gleichbedeutend mit dem kommunistischen Vormarsch in Griechenland und von dort nach Italien und Frankreich); ferner neue Verhandlungen «über neue Handelsverträge mit der Sowjetunion und den neuen europäischen Regierungen» (um die britische Insel in Abhängigkeit der von den Sowjets beherrschten europäischen Staaten zu bringen!). Sehr bedeutsam für den wachsenden kommunistischen Einfluss in der Regierung war das durchsichtige Ziel, jene Minister abzusetzen, die für die gegenwärtige Lage in erster Linie verantwortlich sind. Das hieß mit andern Worten, trotzdem auch hier keine Zeitung es für nötig fand, ihre Leser über den Sachverhalt 239 aufzuklären, daß die Kommunisten mit Hilfe der von ihnen beherrschten Gewerkschaften mit Unruhen und Not in den kommenden Monaten drohten, falls man ihren Forderungen nicht entsprechen wollte. Die Anarchie in der Regierung breitete sich immer mehr aus, als einer kommunistischen Forderung nach der andern entsprochen wurde. Es war schwer festzustellen, wer für was verantwortlich war. Die Führer der Frontfassade waren sich einig, daß sie das Ideal der Redefreiheit niemals preisgeben oder die Zensur einführen würden; aber das Schatzamt kündigte an, daß Privatbriefe nach dem Ausland geöffnet würden, um zu kontrollieren, «ob sie Devisen enthalten». Ich habe gesehen, wie man dieses System in Deutschland einführte. Bevor das Diktatur·Gesetz verabschiedet war, nahm die Regierung mit einem Seitenblick auf die Zuhörertribüne ein Postulat des liberalen Fraktionsführers, Clement Davis, zur Kenntnis, daß sie ihre Vollmachten «nicht zur Unterdrückung von Büchern oder Zeitungen» einsetzen werde. Unmittelbar nachher verbot die Handelskammer die Einfuhr ausländischer Bücher ohne Einfuhrbewilligung. Die Landsleute eines Drake, Cook und Shackleton durften nicht mehr ins Ausland reisen; die Insel, die einen Shakespeare, Milton, Chaucer und Dickens geboren hatte, sollte von der Weltliteratur abgeschlossen werden. Auch das hatte ich in Deutschland und Rußland bereits erlebt. Als die Ereignisse sich überstürzten, wurde der Vorwand fallen gelassen, es handle sich nur um zeitlich begrenzte Verbote, die nach Abflauen der «Krise» fallen gelassen werden. «Vergnügungsfahrten mit dem Auto“ (also die kurze Erholung des Städters und seiner Familie von Asphalt und Backsteinen, oder der kurze Ausflug der Hausfrau zum Besuch ihrer Freundinnen) wurden «vorübergehend untersagt» - ein Verbot, welches die Kommunisten schon seit langem gefordert hatten. Der Ernährungsminister aber (nicht etwa der Premier-Minister) verkündete in Dundee, daß solche Faktoren von nun an verboten seien. Er erwähnte auch so 240 nebenbei, daß man «die Lebensmittelkäufe in den Vereinigten Staaten gegenwärtig eingestellt habe“ und fügte bei: «Wenn nötig, können wir es einige Zeit aushalten, ohne neue Lebensmittel aus dieser Quelle zu kaufen.“ In vernünftigen Zeiten hätte eine solche Maßnahme des Wirtschaftskrieges nicht ohne vorhergehende Beratung im Parlament beschlossen werden können. Sogar unter einem Regime der «Not-Vollmachten» hätte man eine Erklärung des Premier·Ministers hierüber erwarten dürfen. Aber jetzt wurde nicht einmal die amerikanische Regierung (wie sie bekannt gab) über diesen Schritt Informiert. Zudem vernichtete diese Erklärung den Vorwand, unter dem man 1946 die Brotrationierung eingeführt hatte. Damals erklärte man diese im Namen einer „Welt-Getreide-Knappheit“ für dringlich. Als dann eine ungewöhnlich ertragreiche Weizenernte in Amerika folgte, erklärte der Ernährungs-Minister, sie würde trotzdem nicht die Aufhehung der Brotrationierung ermöglichen, da bei den amerikanischen Eisenbahnen ,,Wagen-Knappheit“ herrsche. Wir waren in dem Maße vom amerikanischen Getreide abhängig, daß er am 9. Dezember 1946 ganz unerwartet dem Parlament verkünden mußte, daß ein Eisenbahner-Streik in Amerika, der «den Zustrom gewisser Lebensmittel nach diesem Lande bedrohlich gefährde», mit fast «tödlicher Sicherheit eine Kürzung der Brotration zur Folge haben werde». Jetzt, im «Notstand» des Augusts 1947, waren die amerikanischen Zufuhren derart unbedeutend geworden, daß wir überhaupt keine Lebensmittel mehr kauften «und es, wenn nötig, für einige Zeit aushalten können, ohne neue Lebensmittel aus dieser Quelle zu kaufen“! Im Juli 1946 habe ich geschrieben, daß die Brotrationierung solange kein Ende nehmen wird, bis der britische Inselbewohner eine neue Regierung gefunden hat. Ich muß ganz kurz erklären, was die große «Krise» im August 1947 verursachte. Es war die «Dollar-Knappheit“. So viel war jetzt wenigstens klar, was die kommenden «Knappheiten» anbetraf, daß es niemals Knappheit an Knappheiten geben wird; wenigstens 241 eine wird immer vorhanden sein, um dem Angriff auf die britischen Freiheiten als Vorwand zu dienen. Eine amerikanische Anleihe aus dem Jahre 1946 war viel rascher aufgebraucht, als der Plan vorgesehen hatte, und jetzt war unsere «Dollar-Knappheit» derart bedrohlich, daß an den britischen Unternehmer, Arbeiter und Kaufmann neue Ketten gelegt wurden. Nur auf diese Art war es möglich, den Außenhandel zu steigern und die «Lücke» zwischen unserm Export und Import zu «schlicßen». Lloyd George hatte nach dem ersten Krieg das gleiche Gespenst heraufbeschworen. („Unsere Unterbilanz beträgt zur jetzigen Stunde fast £ 800 000 000. Wir geben mehr Geld aus, wir verdienen weniger. Wir konsumieren mehr, wir produzieren weniger. Das sind die Tatsachen. So kann es nicht weitergehen.» 19. August 1919.) Aber das Land vermochte sich von ihm zu befreien, und in den dreißiger Jahren war zwar die «Lücke» nicht viel kleiner, aber unser Wohlstand höher als je zuvor. Die «Lücke» wurde durch diese unsichtbaren Exporte und zolleinbringenden Unternehmungen, Investierungen und Anlagen im Ausland, welche die Regierung 1945 untersagte, vollkommen überbrückt. In den vierziger Jahren aber war es unmöglich, sie zu schließen, da die Regierung mit Gewalt die Erholung des Heimatmarktes und die ausländische Handelstätigkeit verhinderte. Die Lücke würde entweder gleich bleiben oder noch breiter klaffen. Es war unmöglich zu glauben, die wirtschaftlichen Maßnahmen dieser Regierung könnten jemals zum Wohlstand führen. Um ein Bild zu gebrauchen: Es war, wie wenn ein Hund seinen Hunger damit stillen mußte, seinen Schwanz zu essen und fortzufahren, bis schließlich sein Kopf an die Reihe kam. Kein vernünftiger Mensch vermochte zu glauben, daß durch ein solches Verhalten sein Los erleichtert werde. Die sozialistische Regierungspolitik führte ganz deutlich und führt auch für die Zukunft voraussehbar vom Schlechten zum Schlimmeren. So war jeder Aufruf, «mehr zu arbeiten und mehr zu produzieren», von gleichzeitigen Sanktionen gegen vermehrte Arbeit 242 und gesteigerte Produktion begleitet; jedem Versprechen, «den Export zu steigern und die Lücke zu schließen“, folgte ein Schlag gegen den Außenhandel. Während Herr Attlee seinen Appell für vermehrte Arbeitsleistung durch den Rundfunk bekanntgab, wurde ein Schweißer in der Austin Motoren-Fabrik wegen zu harter Arbeit durch seinen Werkleiter mit achtzig Schilling gebüßt. Er hatte diesen Betrag damit verdient, daß er sich auf den Appell seines Werkführers hin besonders einsetzte; aber die Befehle der Gewerkschaften «beschränkten die Arbeitsleistungen der Arbeiter auf ein vorgeschriebenes Maß" und büßten sie mit dem Extralohn, den sie durch Ueberschreitung dieser Leistungsmarge verdient hatten. (Das ist die kommunistische Arbeitsmethode.) Genau gleich ging es in der Landwirtschaft. Während der Landwirtschafts-Minister einen Appell zur Förderung der einheimischen Nahrung durch den Rundfunk erließ und „Schweinefleisch“ auf seiner Liste der dollarsparenden Produkte an erste Stelle setzte, verweigerten die Gewaltigen eines „Landwirtschaftlichen Komimitees“ in Surrey einem Kleinbauern die Rationen zur Aufzucht von vier Jungschweinen. Ebenso wurden unsere Export-Märkte behandelt, die wir so dringend zur «Schließung der Lücke» benötigten. Der Umstand, daß unsere Zahlungsunfähigkeit als «vorübergehende Aufhebung der Konvertabilität des Pfund Sterlings» bezeichnet wurde, vermochte an der Sachlage nichts zu ändern; ich hatte auch hier das gleiche schon in Deutschland oder Rußland erlebt. Die argentinische Regierung war derart erbittert, daß sie kein Fleisch mehr lieferte und bestimmt auch keine große Wertschätzung mehr für britische Produkte empfand. Das plötzliche Verbot der Auslandsreisen wirkte sich auch nachteilig auf andere Käufer-Staaten aus; die willkürliche Aufhebung des Handels mit Dänemark ließ den Speck vom Frühstückstisch verschwinden. Ebensowenig waren die plötzliche Aufhebung der Lebensmitteleinkäufe in Amerika und die Zwangsbesteuerung der amerikanischen Filme gute Verkaufsempfehlungen für britische Waren 243 auf dem reichsten Markt. Mindestens so aufreizend war das Einfuhrverbot fremder Bücher. Eine lächerliche oder verschwenderische Maßnahme hieß bis jetzt „Kohlen nach Newmarket tragen“; jetzt erging sich ein amerikanischer Minister voller Entsetzen über das eigenartige Schauspiel, daß gegenwärtig amerikanische Kohle nach Newcastle importiert wurde! Während Generationen genossen die englischen Herrenkleiderstoffe Weltruf. Jetzt waren sie für den britischen Inselbewohner nicht mehr erhältlich, da man sie zur Schließung der «Lücke» für den Export reservierte. Dagegen wurden aus Frankreich für eine Million Pfund Herrenanzüge von schlechter Qualität eingeführt. Kurz und gut, das Chaos herrschte, das Chaos schwacher Minister, die von andern in eine Richtung gejagt wurden, vor der sie zwar die Augen verschlossen, aber nicht den Mut hatten zurückzuweichen. Der Plan hinter diesem künstlichen Chaos trat deutlich zu Tage. In jenen Tagen hielt ein amerikanischer Minister, Averill Harriman, eine Rede und sagte: „Es liegt auf der Hand, daß die kommunistischen Kräfte im gegebenen Moment, im Augenblick des Chaos, versuchen werden, an die Macht zu kommen, um durch die Gründung eines Polizeistaates für immer an der Regierung zu bleiben.“ Seine Anspielung galt Europa, aber sie war auch auf England buchstäblich zutreffend. Was wir jetzt sahen, war die Ausführung des kommunistischen Plans, durch chaotische Zustände an die Macht zu kommen. Die Eiche von Runnymede Jetzt, wo alle Bastionen gefallen waren, konzentrierte sich der Angriff auf die letzte Eiche der Freiheit: die Garantie des freien britischen Bürgers vor jeder willkürlichen Verhaftung. Hier hatten die «Gewalten» Halt gemacht: Noch war es nicht möglich, «irgend einen Menschen dieser Nation ins Gefängnis zu werfen». Würden wohl die Veteranen von «Britisch Labour» in diesem letzten Graben Widerstand leisten oder auch diesen preisgeben? Einst 244 hatte Herr Attlee erklärt: «Der Versuch eines Teils der Gemeinschaft, alle andern Teile zu beherrschen, hat die Waffe des Terrors als Voraussetzung.» Die Zeit seiner Bewährung stand bevor. Er war in der Lage Kerenskys in Rußland im Jahre 1917, dessen Regierung nach Meinung der unglücklichen Russen einen neuen Morgen nach der großen Finsternis bringen sollte. Kerensky benahm sich sehr ungeschickt und verlor das Spiel. Und das folgende ist nun außerordentlich interessant: Attlee konnte den Ernst dieser Lehre unmöglich übersehen, da in seiner Regierung einer der wenigen lebenden Augenzeugen der Kerenskyregierung saß, der ihn aufklären konnte Einer der drei Minister, die ihn vor einer leichtfertigen Behandlung der Magna Charta und der Habeas-Korpus-Akte hätten warnen können, war der Sohn von Kerenskys Privatsekretär. Der als Russe geborene Frank Soskice floh 1917 aus dem Inferno in den geräumigen Bau der britischen Freiheiten, wurde hier Sir Frank Soskice und Staatsanwalt. Er wenigstens mußte wissen, welches Schicksal über England lag. Er wußte es und war aus diesem Grunde bei den Parteien in der Partei verhaßt. Ein sonderbares Spiel der Vorsehung reihte diesen Mann unter die letzten Schirmer der britischen Gerechtigkeit. Vermochte seine Stimme durchzudringen? Schon nahte der kritische Augenblick. Vor ihm hatte ich bereits in meinen Büchern von 1942 und 43 gewarnt. Als 1947 die «Arbeits-Lenkung» verkündet wurde, da wußte ich, daß jetzt der Anschlag unmittelbar bevorstand, und ich wartete von Zeitung zu Zeitung, von Nachrichtendienst zu Nachrichtendienst auf dessen Ankündigung. Er trug eine sehr vertraute Maske: «Nieder mit dem Anti-Semitismus! » Am 1. Januar 1947 schrieb der kommunistische „Daily Worker“, „daß es möglich sei, das Uebel des Antisemitismus aus England auszurotten“, und daß zu diesem Zwecke „im Parlament durch Gesetzesexperten neue Gesetze ausgearbeitet worden sind. Aber das Innenministerium erachtct neue Gesetze für überflüssig, die Polizei steht untätig abseits und weigert sich einzugreifen, 245 Im Januar 1933 waren in Deutschland «Gesetze» zur Verhaftung politischer Gegner «im Parlament durch Nazi-Gesetzesexperten ausgearbeitet worden» und sie traten in Kraft, als der Reichstag brannte. Aber die Nazis steckten den Reichstag erst am 27. Februar 1933 in Brand. Diese Erklärung des «Daily Worker» bedeutete, daß sich jetzt die deutsche Situation von 1933 in England wiederholte, und so schrieb ich damals, daß irgend ein gekünstelter Zwischenfall, wie der Reichstagsbrand, auch hier mit der gleichen Absicht ausgelöst werden könnte. Vor allem warnte ich vor erfundenen «anti-semitischen Zwischenfällen». Die politischen Wühler und Brandstifter waren bereits an der Arbeit. Im April 1947 wurde der Staatsanwalt auf «eine antisemitische Broschüre, erschienen im Norden Londons», aufmerksam gemacht; es stellte sich aber heraus, daß der gedruckte Name des Herausgebers eine Fälschung war! Im März 1947 zerstörte ein Brand das exdeutsche Passagierschiff «Milwaukee» in Liverpool; die Untersuchungen der Polizei «ergaben keine Beweise für Sabotage», aber der erste Polizeioffizier teilte bei einer Befragung durch das Transport-Ministerium mit: «Ich bin sicher, daß sich der Brand weder auf einen elektrischen Defekt noch auf eine Lötlampe oder eine ausgebrannte Zigarette zurückführen läßt. Ich kann mir die rasche Ausbreitung des Brandes nicht erklären.» (Dieser erste Polizeioffizier sollte einmal die Geschichte der von deutschen Agenten im ersten Weltkrieg inszenierten Schiffsbrände und vor allem des Reichstagsbrandes lesen.) «Ich kann lediglich zum erstenmal der Oeffentlichkeit meine private Ansicht mitteilen, daß hier eine bewußte Brandstiftung vorliegt.» Im August 1947 zerstörte ein Brand das für Prinzessin Elisabeth und Prinz Philipp bestimmte Haus. Die Polizei erklärte sich befriedigt, «daß keine verdächtigen Momente vorliegen und jeden Verdacht von Brandstiftung ausschließen; der Brand war das Resultat einer 246 achtlos weggeworfenen Zigarette» (News of the World). Höhere Feuerwehr-Offiziere stellten fest, «daß der Brand in einer Nische ausbrach; Brandstiftung oder Kurzschluß sind ausgeschlossen». Es ist heute durchaus möglich, das Unterhaus, die St. Pauls-Kathedrale, ein Kino oder eine Synagoge durch einen unvorsichtig in eine Nische geworfenen Zigarettenstummel (nach Mitternacht) niederzubrennen. Die Nazi behaupteten, Van der Lubbe habe den massiven Reichstag mit Streichhölzern eingeäschert. Wenn jemand mit der Etikette «Ich bin ein Faschist. Nieder mit den Juden!» ein glühendes Wachsstreichhölzchen in der Nähe der Albert Hall wegwirft, wer weiß, ob sie dann nicht in unlöschbare Flammen aufgeht. Wichtig ist, daß heute schon Ausnahmegesetze für solche Vorfälle bestehen. Ich verstehe wirklich nicht, wie es Parlamentsmitgliedern und Journalisten, die über einiges Gedächtnis verfügen, in der heutigen Zeit möglich ist, über „anti-semitische Zwischenfälle“ zu sehreiben und Maßnahmen dagegen zu fordern, ohne gleichzeitig ihren Lesern den Reichstagsbrand in Erinnerung zu rufen. Ausnahmegesetze nach hitlerischem oder leninistischem Vorbild, die sich nominell gegen irgendeine obskure Gruppe, in Tat und Wahrheit aber gegen die ganze Bevölkerung richten, bilden die wesentliche Grundlage für die Diktatur. Seitdem der «Daily Worker» ihr Bestehen offenbarte, lauerte die Gefahr von gekünstlten «Zwischenfällen» über England. Trotzdem weigerte sich der „Anti-Semitismus“ hartnäckig, sein Haupt bei uns zu erheben. Da es einen solchen einfach nicht gab, mußte er notgedrungenermaßen erfunden werden. Auch hier versagte der lange Arm des Zufalls nicht. Nachdem die „Krise“ proklamiert, die «Vollmachten» übernommen und das Parlament verabschiedet waren, tauchte unverzüglich der „Anti-Semitisrnus“ in einem großen Gewerkschaftskongreß in Southport, in dem Arthur Horner «eine beherrschende Rolle spielte», auf. Der Delegierte der «Jüdischen Bäcker-Gewerkschaft» erklärte, daß «die Antisemiten frech durch die jüdischen Quartiere im Osten von London marschieren, wobei 247 sie „Heil Hitler!“ und „Heil Mosley!“ rufen». Er wurde von andern jüdischen Sprechern unterstützt und der Kongreß spendete Beifall. Es wurde beschlossen, eine Delegation an den Innenminister zu senden, die „unverzügliche Maßnahmen“ fordern sollte. Während dieses letzte Ultimatum vorbereitet wurde, um die Zerstörung der britischen Freiheiten zu vollenden, schwenkten die Delegierten 836 Mitgliedskarten, angeblich «in Vertretung von 7 540 397 Arbeiterstimmen“. Nochmals erhoben sich warnende Stimmen; ob ihnen diesmal der Premierminister, der Innenminister oder die andern Gehör schenken? George Gibson, ein anderer Veteran und früherer Vorsitzender des Gewerkschaftskongresses, schrieb von der stets wachsenden Beherrschung der Gewerkschaften durch die Kommunisten und forderte deren Mitglieder auf, «sich allen politischen Lehrern, die aus dem Ausland stammen, zu widersetzen, da diese weit mehr den Interessen eines fremden Staates als dem britischen Volke dienen“. Eine Woche später unterstrich ein anderer Veteran von «Britisch Labour» diese Warnungen. Es war Lord Dukeston. In den Geheimberatungen der Regierung wäre Sir Frank Soskice in der Lage gewesen, Herr Chuter Ede über den Anteil der «Gesetze gegen den Antisemitismus» an der kommunistischen Zerstörung Rußlands aufzuklären. Zu den unberechenbaren Faktoren, die vielleicht einmal für das Geschick Englands entscheidend sind, gehört zur Zeit, da ich schreibe, Chuter Ede. Er verkörpert wiederum den alten, idealistischen Veteranentyp der Labour-Bewegung; aber auch er geriet unter diesen unsichtbaren, furchtbaren Druck. Er lebt zurückgezogen, abseits vom Rampenlicht, und war in der Oeffentlichkeit nur wenig bekannt, ehe er sein wichtiges Amt antrat. In den vielen Jahren meiner politischen Beobachtungen verweilte mein Auge nur einmal länger auf seiner Person. Zur Zeit von Dünkirchen hielt er eine sehr ergreifende Rede, die sich eher mit der Illusion als mit der Wirklichkeit des «Antisemitismus» befaßte. Es scheint, als wären die Entwicklungen schon seit langem 248 vorausgesehen, die Situationen vorbedacht, die Bühnen aufgestellt, die Spieler ausgesucht und die Rollen verteilt. Das Entsetzliche an der Sache ist, wie Lord Acton sagte, das immer gleichbleibende Schema 1947 stand in erster Linie Chuter Ede unter Druck, diese letzte Bastion der britischen Freiheit zu zerstören. Was blieb mir übrig als zu beten, der Name Van der Lubbe möge ihm bekannt sein. Die wichtigsten Männer des zwanzigsten Jahrhunderts sind nicht die Lenins und Hitlers, sondern die Van der Lubbes. Ohne solche Mietlinge hätten die großen Verbrecher ihr Ziel nie erreicht. Sie tauchen bei jedem bedeutenden Szenenwechsel im neuzeitliche Gadarene-Spiel, von Serajewo bis zum Reichstagsbrand, immer wieder auf. Schattengestalten im Dienste der verborgenen Planer und in den Augen der staunenden Massen „die Schuldige“! Solange es solche willige Werkzeuge gibt, wird es immer leicht sein, «antisemitische Zeitungsartikel» oder etwas Aehnliches zu lancieren. Aber seit dem Reichstagsbrand kann keiner Regierung verziehen werden, wenn sie ihr Volk wegen solcher inszenierter Machenschaften außerhalb des Gesetzes stellen will. Ich habe während Monaten den drogierten, wankenden und schwankenden Van der Lubbe genau studiert und bin überzeugt, dass er nicht wußte, wer ihn in den Reichstag gebracht hatte. Wenn das Bestehen einer kleinen, abscheulichen Gruppe ein genügender Vorwand zur Zerstörung der Freiheiten eines Volkes ist, dann werden die machtlüsternen Verschworenen nicht davor zurückschrecken, eine solche kleine, abscheuliche Gruppe ins Leben zu rufen. Wie ich nach dem Artikel des «Daily Worker» im Januar voraussagte, «ereigneten sich mit der Augustkrise auch die antisemitischen Unruhen». Ein Gebilde, das sich «Britische Liga der ehemaligen Frontkämpfer» nannte, sollte angeblich die Juden im nördlichen London beschimpft haben. An einem Meeting in Balston wurden einige Lärmende Störefriede verhaftet, darunter auch ein oder zwei Juden. Bei der Anklage behaupteten diese, sie seien durch das Gerede von der «Ausrottung der Juden» zu Zwischenrufen provoziert wor-, 249 den. Aber alle Zeugen vor der Polizei sagten aus, daß von solchen Dingen nie die Rede war. Von diesem Augenblick an und auf dieser Grundlage begann eine heftige Kampagne zur Forderung von «Maßnahmen» gegen den «Antisemitismus». Diese war von den Kommunisten, wie ich bereits gesagt habe, schon Monate vor Ankündigung der «Krise» eingeleitet worden. Jetzt wurde sie von den Zeitungen liberaler oder konservativer Prägung unterstützt, die lange Jahre jede Diktatur und vor allem die Methoden der Geheimpolizei aufs schärfste angegriffen hatten. So behaupteten zum Beispiel anonyme Schreiber in «News Chronicle», «Daily Expreß» und «Evening Standard», der «Antisemitismus» wirke ansteckend und erfordere «dringende Gegenmaßnahmen». Parlamentarier aus den kommunistischen und zionistischen Gruppen im Parlament begaben sich in die angeblichen Unruhezentren und sahen und hörten dort, was sie zu sehen und hören wünschten. Vor allem besuchte nun eine Deputation nach der andern Herrn Chuter Ede. Das Parlament war in den Ferien, die «Vollmachten» übernommen und die «Krise» im Schwung. Die großen Angelegenheiten Englands wurden behandelt wie in Chicago während der Prohibition: Geheimnisvolle Herren warteten mit Forderungen auf, hinter denen sich Drohungen bargen. Die «Hitze» wurde künstlich gesteigert. Die Sendlinge der «Haltet links»-Gruppen forderten «ein Verbot aller faschistischen Meetings, die strafrechtliche Verfolgung aller jener, die sich an faschistische Provokationen beteiligten, ein Gesetz, welches den Faschismus als illegal erklärte, ein Verbot des Antisemitismus und die neuerliche Verhaftung von Sir Oswald Mosley» (dem «Haltet links»-Führer von 1931!). Also schon wieder das kommunistische Programm! Herr Chuter Ede meinte vorsichtig, diese Vorschläge würden sich mit dem «heute geltenden» Gesetz nicht ganz decken. Die Kriegsvollmachten, Menschen ohne Prozeß einzusperren, seien aufgehoben und «es bestehe keine Rechtfertigung für solche außergewöhnlichen Vollmachten». Meinungsfreiheit, «die aller- 250 dings nich t zur Rebellion ausarten dürfe“, gehöre zur Grundhaltung des Landes. Diese Antwort war ausgezeichnet - bis auf den Ausdruck: „das heute geltende Gesetz“. Wenn man es beibehielt, konnte sich noch alles zum Guten wenden. Trotzdem war es falsch, den Brauch einreißen zu lassen, während der Parlamentsferien auswärtige Deputationen «ohne Vollmacht der Wählerschaft» zur Besprechung derart lebenswichtiger Fragen überhaupt zu empfangen. Immerhin war «für den Augenblick die Situation gerettet und damit änderte sich auch augenblicklich die Tonscharfe der Kampagne. Schließlich und endlich seien gar keine „neuen Vollmachten“ nötig (hieß es jetzt). Es sei möglich, unter den heute geltenden Aufruhr-Gesetzen dem «Antisemitismus» einen Riegel zu stoßen. (Offenbar hatte man diesen Gedankengang, der jetzt täglich eingehämmert wurde, bereits vorgängig in Chuter Ede's Kopf gesetzt.) Wenn es nicht möglich war, das Gesetz zu ändern, so sollte es immerhin möglich sein, das geltende Gesetz auszuweiten. Unterdessen war die öffentliche Meinung darauf abegestimmt worden, dem Vorschlag, daß es etwas Aufrührerisches namens antisemitismus gebe, beizupflichten. (Aehnlich war es den Deutschen ergangen, denen man auch eingeredet hatte, die „Kommunisten“ hätten den Reichstag angezündet.) Der „Sunday Express“ 27. September) verkündete, daß sein „Evening Standard“ nun regelmäßig eine Artikelfolge publizieren werde, unter dem Titel: „Anti-Semitismus von Woche zu Woche“. Demnach wurde der Anti-semitismus zu einer Dauereinrichtung, ob es ihn gab, oder nicht. Fräulein Rebecea West, mit diesen Artikeln beauftragt, begab sich auf das Schlachtfeld und stellte fest, daß die Liga der britischen Frontsoldaten «aus ungefähr 200 vollkommen unbedeutenden Mitgliedern, die regelmäßig an den Meetings teilnehmen, besteht, und daß es ihnen höchstens gelingt, noch weitere hundert bis zweihundert Menschen, die gerade nichts Besseres zu tun ha- 251 ben, in die Versammlungen zu locken». Diesen Zusammenkünften wohnten später zwei bis dreitausend Menschen bei, unter denen etliche durch die übertriebene Reklame herbeigelockt. Die kampfeslüsterne Mehrheit bestand jedoch aus Kommunisten, "geschickt, um Unruhe zu stiften». Und weiter berichtete sie: «Diese Unruhen wurden ganz kalt und berechnet ausgelöst, um den Wähler fälschlicherweise von der Notwendigkeit zu überzeugen, sich entweder für den Faschismus oder den Kommunismus zu entscheiden.» Genau das hatte ich im Januar vorausgesehen und davon gewarnt. Van der Lubbe war nach London gekommen. Die gegenseitigen Nachäffer „Faschismus“ und «Kommunismus» arbeiten immer Hand in Hand, wenn es darum geht, die Freiheit zu zerstören. Entweder geschieht dies in offener Zusammenarbeit (wie im Berliner Verkehrsstreik vor Hitlers Machtergreifung oder beim Nazi-Sowjet-Bündnis der Jahre 1939-41) oder in vorgetäuschter Feindschaft (wie in den Jahren 1933-39 und 1941-45). Die größere Gefahr aber war (und ist es heute noch, während ich schreibe), daß die Kommunisten oder Zionisten einen noch größeren Zwischenfall, sei es durch Brandstiftung oder Sprengstoff, inszenieren, diesen dann den «Faschisten» in die Schuhe schieben und ihn zum Anlaß nehmen, um eine schwache Kerensky-ähnliche Regierung zum letzten, verhängnisvollen Schritt zu verleiten. Der zukünftige Geschichtsforscher mag es unglaublich finden, daß man große Nationen durch solche simple Tricks an den Rand des Abgrunds bringen kann. Ich habe aber diese Dinge gesehen und berichte deshalb darüber. Uebrigens habe ich festgestellt, daß in England der Antisemitismus, im Sinne einer primitiven Abneigung gegen Juden als solche, so selten ist wie Mischehen zwischen Juden und Nicht-Juden. Der britische Inselbewohner widersetzt sich hartnäckig solch niedrigen Antagonismen. Ich war in jenen Monaten an sehr volkstümlichen Orten und weiß daher genauen Bescheid. Wollte man unter diesem Vorwand gegen das britische Volk Ausnahmegesetze oder andere Maßnahmen 252 erlassen, so wäre das die größte Lüge der Geschichte. Am Tage, wo eine britische Zeitung das Bild der beiden britischen Unteroffiziere, die von Zionisten in Palästina zuerst erdrosselt und dann gehängt wurden, veröffentlichte, erforschte ich auf das genaueste die Reaktionen der breiten Oeffentlichkeit. Ich sah, wie einer nach dem andern in seiner Zeitung das tragische Bild betrachtete und dann die Seite, ohne ein Wort zu sagen oder einen Muskel zu verziehen, umblätterte. Edge Hill Als im Herbst 1947 der sozialistische Kandidat von Edge Hill (ein ominöser Name!) wieder einmal den Wahlsieg errang, war unsere Lage gefährlicher als nach Dünkirchen. Damals war der Kanal unsere letzte Verteidigungslinie, und unsere letzten Verteidiger waren einige unbezwingbare Kampfflieger. Jetzt war unser letzter Graben die «Habeas-Korpus-Akte», und unsere letzten Verteidiger waren Minister, die schon alle andern Freiheiten preisgegebenen hatten und jetzt unter größtem Druck standen, auch noch die letzte Freiheit zu zerstören oder zu entstellen. Damals war der Feind sichtbar; jetzt stand er heimtückisch und fast unbemerkt mitten in der Festung. Für beide Fälle blieben die Folgen einer Niederlage dieselben. Ein deutscher Sieger würde sie uns auferlegt haben. Churchill schilderte sie im August 1947 wie folgt: Hungersnot, Entbehrungen, Erniedrigung, Deportation, Entvölkerung und Tod. Es kommt mir vor, als hätte das britische Volk in den letzten 33 Jahren nicht zwei, sondern vier Kriege überlebt - oder mindestens vier Anschläge auf seine nationale Eigenart und Freiheit. Das waren die beiden sichtbaren Kriege und die beiden Hauptanschläge im verborgenen (die man nach dem Studium der «Leitsätze und Statuten des zweiten kommunistischen Weltkongresses» besser versteht): der Generalstreik von 1926 und die Flottenmeuterei in Invergordon 1931. 253 Der erste Anschlag war ein Versuch, mit revolutionären Methoden an die Macht zu kommen, der zweite, unsere nationale Verteidigung zum Zusammenbruch zu bringen. Die Ereignisse der Jahre 1945-47 rechne ich zum dritten und größten dieser Anschläge im dunkeln. Er ist der gefährlichste, weil er durch unsere eigenen Parteien, Politiker, Zeitungen und Gruppen außerhalb des Parlaments geführt wird. Die Anschläge von 1926 und 1931 richteten sich gegen die Regierung, während dieser hier von der Regierung selbst verübt wurde. Die ersten beiden Versuche konnten, trotz ihrer Heftigkeit, durch ein kaum merkliches Zucken der starken britischen Schulter abgewiesen werden. Der dritte dagegen hat durch seine Heimtücke und durch das Unverständnis der Oeffentlichkeit schon fast zum Erfolg geführt. Ich habe alle diese Ereignisse miterlebt und früher genau so wenig wie die andern etwas von den Absichten begriffen, die dahinter steckten. Die Unruhen in der Waterloo Road von 1926 hielt ich damals für Explosionen einer aufgestauten Wut, für Folgen einer unglücklichen Epoche. Aber mit der Zeit bin ich klüger geworden, habe die Puzzlestücke zusammengesetzt und bin zu einer andern Ansicht gekommen. Jetzt sehe ich das ganze Bild. Trotzdem meine Erkenntnis vielleicht eine Ausnahme darstellt, sollte es auch der Mehrheit des Volkes nicht mehr schwer fallen, den Plan zu erkennen, und ich wundere mich immer mehr über die törichte Unbekümmertheit des britischen Inselbewohners. Auch im Herbst 1947, als das Los Rußlands und Deutschlands wie ein Damoklesschwert über England hing, sah ich ihn vollkommcn unbekümmert. Er zeigte keine Furcht. Wenn er endlich einmal ein wenig in Wallung geriet, dann nur, weil Denis Compton den Cricketrekord Jack Hobb's überboten hatte, und die einzige vergnügliche Frage, die er stellte, war: „Wird Tommy Lawton für Chelsea spielen oder nicht?“ Trotzdem hatte der Brite viel zu verlieren, und jetzt stand zwischen ihm und dem furchtbaren Verhängnis nur noch eine einzige Schranke. In diesen Tagen starb Mitzi Zwerenz in Wien; sie 254 hatte in ihrer Jugend die Hauptrolle in Oskar Strauß' „Walzertraum“ gesungen. Die Veränderungen im Bild Europas zwischen jener berühmten Nacht und ihrem Todestag überstiegen menschliches Begreifen. Aber ihr Hinschied warf für einen Augenblick ein Licht in die gewaltige Tragödie und veranlaßte eine Zeitung im winzigen, verlassenen Oesterreich zur Klage: «Sie hat für eine Generation gesungen, die bereits das schwere Pochen an der Türe vernahm, die aber niemals glauben konnte, daß ein einziger Schuß in Serajewo das ganze Gebäude zum Einsturz bringen würde. Sie hat einer Welt angehört, die für uns für immer verloren ist.» Engand bewohnte im Jahre 1947 das äußerste Ende dieser verlorenen Welt, kippte schon selbst fast in den Abgrund, hatte aber immer noch die Möglichkeit, sich selbst und damit ganz Europa zu retten. In jenen Tagen wurde die Statue von Eros nach Piccadililly Circus zurückgebracht, und eine achtzigjährige Londonerin, welche dieser nüchternen Feier beiwohnte, erinnerte sich an die Enthüllung der Statue vor einem halben Jahrhundert. „Damals“ sagte sie, «war Piccadilly Circus vollgestopft mit Kutschen, Zweiräderwagen, Taxi und Tausenden von Menschen. Der Platz war mit Girlanden geschmückt und erhielt durch tausend farbige, kleine Ballone ein frohes Gesicht. Alle waren glücklich und ohne Sorgen. Laßt uns hoffen, daß Eros wieder etwas von dieser guten alten Zeit zurückbringt, die uns heute so sehr fehlt.» Volksfeste und Frölichkeit, damals Selbstverständlichkeiten, gehören heute zu den Seltenheiten. Sogar die Schlagworte der Strandräuber sind heutzutage langweilig und blöd. Als die Franzosen ihren Abstieg begannen, folgten sie wenigstens noch begeisterten Losungen (und wussten nicht, daß sie falsch waren): «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!» «Utilité, Priorité, Austerité» sangen traurig die britischen Führer von 1945-47. «Arbeiten oder darben!» klagten die Plakate. «Halte den Tod von den Straßen fern!» «Achtung vor V. D!» 255 Und auch in Zukunft nicht ... Ob es wohl bei den Völkern wie bei den Menschen einen Selbsterhaltungstrieb gibt? Während all diese Entwicklungen im Fluß waren, prophezeite einer der hervorragendsten Schriftsteller, Charles Morgan, daß die Nation aus dem «sich schließenden Gefängnis» sicher einen nicht im voraus bestimmbaren Ausweg finden werde: «Die Engländer haben eine geniale Art, ihre eigenen Fehler wieder gut zu machen. Mag sein, daß sie freiwillig durch ihren Stimmzettel zur heutigen Lage beigetragen haben, aber sie taten es unwissend, als sie diese lebenslängliche Strafe über sich und ihre Kinder verhängten.» Und trotzdem verurteilten sie sich etliche Jahre später wieder durch ihre Stimmzettel - in Edge Hill. Der Macht-Bazillus hatte in den Adern der Führer geradezu verheerend gewirkt. J. B. Priestley, der die Freiheit des gesprochenen und geschriebenen Wortes für sich selbst so großzügig wie irgendeiner ausgenutzt hatte, war jetzt führendes Mitglied der Pressekommission und sollte über die Zukunft der Pressefreiheit entscheiden. Seiner Meinung nach war es falsch, auf die Verwüstungen zu schimpfen, welche die Regierung in den letzten Jahren mit ihren Erlassen angerichtet hatte. Schuld war vielmehr die Presse, «weil sie den Leuten glaubhaft machen wollte, daß es ihnen viel schlechter gehe, als es wirklich der Fall war». Viel schlechter? Am 30. September 1947 wurde ein neues Ministerium für Wirtschaftsangelegenheiten geschaffen. Sir Stafford Cripps erhielt die Leitung. Er sollte (nach Presseberichten) nahezu unbeschränkte Vollmachten «über jeden Bereich des öffentlichen Lebens erhalten». Bei näherer Prüfung sahen für mich diese Vollmachten denen sehr ähnlich, die in den Anfängen des Hitlerregimes auf Göring übertragen wurden. Vor vierzehn Tagen hatte Stafford Cripps dem Volk ganz offen dargelegt, was ihm bevorstand; diese Schilderung der kommenden schlechten Zeiten stammte jedenfalls von ihm persönlich, nicht von den Zeitungen. 256 Meiner Ansicht nach war es das Schlimmste, was jemals in einer solchen Offenheit einem freien und zivilisierten Volke verheißen wurde. Der Brite sollte sich fortan mit dem Los eines Kulis abfinden, der ohne Aussicht auf Gewinn und zukünftiges Glück arbeiten muß - denn diese Hoffnungen waren restlos zerschlagen. Alle Kräfte und Anstrengungen galten in Zukunft nur noch der Produktion für den «Export». Der „Lebensstandard“ konnte nicht länger beibehalten werden; dazu genügten die vielen bereits vollzogenen «Eingriffe» eben nicht, und falls es nicht gelingen sollte, die Ausfuhr wesentlich zu steigern, dann blieb nichts anderes übrig „als drastische Einschränkungen in der Lebensmitteleinfuhr als letzte Einschränkungsmöglichkeit». Nun, das war alles recht und gut, falls sich die andern Staaten (denen man ständig auf den Füßen herumtrat) damit einverstanden erklärten, unsere Waren zu kaufen. Was aber, wenn sie das nicht tun wollten? Würden in diesem Falle die unverkäuflichen Waren dem britischen Inselbewohner angeboten? fragte man Cripps. Nein, gab er zur Antwort. In diesem Falle würde man die Rohstoffe für etwas anderes verwerten, wofür eine Exportmöglichkeit bestand. Ich frage mich, ob es wohl jemals schon einen Minister gegeben hat, der seinem Volke so unverblümt wie dieser, mit einer vom Staate verordneten Notlage gedroht hat? Als diese Nachricht nach Amerika gelangte, sagte ein britischer Diplomat, Sir John Balfour: «Englands Wirtschaftskrise hat das Volk in größere Gefahr gebracht als jemals seit dem Zusammenbruch des Römerreiches in grauer Vorzeit.» Das war wirklich zutreffend. Genau so war unsere Lage. Aber die Ursachen waren andere. Hier handelte es sich nicht um eine „Wirtschaftskrise“, sondern um eine politische, als offenkundige Folge politischer Handlungen, die unter den außerordentlichen Vollmachten der Kriegszeit begangen wurden. Die treibenden Kräfte, den Druck und die Motive habe ich bereits aufgezeigt und die Umrisse des Plans ziemlich deutlich aufgezeichnet. 257 Wenn schlußendlich „Der Plan“ mißlingt, wenn England immer noch als freies und starkes Christenvolk in die Zukunft schreitet, dann hat diese Insel zweifellos bewiesen, daß sie die stärkste moralische Kraft dieser Welt darstellt. Dann ist ihr gelungen, was bisher noch keinem anderen Großstaat gelang: die Fesseln der Diktatur in dem Augenblick zu sprengen, wo sie schon unüberwindlich schienen. Dann hat sie den Beweis erbracht, daß es trotz allem so etwas wie eine disziplinierte Demokratie gibt, und bestimmt würde die ganze Welt diesem herrlichen Beispiel nachfolgen. Dann wird die Gestalt des zwanzigsten Jahrhunderts, dass in seiner ersten Hälfte durch ein Ueberhandnehmen des Bösen gekennzeichnet war, schlußendlich durch die zweite Jahrhunderthälfte bestimmt, die dem Guten gehört. Dann wird England zeigen, daß seine siebenhundert Jahre der stufenweisen Selbsterziehung und des langsamen Fortschreitens in Richtung der menschlichen Würde und Freiheit eben doch etwas bedeuten, und durch ein kleines politisches Komplott, eine Handvoll entschlossener Verschwörer und einige Schwächlinge, doch nicht einfach weggefegt werden können. Ja, sollte alles wirklich ein solches Ende nehmen, dann wird sich in einem späteren Rückblick die Art des Briten, seine eigenen Angelegenheiten zu meistern, wahrhaft beglückend ausnehmen! Es fiel schwer, seine angebliche Kapitulation zu bewundern, solange sie im Gange war; er spielte ganz unnötigerweise mit den Feuern der Verdammnis und schlug sich mit einer leicht vermeidbaren Gefahr herum. Vielleicht aber schlummert in ihm eine Kraft, die ihm gebietet, dem Schlimmsten solange nicht ans dem Wege zu gehen, bis es sich wirklich als das Schlimmste erwiesen hat - irgend ein heroischer Instinkt, durch den die Gefahr tödliche Formen annehmen muß, bis er sie angreift. Vielleicht ist der Brite seiner eigenen Kraft und Fähigkeit, die Dinge zur gegebenen Zeit wieder in Ordnung zu bringen, derart sicher, daß seine Regenten sich im Bösen recht weit vorwagen dürfen, bis er endlich eingreift. 258 Während ich diese Erzählung von zwei Jahren englischer Geschichte abschliesse, zeigen sich schon die ersten Anzeichen der Hoffnung. Trotzdem die Zerstörer in den Nachwahlen noch immer siegreich blieben, gab es doch in den Gemeindewahlen des Novembers 1947 deutliche Anzeichen des Abrückens von den Sozialisten und des Müdewerdens. Die Zall der sozialistischen Wähler war zwar gleichgeblieben, aber die Masse der Gegner hatte beträchtlich zugenommen, so daß die Sozialisten Hunderte von Gemeinde-Sitzen verloren. Da es das Dringlichste ist, eine derartige Regierung zu beseitigen, war dies ein hoffnungsvolles Anzeichen, gleichzeitig eine Warnung nicht nur für die Sozialisten, sondern auch für die stärkste Regierungspartei. Es war eine Warnung für die Konservativen, diesen Prozeß, der in den zwei Jahren England so sehr geschadet hatte, im Falle der Rückkehr ins Amt, nicht fortzusetzen und das konservative Fiasko der dreißiger Jahre nicht zu wiederholen. Ein anderes hoffnungsvolles Anzeichen war die Debatte im Parlament am 3. November 1947 über die Zwangs-Arbeit. Während nur zwei Sozialisten gegen das „Diktaturgesetz“ protestiert hatten, erhoben sich nun fünf gegen die „Staatliche Lenkung der Anstellungs-Verhältnisse“. Diese Zahl ist zwar erbärmlich und unbegreiflich klein, wenn man berücksichtigt, daß es sich um eine Maßnahme handelt, welche der sozialistischen Regierung, die sich gerne „Labour-Regierung“ nennt, die Vollmacht gab, Arbeiter ins Gefängnis zu werfen, falls sie sich weigerten, eine befohlene Anstellung; anzunehmen. Aber es ist immerhin ein Fortschritt, der sich vielleicht noch auswachsen kann. Auch diese phantastische Maßnahme wurde durch eine Mehrheit von 108 Stimmen angenommen, die sich in groben Zügen mit der Stärke der kommunistischen, der zionistischen und der mit ihnen verwandten Gruppen innerhalb der sozialistischen Partei deckt. Es ist sehr bezeichnend, daß unter den fünf Protestierenden Veteranen der echten „Britisch Labour“-Bewegung waren, Män- 259 ner, wie Rhys Davies und D. Grenfell, die mit den Bergleuten und Arbeitern wirklich verwachsen sind. Die Rede von Rhys Davies wie die von Raymond Blackburn bei der Debatte über das Diktaturgesetz zählten zu den historischen Protesten unseres Parlaments. So sagte Rhys Davies unter anderem: «Denen, die behaupten, ich würde durch meine Motion die Regierung in Verlegenheit bringen und sie zu stürzen versuchen, sage ich: Es ist besser, daß eine Regierung ihren Urteilsspruch entgegennimmt, als daß die persönliche Freiheit auf den britischen Inseln erstirbt ... Handfesseln sind deswegen nicht angenehmer zu tragen, weil sie mit einer sozialistischen Lösung poliert sind ... Auch die Regierung wird sich eines Tages mit diesem Problem befassen müssen ... Mag sein, daß der Arbeitsminister richtig zu handeln glaubt. Wenn aber dieser Erlaß einmal aus seiner Kontrolle gleitet, dann weiß er nicht mehr, was geschehen wird. Mit der Einführung dieses Gesetzes werdet ihr in der Arbeiterklasse nur Haß und Spaltungen hervorrufen. Das Ergebnis wird sein, daß der Nachbar den Nachbarn bespitzelt und daß die Arbeiter sich gegenseitig anschwärzen. Dann werden Spitzel und Denunzianten wie Pilze aus dem Boden schießen.“ Solche Kundgebungen von einigen Männern guten Willens, die aus allen Parteien stammten und sich in Wirklichkeit auch gegen alle Parteien richteten, waren gegen Ende des Jahres 1947 die letzten Keime einer Hoffnung für die Zukunft dieser Insel. Denn der 3. November 1947 war das zweite Hauptdatum in der Geschichte der englischen Diktatur; der 26. Juli 1946, der Tag der Brotrationierung, war der erste denkwürdige Tag. Wie ich früher schon schrieb: Es ist möglich, daß uns ein zweites Wunder von Dünkirchen retten kann. Aber nach dem Tod des 3. November 1947 war es nur noch ein Schritt bis zum Abgrund. Die bedenkliche Tatsache bleibt bestehen, daß an diesem Tage 252 «Labour»-Abgeordnete, 252 Männer und Frauen, die behaupteten, «ausschließlich die Werktätigen zu vertreten», 252 Sozialisten, die in den Wahlen von 1945 das Versprechen abgege- 260 geben hatten, dem Arbeiter die Freiheit zu geben - daß diese 252 für Sklavenarbeit, Zwangs-Arbeit, oder wie immer man diese Sache bezeichnen will, gestimmt haben. Sie nennen es «Staatliche Lenkung der Anstellungsverhältnisse» und befriedigen auf diese Art in seinem 78. Lebensjahr die heitere Neugierde, die Hailaire Belloc schon im 56. bekundete, als er schrieb: «Wenn Menschen zu einer alten Institution zurückkehren, die sie verworfen haben, und deren eigentlicher Name hassenswert geworden ist - so wie wir heute zur Sklavenarbeit zurückkehren - dann sind sie besonders ängstlich bedacht, diesen Namen zu vermeiden, und benötigen einen großen Aufwand an Energie, um die alte Sache unter einem neuen Titel wieder auferstehen zu lassen. So wird es keinem Menschen mehr einfallen, „gezwungene Arbeit“ Sklaverei zu nennen. Selbst das Wort „Zwang“ oder „gezwungen“ wird nicht mehr auf der Oberfläche erscheinen. Man wird einen andern Namen finden, und ich bin wirklich sehr neugierig darauf, die Evolution dieses Namens verfolgen zu dürfen.» („Die Kreuzfahrt der Nona.» 1925.) Hilaire Belloc hat mit Ausnahme von G. K. Chesterton besser und früher als jeder andere die große Verschwörung des zwantigsten Jahrhunderts erfaßt und war zum wehmütigen Lächeln des ergrimmten Propheten berechtigt, wenn er seine Worte aus dem Jahr 1925 mit jenem Namen verglich, den die Sklavenarbeit 1947 in England erhielt: "Staatliche Lenkung der Anstellungsverhältnisse.» Die 252 Sozialisten, die gegen die sozialistische Motion von Rhys Davies zur Aufhehung dieses tödlichen Dekrets stimmten, machten sich als Männer (und Frauen) weit schuldiger, als jene Menschen, die sie bisher immer als schuldig bezeichneten. Sie waren es, die England während zwei Jahren gezwungen hatten, auf der Planke zu balancieren; mit dieser Stimmabgabe trieben sie das Land an den äußersten Rand; und nachher blieb nur noch der Sturz in die gähnende Leere. Es ist notwendig, einige Worte über das Bild unseres altehrwürdigen Unterhauses an jenem Tag zu verlieren. Der Premier- 261 minister zeigte sich nicht. Just an diesem Tage ging ein Buch eines sozialistischen Parlamentariers, Douglas Jay, in Druck, das ein Vorwort von Attlee enthielt. Darin erklärte der englische Premier-minister, daß die Demarkationslinie zwischen Demokratie und Totalitarismus tatsächlich in der Frage der freien oder der gelenkten Arbeit zu suchen sei; nachdem jetzt die Arbeit gelenkt war, hatte man also die Demarkationslinie zwischen Demokratie und Totalitarismus bereits überschritten. Ich glaube nicht, daß es überhaupt eine Demarkationslinie zwischen der Auffassung von «Demokratie» unserer Minister der Fassade und dem Totalitarismus gibt. Der Sozialismus hat sich schon wiederholt als ein davonrasendes Rad auf einem schlüpfrigen Steilhang erwiesen, das nicht mehr aufgehalten werden kann. Wollen wir aber zur Abwechslung einmal annehmen, daß es noch einen Halt und eine Demarkationslinie geben könnte, dann hat Attlee wirklich recht: In diesem Punkt liegt wirklich die Grenze zwischen Tod und Leben einer Nation. Ist sie einmal überschritten, dann folgt alles übrige ganz automatisch. Attlee und seine Kollegen wußten damals ganz genau, was sie taten, als sie nämlich das taten, von dem sie behaupteten, es niemals zu tun. Sie erklärten nie, was sie taten, außer daß sie über eine „Krise“ und eine „Dollarknappheit“ klagten. Aber Dollars sind nicht die Währung unserer Insel, während «Notwendigkeit», um mit Pitt zu reden, zu allen Zeiten als Vorwand für jeden Angriff gegen die menschliche Freiheit gedient hat. Seit der Abstimmung des 3. Novemher 1947 war es klar, daß die gleichen Mächte und der gleiche Druck, denen die Regierung in dieser Frage nachgegeben hatte, sie nun auch zum letzten, unwiderruflichen Schritt zwingen würden. Dieser letzte Schritt, der zum Abgrund führte, würde ein wie immer auch geartetes Gesetz sein, um politische Gegner außerhalb des Rechtes zu stellen, sie zu verhaften und ins Gefängnis zu werfen. Die unvermeidlichen Folgen sind Unterdrükkung der Redefreiheit in dieser oder jener Form, und die willkürliche Fälschung der Wahlergebnisse. Natürlich würde man 262 für solche Maßnahmen, wie bei der Zwangsarbeit, andere Namen finden, deren Sinn und Wirkung aber trotzdem ganz eindeutig blieben. So spielte sich die letzte Phase der Schlacht in England selbst ab, als Teil der Schlacht um England, an jenem denkwürdigen 3. November 1947. Falls gekämpft wird, wird sie zu Ende gekämpft werden, und falls sie gewonnen wird, wird es ein Sieg der Freiheit sein - und zwar nicht ein Sieg der Parteien (denn diese haben sich als ebenso unbeständig wie Wasser erwiesen), sondern ein Sieg der Einzelpersönlichkeit, die sich ganz instinktiv zum Protest erhoben hat. Welches auch immer der Ausgang der grimmigen Schlacht sein mag, die England bevorsteht, so gehört doch der Zeitabschnitt von den Wahlen im Juli 1945 bis zum Jahresende 1947 zu den illustrativsten und schicksalschwersten dieses Jahrhunderts. Deshalb habe ich versucht, ihn so genau wie möglich festzuhalten. Zum erstenmal ist die Gestalt des großen Planes deutlich ans Licht getreten, und wie immer der Ausgang sein mag, so kann jetzt doch niemand mehr einen Zweifel über die Vorgänge dieses zwanzigsten Jahrhunderts haben. Die Welt ist Zeugin eines geplanten und bewussten Versuchs, eine große Nation zu versklaven, und der planlosen, konvulsivischen und instinktiven Auflehnung dieser Nation, um der malmenden Pranke zu entgehen. Das entscheidende Stadium des großen Planes, der in den letzten hundertundfünfzig Jahren fast ganz Europa neu versklavt hat, ist jetzt gekommen. Gelingt er, dann ist nicht nur England, sondern ganz Europa, wie wir es kennen, erledigt. Falls er in England scheitert, wird sich die Finsternis auch über dem europäischen Festland zerstreuen und es gibt wieder eine Hoffnung. Dem zeitgenössischen Berichterstattcr und vielleicht auch dem Bedrohten britischen Inselbewohner gereicht es zum großen Vorteil, daß der Vernichtungsprozeß gegenüber England schrittweise vor sich geht, Schritt um Schritt und Zug um Zug. Die Drahtzieher haben es nicht gewagt, unmittelbar nach dem «Sieg» 263 und nach den Wahlen eine totale Diktatur in England einzuführen. Die zwangsweise Einführung der Sklavenarbeit, des Verbots der Auslandsreisen, der Brotrationierung, des Bauverbots, der Rationierung nach Klassen und alles übrigen in England zu jenem Zeitpunkt hätte die Umrisse des Plans und seine Identität mit der russischen und deutschen Diktatur zu drastisch enthüllt. Die Schockwirkung auf diese Insel und auf die ganze Welt wäre zu groß gewesen. (Noch während ich die Fahnenabzüge dieses Buches korrigiere, kann ich einen kleinen Lichtschimmer feststellen. Die Attlee-regierung hat ihr hitlerisches Verbot der Auslandsreisen gemildert. Vielleicht ist es das erste ihrer Miriaden von Verboten, die etwas gelockert werden. Vermutlich haben wir diese Lockerung der Möglichkeit von Vergeltungsmaßnahmen durch die Schweiz und andere Regierungen zu verdanken. Vielleicht war auch der Umstand mitbestimmend, daß die Regierung vor kurzem ihre ersten Nachwahlen verloren hat. Wenn das zutrifft, dann kann der Leser entnehmen, daß unter einem demokratischen Regime, selbst dann, wenn es wie das unsrige heftig angeschlagen ist, der Weg zur Selbstrettung immer offen steht. Denn Diktatoren werden ein Verbot niemals aufheben.) Es galt also, Hitlers Lehren zu befolgen: Gelingt es, die Völker Zug um Zug zu versklaven, dann werden sie, nachdem sie einmal das erste Verbot geschluckt haben, nie mehr die Kraft finden, den nachfolgenden Verboten und Einschränkungen Widerstand zu leisten. Natürlich hat diese Methode bei einer so alten und unendlich starken Demokratie wie England ihre Schwächen. Sie bietet dem geschulten Beobachter genügend Zeit, den Ablauf der Ereignisse kritisch zu beobachten und zu verfolgen und ebenso der breiten Oeffentlichkeit, um die Lagc intuitiv zu erfassen und sich dagegen aufzulehnen. Während ich schreibe, sind wir schon fast so weit, daß die Oeffentlichkeit die Dinge begriffcn hat. Das ist sowohl ein sehr gefährlicher, wie ein sehr ermutigender Augenblick. Gefährlich, weil sich die Planer, oder vielmehr die Ver- 264 schwörer, versucht fühlen könnten, den Untergang Englands zu besiegeln, ehe er vereitelt werden kann. Ermutigend, weil der Wiederstand der breiten Massen an Bedeutung zunimmt und sich da und dort bereits bemerkbar macht. Während sich die Entscheidung noch in einem knospenhaften Zustand befindet, ist die Zeit der Bewährung gekommen. Vielleicht hat sie sich beim Erscheinen dieses Buches bereits entfaltet. „Denn niemals lag - und auch in Zukunft nicht - Dies Inselland zu Füßen eines Siegers, Nur damals, als es selbst sich Leid gefügt.» Shakespeares Zeilen werden oft ohne die dritte zitiert, was die beiden ersten unverständlich macht. 1945-47 hat England sich selbst leid gefügt und 1948 lag es beinahe zu Füßen eines Siegers. |